Rassismus und Antisemitismus

Karneval in Aalst verliert Status als Weltkulturerbe

Aktualisiert am 13.12.2019
 - 21:02
Einigermaßen harmlos: Der belgische Premierminister Charles Michel spielt auf der nationalen Geige.
In Aalst darf über alles gelacht werden, sagt die Stadtverwaltung. Doch dass Karnevalswagen in der belgischen Stadt „rassistische und antisemitische Darstellungen“ zeigten, hat nun Konsequenzen. Die Unesco strich erstmals eine Tradition von der Liste des Weltkulturerbes.

Zum ersten Mal hat die Unesco eine Tradition von der Liste des Immateriellen Kulturerbes gestrichen. Der Straßenkarneval im belgischen Aalst steht ab sofort nicht mehr auf der Liste, teilte die Deutsche Unesco-Kommission am Freitagabend in Bonn mit. Zur Begründung hieß es: „In den vergangenen Jahren nahmen wiederholt Festwagen mit rassistischen und antisemitischen Darstellungen am Straßenkarneval in der belgischen Stadt teil.“

Dies sei „weder mit den Grundprinzipien des Übereinkommens zur Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes noch mit den in ihrer Charta niedergelegten Werten vereinbar“, hieß es weiter. Die UN-Kulturorganisation stehe zu ihren Grundprinzipien der Würde, Gleichheit und des gegenseitigen Respekts und verurteile alle Formen von Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit. Seit 2010 gehörte der Umzug in der flämischen Stadt zwischen Brüssel und Gent zum Weltkulturerbe, und seit mehr als 600 Jahren ist der Karneval ein traditionelles Ritual, das in der Gegenwart bis zu 100.000 Besucher angezogen hat. Die Kultur- und Bildungsorganisation der Vereinten Nationen hatte die Aufnahme des Aalsters Umzug unter anderem damit begründet, dass es ein „Gemeinschaftwerk aller sozialen Klassen und ein Symbol für die Eigenart der Stadt“ sei.

Nun aber hatten die belgischen Flamen selbst darum gebeten, ihren Karneval von der Weltkulturerbeliste zu streichen. „Die Aalster Bürger haben die grotesken Anschuldigungen satt“, zitierten belgische Medien Bürgermeister Christoph D’Haese: „Wir sind keine Antisemiten oder Rassisten.“ In der Zeitung „De Standaard“ kritisierte er sogar die Einschränkung der Satirefreiheit. Irgendwann werde sonst bestimmt, worüber gelacht werde und worüber nicht, so der Bürgermeister. Aalst werde dagegen immer „die Hauptstadt des Spotts und der Satire“ sein. Die Stadtverwaltung erklärte, es gehöre zum „Ritual der Grenzüberschreitung„ beim Aalster Karneval, dass über alles gelacht werden dürfe.

Ein Paradewagen des diesjährigen Karnevals vom März hatte allerdings für heftige Diskussionen gesorgt. Im Kern ging es dabei um die Frage, ob die nachgebildeten jüdisch-orthodoxen Figuren auf dem Wagen „Sabbatjahr“ als antisemitisch zu werten sind. Die belgische Antidiskriminierungsstelle Unia sah „keine bewusste Anstiftung zu Hass, Diskriminierung oder Gewalt gegen Juden“. Das Forum jüdischer Organisationen in Belgien (FJO) bewertete den Paradewagen hingegen als „pure Provokation“. Bürgermeister D'Haese musste daraufhin im Hauptquartier der Unesco in Paris erklären, warum die großnasigen Juden auf den Geldsäcken aus seiner Sicht keine antisemitischen Klischees bedienen. Einen anderen vermeintlichen antisemitischen Vorfall hatte es schon 2013 gegeben.

Noch bis Samstag berät der zwischenstaatliche Ausschuss der Unesco in Bogotá in Kolumbien über die Aufnahme lebendiger Traditionen, Bräuche und Handwerkstechniken in die Unesco-Listen des Immateriellen Kulturerbes.

Quelle: frez./kna/AFP
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