„Jenseits des Protokolls“

Frau Wulff und der Nettobetrag

Von Julia Schaaf
16.09.2012
, 18:12
Eine gewisse Kluft zwischen Schein und Sein hat Bettina Wulff von Anfang an begleitet. Nun ist die Frage: Wie naiv ist diese Frau? Wie berechnend?
Die Frau des Ex-Bundespräsidenten hat ein larmoyantes Buch über ihre Zeit in Bellevue geschrieben. Wer sie damals beobachtet hat, erinnert sich freilich an eine Frau, die den Mann an ihrer Seite oft sogar überstrahlte. Aber auch das war eben gut inszeniert.

Keine Dunstabzugshaube! Das stelle man sich bitte vor: Die Berliner Dienstvilla des Bundespräsidenten, Pücklerstraße 24, besaß im Sommer 2010 keine Dunstabzugshaube. Oder, wie Bettina Wulff in ihrer diese Woche als Buch erschienenen Abrechnung klagt: „Neben den größeren Umbaumaßnahmen musste aber auch erst einmal in der Küche eine richtige Dunstabzugshaube eingebaut werden.“

Spätestens an dieser Stelle ist der wehleidige Rückblick der ehemaligen First Lady nicht mehr auszuhalten. So ist es mit „Jenseits des Protokolls“: Die Details, mit denen das Buch aufwartet, sind manchmal banal, manchmal peinlich. Meistens sind sie unangemessen. Wir erfahren über die einstige Bundespräsidentengattin, dass sie vor Christian Wulff unter anderem mit einem Rettungsschwimmer auf Sylt und dem Inhaber eines Fitnessstudios liiert war. („Ich habe bei Männern kein festes Beuteschema. Nein, so ticke ich nicht.“)

„Nur“ noch 3500 Euro netto

Wir wissen jetzt, dass von einem Ministerpräsidentengehalt nach Abzügen und Unterhaltszahlungen „nur“ noch 3500 Euro netto bleiben. „Zusätzlich haben wir von der Aufwandsentschädigung meines Mannes in Höhe von monatlich 6500 Euro, die er als Bundespräsident bekam, privates Personal bezahlt.“ Skandal!? Wer gerade mal ein halbes Jahr nach seinem Abgang aus Bellevue verrät, was die Kanzlerin bei Käse und Rotwein Privates erzählt, erweist sich nachträglich als Fehlbesetzung.

Ausgerechnet die Frau, die sich jetzt auf 223 Seiten zum Opfer stilisiert - „ich werfe dies Christian auch manchmal vor, dass er mich ein großes Stück auch in diese Rolle hineingedrängt hat“ -, hat 598 Tage lang wie keine First Lady vor ihr den Bundespräsidenten neben ihr überstrahlt. Die Patchworkfamilie im Schloss, die junge, moderne, selbstbewusste Bettina Wulff war nie nur „die Frau von ...“, wie sie jetzt klagt. Ohne sie als Teil eines Imagepakets hätte es der biedere Berufspolitiker aus Niedersachsen wohl nie an die Spree geschafft.

Die Sicht der Dinge im Rückblick: Christian und Bettina Wulff am 17. Februar in Schloss Bellevue, nachdem er seinen Rücktritt erklärt hatte
Die Sicht der Dinge im Rückblick: Christian und Bettina Wulff am 17. Februar in Schloss Bellevue, nachdem er seinen Rücktritt erklärt hatte Bild: ddp images/AP/Michael Sohn

In manchen Dingen hat die Achtunddreißigjährige natürlich recht. Weder das Amt des Bundespräsidenten noch die dazugehörige Dienstvilla waren beim Amtsantritt ihres Mannes auf eine Familie mit zwei kleinen Kindern zugeschnitten. Sowohl die Sicherheitsbestimmungen als auch die Erwartungen des Protokolls an der Spitze des Staates bilden ein Korsett, von dem man gerne glaubt, dass es einem eng darin werden kann. Dass Repräsentieren nicht nur eine Freude ist, hatte man sich längst gedacht.

Nur: Bettina Wulff schien das alles nichts auszumachen. Sie machte ihre Sache gut. Und sie machte sie scheinbar gern.

September 2010: Ihr erster Staatsbesuch führt Christian und Bettina Wulff in die Schweiz. Das Paar besichtigt eine Hochschule, absolviert ein Galadinner und fliegt mit dem Hubschrauber in die Alpen. Während er mit Politikern beisammensitzt, bekommt sie eine Altstadtführung und besichtigt das „Offene Atelier“ eines Museums, in dem Kinder und jugendliche Behinderte an Kunst herangeführt werden.

Heute werden Kaleidoskope gebaut. Bettina Wulff sitzt zwischen Kindern und zerschnipselt gelbe Folie. Das sind Bilder, wie die Öffentlichkeit sie liebt. Die Kameras klicken ohne Pause. „Wie viele müssen das denn sein? Ich bin fertig!“, kräht die First Lady in den Raum. Aber die Museumspädagogin mahnt, auf verschiedene Farben und Formen zu achten, „je mehr, desto schöner“, belehrt sie.

„Es ist eine Aufgabe, und es ist ein Job“

Bettina Wulff schnipselt weiter. Sie schafft es tatsächlich, die absurde Aktion zu würdigen, ohne ihre selbstironische Distanz aufzugeben. Dann legt sie das halbfertige Kaleidoskop auf den Tisch und wendet sich den Behinderten zu. Für kurze Gespräche hockt sie sich neben jeden einzelnen. Sie lächelt gar nicht und wirkt aufrichtig interessiert; als wäre das Dutzend Reporter nicht im Raum.

Was für eine Ausbildung absolvieren Sie? Und danach? Als ein Rollstuhlfahrer vom Beruf des Sportjournalisten schwärmt, zeigt Wulff auf die Blitzlichter, die inzwischen sehr nahe gerückt sind. „Das wollen Sie machen?“, fragt sie und lacht fröhlich. „Gucken Sie sich das gut an!“ Wann immer die Fotografen um ein Extralächeln oder eine Sonderpose bitten, willigt sie ohne Murren ein.

Abends, bevor sie in ihre rote Robe steigt, trinkt sie gezuckerten Tee auf einem Hotelsofa und wischt alle Fragen nach den Zumutungen ihrer neuen Rolle beiseite: Als Paar hätten sie und ihr Mann sich schließlich sehr bewusst und nach reiflichem Überlegen für seine Kandidatur entschieden, und weil sie nicht gedrängt worden sei, empfinde sie ihren Part auch nicht als belastend. „Es ist eine Aufgabe, und es ist ein Job“, sagt sie - großartig und spannend. Wie es sich anfühle, kein eigenes Geld mehr zu verdienen? Kurze Pause. Dann sagt Bettina Wulff: „Ich sehe das ja so, dass wir jetzt eine Art Familiengehalt bekommen.“

Kluft zwischen Schein und Sein

Heute beschwert sich Wulff, sie habe ihre Eigenständigkeit aufgeben müssen und ohnehin nie nach Berlin gewollt; für ihren Vollzeitjob als First Lady sei sie nicht einmal bezahlt worden. Der entlarvendste, kleinlichste und beschämendste Satz ihres Buches befindet sich auf Seite 73: „Zum Glück sagte Christian von sich aus, dass er mir von seinem Gehalt den Nettobetrag überweisen würde, den ich zuletzt als Pressereferentin bei Rossmann verdient hatte.“

Über die Anfangszeit, in die auch die Schweizreise fällt, meint sie zudem: „Ich war körperlich am Ende, einfach matt und ausgelaugt. Und das, wo es gerade erst begonnen hatte. Meinem Mann gegenüber verschwieg ich meine Gefühle und Gedanken.“ Wie passt das zusammen?

Eine gewisse Kluft zwischen Schein und Sein hat Bettina Wulff von Anfang an begleitet, und die Sehnsucht der Öffentlichkeit, mal mindestens des Boulevards, nach mehr deutschem Glamour auf internationalem Parkett hat dazu sicherlich beigetragen. Gern wurde die ehemalige Alleinerziehende als attraktiv und ehrgeizig beschrieben; ihr angeblicher Hang zum Geld und einem besseren Leben gilt bis heute als mögliche Initialzündung für den Affärenreigen um Vergünstigungen und Verwicklungen, in dem die Wulffs jegliches Gespür vermissen ließen und der letztlich zum Rücktritt führte. In ihrem Buch steht: „Ständig in der Presse ohne ,Wenn‘ und ,Aber‘ zu lesen, dass ich als angeblich auf Glamour und Luxus erpichte Frau meinen Mann zu vielem gedrängt hätte, kostete mich eine immense Kraft.“

Frisch, keck und natürlich

Als First Lady gab sich Wulff frisch, keck und natürlich; im persönlichen Gespräch wirkte sie nett und zugänglich – ganz gleich ob mit Journalisten, ausländischen Politikern oder alten Damen am Straßenrand. Zugleich war und blieb sie in der Öffentlichkeit die elegante Blondine, die in einem Atemzug mit Carla Bruni und Michelle Obama genannt wurde. Schon ihrer Größe wegen ragte sie auf jedem Foto mit Staatsoberhäuptern heraus. So eine Frau ist die ideale Projektionsfläche für Männerphantasien.

Aber die Expressereferentin aus Großburgwedel schien sich mit publikumswirksamen Inszenierungen auch auszukennen. Man konnte den Eindruck gewinnen, der Studiengang Medienmanagement bereite systematisch auf das höchste Staatsamt vor – so gelassen, charmant und souverän wirkte sie im Umgang mit den Kameras. Noch im Mai 2012, bei ihrem letzten Auftritt in Bellevue bei der Übergabe der Unicef-Schirmherrschaft an ihre Nachfolgerin, schlenderte Bettina Wulff lächelnd auf die wartenden Fotografen zu und rief zur Begrüßung: „Da seid ihr ja alle!“ Als ihre Absätze im Schlossrasen stecken blieben, riss sie Witzchen.

Damals schrieb sie schon an dem Buch, das zum Medienereignis der Woche geworden ist, auch weil Wulff die Veröffentlichung mit gleich mehreren „exklusiven“ Interviews flankiert und sich für Talkshows angekündigt hat; schon ist von einer Verfilmung die Rede. Und was steht in dem Buch? Dass sie „auf keinen Fall mehr derart zum Medienereignis werden möchte“.

Zur Zielscheibe geworden

Was ist die Wahrheit, von der sie schreibt: „Die ist wichtig. Mit diesem Wissen wurde ich erzogen, so habe ich versucht zu leben und so soll dies auch für mein zukünftiges Dasein gelten“? Was ist lediglich ihre „Sicht der Dinge“, wie der Titel des Bekenntnistextes ursprünglich angekündigt war? Und worin liegt der Unterschied zwischen beidem? Wie naiv ist diese Frau? Wie berechnend?

Bettina Wulff ist die Zielscheibe einer der finstersten Verleumdungskampagne gewesen, der je eine deutsche Politikerfrau ausgesetzt war. Wer im Internet nach ihr googelt, bekommt die Begriffe „Prostituierte“ und „Escort“ angeboten, noch bevor er ihren Namen zu Ende getippt hat. Und die Gerüchte um eine angebliche Vergangenheit im Rotlichtmilieu waberten nicht nur durch die Weiten des Netzes. Im politischen Berlin war die vergangenen zwei Jahre lang kein Gespräch über das Ehepaar Wulff möglich, ohne die Anwürfe wenigstens zu streifen. Das Geraune entwickelte dabei so viel Substanz, dass niemand mehr ausschließen mochte, an den Behauptungen sei nicht doch etwas Wahres dran.

Ob es klug ist, vielleicht sogar nötig, nicht nur mit juristischen Schritten, sondern einer massiven PR-Offensive gegen diese Gerüchte anzugehen, mag dahingestellt sein. Verständlich und berechtigt ist es allemal. Fast möchte man an dieser Stelle der Lektüre sagen: Diese arme Frau.

Angewiderte Leser-Reaktionen

Das aber vermasselt Bettina Wulff. Den infamen Rufmord verquickt sie mit ihrer Larmoyanz über eine vergleichsweise kurze Zeit im höchsten Amt des Staates, um dann wieder auszuschmücken, wie sehr ihre Söhne gelitten hätten rund um den Rücktritt Christian Wulffs. Mit Verlaub: Die Fehler ihrer Eltern mussten Kinder schon immer ausbaden.

Eine mutige, eine starke, eine – besonders von ihrem Mann – sehr unabhängige Frau will sie sein: „Natürlich waren Christian und ich in Berlin ein Team. Aber deswegen wollte ich mich nicht selbstverständlich als untrennbares Doppelpack über einen Kamm scheren lassen.“ Ja, das soll es schon mal geben, dass ein Paar von seiner Umwelt als zusammengehörig gesehen wird. Oder war Christian Wulff allein im Urlaub?

Mag sein, dass Bettina Wulff mit ihrer umspannenden Marketingstrategie sowohl ein Bestseller als auch die Neubestimmung ihres Bildes in der Öffentlichkeit gelingt. Für ihre PR-Firma „Bettina Wulff – Kommunikation“ wäre das die perfekte Referenz. Vielleicht geht die Sache aber auch nach hinten los. Die Reaktionen in Leserbriefen, die Kundenrezensionen klingen in erster Linie – angewidert.

Wer sich zufällig vergangenen Sonntag beim Bürgerfest in Bellevue mit den Gästen im Schlosspark über die Lebensgefährtin von Joachim Gauck unterhielt, hörte immer wieder: Die neue First Lady halte sich im Hintergrund. Das war durchgängig als Kompliment gemeint.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Schaaf, Julia
Julia Schaaf
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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