Kampf gegen Cybermobbing

„Alleine schafft das niemand“

Von Antonia Hirnich
02.04.2021
, 18:08
Jeder zehnte Grundschüler ist laut einer Umfrage schon mal Opfer von Cybermobbing geworden. Eltern und Lehrer sind oft überfordert. Was hilft Betroffenen?

„Deine Hose ist aber hässlich. Ist die Frisur dein Ernst? Dich mag niemand. Willst du nicht einfach sterben?“ Jeden Tag hatte Mia Angst davor, welche Sprüche sie wohl diesmal ertragen muss. Monatelang hielt sie dem Mobbing stand, bis sie keine Kraft mehr hatte. Dann sah sie keinen anderen Ausweg mehr, als zu viele Tabletten zu nehmen. „Ich glaube, eigentlich habe ich absichtlich zu wenig genommen“, sagt Mia, die eigentlich anders heißt. Heute sei sie froh, noch zu leben. „Es gibt diesen Spruch, der wird so oft gesagt und man kann ihn nicht hören in der Situation, aber: Es wird irgendwann besser.“

Mia war zwölf Jahre alt, als ihre beste Freundin sich von ihr abwendete und begann, Mia zu mobben. Sie grenzte Mia aus, lästerte über ihre neuen Schuhe, beleidigte sie und hetzte andere gegen sie auf. Selbst, wenn sie nur ihre sonst offenen Haare zu einem Zopf trug, wurde Mia zur Zielscheibe. „Meinen Eltern wollte ich es nicht erzählen, weil die genug andere Probleme hatten“, sagt die heute Mitte-20-Jährige. Ihre Mutter litt damals an Depressionen. Sie habe sie nicht zusätzlich belasten wollen. „Meine Schwester war ziemlich krank, mein Papa musste viel arbeiten und war nicht oft zu Hause.“

Erst viele Jahre später wurde ihr durch einen Artikel bewusst, dass sie gemobbt worden war. Mobbing – der Begriff ist laut dem Leibniz-Institut für Deutsche Sprache Anfang der neunziger Jahre in Deutschland aufgekommen und beschreibt „das ständige Schikanieren, Unter-Druck-Setzen von jemandem (…), häufig mit der Absicht, ihn von dort, aus seiner Position zu vertreiben“.

Inzwischen ist ein weiterer Tatort hinzugekommen: das Internet. Etwa jeder sechste Schüler im Alter von acht bis 21 Jahre ist von Cybermobbing betroffen. Insgesamt sind das zwei Millionen Schüler. Das geht aus der aktuellen Studie Cyberlife III des Bündnisses gegen Cybermobbing e.V. und der Techniker Krankenkasse hervor. Zwischen Februar und November 2020 wurden mehr als 6000 Lehrkräfte, Eltern und Schüler befragt. Demnach beginnt Mobbing schon bei den Kleinsten: Nach Aussage der Eltern ist jeder zehnte Grundschüler schon mal Opfer von Cybermobbing geworden. 40 Prozent der Sechs- bis Zwölfjährigen sind regelmäßig in sozialen Netzwerken aktiv.

„Die wollen, dass das Opfer leidet“

Es ist mittlerweile die fünfte Studie zum Thema, die Peter Sommerhalter, Leiter für Prävention und Medienberatung des Bündnisses gegen Cybermobbing, betreut hat. „Früher konnte man Menschen mit Empathie erreichen. Das Ganze aufzulösen, war noch einfacher“, sagt Sommerhalter. Mittlerweile setze die Mehrheit der Täter Cybermobbing gezielt ein. „Die wissen, wie schlimm das ist und die wollen auch, dass das Opfer leidet.“

Cybermobbing startet meistens mit Mobbing in der Schule. Außerhalb der Schulzeit verlagert es sich dann ins Internet. So war es auch bei Mia. In der siebten Klasse war sie fast völlig isoliert. Sie redete in der Schule fast gar nicht mehr. Die Pausen fürchtete sie. „Ich stand alleine draußen rum und musste mir anhören, was für ein schlechter Mensch ich bin, dass mich hier niemand will, ob ich nicht einfach sterben möchte.“ Ihr Zuhause sei ihre Sicherheitszone gewesen – bis die Beleidigungen auch über Facebook und Whatsapp kamen. „Als ich zu Hause noch Kommentare über mich lesen und dasselbe wie in der Schule im Internet nochmal erleben musste, wurde ich auch in meiner Sicherheitszone verletzt.“

Ihre Lehrer hätten es nicht bemerkt, sagt Mia. Erst als sie sich vermehrt krank gestellt habe, sei ihr Klassenlehrer darauf aufmerksam geworden. Nachdem er sich eingeschaltet habe, hätten Mias Mobberinnen sie für drei Wochen in Ruhe gelassen – danach habe alles wieder von vorne angefangen. „Dann wollte ich niemandem mehr davon erzählen. Da öffnet man sich und denkt, die Person kann einem helfen, aber einem ist nicht wirklich geholfen geworden. Ich kann das auch verstehen, was soll der Lehrer in der Situation tun, außer mit den Mobbern zu reden und mit deren Eltern? Aber wenn es die Eltern nicht interessiert?“

Eltern fühlen sich durch den immer höheren Stellenwert der neuen Medien im Leben der Kinder zunehmend überfordert, heißt es in der Studie Cyberlife III. Gleichzeitig zeigt die Studie, dass die befragten Schüler und Lehrer finden, dass die Präventionsmaßnahmen an Schulen zurückgegangen seien.

Elke Kunkel ist Lehrerin an einem hessischen Gymnasium – die Schule alleine könne Mobbing nicht verhindern, sagt sie. Wichtig sei auch die mediale Erziehung zu Hause. „Viele Eltern sind daran interessiert, was ihre Kinder im Netz machen. Aber ich sehe auch ganz viele Kinder, deren Eltern überhaupt keine Ahnung haben und die völlig irritiert sind, wenn man sie damit konfrontiert, dass ihre Kinder im Netz über andere herziehen oder mobben“, sagt Kunkel. „Die wollen das zum Teil gar nicht wahrhaben oder es interessiert sie nicht.“

Fehlt ein Gesetz?

Sommerhalter vom Bündnis gegen Cybermobbing sieht das ähnlich. Eltern wüssten oft nicht, wann der erste Tag im Internet für ihr Kind gewesen sei. Sie würden es teilweise gar nicht darauf vorbereiten. „Fragen Sie die Eltern nach dem ersten Schulweg ohne Begleiter, dann werden Sie hören, wie lange man das Kind darauf vorbereitet, an die Hand genommen, teilweise bis zur neunten Klasse an der Schultür abgegeben hat. Aber in die andere Welt wird man einfach so hinein geworfen.“

Die Politik müsse stärker eingreifen, fordert Sommerhalter. Das Bündnis gegen Cybermobbing fordert ein Gesetz zum Schutz von Mobbing-Opfern. In Österreich gibt es das schon seit fünf Jahren. Auch Frankreich hat 2007 ein ähnliches Gesetz erlassen. Täter und Opfer müssten wissen, dass Cybermobbing kein Kavaliersdelikt sei, denn Mobbing könne massive Folgen für die körperliche und seelische Gesundheit haben, heißt es bei der Techniker Krankenkasse. Dazu zählen Ängste, Schlafstörungen und Depressionen. Wer in Österreich gegen dieses Gesetz verstößt, kann mit einer Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafen von bis zu 720 Tagessätzen rechnen. Voraussetzung hierfür ist, dass die Handlungen des Täters das Leben einer Person so beeinträchtigen, dass die Lebensführung unzumutbar ist. Sollte Suizid die Folge sein, sind Verschärfungen dieser Strafen möglich.

Hat Deutschland hier Nachholbedarf? Die hessische Justizministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) meint, Deutschland sei bei der Bekämpfung von Cybermobbing nicht im Hintertreffen, vor allem in Hessen werde einiges getan. „Viele Erscheinungsformen von Cybermobbing wie Beleidigungen, Bedrohungen, Volksverhetzung und üble Nachrede werden heute schon vom Gesetz erfasst. Das ist jedoch nur ein Baustein bei der Bekämpfung von Cybermobbing.“ Schwierig sei es in der digitalen Welt allerdings oft, die Identität der Täter zu bestimmen.

Es gibt verschiedene Meldeplattformen gegen Hass im Internet, zum Beispiel die bundesweite Stelle „Hassmelden“, mit der auch das hessische Justizministerium kooperiert. Bisher hatten Betroffene die Möglichkeit, Fälle auf der Website des Programms #HessengegenHetze zu melden. Jetzt soll es noch einfacher gehen: Dafür hat das Justizministerium Mitte Dezember 2020 die App „MeldeHelden“ ins Leben gerufen. Damit können Opfer oder Zeugen Links und Screenshots zu Hass- und Hetzkommentaren melden und hochladen. Erfahrene Staatsanwälte werten diese dann aus – jeder soll sofort eine Rückmeldung bekommen. Falls die Meldung nicht zur Anzeige gebracht werden kann, soll von den Experten erklärt werden, weshalb diese strafrechtlich nicht relevant seien. In solchen Fällen werde zudem kostenlose Hilfe angeboten. „Nur durch die Meldungen kriegen wir die Phänomene mit, die sich daraus ergeben und können dann nachsteuern. So funktioniert auch die Fortschreibung des Strafrechts“, sagt Kühne-Hörmann.

Rund 600 Meldungen sind bis Februar 2021 über die App eingegangen. Über die Meldeplattform von #HessengegenHetze, die seit mehr als einem Jahr online ist, waren es bis Mitte März rund 700 Meldungen, gut 500 davon waren strafrechtlich relevant, in 134 Fällen konnten die Täter identifiziert werden. Insgesamt haben alle Partner und Stellen, die solche Meldungen für das Land Hessen entgegennehmen, im Jahr 2020 mehr als 35.515 Meldungen erhalten. „So viele wie bundesweit niemand“, sagt die Justizministerin. Diese Zahl habe laut Kühne-Hörmann zu einem Umdenken bei Anbietern wie Facebook und Twitter geführt. „Mir sagen einige von den Hilfsorganisationen, dass jetzt auf den Plattformen tatsächlich mehr darauf geachtet und manches schneller herausgenommen wird, bevor noch mehr passiert.“

Wichtig sei es, dass mehr über Mobbing gesprochen werde, sagt Sommerhalter. „Jemand, der Mobbing oder Cybermobbing über einen längeren Zeitraum abbekommt, geht daran zugrunde. Alleine schafft das niemand. Auch ich weiß von einigen Fällen, wo das Ganze im Suizid geendet ist." Die passenden Worte hat die damals 14 Jahre alte Johanna gefunden. Sie hat ihre Gefühle in ein Gedicht gepackt, das das Bündnis gegen Cybermobbing zusammen mit anderen Texten zum Thema in einem Buch veröffentlicht hat. Darin heißt es: „Alles zu überstehen, kostet mich große Kraft und ohne Hilfe hätt‘ ich‘s nicht geschafft.“

Unterstützung bei der Recherche: Lina Böhle und Nick Leuze


Hilfe bei Suizidgedanken

Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Es gibt eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie – auch anonym – mit anderen Menschen über Ihre Gedanken sprechen können.

Das geht telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich.

Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222.
Der Anruf bei der Telefonseelsorge ist nicht nur kostenfrei, er taucht auch nicht auf der Telefonrechnung auf, ebenso nicht im Einzelverbindungsnachweis.

Ebenfalls von der Telefonseelsorge kommt das Angebot eines Hilfe-Chats. Die Anmeldung erfolgt auf der Webseite der Telefonseelsorge. Den Chatraum kann man auch ohne vereinbarten Termin betreten, mit etwas Glück ist ein Berater frei. In jedem Fall klappt es mit einem gebuchten Termin.

Das dritte Angebot der Telefonseelsorge ist die Möglichkeit der E-Mail-Beratung. Auf der Seite der Telefonseelsorge melden Sie sich an und können Ihre Nachrichten schreiben und Antworten der Berater lesen. So taucht der E-Mail-Verkehr nicht in Ihren normalen Postfächern auf.

Das Bündnis gegen Cybermobbing e.V. bietet für Betroffene auf ihrer Webseite unter https://www.buendnis-gegen-cybermobbing.de/hilfe/hilfe.html eine Auflistung erster, wichtiger Anlaufstellen an.

Quelle: FAZ.NET
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