Harry und Meghan bei Oprah

Bei ihr ist nichts tabu

Von Christiane Heil
01.03.2021
, 10:03
Oprah Winfrey hat Einfluss und eine besondere Gabe: Sie bringt Menschen zum Reden. In einer Woche wird ihr Interview mit Prinz Harry und Meghan ausgestrahlt. Am Sonntagabend wurden bereits Ausschnitte veröffentlicht.

Es ist die Königsdisziplin des amerikanischen Boulevard-Journalismus: das tell-all, das Promi-Interview, bei dem alles auf den Tisch kommt. Und niemand kennt sich damit so gut aus wie Oprah Winfrey. Als sie Michael Jackson 1993 nach 14 Jahren Interviewabstinenz zu einem Treffen auf seinem Anwesen Neverland überredete, rang sie ihm Bekenntnisse über Schönheitsoperationen, eine Beziehung mit Brooke Shields und Schläge seines Vaters ab. „Bitte nicht böse sein, Joseph“, bat der Sänger den Patriarchen des Jackson-Clans noch während der Live-Sendung, die damals mehr als 90 Millionen Zuschauer vor den Fernseher zog.

Auch Tom Cruise hielt Winfreys Druck nicht stand. Mit Fragen über seine neue Liebe Katie Holmes, romantische Motorradfahrten am Strand und Rosenblätter im Hotelbett heizte sie dem Hollywood-Star 2005 so heftig ein, dass er begann, vor Aufregung auf dem Sofa zu hüpfen. Der Auftritt in der „Oprah Winfrey Show“ gehört bis heute zu den Tiefpunkten seiner Karriere. Auch Lance Armstrong wünscht sich vermutlich, die Intervieweinladung der Talkerin nie angenommen zu haben. Als der texanische Radrennfahrer 2013 auf Winfreys Frage nach illegalen Substanzen ein Doping-Geständnis ablegte, verlor er nicht nur Fans und Freunde. Armstrong wurde auch von einer Klagewelle wütender Sponsoren eingeholt.

Jetzt steht das Herzogspaar von Sussex auf Winfreys Liste – und damit auch das britische Königshaus. Der amerikanische Sender CBS plant für den 7. März das Interview „Oprah With Meghan and Harry: A Primetime Special“. Attribute wie „vertraulich“ und „breit gefächert“, die in der Ankündigung der 90 Minuten langen Sendung zu lesen sind, dürften in London einen Panikschub ausgelöst haben.

„Es war unglaublich hart für uns beide“

Am Sonntagabend wurden bereits zwei 30 Sekunden lange Videos mit Gesprächsausschnitten veröffentlicht. Prinz Harry spricht darin in großer Offenheit von der Besorgnis um seine Ehefrau Meghan. „Meine größte Sorge war, dass sich die Geschichte wiederholen könnte“, sagte der Sohn der 1997 bei einem Verkehrsunfall gestorbenen britischen Prinzessin Diana. „Ich bin wirklich erleichtert und glücklich, hier zu sitzen und mit Ihnen zu sprechen, mit meiner Frau an meiner Seite.“ Er könne sich nicht einmal ansatzweise vorstellen, wie es für seine Mutter gewesen sein müsse, den Ablösungsprozess vom Königshaus alleine durchzustehen, sagte Harry. „Denn es war unglaublich hart für uns beide, aber zumindest hatten wir uns.“

Zur Erinnerung: Vor einem Jahr hatten Prinz Harry und seine amerikanische Ehefrau Meghan unerwartet ihren Abschied von royalen Pflichten erklärt, waren mit Sohn Archie erst nach Kanada, dann nach Kalifornien gezogen und hatten sich darangemacht, ein Medienimperium nach Vorbild der Obamas aufzubauen. Nach dem sogenannten Megxit folgte in der vergangenen Woche die finale Abnabelung, als der Buckingham Palace den dauerhaften Rückzug des Herzogspaares als „working members“ der britischen Monarchie bestätigte. Schon der Megxit wäre Oprah, wie Winfrey bei den Fans schlicht heißt, mit Sicherheit die eine oder andere Interviewstunde wert gewesen. Die Hintergründe des royalen Scherbenhaufens könnten ihn für die Talkerin jetzt aber zum Coup ihres Lebens machen.

Wie die Autoren Omid Scobie und Carolyn Durand in ihrem Buch „Finding Freedom“ andeuteten, waren dem Rückzug des Herzogspaares Animositäten mit Prinz William und Ehefrau Kate, Scharmützel der britischen Presse sowie angebliche Intrigen anderer Royals vorausgegangen. Die 39 Jahre alte Kalifornierin Meghan, vor der Hochzeit mit dem Enkel von Königin Elisabeth II. im Mai 2018 als Darstellerin in der Anwaltsserie „Suits“ bekannt, beschwerte sich zudem über mangelnde Unterstützung der adeligen Verwandten. Enthüllungen, Winfreys Spezialität, sollte es daher mehr als genug geben. „Mir wurde gesagt, dass nichts tabu ist. Sie darf alles fragen, was sie möchte“, versprach Gayle King, Moderatorin und Vertraute der Siebenundsechzigjährigen.

Die Mischung aus journalistischem Jagdinstinkt, besten Verbindungen und Einfühlsamkeit hat Winfrey zur Ikone werden lassen. Nach einigen Monaten als Lokalreporterin für einen Fernsehsender in Baltimore begann die ehemalige Studentin der Tennessee State University Ende der Siebziger, für die Sendung „People Are Talking“ Prominente und Nichtprominente vor die Kamera zu holen. Im Jahr 1986 folgte die „Oprah Winfrey Show“ mit Celebrity-Interviews sowie Themen wie Sex, Beziehungen und Gewichtsproblemen.

„Wir wollen alle dasselbe“

Dass die Moderatorin auch immer wieder über eigene Erfahrungen wie den sexuellen Missbrauch durch einen Verwandten, ihre Schwangerschaft mit 14 Jahren und den Tod des Neugeborenen, Drogenvergangenheit oder verzweifelte Abnehmversuche berichtete, ließ Millionen Amerikanerinnen 25 Jahre lang jeden Nachmittag den Fernseher einschalten. „Ich versuche zu zeigen, dass es zwischen mir und dem Publikum keinen Unterschied gibt. Wir alle wollen dasselbe, nämlich das Beste aus uns herausholen“, fasste Winfrey ihre Philosophie in der Reihe „Secret of My Success“ an der Stanford University zusammen.

Zu ihrem Erfolgsgeheimnis gehört auch der Glaube an den vielstrapazierten amerikanischen Traum. Wenn ein schwarzes, armes Mädchen aus Mississippi es schaffen kann, so Winfreys Credo, können andere das auch. Mit einem geschätzten Vermögen von fast 2,6 Milliarden Dollar zählt die Talkerin nicht nur zu den reichsten Selfmadefrauen in den Vereinigten Staaten. Mit der Gründung ihres Senders „Oprah Winfrey Network“ (OWN), einem Buchclub sowie Filmrollen gelang ihr auch der Wandel von der „Queen of Trash TV“ zur einflussreichen „Queen of All Media“. Donald Trump, damals noch Immobilieninvestor in New York, träumte 1999 öffentlich davon, die Medienunternehmerin bei einer eventuellen Präsidentschaftskandidatur zu seiner Vizepräsidentin zu machen. Barack Obama ließ sich 2008 bei seinem Wahlkampf von Winfrey unterstützen. Der sogenannte Oprah-Effekt, Synonym für ihren Einfluss auf die öffentliche Meinung, soll Obama damals laut einer Studie der Wirtschaftswissenschaftler Craig Garth-waite und Tim Moore bei den Vorwahlen bis zu eine Million Stimmen gebracht haben und damit die Nominierung der Demokraten für das Präsidentenamt anstelle von Hillary Clinton.

Dass die oft als einflussreichste Frau der Welt gefeierte Winfrey nach Obamas Einzug in das Weiße Haus auffällig unauffällig blieb, lag angeblich an Michelle Obama. Der neuen First Lady sollen die Versuche der prominenten Wahlhelferin missfallen haben, bei der Organisation des West Wing mitzureden. Als eine Art Trostpreis verlieh Obama Winfrey Ende 2013 immerhin die Presidential Medal of Freedom, eine der höchsten zivilen Auszeichnungen der Vereinigten Staaten. Gerüchte über eigene politische Ambitionen lässt Winfrey dagegen regelmäßig zurückweisen.

Geschäftlich nähergekommen

Zu Hause in der Nobelenklave Montecito bei Los Angeles, wo im vergangenen Sommer auch Prinz Harry und Ehefrau Meghan eine elf Millionen Dollar teure Villa bezogen haben, bereitete Winfrey stattdessen das Interview mit den neuen Nachbarn vor. Seit Herzogin Meghan die ihr bis dahin nur flüchtig bekannte Talkerin zu ihrer Hochzeit nach Windsor einlud, sollen sich die beiden privat und auch geschäftlich nähergekommen sein. Bei Instagram bewarb Winfrey veganen Kaffee, den die frühere Schauspielerin inzwischen vertreibt, bei Apple TV verhalf sie Prinz Harry zu einer Dokumentation über psychische Gesundheit.

Im Gegenzug für die Hilfe bei der Markenbildung soll das Paar dem vor einigen Tagen aufgezeichneten Tell-All zugestimmt haben. Wie CBS und Winfreys Produktionsgesellschaft Harpo (rückwärts gelesen Oprah) mitteilten, spricht am 7. März zuerst Herzogin Meghan vor der Kamera über die Anfänge als Royal, Ehe, Mutterdasein, zweite Schwangerschaft, Philanthropie sowie die Anstrengungen des Lebens vor den Augen der Öffentlichkeit. Anschließend befragt Winfrey Prinz Harry zum Umzug nach Kalifornien und nach Projekten wie dem Millionenvertrag mit Netflix und Travalyst, seiner Initiative für nachhaltiges Reisen.

Es ist wahrscheinlich, dass sie auch zu Königshaus und Zerwürfnissen des Herzogspaares mit der britischen Verwandtschaft bohrt. „Ich kann mir ganz gut vorstellen, was bei einem Interview ohne Tabuthemen alles zutage tritt. Das wird bestimmt nicht schön“, unkte Tom Bradby, Journalist und Freund von Prinz Harry, schon nach dem Megxit. „Die Briten hätte das Königshaus anschließend vermutlich weiter auf seiner Seite. Bei dem Ansehen im Ausland wäre das vielleicht anders.“

Quelle: F.A.S.
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