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Josefine Preuß im Interview

„Klar bin ich klein und süß“

Von Jennifer Wiebking
 - 12:29
Steht von Kindesbeinen an an vor der Kamera:  Josefine Preußzur Bildergalerie

Ein Café in Berlin-Mitte. Bestell- und Umgangssprache ist, wie an so vielen Orten in der Gegend, Englisch. Vor so gut wie jedem Gast stehen ein aufgeklapptes Macbook und eine Flasche mit frisch gepresstem Saft. Auch die neue ZDFneo-Serie „Nix Festes“, in der es um das Lebensgefühl von Menschen um die dreißig in Berlin geht, spielt oft genug in einem Café, aber in einem, das noch nicht gentrifiziert ist. Josefine Preuß ist in ihrer Serienrolle eine dieser Dreißigjährigen. So wie im echten Leben. An diesem Vormittag bestellt sie nur ein Mineralwasser.

Wie, gar keinen Kaffee mit Soja- oder Mandelmilch?

Ich kann mit diesem ganzen Frappuccino, mixed cold, vegan nichts anfangen. Aber ich habe auch keine Lebensmittelintoleranz. Ich finde das auch komisch, vor Jahren hatten wir das alle nicht. Da haben wir alle Milch getrunken und Käse gegessen. Wenn ich heute mit Freunden essen gehe, müssen drei Leute vorher eine Laktosepille reinschmeißen.

Einige reden sich so eine Intoleranz vielleicht auch gerne ein.

Ich weiß nicht, ob es ein Einreden ist oder ob es so ist, aber früher ging es ja. Man hat allen Kindern Milch gegeben, und sie haben sie verdaut oder nicht.

Den Angehörigen der Generation Y wird eine recht entspannte Work-Life-Balance nachgesagt, so wie sie auch in „Nix Festes“ zu sehen ist. Sind Sie in diesem Sinne Generation Y?

Die Work-Life-Balance ist bei mir sehr gut ausgeglichen und ist mir natürlich wichtig. Ich würde weder das normale Leben vor den Beruf stellen noch andersherum, ich kann das ganz gut verbinden. Ich darf ja nun mal meinen Traumberuf ausüben. Meine Work-Life-Balance ist super. Wenn ich drehe, dann drehe ich. Wenn ich lebe, lebe ich.

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Fernsehtrailer
„Nix festes“

Ist man mit dreißig heute weniger erwachsen als Generationen vor uns?

Ich kann das nicht mit weniger erwachsen betiteln. Die Generation, um die es auch in der Serie geht, hat heute einfach so unglaublich viele Möglichkeiten. Natürlich sollen die Leute sich Zeit nehmen und erst mal schauen, was sie machen wollen und wo ihre Interessen hingehen, aber ich finde, dass man sich durch dieses Überangebot auch mehr Zeit lässt. Ich kann mit Leuten nichts anfangen, die mit Mitte, Ende dreißig im dreißigsten Semester Pädagogik studieren. Komm zum Punkt, werde erwachsen. Viele scheinen sich nicht schnell genug auf das Leben festlegen zu können.

Es gibt ja auch die anderen Dreißigjährigen, die in der sogenannten Rushhour des Lebens sind.

Was meinen Sie damit?

Dass man mit dreißig allmählich das Gefühl hat, unglaublich viel geschafft und abgehakt haben zu müssen, einen tollen Beruf zu finden, einen Partner, Kinder, mal mindestens auf jedem Kontinent gewesen zu sein.

Das Gefühl habe ich bei dieser Generation im Moment nicht so. Ich glaube, dass sie eher nicht wissen, wohin sie wollen. Und dass sie nicht wissen, was sie nicht wollen, was ich immer wichtiger finde. Dass es immer so ein Herumprobieren ist, dass an der nächsten Ecke das Bessere, Schönere, Höhere wartet. Man kommt nicht an. Die Generation, die wir meinen, ist eher rastlos.

Glauben Sie, das liegt daran, dass viele der heute Dreißigjährigen von ihren Achtundsechziger-Eltern freiheitlicher erzogen worden sind?

Es gibt beides, es ist nicht immer nur eine Erziehungssache. Wenn du das elterliche Haus verlässt, musst du ja trotzdem alleine klarkommen.

Was haben Ihre Eltern damals gesagt, als „Schloss Einstein“ bei Ihnen im Alter von 12 Jahren angeklopft hat?

Ich habe schon vor „Schloss Einstein“ viele Jahre lang neben der Schule Theater gespielt, und meine Eltern haben das von Anfang an mitbegleitet und gesehen, dass es mir gutgeht und dass es mir Spaß macht. Klar stand die Schule an erster Stelle, aber ich war eine gute Schülerin, also konnte ich auch nachmittags drehen.

Leben Sie lieber durchgetaktet oder in den Tag hinein?

Mal so, mal so, kommt drauf an, wie der Abend endet.

Es gibt ja die Menschen, die noch mal den Snooze-Button an ihrem Handy betätigen . . .

Das kann ich nicht. Wenn es klingelt, dann stehe ich gleich auf. Nach meinem Klingelton bin ich wach.

Wussten Sie schon immer, was Sie wollten?

Eigentlich ja. Ich habe mir irgendwann nicht mehr die Frage stellen müssen, weil ich regelmäßig gedreht habe und alle meine Wünsche beruflich ausleben konnte.

Nie das Gefühl gehabt, was zu verpassen?

Im Gegenteil, das hat mich mehr als bereichert. Diese schönen Projekte haben mich sehr nach vorne gebracht.

Auch als Mensch?

Ich musste nie privat meine Grenzen austesten, das habe ich immer in den Rollen gemacht. Ich wollte immer drehen, Geschichten erzählen, die Menschen, die man auf dem Weg kennenlernt, das hat mich sehr viel früher sehr viel reifer gemacht. Wenn du als Kind schon in dem Arbeitsrhythmus bist und Verantwortung hast, ist das gut. Das hat mir nicht geschadet.

Haben Sie jemals an dem Vorhaben, Schauspielerin zu werden, gezweifelt?

Nein, aber ich muss immer auf Holz klopfen und dankbar und demütig sein, weil meine Auftragslage einfach sehr gut ist. Natürlich gibt es Kollegen und Freunde, bei denen das nicht so ist, das wissen wir alle. Ich bin aber auch immer der Meinung, dass jeder seines eigenes Glückes Schmied ist.

Auch Wiebke, die Sie in „Nix Festes“ spielen, hat als Autorin einige Durststrecken und hangelt sich von einem Projekt zum nächsten. Haben Sie Strategien für solche Zeiten?

Man muss sich bewusst sein, dass wir Matrosenarbeit machen.

Matrosenarbeit?

Du kriegst dann Geld, wenn du arbeitest. Wenn man es mal nicht hat, muss man rechtzeitig lernen, nicht über seine Verhältnisse zu leben. Es geht darum, einfach ein bisschen normal mit dem Thema umzugehen.

Keine mentalen Strategien? Meditation? Das entdecken jetzt ja viele Menschen dieser Generation für sich.

Für mich wäre das nichts, ich kann keine fünf Minuten stillsitzen. Ich habe keine Strategien. Ich lese dann einfach sehr viel.

Und zwar?

Viele Drehbücher. Es ist gerade eigentlich eine schöne Zeit, denn mit den ganzen Streamingdiensten, mit Video-on-demand-Plattformen findet in unserer Branche eine kleine Revolution statt, und das ist super. So kommen sehr viele neue Leute, junge und mutige Autoren, nach, die tolle Konzepte schreiben. Ich lese und bin begeistert darüber, was so in den nächsten Jahren kommt. „Dark“ zum Beispiel ist eine Serie, die nicht deutsch aussieht, und man möchte sagen: Siehst du, man kann’s.

Wie geht es noch?

Die Öffentlich-Rechtlichen haben ja früh damit angefangen, vieles nicht erst nach Ausstrahlung, sondern schon vorher in der Mediathek zu zeigen. Ich finde das genau richtig für unsere Generation, denn ich will mich nicht mit einer Programmzeitschrift hinsetzen, um mir dann um 22.45 Uhr etwas anzugucken. Als Konsument schaue ich, was und wann ich will.

Das Gefühl, etwas zu verschenken, gibt es nicht mehr?

Die Klickzahlen müssten zur Einschaltquote hinzugezählt werden. Wenn wir das noch hinkriegen würden, wäre alles gut. Dann sähen die Zahlen schon wieder ganz anders aus.

Ich habe gelesen, dass Sie es sehr gerne aufgeräumt in Ihrer Wohnung mögen. Hätten Sie jemals, wie in Ihrer Rolle, in einer WG leben können?

Ich habe in einer WG gelebt, fünf, sechs Jahre, mit meinem besten Freund. Gut ist, wenn man sich Leute raussucht, die gleich ticken.

Und Ihr bester Freund war damals so ordentlich wie Sie?

Sehr. Wenn nicht, dann habe ich es ihm beigebracht (lacht). Mit kleinen Tipps: Wir hatten keine Spülmaschine, und dann habe ich gesagt: Pass auf, Besteck und Gläser bitte gleich abtrocknen, denn ich mag keine Wasserflecken. Das macht er bis heute so.

Ist es im Vergleich zu Ihrer aufgeräumten Wohnung ein Widerspruch, dass Sie es im Hinblick auf Ihre Karriere eher unkonkret angegangen sind, ohne Abitur oder formelle Ausbildung?

Das war alles im Plan mit drin (lacht). Ich war auf einer Schauspielschule, aber habe sie nicht beendet, weil das nichts für mich war. Das lag daran, dass ich schon gedreht und viel Theater gespielt hatte, und es gab auch persönliche Gründe. Ich war mit 16 die Jüngste und habe schon gedreht. Das ist etwas anderes, wenn du da mit 28-Jährigen zusammen studierst, die vielleicht im dritten Anlauf angenommen wurden. Und am Nachmittag wirst du dann in einem fetten schwarzen Auto von der Schule abgeholt und zum Drehen gebracht. Ich musste schon früh lernen, mit Neid umzugehen. Mit Ellenbogen. Das prägt einen. Dann gab es Stress mit einer Dozentin, die mich nicht drehen lassen wollte, als ich gerade die Chance für „Türkisch für Anfänger“ hatte. Da musste ich mich entscheiden, und das habe ich dann – für learning by doing. Ich habe mich nicht so sehr auf einer Theaterbühne gesehen, ich wollte vor die Kamera, und es war genau die richtige Entscheidung.

Ihr Plan ist aufgegangen.

Es gab in meiner Familie diesen Kompromiss, dass, wenn ich kein Abi mache, ich wenigstens einen Ausbildungsplatz brauche, das heißt an der Schauspielschule. Kompromiss erfüllt, ich war auf der Schauspielschule. Da habe ich gemerkt, dass das nichts für mich ist, aber dafür hatte ich gleich das Angebot für eine Hauptrolle in einer ARD-Vorabendserie.

War okay für Mama und Papa?

Total okay.

Was waren das für Neidsituationen?

Gerede hinter dem Rücken, ich habe nie verstanden, dass das von Älteren aus kommt. Ich habe mir von denen ein bisschen erwachseneres Verhalten gewünscht. Ich finde, man muss gönnen und sich füreinander freuen können, gerade wenn man in einer Schule an einem Strang zieht. Neid ist nicht umsonst eine Todsünde.

Und dieser Spruch: Neid muss man sich erarbeiten, Mitleid bekommt man umsonst?

Den finde ich ganz schlimm. Ich muss mir keinen Neid erarbeiten, die anderen sollten daran arbeiten, dass sie gönnen können.

Wie ist das so in der Branche?

Die Leute, mit denen ich mich umgebe, können einander gönnen. Es geht immer um die richtige Person für die richtige Rolle. Ich kann sehr gut gönnen, aber ich bin auch in einer guten Position.

Man hat Ihnen früher schnell den Stempel der „kleinen Süßen“ verpasst. Denken Sie, da wären manche jetzt vor dem Hintergrund der „MeToo“-Debatte vorsichtiger?

Klar bin ich klein und süß, es ist nicht schlimm, einen Stempel zu haben. Ich bin selbst aber sehr gespannt auf die nächste Liebesszene beim Drehen. Seit dieser großen medialen Diskussion hatte ich das nicht. Ich werde meine Arbeit deswegen aber nicht ändern. Man muss aufpassen, dass das nicht in die falsche Richtung geht. Ich möchte trotzdem noch als Frau wahrgenommen werden und Komplimente bekommen. Sexuelle Nötigung versteht auch jeder anders, für den einen reicht schon eine Hand auf dem Oberschenkel. Jeder muss seine Grenzen setzen und dann dafür einstehen.

Es gibt ja auch viele zierliche männliche Schauspieler. Haben Sie schon mal gehört, dass jemand als kleiner Süßer bezeichnet wurde?

Das habe ich selbst schon getan, na klar. Ich kann doch Kollegen als klein und süß bezeichnen. Ich meine das doch positiv.

Sie finden da nichts dabei?

Wenn mich jemand klein und süß nennt? Na, mein Gott, ich bin kurz und süß, warum können wir nicht wieder anfangen, das als Kompliment zu nehmen. Warum muss das jetzt alles immer sein: Äh, fass mich nicht an. Es geht immer darum, was man selbst zulässt.

Stimmt es, dass Sie vor einigen Jahren einen Kleinen Waffenschein gemacht haben?

Wo immer das auch herkommt: no way. Im Zuge der schlimmen Silvesternacht 2015 und der Panikmache ging es darum, dass man die Menschen meiner Meinung nach richtig aufklären muss. Und wenn sich jeder plötzlich nach so einer Silvesternacht mit K.o.-Gas eindeckt, dann ist das nicht erlaubt. Um das Gas mitzuführen und anzuwenden, braucht man einen Kleinen Waffenschein. Und die Presse machte dann daraus: Die Preuß hat einen Kleenen Waffenschein, als wenn ich mit einer Pumpgun herumrennen würde.

Was haben Sie sich da eigentlich auf Ihr linkes Handgelenk tätowieren lassen?

Faith. Vertrauen.

Zur Person

Geboren wurde Josefine Preuß 1986 im brandenburgischen Zehdenick. Schauspielerei lag ihr schon in jungen Jahren, als Kind trat sie einer Theatergruppe bei. Seit knapp zwanzig Jahren steht sie vor der Kamera. Los ging es mit der Internatsserie „Schloss Einstein“. Es folgten Rollen in „Türkisch für Anfänger“ sowie unter anderem in den Fernsehfilmen „Das Adlon“, „Die Hebamme“, „Die Pilgerin“, „Das Sacher“. Privat ist sie regelmäßig bei den Fußballspielen des 1. FC Union Berlin. In „Nix Festes“ spielt Josefine Preuß eine freie Autorin, die zusammen mit ihrem Exfreund (Sebastian Fräsdorf) arbeitet. Die erste Folge wird am Dienstag um 22.45 Uhr auf ZDFneo ausgestrahlt. Von 20.15 Uhr desselben Tages an sind dann auch alle Folgen über die ZDF-Mediathek zu sehen.

Quelle: F.A.S.
Jennifer Wiebking - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jennifer Wiebking
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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