Junge Frauen und Angela Merkel

„Ich bin noch nicht bereit für einen Mann als Kanzlerin!“

Von Julia Anton und Johanna Dürrholz
17.09.2021
, 16:27
Sie war die erste an der Spitze. Mit der Bundestagswahl endet nach 16 Jahren die Ära Merkel.
Sichtbarkeit der Bildbeschreibung wechseln
Als Angela Merkel Kanzlerin wurde, waren sie Kinder oder Jugendliche. Heute sind Frauen wie Aminata Touré und Louisa Dellert wichtige Stimmen. Was bedeutet ihnen die Erste an der Spitze? Wir haben mit sechs von ihnen gesprochen.
ANZEIGE

Es ist doch egal, ob uns eine Frau oder ein Mann regiert, oder? Frauen dürfen hierzulande schließlich wählen, Auto fahren, 20 Prozent weniger verdienen – alles kein Problem. Das ist das Mindset, mit dem wir aufgewachsen sind: Uns, Jahrgang 1994 und 1989, dem Vernehmen nach junge Frauen, wurde stets gesagt, wir könnten alles haben. Eine gute Ausbildung, einen guten Beruf, eine steile Karriere. Immerhin hatte es die da oben doch auch geschafft, die Kanzlerin. Und das hatte Auswirkungen, auch auf unser Empfinden und Erleben: Deutschland wurde unser halbes Leben lang souverän von einer Frau regiert. Selbst in den Vereinigten Staaten hat es das bis heute noch nicht gegeben.

Auch mit unserem Selbstbewusstsein hat das etwas gemacht, dieses Wissen: Wir können uns Räume erschließen, die Frauen sich bisher noch kaum erschlossen hatten. Zum Beispiel Zeitungsredaktionen. Das hat Angela Merkel ja mit dem Bundestag auch so gemacht.

ANZEIGE

Wer meint, das sei heute kein Thema mehr: 30,7 Prozent beträgt die Frauenquote aktuell im Bundestag. Ähnlich hoch war die Frauenquote 2017 in Printredaktionen, als wir beide uns als Hospitantinnen in der Redaktion dieser Zeitung kennenlernten. Wir haben ein Terrain betreten, das lange als Männerdomäne galt – und das lag auch an Angela Merkel. Sie hat bewiesen, dass man kein Mann sein muss, um einen guten Job zu machen. Und dass das Geschlecht trotz allem (noch) nicht egal ist. Denn auch wenn manch einer glaubt, für gelebte Gleichberechtigung reiche eine Frau im Kanzleramt, auch wenn wir selbst das einst glaubten, haben wir in den vergangenen Jahren gelernt, dass das nicht stimmt.

Angela Merkel ist seit 2005 Bundeskanzlerin. Dem neuen Bundestag wird sie nicht mehr angehören.
Angela Merkel ist seit 2005 Bundeskanzlerin. Dem neuen Bundestag wird sie nicht mehr angehören. Bild: dpa

Wie hat sie unsere Frauen-Generation verändert?

Da ist die hochqualifizierte Freundin, die bei einer Beförderung übergangen wurde – weil sie vor kurzem Mutter geworden ist. Da ist der Kollege, der nie gefragt wird, wer eigentlich seine Kinder betreut, während er fröhlich Überstunden schiebt. Da ist das Gesetz, das Frauen kriminalisiert, die über ihren Körper bestimmen wollen. Da ist die Politikerin, die mit Vergewaltigungsandrohungen mundtot gemacht werden soll. Da ist die Nachbarin, der Altersarmut droht. Da sind Zahlen: Jeden dritten Tag stirbt hierzulande eine Frau durch einen Mann, ihren Partner oder ehemaligen Partner. An den anderen Tagen versucht es einer. Und da sind wir, denen gesagt wird: Stellt euch mal nicht so an! Ihr seid mitgemeint! So schlimm ist das doch alles nicht mehr!

ANZEIGE

Es stimmt auch, vieles ist schon besser geworden. Aber nur weil es mal schlechter war, heißt das ja nicht, dass es jetzt gut ist. Oder dass es nicht noch besser werden kann. So oder so fällt uns der Abschied von Angela Merkel schwer, auch wenn wir nicht jede ihrer Entscheidungen gut fanden, oft mehr erwartet haben, manchmal enttäuscht waren. Angela Merkel hat uns unser halbes Leben lang begleitet, die Erinnerungen an ihre Vorgänger sind, soweit vorhanden, von Klamauk geprägt: „Hol mir mal ’ne Flasche Bier!“

Wir haben lange über den Abschied der Kanzlerin diskutiert, in der Redaktion, mit Kolleginnen, mit Freundinnen, und wir haben gemerkt: Angela Merkel war und ist uns wichtig. Es bedeutet eben etwas für die Frauen, wenn eine plötzlich Vorbild ist. Wir haben uns gefragt: Geht das anderen auch so? Wie hat sie unsere Frauen-Generation verändert? Wie haben junge Frauen die Kanzlerin erlebt? Mit sechs von ihnen haben wir gesprochen.

ANZEIGE

Marie Nasemann
„Ich habe mir ihre stoische Gelassenheit abgeguckt“

Ich habe Angela Merkel mal zufällig getroffen, da muss ich ungefähr 14 gewesen sein. Meine Großmutter hat damals in Bayern in einer urigen Gaststätte ihren 70. Geburtstag gefeiert, und im Raum nebenan haben CDU und CSU einen Wahlerfolg gefeiert. Edmund Stoiber war auch da. Als ich zur Toilette ging, musste ich durch diesen Raum durch – da kam Angela Merkel mir entgegen, hielt mir die Tür auf und sagte „Hallo!“ Sie war zu dieser Zeit noch nicht Kanzlerin, aber ich wusste schon: Die ist wichtig. Mir ist damals schon ihre bodenständige und freundliche Art aufgefallen, ihre große Präsenz. Das war sehr aufregend für mich.

Marie Nasemann, Jahrgang 1989, ist Model, Autorin und Influencerin mit einem Schwerpunkt auf fair produzierter und nachhaltiger Mode.
Marie Nasemann, Jahrgang 1989, ist Model, Autorin und Influencerin mit einem Schwerpunkt auf fair produzierter und nachhaltiger Mode. Bild: Andreas Pein

Als sie dann Kanzlerin wurde, war ich 16. Ich war überrascht, wie viel darüber gesprochen wurde, dass sie eine Frau ist – für mich mit einer berufstätigen Mutter war das nichts Besonderes. Bei dem Aufruhr um Merkels Geschlecht habe ich zum ersten Mal verstanden: Es ist nicht selbstverständlich, dass Frauen in Machtpositionen sind. Ich bin schockiert und wütend darüber, dass Annalena Baerbocks Geschlecht und Mutterschaft nun auch 2021 noch Thema sind.

Als es 2008 nach Merkels Besuch der Oper in Oslo die Diskussion um ihren Ausschnitt gab, wurde ich aktive Feministin. Sie hat sich einmal herausgenommen, ihre Weiblichkeit zu zeigen – sonst war sie immer sehr zurückgenommen, hat sich ruhig gegen all die Alphamännchen behaupten können. Aber ihr Busen war dann zu viel? Angela Merkels Art, mit Männern wie Trump oder Putin entspannt umzugehen, war für mich immer vorbildhaft. Früher als Model wurde ich oft nicht ernstgenommen und gerade von Männern in höheren Positionen unterschätzt oder aktiv kleingehalten. Die stoische Gelassenheit im Umgang mit Männern, die mir ungefragt Dinge erklären, habe ich mir von Merkel abgeguckt. Auch wenn mir das nicht immer gelingt und ich doch oft emotional und wütend werde (was auch okay ist).

ANZEIGE

Es war eine große Bereicherung zu sehen, dass man es als Frau so weit schaffen kann. Mit eigenen Kindern wäre es sicherlich für Merkel noch mal schwieriger gewesen, da muss noch viel, viel mehr gehen. Besonders gut gefallen hat mir ihre Solidarität, ihr „Wir schaffen das!“ in der Flüchtlingskrise. Auch wenn nach meiner Meinung nicht genug getan wurde – und es wichtiger gewesen wäre, den Fokus auf ein „Wie schaffen wir das?“ zu legen. Als ich zum ersten Mal wählen durfte, habe ich Angela Merkel gewählt, da war ich 20. Ich werde sie vermissen, weil sie so einen besonderen Charakter hat: ihr trockener Humor, ihre Ruhe, ihre Art, sich nicht zu inszenieren. Als Bundeskanzler wünsche ich mir einen Streber oder eine Streberin. Er oder sie sollte faktensicher sein. Merkel hat stets ihre Hausaufgaben gemacht und die Messlatte hoch gelegt. Was die Gleichstellung der Geschlechter angeht, hätte sie allerdings viel mehr vorantreiben können, etwa mit klaren Quotenregelungen – und mit klaren Worten.

Ann Cathrin Riedel
„Ich würde Angela Merkel gerne mal zum Abendessen treffen“

Als Angela Merkel Kanzlerkandidatin war, konnte ich plötzlich wählen. Nachdem Gerhard Schröder die Vertrauensfrage gestellt hatte, wurde ein Jahr früher gewählt – und zwar genau einen Tag nach meinem 18. Geburtstag. Das war krass für mich: Ich hatte mich vorher nie viel mit Politik beschäftigt. Aber dass nun eine Frau Kanzlerin werden konnte, war besonders. Ich habe sie dann auch gewählt. Es gab den Tenor: Packt Kohls Mädchen das? Aber ich fand Schröder arrogant und überheblich, da wollte ich Merkel eine Chance geben.

Angela Merkel ist für mich absolut beeindruckend. Ich finde, sie ist nie aktiv oder bewusst als Frau aufgetreten – sie ist eben eine. Ihr Auftreten – dieser Fels in der Brandung, diese ewige Ruhe – ist aber eher das Gegenteil von dem, was man Frauen oft zuschreibt: hysterisch, emotional, können Dinge nicht aushalten. Sie hat als Politikerin das Gegenteil bewiesen. Angela Merkel hatte viele Kämpfe zu führen. Ich glaube, sie ist deutlich progressiver und sich dessen sehr gewahr, was wir tun müssen, um die Zukunft zu sichern – aber sie wird von einem sehr rückständigen Teil ihrer Partei zurückgehalten.

ANZEIGE

Mit der Kanzlerschaft hat Merkel die sogenannte gläserne Decke durchbrochen. Sie hatte es teilweise mit völlig durchgeknallten männlichen Regierungschefs und Präsidenten zu tun – und dennoch gezeigt: Hey, wir Frauen können das. Eine besonders gute Entscheidung von Angela Merkel war für mich, dass sie 2015 gesagt hat: Wir nehmen die Flüchtlinge auf. Was mich in der letzten Zeit allerdings gestört hat: Sie hat sich bei vielen Dingen, die für die Zukunftssicherung unseres Landes nötig sind, nicht durchgesetzt. Ich glaube aber, sie weiß, wie wichtig eine digitale Transformation ist. Zudem stört mich ihr Kuschelkurs mit China, da sollten Menschenrechte entscheidender sein als die Wirtschaft. Und in der Corona-Pandemie hätte sie als Bundeskanzlerin besser kommunizieren müssen. Sie hätte den Menschen die einzelnen Schritte erklären müssen, um Rückhalt für die Maßnahmen zu bekommen.

Ann Cathrin Riedel, Jahrgang 1987, tritt in diesem Jahr als Bundestagskandidatin im Wahlkreis in Berlin Friedrichshain-Kreuzberg für die FDP an.
Ann Cathrin Riedel, Jahrgang 1987, tritt in diesem Jahr als Bundestagskandidatin im Wahlkreis in Berlin Friedrichshain-Kreuzberg für die FDP an. Bild: Picture-Alliance

Ich identifiziere mich nicht mit Angela Merkel, eher mit Politikerinnen, die ihre Weiblichkeit betonen. Gegen solche Frauen wie etwa Dorothee Bär oder auch Annalena Baerbock gibt es leider immer noch viele Angriffe. Einmal trug Baerbock ein Kleid, das ich auch habe, weiß mit Blumen. In der Bild-Zeitung hieß es dazu: Das ist kein Kleid für Kanzlerinnen. Ich sage: Doch! Wir tragen heute Blümchenkleider und sind trotzdem ernstzunehmende Politikerinnen. Das ist in Deutschland immer noch verpönt. Frauen werden nicht nur nicht ernstgenommen, sondern auch immer noch belästigt. Ansonsten würde ich Angela Merkel gerne mal zum Abendessen treffen. Ich liebe ihren trockenen Humor, das würde sicher witzig werden.

Louisa Dellert
„Ihre Besonnenheit werde ich vermissen“

Um ehrlich zu sein: In jungen Jahren habe ich mich nicht sonderlich für Politik interessiert. Mit Angela Merkel habe ich lange nur vor allem die für sie typische Rautengeste und das Stichwort „Mutti“ verbunden. Das war das, was ich damals aus Medienberichten mitgenommen habe. Meine Mutter hat mir zwar immer wieder gesagt, dass eine Frau im Kanzleramt etwas Besonderes sei. Dass es nicht normal ist, dass Frauen beispielsweise auf Panels sprechen, wurde mir aber erst klar, als ich politisch aktiver wurde. Frauen werden nach wie vor anders begutachtet: Ich werde für meine Aussagen ganz anders kritisiert und gemaßregelt als Männer, die etwas in die Welt hinausposaunen.

Louisa Dellert, Jahrgang 1989, beschäftigt sich als Unternehmerin, Influencerin und Autorin mit gesellschaftlichen und politischen Themen.
Louisa Dellert, Jahrgang 1989, beschäftigt sich als Unternehmerin, Influencerin und Autorin mit gesellschaftlichen und politischen Themen. Bild: Julia Zimmermann

Da denke ich natürlich an Frau Merkel: Wie macht sie das, als oft einzige Frau zwischen vielen Männern? Ich wüsste gern, was in ihrem Kopf vorgeht, wenn sie neben einem Trump oder Erdogan sitzt. Obwohl sie sich immer durchboxen musste, war sie die Ruhe selbst und wurde nie herablassend. Wenn sie kritisiert, dann macht sie das mit ihren oftmals eher ironischen Seitenhieben. Das finde ich sehr bemerkenswert. Ihre Besonnenheit und ihre Neutralität auf der persönlichen Ebene werde ich in Zukunft vermissen, wenn ich mir gerade den Wahlkampf anschaue. Natürlich gibt es auch einiges, bei dem ich mir gewünscht hätte, dass Merkel sich als Frau und Kanzlerin mehr einsetzt, beispielsweise gegen Gewalt gegen Frauen oder für mehr Parität in der Regierung. Aber: Wir wünschen uns alle irgendetwas von einer Kanzlerin. Deswegen frage ich mich, ob es richtig ist, mir einzelne Rosinen rauszupicken und zu sagen: Da war sie nicht feministisch genug.

ANZEIGE

2015 habe ich zum ersten Mal wahrgenommen, wie viel Druck auf ihr lastet. Dass sie damals eine Entscheidung für Menschenleben getroffen hat, rechne ich ihr hoch an. Dennoch bin ich der Meinung, dass sie als Klimakanzlerin mehr hätte erreichen können und müssen, um den nächsten Generationen etwas aus ihrer Amtszeit zu hinterlassen. Das hat sie verpasst. Ich wünsche mir, dass das Geschlecht bald keine Rolle mehr spielt. Merkel ist ja vor ihrem Amtsantritt auch als „Kohls Mädchen“ betitelt worden, man hat sich mehr mit ihrem Aussehen als mit ihrer Politik beschäftigt. Das muss hart für sie gewesen sein. Wir sollten Politikerinnen und Politiker aber nicht darauf reduzieren, ob sie ein Kleid oder Sneaker tragen.

Aminata Touré
„Aktive Frauenförderung sieht anders aus“

Angela Merkels Amtsantritt verbinde ich in erster Linie mit einer Enttäuschung: Ich bin in einem sozialdemokratischen Haushalt aufgewachsen und war traurig darüber, dass die SPD nicht mehr den Kanzler stellte. Gleichzeitig war mir aber damals schon bewusst, dass die Wahl einer Frau etwas Besonderes war und Politik bis dahin vor allem von Männern gemacht wurde. Als Frau an der Spitze hat Merkel sicherlich dafür gesorgt, dass viele Frauen sich mehr zugetraut und eingefordert haben. Das darf man nicht unterschätzen – trotzdem reicht es nicht. Aktive Frauenförderung sieht anders aus, Politik und Macht konzentrieren sich nicht alleine auf die Bundeskanzlerin. Man muss Strukturen schaffen, die es allen ermöglichen und nicht nur eine Annegret Kramp-Karrenbauer oder eine Ursula von der Leyen fördern. Das hat Merkel nicht geschafft, auch in ihrer eigenen Partei nicht. Stattdessen fanden sich auf den Ministerposten in den vergangenen 16 Jahren weiterhin überwiegend Männer – deswegen kann ich es auch nur belächeln, wenn jemand fordert, die Kanzlerin müsste jetzt von einem Mann abgelöst werden.

Aminata Touré, Jahrgang 1992, ist Mitglied der Grünen und Vizepräsidentin des Schleswig- Holsteinischen Landtags.
Aminata Touré, Jahrgang 1992, ist Mitglied der Grünen und Vizepräsidentin des Schleswig- Holsteinischen Landtags. Bild: Lukas Kreibig

Bei den Grünen gibt es hingegen nicht nur eine, sondern mehrere Frauen in Verantwortung. Das hat mich neben den inhaltlichen Punkten an meiner Partei überzeugt, Claudia Roth und Luise Amtsberg waren meine Vorbilder. Dennoch gibt es natürlich einiges, das man von der Kanzlerin lernen kann: zum Beispiel, wie sie sich reihenweise gegen Männer durchgesetzt hat, die sie politisch kleinmachen wollten, oder wie sie sich oft als einzige Frau in Verhandlungsrunden behauptet hat. Ich habe sie auch nie als eitel wahrgenommen, während man bei den Bewerbungen um ihre Nachfolge in der Union spürte, dass viel Ego im Spiel ist. Merkel ist eine Politikerin, die immer einen Kompass hatte. Besonders positiv sind mir ihre Entscheidungen in der Flüchtlingspolitik 2015 in Erinnerung geblieben, als sie deutlich gemacht hat, dass Asylpolitik keine Bauchentscheidung ist, sondern wir als Land mit unserer Geschichte Verantwortung tragen. Das kam in den Debatten um die Asylpolitik manchmal zu kurz. Ihre Zustimmung zum später geschlossenen Deal der EU mit der Türkei halte ich wiederum für problematisch. Er sorgt bis heute dafür, dass Menschen an dieser Grenze unter menschenunwürdigen Bedingungen leben.

Allen inhaltlichen Differenzen zum Trotz merkt man, wie sich in der Bundespolitik angesichts ihrer letzten Monate im Amt Nervosität breitmacht. Ich hatte den Eindruck, dass sich in den vergangenen Jahren alle darauf verlassen haben: Im Zweifel regelt sie das schon. Merkel ist eine Frau, die auch international sehr respektiert wird und viele gute und schwierige Entscheidungen getroffen hat. Das wird vielen Leuten fehlen.

Carla Reemtsma
„Als Physikerin weiß sie genau, wie die Klimakrise funktioniert“

Die Bundestagswahl 2005 ist die erste, an die ich mich überhaupt erinnern kann. Damals war ich sieben Jahre alt. Zu sagen, dass das mein erster Berührungspunkt mit der Politik war, wäre aber wohl übertrieben. Inhaltlich bewusst wahrgenommen habe ich Angela Merkel das erste Mal 2011 im Zusammenhang mit der Atomkatastrophe in Fukushima, als sie nach vorangegangenem Hin und Her entschied: Der Atomausstieg kommt jetzt doch. Dass Merkel eine Frau ist, war für mich nie ein Thema. Sie verkörpert ja auch wenige klassisch konnotierte weibliche Themen und ist nicht unbedingt eine feministische Frontfrau. Frauenrechtliche Anliegen wie die Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen und die Abschaffung des dazugehörigen Werbeverbots hat sie nicht vertreten, ebensowenig queere Themen wie die Ehe für alle. Überhaupt hat sie ihr Frausein nicht thematisiert, anders als die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern, die auch mal mit Kind im Arm bei der UN-Vollversammlung zu sehen ist.

Carla Reemtsma, Jahrgang 1998, ist deutsche Klimaaktivistin und Sprecherin der Bewegung „Fridays For Future“.
Carla Reemtsma, Jahrgang 1998, ist deutsche Klimaaktivistin und Sprecherin der Bewegung „Fridays For Future“. Bild: Karsten Thielker

Ich finde es deshalb schwierig einzuschätzen, ob Merkel eine Rolle für meinen eigenen Werdegang gespielt hat. Ich weiß ja nicht, wie es mit jemand anderem im Kanzleramt gewesen wäre. Meine persönlichen Vorbilder würde ich auch nicht am Geschlecht festmachen. Mich inspirieren vor allem die Aktivistinnen und Aktivisten aus den Ländern im globalen Süden, deren Heimat schon stark von der Klimakrise getroffen ist und die staatliche Repressionen fürchten müssen, wenn sie Proteste für Klima und Frauenrechte organisieren. Der Kanzlerin stehe ich mit gemischten Gefühlen gegenüber. Sie hat sich zwar in einigen Politikbereichen gegen große Widerstände im Kabinett durchgesetzt, wenn sie Dinge für richtig gehalten hat: Sei es 2015 mit der Aufnahme der Flüchtlinge oder in der Corona-Krise, als sie früh einen klar wissenschaftlich orientierten Weg eingeschlagen hat.

Merkel ist sehr kompromissorientiert und nimmt die Stimmung aus der Bevölkerung auf. Das hat in einigen Situationen zu guten Entscheidungen geführt, aber auch dazu, dass es kein klares Profil in der Politik gibt: Wofür steht die CDU, wofür steht Merkel? Was ich ihr auf jeden Fall vorwerfe: Als Physikerin weiß sie genau, wie die Klimakrise funktioniert und versteht die entsprechenden Studien. Trotzdem sagt sie: „Politik ist das, was möglich ist.“ Das ist Quatsch. Wenn wir die Klimakrise eindämmen wollen, müssen wir tun, was notwendig ist. Merkel hat es in 16 Jahren weder geschafft, Deutschland auf den Weg zum 1,5-Grad-Ziel zu bringen, noch ihre Partei hinter dem Klimaschutz zu versammeln. Von ihrem Nachfolger oder ihrer Nachfolgerin wünsche ich mir deshalb, dass er oder sie keine Kompromisse macht, wo man keine Kompromisse machen darf: beim Klima und bei Menschenrechten.

Ariana Baborie
„Sie war einfach da und hat ihren Job gut gemacht“

Ich erinnere mich daran, dass meine Mutter, meine Schwester und ich mit einem Glas Sekt anstießen, als Schröder damals Kohl als Kanzler ablöste. Und dann kam Merkel, da war ich 17. Dass sie eine Frau war, hatte ich noch nicht so auf dem Schirm. Es war eher so: Sie ist jemand von der CDU, und das war für mein siebzehnjähriges Ich nichts Gutes. Vor Themen wie Feminismus hatte ich damals Angst, die habe ich mit selbstgefilzten Tampons und Alice Schwarzer verbunden. Ich finde es bis heute erstaunlich, dass ausgerechnet eine Frau aus der CDU Vorreiterin wurde, ihren Umgang mit vielen Themen fand ich für eine CDU-Politikerin ebenso erstaunlich. Sie hat zwar als Kanzlerin eine besondere und wichtige Rolle, aber den Begriff der Feministin hat sie für sich abgelehnt. Das hat man gespürt: Ich habe sie nie als Frau wahrgenommen, die sich über die Maßen für Gleichberechtigung eingesetzt hat. Es ist trotzdem unstrittig, dass sie für Frauen, gerade junge Frauen, eine ganz wichtige Rolle hatte und einen Weg geebnet hat.

Ariana Baborie, Jahrgang 1988, hat afghanische Wurzeln. Dieses Gespräch haben wir vor dem Rückzug der Bundeswehr aus Afghanistan aufgezeichnet. Baborie ist Moderatorin und Podcasterin. Bekannt wurde sie durch ihren erfolgreichen Podcast „Herrengedeck“.
Ariana Baborie, Jahrgang 1988, hat afghanische Wurzeln. Dieses Gespräch haben wir vor dem Rückzug der Bundeswehr aus Afghanistan aufgezeichnet. Baborie ist Moderatorin und Podcasterin. Bekannt wurde sie durch ihren erfolgreichen Podcast „Herrengedeck“. Bild: Eyecandy Berlin

Egal, ob es politische Spitzentreffen sind oder Parteitreffen, ich habe immer dieses Bild im Kopf: 15 bis 20, jetzt sag ich’s wieder: alte weiße Männer in Anzügen – und mittendrin unsere Angela Merkel. Ich habe im Laufe der Jahre wirklich eine Art Stolz entwickelt: Ja, verdammt, wir werden von einer Frau regiert! Und zwar so, dass wir uns weder verstecken müssen, noch dass man sagen könnte: Sie ist eine Frau, und das war’s. Sondern sie hat es unfassbar souverän gemacht, wie sie etwa Trump oder Putin gegenübergetreten ist! Es war ein Prozess, und meine Einstellung ihr gegenüber hat sich verändert, ich habe eine Sensibilität dafür bekommen, was sie da eigentlich leistet. Und was es für Deutschland in der Welt bedeutet, dass wir von einer Frau regiert werden. Ich hatte bei Angela Merkel oft das Gefühl, dass ihre Arbeit trotzdem unabhängig von ihrem Geschlecht betrachtet wurde. Vielleicht weil sie ihr Frausein einfach nicht in den Vordergrund gestellt hat. Sie war einfach da und hat ihren Job gut gemacht – sehr oft auch verdammt gut. Sie wurde sehr oft für ihre Rhetorik kritisiert, die eher unemotional ist. Ich sehe das gar nicht negativ. Das ist etwas, das sie ausmacht: Sie ist souverän, weder dramatisch noch euphorisch. Sie hat eine klare Linie und strahlt Ruhe aus.

Ihre Haltung in der sogenannten Flüchtlingskrise fand ich bemerkenswert, obwohl die ja viel kritisiert wurde – vielleicht auch zu Recht. Trotzdem: In einer Zeit, in der viele Menschen von dem Schicksal Tausender Flüchtlinge bewegt waren, hat sie eine klare Haltung gezeigt und gesagt: Wir lassen diese Menschen nicht alleine. Das wird mir für immer in Erinnerung bleiben, und zwar positiv. Ich habe Angela Merkel nie gewählt, werde sie aber trotzdem vermissen. Sie ist, altes Klischee, ein Fels in der Brandung. Es kommt für mich auch darauf an, wer Nachfolger oder Nachfolgerin wird. Wenn es wieder eine Frau wird, dann wäre ich stolz. Kanzlerin bin ich gewohnt! Wenn Merkel einen männlichen Nachfolger bekommt, muss ich mir noch mal überlegen, ob ich mir nicht ein Bild von ihr einrahme und auf den Nachttisch stelle. Wenn ich wieder an die Bilder von Spitzentreffen denke und mir vorstelle, dass da nur noch Männer in Anzügen stehen, fühlt sich das nicht gut an. Neulich habe ich gelesen: Ich bin noch nicht bereit für einen Mann als Kanzlerin! Das trifft auch auf mich zu.

Quelle: F.A.Z. Magazin
Autorenporträt / Anton, Julia
Julia Anton
Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“.
Autorenporträt / Duerrholz, Johanna
Johanna Dürrholz
Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Baufinanzierung
Erhalten Sie Ihren Bauzins in 3 Minuten
Automarkt
Finden Sie Ihren Gebrauchtwagen
50Plus
Serviceportal für Best Ager, Senioren & Angehörige
ANZEIGE