Liveprobe mit Grandbrothers

Die Magie, die Musik auf einer Bühne bewirken kann

Von Philipp Krohn und Daniel Pilar (Fotos)
30.12.2020
, 16:42
Das Elektro-Klavier-Duo Grandbrothers probt für das Frühjahr. Dann könnten Auftritte in London, Berlin und Paris anstehen, wenn das Virus sie zulässt. In einem Theater in Bochum ist zu spüren, was lange gefehlt hat.

In diesem Saal liegt etwas in der Luft. Musik, Freude, Spektakel. Rund 100 Zuschauer würden in das Bochumer Prinz-Regenttheater passen, aber derzeit steht es leer. Auf der Bühne nur ein schwarzer Flügel und ein großer grauer Tisch. Unverputzte Klinkerwände, ein riesiger schwarzer Vorhang, beigefarbene Dielen, Theaterlicht. „Schon extrem staubig“, sagt Lukas Vogel, eines der beiden Mitglieder der Band Grandbrothers. Es ist halb elf am Morgen. Der Staub hat sich während der Corona-Pause auf die elektronischen Geräte gelegt, monatelang gab es keine Auftritte.

Ihre lang vorbereitete Plattenproduktion haben sie durch Zufall so gelegt, dass sich 2020 nicht wie ein verlorenes Jahr anfühlt. Jetzt ist das neue Album „All The Unknown“ fertig, es erscheint Mitte Januar. Und Konzerte stehen in Aussicht, sofern die Pandemie sie zulässt. Paris, Berlin, London, Hamburg.

Das deutsch-schweizerische Duo ist eine internationale Angelegenheit. Ihre frühe Single „Ezra Was Right“ hat der Londoner DJ Gilles Peterson mehrfach in seiner vielbeachteten Radiosendung gespielt und für eine seiner Sammel-CDs ausgewählt. „Bloodflow“ vom zweiten Album „Open“ wurde bei Spotify 17 Millionen mal abgerufen und inspirierte die französischen Filmemacher Éric Toledano und Olivier Nakache („Ziemlich beste Freunde“), die Grandbrothers mit dem Soundtrack zu ihrer Autismus-Komödie „Alles außer gewöhnlich“ zu beauftragen. Vogel und seinen Partner Erol Sarp brachte das 2019 auf den roten Teppich der Filmfestspiele von Cannes. Von Kraftwerk und Neu! über Propaganda, Kreidler und Hauschka wird Musik aus Düsseldorf im Ausland mindestens so sehr geschätzt wie in Deutschland. Grandbrothers bilden da keine Ausnahme.

„Wir gingen einen Schritt weiter“

Um kurz nach halb elf decken Sarp und Vogel den Leihflügel ab. Sarp befestigt drei graue Stangen auf dem Gehäuse. Hier werden kleine selbstgebaute Trigger befestigt. So können die beiden Mittdreißiger das Instrument gleichzeitig spielen: der frühere Jazzpianist Sarp über die Tastatur, der Technikfreak Vogel mit Hilfe einer immer anspruchsvolleren Apparatur, mit der er die Saiten ansteuern und am Gehäuse Beats erzeugen kann. Dadurch entstehen melodisch und rhythmisch facettenreiche Stücke wie „Sonic Riots“ oder „Arctica“, zu denen auf Konzerten sogar zurückhaltend getanzt wird, obwohl alle Sounds aus dem Flügel und nicht von Schlagzeugen oder Drummaschinen erzeugt werden. Während Sarp mit einem Schraubendreher regelrecht am Sound schraubt, beginnt Vogel mit dem Aufbau seiner Gerätschaften. In der Musik der Grandbrothers finden das Sinnliche eines Klaviers mit dem Technischen von Delay-Effekten und Midi-Controllern zusammen. Zwei Männer spielen ein Klavier, einer mit Händen, einer mit Hardware.

Die Trigger, mit denen Vogel die Saiten bedienen kann, hat der Zürcher während seines Studiums in Düsseldorf mit Material aus dem Baumarkt gebastelt. Damals waren sie auf das Konzept des präparierten Pianos aufmerksam geworden, das der amerikanische Komponist John Cage einst entworfen hatte, weil er Tanzmusik schreiben wollte, aber es im Saal keinen Platz für mehr Instrumente als ein Klavier gab. Also manipulierte er es so, dass sich damit perkussive Klänge erzeugen ließen. In der Popmusik haben Künstler wie Aphex Twin, Nils Frahm und Hauschka das Instrument so verfremdet, dass damit ungewöhnliche Klänge möglich wurden. Zudem tummeln sich im Grenzgebiet zwischen Pop, Minimal Music und Klassik von Max Richter bis Ólafur Arnalds aktuell so viele begabte Künstler, dass man von einer prägenden Stilform des frühen 21. Jahrhunderts sprechen kann. Mit Frahm, Hauschka, Grandbrothers oder Martin Kohlstedt stammen einige Pulsgeber aus Deutschland.

„John Cage kannten wir, aber wir gingen einen Schritt weiter und mussten einen neuen Sound ausprobieren“, erzählt Vogel, während er seine Geräte und seinen Laptop installiert. Bislang war es üblich, die Saiten so zu manipulieren, dass ungewöhnliche Klänge produziert werden können. Grandbrothers erbauten in ihren Düsseldorfer Seminarräumen ihre besondere Apparatur. Auf dem Laptop sind Patterns programmiert, die automatische Melodien und Rhythmen im, am und auf dem Flügel erzeugen. Klänge aus dem Instrument werden auf anderen Gerätschaften verfremdet. Auf den ersten beiden Platten setzten die beiden Musiker nur Sounds ein, die sie spontan erzeugten und bearbeiteten. „Wir hatten noch nicht das Gefühl, dass unser Konzept auserzählt ist“, sagt Sarp. Aber die Klangfarben haben sie erweitert: Mit Rosshaaren entstehen streicherartige Effekte, erstmals verwenden sie vorab aus dem Flügel gewonnene Sounds, was tanzbarere Beats und orgelartige Flächen kreiert.

Voller Klavierklang erfüllt einen ganzen Saal

Dass zwei junge Musiker, einer etwas stärker vom Instrument geprägt, der andere etwas mehr der Technik verpflichtet, mit solchen Themen durchkommen konnten, hat durchaus mit der Musikstadt Düsseldorf zu tun. Musik- und Kunsthochschule sorgen für einen fruchtbaren Austausch zwischen älteren Akademikern und jüngeren Talenten. Mit dem Musikclub „Salon des Amateurs“ gibt es einen Ort, an dem internationale Taktgeber auf innovative Lokalpioniere treffen. Seit 2005 richtet Hauschka, einer der Vorläufer der Grandbrothers, hier die Approximation-Festivals aus, von dem spannende Impulse aus Elektronik und zeitgenössischer Musik weitergeleitet werden. Weitere Festivals von Pop bis Minimal und Neuer Musik sorgen für stetigen Austausch. Und schließlich gibt es eine Verpflichtung gegenüber den alten Helden aus dem Krautrock, dem New Wave rund um den Ratinger Hof und der Elektronik der neunziger Jahre.

Toningenieur Stephan Vester richtet zwei Mikrofone am Flügel aus. „Kannst du mal, was spielen“, bittet er Sarp. „Dann lege ich mich mal drunter.“ Und mit einem Mal ist da ein Moment, wie man ihn seit Monaten nicht mehr erlebt hat: Voller Klavierklang erfüllt einen ganzen Saal. „Jetzt bitte Melodien“, ruft Vester. Dann verbindet Sarp Kabel, die auf einem Stativ hängen, mit den Triggern, mit denen sich die Saiten von oben bespielen lassen. Lukas Vogel testet per Knopfdruck, ob ein anderes Element auf das Klaviergehäuse schlägt: „Den richtigen Holztyp mussten wir suchen, Buche klingt am besten.“

Es fehlt das Austesten

Nach den Studienjahren am Rhein hat sich die Band geographisch getrennt. Erol Sarp zog es in die Metropole, Vogel begann für den Bochumer Verstärkerhersteller Kemper zu arbeiten und eine bald fünfköpfige Familie zu gründen. Deshalb ist für sie das Komponieren auf Distanz schon erprobt. Im neuen Jahr kehrt Vogel mit Familie nach Zürich zurück, Großeltern in der Nähe zu haben ist viel wert. „Ich wollte eintauchen in die Musikszene von Berlin, das habe ich viel weniger gemacht als gedacht“, sagt dagegen Sarp. Das lag nicht nur an den Corona-Monaten, sondern auch an den 35 Lebensjahren, in denen er wie viele Musiker längst seinen Weg gefunden hat und nicht mehr auf der Suche ist. Stand zu Beginn noch die Minimal Music von Steve Reich Pate, hat er vor dem neuen Album wenig andere Musik gehört. Vogel immerhin hat nach Wegen gesucht, die Flächen von Elektronikmusikern wie Floating Points oder Tim Hecker zu nutzen.

„Jetzt, wo wir unsere Beats im Club ausprobieren wollten, fehlt das Austesten“, sagt Sarp. Doch zumindest hier im Prinzregenttheater lassen sich mal Sound und Fläche wieder zusammenbringen, das erste Mal seit gefühlten Ewigkeiten. In zweieinhalb Stunden werden Vogel, Sarp und Vester so weit sein, dass sie die neuen Stücke für die Bühne einstudieren können. Laute Beats erfüllen den Raum, Fingerübungen an der Klaviertastatur und am Laptop. Mit dem Midi-Controller steuert Vogel die Effekt-Geräte, mit einem Modular-Reck lassen sich digitale Sounds manuell erzeugen. Vom Laptop aus bedient er die Rhythmushämmerchen. Wegen der größeren Soundvielfalt sind inzwischen mehr Arrangements auf dem Computer gespeichert, was ihnen etwas die Freiheit nimmt, aber klanglich interessant ist.

Die Gerätschaften sind aufgebaut, alle Aufbauten am Klavier erledigt. Danach geht es viel um Sounds auf dem Mischpult, Sarp spielt als Lockerungsübung „Take Five“ von Dave Brubeck. Kurz nach vier Uhr dann der andächtige Moment: Sarp sitzt in sich gekehrt auf dem Klavierhocker, Vogel wippt dezent mit dem Fuß. Eine Band auf der Bühne, erstmals sind ihre orgelartigen Sounds zu hören, die „All The Unknown“ ein etwas anderes Gewand verpassen. Musik, die durchaus im Club funktionieren könnte – ohne Gesang, nur verfremdete Klänge aus einem Flügel. Sarp spielt Klavier mit der Hand auf den Saiten, sein rechter Fuß schlägt Achtel, Vogels wippt in Vierteln.

Als sie den Titelsong des neuen Albums einstudieren, beginnt Vogel regelrecht vor seinen Apparaturen zu tanzen. Der majestätische Charakter des Tracks knüpft an frühere Aufnahmen an. Obwohl die Beats wuchtiger sind, gibt es unter dem Viervierteltakt weiterhin interessante polyrhythmische Strukturen. Mit weiteren Filmmusiken oder auch mit Gesangs-Kooperationen glauben die Musiker, noch viel ausreizen zu können. Die Distanz von Berlin nach Zürich jedenfalls sehen Sarp und Vogel als kein Problem an. Wenn man denn irgendwann wieder reisen und auftreten kann und es nicht nur ein Probentag in einem Bochumer Theater ist, der ein bisschen an die Magie erinnert, die Musik auf einer Bühne bewirken kann.

Quelle: F.A.Z.
Philipp Krohn  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Philipp Krohn
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.
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