Kristen Stewart im Interview

„Ich kenne das Gefühl, ständig angesehen zu werden“

Von Christian Aust
13.01.2022
, 06:36
„Es muss mich nicht jeder mögen, das ist schon in Ordnung“, sagt Kristen Stewart. Mit ihrer Rolle in „Spencer“ begeistert sie viele.
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Eine der meistfotografierten Schauspielerinnen der Gegenwart in der Rolle der meistfotografierten Frau der Welt: Kristen Stewart spricht über Spuren, Nachahmung, Instinkte – und ob sie mit einem Prinzen glücklich werden würde.
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Egal, wen sie spielt, ein Gespräch mit Kristen Stewart ist immer wieder eine spezielle Herausforderung. Obwohl die Einunddreißigjährige inzwischen auf dreiundzwanzig Jahre im Filmgeschäft zurückblickt, in denen sie Hunderte von Interviews gegeben hat, scheint sie bei jeder Promotion-Tour wieder bei null anzufangen. Andere Kollegen entwickeln sich im Laufe der Karriere zu routinierten Plauderern. Stewart wird von ihrem Betreuerteam wie eine erst vor Kurzem gelandete Außerirdische in das Interviewzimmer in einem Londoner Luxushotel begleitet, wo sie sich auf die Situation und ihr Gegenüber einstellen muss. Ihre häufig sprunghaften Gedanken versucht sie spontan zu Antworten zu sortieren, die sie mit intensiven Blicken untermalt. Von Routine keine Spur. Dieses Unkonfektionierte wirkt gleichermaßen irritierend und erfrischend.

Nachdem Sie so viel Zeit mit Diana verbracht haben, wie schwierig war es, sie am Ende wieder los- und gehen zu lassen?

Ehrlich gesagt, habe ich immer noch nicht losgelassen. Und es war ein ganz besonderes Erlebnis, jetzt für diese Interviews nach London zurückzukommen. Ich war ja seit den Dreharbeiten nicht mehr hier. Ich habe diesen Ort immer mit anderen Gefühlen verbunden. Jetzt sehe ich diese Stadt mit ganz anderen Augen. An jeder Ecke, in jeder Straße stelle ich mir vor, Diana könnte hier entlanggegangen sein. Und es wird bestimmt Jahre dauern, bis sich daran etwas ändert. Und dann ist da noch das Thema des Films, der psychische Schmerz, unter dem Diana gelitten hat. Dieser Schmerz ist mir wirklich unter die Haut gegangen. Den kann ich nicht so einfach nach drei Tagen wieder ablegen.

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War es wirklich nur eine gute oder auch manchmal eine unangenehme Erfahrung, sich diesen Gefühlen auszusetzen?

Sie zu spielen war so schön und einfach die reinste Freude. Der Effekt, den sie auf Menschen hatte, und ihre Kraft sind immer noch präsent. Auch diese Kraft habe ich neben dem Schmerz körperlich aufgenommen. Und auch das ist eine ganz besondere Erfahrung, die mich verändert hat.

Wie haben Sie sich verändert?

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Trailer
„Spencer“
Video: Polyfilm Verleih, Bild: AP

Lassen Sie es mich so versuchen: Ich gebe mir Mühe, nett zu anderen Menschen zu sein, sie gut zu behandeln. Dabei versuche ich, nicht zu viel nachzudenken, mich von meinen Instinkten leiten zu lassen und mit Liebe auf die anderen zuzugehen. Ich habe gelernt, dass ich auf diese Weise Menschen für mich einnehmen kann. Eigentlich ist das ja ein grundlegendes Konzept, wenn man respektvoll miteinander umgeht. Ich glaube daran, andere Menschen so zu behandeln, wie ich gern behandelt werden möchte, und ich bekomme dann das zurück, was ich investiere. Diana hat das aber noch auf einer komplett anderen Ebene praktiziert. Und obwohl der Film in diesem hochemotionalen, traurigen Umfeld angesiedelt ist und ich eine unglückliche Frau spiele, hatte ich bei Dreharbeiten trotzdem noch nie so viel Spaß. Und das hat bei mir Spuren hinterlassen.

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Was sind das für Spuren?

Es macht Spaß, auf Menschen zuzugehen und ganz unverfroren ihr Gesicht zu berühren. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob ich nun ausgerechnet das von ihr übernehmen werde. Es existiert ja diese unsichtbare Barriere zwischen Menschen. Und Diana hatte die Fähigkeit, solche Grenzen zu überschreiten und ihre Emotionen auch auf diese Weise zu zeigen. Und das im Rahmen dieser Rolle zu leben oder wie ein emotionales Kostüm zu tragen, das fühlte sich unglaublich gut an.

Mit welchen Konsequenzen?

Es hat mich irgendwie emotional geöffnet. Ich fühlte mich größer, als ich sie gespielt habe, obwohl sie sich gerade an einem Tiefpunkt befand.

Hatten Sie keine Bedenken, diese Rolle zu spielen, da Sie ja in Betracht ziehen mussten, dass Dianas Kinder William und Harry diesen Tiefpunkt dann später noch einmal auf der Leinwand sehen könnten?

Natürlich existiert diese moralische Diskussion, ob man mit solchen Projekten einer Frau noch mehr nimmt, der bereits so viel genommen wurde, nur um die eigene Phantasie auf sie zu projizieren und damit einen neuen Mythos zu erschaffen. Man trägt so viele Fakten wie möglich zusammen, um auf dieser Basis zu spekulieren und seine Phantasie spielen zu lassen. Dessen bin ich mir bewusst.

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Ich glaube, Diana wollte in­stinktiv Menschen zusammenbringen. Das ist zwar nur meine Vermutung. Aber letztendlich ist es eine Tatsache, dass es ihr gelungen ist, ob das nun wirklich ihr Lebensziel war oder nicht. Vielleicht war sie sich dessen nicht einmal bewusst. Wissen Sie, ich glaube an die Kunst und wie wir damit Menschen erreichen können. Dianas Haltung und Leben klingen immer noch nach. Bis heute. Das sind nur meine Gedanken, und vielleicht liege ich damit ja auch völlig falsch. Aber die Tatsache, dass wir immer noch über sie sprechen und von ihr lernen, zeigt doch, dass sie einen Einfluss auf das Leben vieler Menschen hatte.

Was haben wir von Diana gelernt?

Sie hat Diskussionen angeschoben, die vorher stigmatisiert oder tabu waren, die bis heute andauern. An diesen Stigmata und Tabus arbeiten wir uns immer noch ab. Und sie hatte großen Anteil daran. Ich weiß nicht, ob uns bei der Darstellung alles gelungen ist und ob es der Wahrheit entspricht. Aber das war ja auch gar nicht unser Ziel. Wir wollten sie mit diesem Film ehren und dem Zuschauer die Gelegenheit geben, ehrlich in sich hineinzuhorchen und über bestimmte Dinge nachzudenken, die mit ihrem Leben verbunden sind.

Der Film zeigt Lady Diana, die Mutter von William und Harry, an ihrem tiefsten Punkt. Wie geht die Schauspielerin damit um?
Der Film zeigt Lady Diana, die Mutter von William und Harry, an ihrem tiefsten Punkt. Wie geht die Schauspielerin damit um? Bild: dpa

Wie haben Sie Diana studiert, um ihr am Ende so ähnlich zu werden?

Ich habe mir alles über sie angesehen, Filmmaterial, Interviews, Bilder, einfach alles, was ich kriegen konnte. Das ist die zentrale Frage, und ich habe leider keine aufregendere Antwort darauf. Denn es klingt relativ simpel. Ich habe versucht, sämtliche Perspektiven, die Menschen auf sie hatten, in Betracht zu ziehen, um mir dann am Ende ein eigenes Bild zu machen. Aber so machen wir es ja eigentlich alle, wenn es um Prominente geht, oder? Wir meinen sie zu kennen, wissen aber eigentlich wenig über sie.

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Und wie wird dann aus all der Recherche lebendiges Spiel?

Am Ende musste ich das dann alles wieder vergessen und mich auf meine schauspielerischen Instinkte verlassen. Mir war irgendwann klar, um ihr gerecht zu werden, musste ich so impulsiv und präsent wie möglich sein. Ich wusste auch, dass mir die intensive Vorbereitung dabei im Weg stehen könnte. Aber das Ziel besteht dann darin, es nicht passieren zu lassen.

Und das funktioniert dann?

Ich habe mich so gut und ausführlich vorbereitet, wie ich konnte. Insgesamt habe ich bestimmt vier Monate daran gearbeitet und kam dann sehr motiviert zu den Dreharbeiten. Eine großartige Regieanweisung bekam ich dann gleich am ersten oder zweiten Tag. Pablo (Larrain, der Regisseur – F.A.S.) meinte zu mir: Du hast die Rolle drauf, wirklich. Jetzt musst du dich entspannen und runterkommen. Vertraue ihr und vertraue dir. Du weißt alles, um sie spielen zu können, jetzt sei einfach du selbst. – Ich war völlig heiß darauf, sie zu spielen. Und Pablo musste mich erst einmal bändigen.

Wo war für Sie beim Spielen die feine Linie zwischen Imitation und Nachahmung ihrer Körpersprache und Mimik?

Ich wollte sie so gut wie möglich nachahmen. Und das war ein Risiko. Denn eigentlich kann ich das nicht besonders gut. Obwohl ich meine Freunde oft nachahme, wenn ich Geschichten über sie erzähle. Aber ich bin normalerweise nicht die Art Schauspielerin, die bis an den Rand des Möglichen geht und komplett aus sich herausgeht, um etwas verblüffend Neues zu schaffen. Es bestand die Möglichkeit, dass ich da letztendlich nur mit einer Perücke stehe und etwas spiele, das zwar mich bewegt, aber nicht das Publikum, weil es nichts mit Diana zu tun hat. Aber ich habe mich dann einfach voller Vertrauen in die Arbeit fallen lassen.

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Ich hatte einen phantastischen Schauspiellehrer und einen Dialekt-Coach, mit dem ich ihre Art zu sprechen gelernt habe. Er war enorm wichtig. Diana war ein so besonderer Mensch, und ich mag sie so sehr, dass es mir viel Spaß gemacht hat, all ihre kleinen Formen der Kommunikation zu dekodieren. Es kam mir vor wie ein riesiges Puzzle, das ich zusammensetzen wollte. Sie fasziniert mich wirklich. Und so habe ich alles in mich aufgesogen. Als solide Basis war da natürlich auch das phantastische Drehbuch, das gerade in der Darstellung ihrer Person sehr präzise geschrieben ist. Ich habe immer gesagt, die Sätze passen perfekt in ihren Mund.

Sie wissen selbst, wie es sich anfühlt, von Paparazzi verfolgt zu werden oder über Ihr Privatleben in den Medien zu lesen. War das der Teil der Rollenvorbereitung, den Sie nicht recherchieren mussten?

Ja, bis zu einem gewissen Grad bestimmt. Aber selbst ohne diese Erfahrungen wäre ich in der Lage gewesen, zu sehen, dass Diana wie ein eingesperrtes Tier in einem Käfig lebte, wenn man dieses Bild wählen will. Sie war ein Mensch, der mehr zu sagen hatte – und hatte keine Plattform, um es zu tun. Ihr ganzes Leben ist verdreht. Und sie reagiert darauf mit einer Art indirekter Kommunikation, die aus Verzweiflung entsteht. Bei diesem Interview sitzen wir hier in diesem Raum. Aber gleichzeitig sitzen hier eigentlich noch viel mehr Menschen, die das Interview später lesen und auf deren Erwartungen auch Ihre Fragen basieren. Das klingt ein bisschen verrückt, wenn man genauer darüber nachdenkt. Und ich kenne auch das Gefühl, ständig angesehen zu werden. Jedenfalls fühlt es sich so an.

Bei der Premiere in Los Angeles: Kristen Stewart
Bei der Premiere in Los Angeles: Kristen Stewart Bild: AP

Auch wenn Sie gerade niemand erkennt?

Manchmal werde ich erkannt, aber manchmal eben auch nicht. Und dann hat man das Gefühl, paranoid zu reagieren. Das verändert dich natürlich. Aber Dianas Art von Popularität und Berühmtheit spielte sich dann doch auf einer ganz anderen Ebene ab. Das war schon einzigartig. Ich will hier nicht wie eine Idiotin klingen und diese monumentale Ikone mit mir vergleichen. Aber ich weiß, dass alles, was ich sage und tue, unterschiedlich interpretiert wird. Denn so etwas wie eine objektive Wahrheit existiert nun einmal nicht, nicht in Interviews und auch nicht auf Bildern. Aus verschiedenen Perspektiven wirkt dieselbe Person ganz unterschiedlich. Auch ich musste mich mit dieser komplexen Situation auseinandersetzen und damit leben. Habe ich deswegen irgendwelche schlauen Antworten auf die damit verbundenen Fragen? Nein.

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Auch Sie meint jeder zu kennen, obwohl das natürlich nicht der Fall ist. Wie haben Sie Ihren Frieden damit gemacht?

Irgendwann musst du loslassen. Anders geht es gar nicht. Wenn man sich zu viele Sorgen macht, wird es ab einem gewissen Punkt ungesund. Ich kann nicht kontrollieren, wie Menschen mich wahrnehmen. Und die einzige Art, damit umzugehen, ist, es einfach passieren zu lassen. Und es muss mich nicht jeder mögen. Das ist schon in Ordnung.

Was war die seltsamste falsche Geschichte, die Sie über sich gelesen haben?

Über mich? Keine Ahnung. Googeln Sie es.

Sie haben einmal gesagt, Sie würden nie eine Rolle in einem Filmprojekt annehmen, von dem Sie vorher schon wüssten, wie es endet. Brauchen Sie beim Spielen diesen Grad von Ungewissheit?

Ich mag Filme, die mit Neugier gemacht werden und nicht didaktisch. Filme, die mit einer bestimmten Wahrheit daherkommen, sind mir nicht vielschichtig genug. Filme müssen sich für mich wie echtes Leben anfühlen, wie ein innerer Prozess, den ich jetzt äußerlich auf der Leinwand sehen kann. Ich will im Kino sitzen und denken: Die haben es geschafft, etwas darzustellen, was ich so ähnlich schon einmal gefühlt habe. Und Kino kann dieses Wunder vollbringen. Denn bewegte Bilder und Sound, die keinen Bezug zu der Zeit haben, wie wir sie normalerweise im Alltag erleben, können sich wie ein inneres Erlebnis anfühlen.

Ich glaube, Kino ist diejenige Kunstform, mit der du nachahmen kannst, wie es sich anfühlt, ein Mensch zu sein. Und deswegen ist es meine liebste Ausdrucksform. Es gibt bestimmt Menschen, die so etwas fühlen, wenn sie ein Bild betrachten. Aber für mich ist es das Kino. Filme sollten für mich im Idealfall wie Spiegel sein, in denen ich mich plötzlich erkenne und denke: Verdammt, das bin ja ich! Jeder, der behauptet, etwas sicher zu wissen, belügt sich selbst.

Haben Sie sich vorgestellt, wie es wäre, tatsächlich Teil einer königlichen Familie zu sein?

Darüber habe ich sogar sehr ausführlich nachgedacht, während der Dreharbeiten und in der Vorbereitung jeden Tag.

Wie hätten Sie auf die Umstände reagiert?

Schwer zu sagen. Wenn ich genau in Dianas Position gewesen wäre? Ich glaube, es gibt Menschen, die auf unterschiedlichen Ebenen funktionieren, Dinge voneinander trennen und zwei Rollen spielen können. Ich glaube allerdings auch, wenn du das jahrelang machst, ist es nicht gesund und hinterlässt seine Spuren. Ich bin mir sicher, ich könnte das nicht besonders gut. Als ich jünger war, hatte ich einen ziemlichen Bammel vor Interviews. Ich hielt sie für eine große Sache und auch deswegen für beängstigend. Der Rat, den man mir am häufigsten gegeben hat, lautete: Sei einfach jemand anders, lass die Situation nicht so sehr an dich heran.

Spiele eine Rolle?

Genau! Danke. Spiele eine Rolle. Aber ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht, was das bedeutet. Selbst wenn ich vor der Kamera spiele, dann spiele ich eigentlich nicht. Ich finde diese Idee so abwegig, ich habe keine Ahnung, wie man das überzeugend tun könnte. Aber wer weiß? Vielleicht würde ich den Prinzen ja lieben, und wir wären sehr glücklich zusammen. Wir würden keine große Lüge leben. Das könnte ich mir ganz nett vorstellen.

Diana wollte sich von der erdrückenden Last des Regelwerkes bei Hofe durch eigene Regeln befreien. Gibt es Regeln, nach denen Sie leben?

Ja, ich denke schon. Ich vertraue dabei meinen Gefühlen und Instinkten und weiß dann eigentlich immer, was ich will und was gut für mich ist. Und ich will eine ganze Menge. Ich liebe es, den Dingen auf den Grund zu gehen, ich wühle mich bis an den Kern einer Sache durch. Auch wenn das sehr schmerzhaft für alle Beteiligten enden kann. Ich kann mich dabei verletzen oder die Menschen, die in diese Suche involviert sind. Obwohl ich versuche, das zu vermeiden.

Zur Person

Geboren am 9. April 1990 in Los Angeles als Tochter einer Drehbuchautorin und eines Fernseh­produzenten.

Im Alter von acht Jahren steht sie zum ersten Mal vor der Kamera, für eine Disney-Produktion; vier Jahre später ist sie an der Seite von Jodie Foster in „Panic Room“ zu sehen.

Weltberühmt wird sie 2008 mit der Rolle der Bella Swan in den Verfilmungen der „Twilight“-Saga. Inzwischen ist sie auch als Drehbuchautorin und Regisseurin aktiv.

Liiert war sie unter anderem mit ihrem „Twilight“-Ko-Star Robert Pattinson; Ende 2021 gab sie ihre Verlobung mit der Drehbuchautorin Dylan Meyer bekannt.

Als Lady Di ist sie im Film „Spencer“ zu sehen, der am 13. Januar in den deutschen Kinos startet.

Quelle: F.A.S.
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