<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
„F.A.Z.-Leser helfen“

Mama Maria und ihre Kinder, die keine Kindheit hatten

Von Marie Lisa Kehler
 - 12:29

Maria Losynska hat die Welt gesehen. Sie ist viel gereist, hat mit ihrem Mann sechs Jahre in Portugal gelebt, als Ökonomin gut verdient. Eigentlich müsste sie nicht mehr arbeiten. Eigentlich hat sie das Rentenalter schon so gut wie erreicht. Aber Maria hat sich für ein anderes Leben entschieden. Bescheidener als zuvor. Und arbeitsreicher. Feierabend gibt es für sie nicht. Tag und Nacht ist sie für sechs Kinder da, die sie wie ihre eigenen angenommen hat. Maria arbeitet als soziale Mutter für den Verein „Our Kids“, der sich in Kiew um vernachlässigte Kinder kümmert. In diesem Jahr sammelt diese Zeitung im Rahmen der Spendenaktion „F.A.Z.-Leser helfen“ für den Verein, der seinen Verwaltungssitz in Frankfurt hat.

Maria ist eine kleine Frau. Jedes einzelne ihrer Lebensjahre ist ihr im Gesicht anzusehen. Sie hat weiche Augen, umspielt von Falten, die immer dann zu tanzen beginnen, wenn sie lächelt. Und Maria lächelt oft. Die 61 Jahre alte Frau strahlt eine innere Ruhe aus, die beruhigend wirkt. Mit Maria an der Seite, so scheint es, kann nichts schiefgehen. Sechs Kinder leben derzeit in ihrer Pflegefamilie. Einige bereits seit zehn Jahren, andere erst seit wenigen Monaten.

Die Wohnung ist in die Jahre gekommen. Nur noch zwei Herdplatten funktionieren, Wasser gibt es nur im Badezimmer, die Spülmaschine ist schon seit Jahren außer Betrieb. Es fehlt an Geld. Und manchmal, sagt Maria, fehle ein Mann im Haus. Ihr Wladislaw ist vor einem Jahr verstorben. Sein Stuhl bleibt leer. Alle in der Familie haben getrauert. Manche der Kinder still, andere voller Wut. Wieder wurden sie verlassen. Wieder hat ein Erwachsener sich einfach aus ihrem Leben geschlichen.

Es fällt Maria schwer, den Kindern Halt zu geben und gleichzeitig den eigenen Verlust zu verarbeiten. Maria versucht ihre Tränen zu verstecken. Für Traurigkeit, sagt sie, fehle ihr die Zeit. Sie müsse weitermachen. Für die Kinder, aber auch für ihren Mann. Das habe sie ihm vor seinem Tod versprochen.

Und so steht sie seit einem Jahr jeden Morgen allein um sechs Uhr auf, weckt die Kinder, behält die Uhr im Blick. Sie ermahnt zur Eile, wenn eines der Mädchen im Bad trödelt, hilft beim Flechten der Haare, beim Packen der Schultaschen, beim Zubereiten des Frühstücks. Heute gibt es Haferbrei und Tee. „Das ist gut für die Kinder“, sagt Maria. Gegessen wird schweigend.

Fünf Mädchen im Alter zwischen zwölf und 15 Jahren leben in der Wohnung, außerdem ein 17 Jahre alter Junge. Sie alle haben in dem Kinderheim ein neues Zuhause gefunden und leben doch so, als seien sie auf Durchreise. Ihre Zimmer wirken nahezu unbewohnt. Für persönliche Gegenstände fehlen Platz und Geld. Dabei leben die meisten von ihnen schon seit ihrer frühesten Kindheit bei Maria. Die Trauer um Vater Wladislaw ließ sie noch ein bisschen enger zusammenrücken. Mehr denn je wurde aus der Schicksalsgemeinschaft im vergangenen Jahr so etwas wie eine echte Familie. Neuankömmlinge haben es seither schwer. Für sie ist Wladislaw ein Fremder. Einer, der von einem der vielen Fotos an der Wand herablächelt. Nur brennt vor seinem Bild eine Kerze.

Der Alltagstrott war es, der die Schicksalsgemeinschaft in der Phase der akuten Trauer rettete. Jeder kannte seine Aufgaben, seine Pflichten, seinen Platz. Ihre Teller räumen die Kinder selbst ab. Alles wirkt eingespielt – wie ein gut funktionierendes Uhrwerk. Das war nicht immer so, erinnert sich Maria. Viele der Kinder mussten bei ihrer Ankunft Selbstverständlichkeiten erst lernen. Hände waschen, Zähne putzen, Haare kämmen.

Maria glaubte zu wissen, worauf sie und ihr Mann sich einlassen würden, als sie sich vor mehr als zehn Jahren dazu entschieden, sich bei Our Kids als Pflegefamilie zu bewerben. Der Verein hatte sich gerade erst neu gegründet, Maria und Wladislaw waren die ersten Pflegeeltern, die das aufwendige psychologische Testverfahren bestanden und mit Sack und Pack auf das Gelände zogen. Weitere Paare folgten – viele haben in der Zwischenzeit aufgegeben, Maria und Wladislaw blieben. Auch als sie im ersten Jahr feststellen mussten, dass die Realität anders aussah als gedacht. Härter. Erbarmungsloser. Unvorstellbarer. Das Paar nahm Kinder bei sich auf, die bis zu diesem Zeitpunkt keine Kindheit gehabt hatten. Die keine Umarmung, kein Spielzeug, wohl aber Prügel, Hunger und Todesangst kannten. Maria fragt nie von sich aus, was ihre Schützlinge erlebt hatten. „Irgendwann reden sie“, sagt sie. Manche nach ein paar Monaten, andere im Schlaf. Dann, wenn sich die Vergangenheit in ihre Träume schleicht.

Kinder aus Familien, in denen Drogen, Alkohol, sexueller Missbrauch und Gewalt zur Tagesordnung gehörten, hat Maria schon viele aufgenommen. Auf solche Schicksale habe sie sich vorbereitet. Neu sei für sie der Umgang mit Kindern, die aus dem ukrainischen Kriegsgebiet ins Heim kommen. Kinder, die häufig aus intakten Familien stammen, die Ziele hatten, ein geregeltes Leben kannten – bis der Krieg ihnen die Kindheit, das Zuhause, manchmal die Familie nahm. Marias Augen füllen sich mit Tränen. Ihr Cousin, ein Arzt, sei vor einigen Monaten in dem umkämpften Gebiet im Osten der Ukraine ums Leben gekommen. „Eine Mine“, sagt Maria. „In der Ukraine herrscht Krieg, und niemand spricht darüber.“

Auch Maria will nicht mehr über das reden, was sie traurig macht. Nicht über den Tod ihres Mannes, nicht über die Gründe, wieso die Kinder im Heim gelandet sind, und erst recht nicht über den Krieg. Sie will lieber mit der Arbeit beginnen – und davon gibt es in dem Haushalt mehr als genug. Es muss aufgeräumt und geputzt werden. Manchmal müsse sie auch neue Kleidung für die Kinder kaufen. „Sie wachsen ständig“, sagt Maria. Neue Jacken, Hosen, Schuhe – irgendetwas fehlt immer.

Hundert Euro bekommt Our Kids von der Stadt Kiew im Monat für jedes Kind. Das soll für die Essensversorgung, Kleidung und Schulsachen reichen. Es reicht oft nicht. Der Verein hilft aus, um den Kindern auch kleine Ausflüge, Sportkurse, den Besuch beim Psychologen oder Musikunterricht zu ermöglichen. Es soll ihnen an nichts fehlen. Eine echte Familie ersetzen kann das Geld nicht.

Auf Marias Programm steht an diesem Tag Wäsche waschen. „Berge von Wäsche“, wie sie sagt. Und Essen kochen. „Berge von Essen. “ Eine Erzieherin unterstützt sie nachmittags bei der Arbeit. Sie hilft Maria, den Alltag zu meistern, ist für die Kinder und Jugendlichen da, wenn sie aus der Schule kommen, vertritt Maria, wenn sie mal einen Tag frei hat.

An diesem Tag gibt es Borschtsch. Die Einundsechzigjährige schält Möhren, reibt Rote Bete, kocht Kohl und kommt ins Plaudern. Sie erzählt von ihren eigenen zwei Kindern, die ein eigenes Leben führen, davon, wie sie sich gemeinsam mit ihrem Mann für ein Leben als Pflegeeltern entschied. Sie erzählt vom Kampf in ihrem Herzen, wenn eines der Kinder nach Jahren die Pflegefamilie wieder verlässt – entweder weil eine Adoptivfamilie gefunden wurde, die leiblichen Eltern das Sorgerecht zurückerhalten haben oder die Jugendlichen mit 18 Jahren das Heim verlassen müssen. Es sei eine Mischung aus Freude für die Kinder und Sorge um die Kinder, sagt Maria.

Sie weiß, dass sich ihre große Familie, die eigentlich keine ist, seit dem Tod ihres Mannes in einer schweren Phase befindet. „Umbruch“ nennt das Maria. Oder „Aufbruch“. So ganz hat sie sich noch nicht entschieden. Der Vater fehlt, zwei Mädchen, die seit dem Kleinkindalter in der Familie leben, sollen jetzt, im Teenageralter, adoptiert werden, ein weiteres Kind ist erst vor wenigen Monaten eingezogen. Eine turbulente Zeit, das so gut funktionierende Uhrwerk ist ins Stocken geraten. Maria lächelt trotzdem, die Falten tanzen. „Aufgeben“, sagt sie, „kommt niemals in Frage. Das hätte mir mein Mann nicht verziehen.“

Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“

Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“ Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und die Frankfurter Allgemeine/Rhein-Main-Zeitung bitten um Spenden für ein Projekt, bei dem Jugendliche durch die Arche Frankfurt-Nordweststadt auf dem Weg ins Erwachsenen- und Berufsleben unterstützt werden, und zugunsten eines Kinderheims in der Ukraine, das vernachlässigte, wohnungslose und missbrauchte Kinder aufnimmt. Spenden für das Projekt „F.A.Z.- Leser helfen“ bitte auf die Konten: - Bei der Frankfurter Volksbank IBAN: DE94 5019 0000 0000 1157 11 - Bei der Frankfurter Sparkasse IBAN: DE43 5005 0201 0000 9780 00 Die Namen der Spender werden in der Zeitung veröffentlicht. Selbstverständlich wird auch der Wunsch respektiert, auf eine Namensnennung zu verzichten. Spenden können steuerlich abgesetzt werden. Sofern die vollständige Adresse angegeben ist, kann eine Spendenquittung zugeschickt werden. Weitere Informationen zur Spendenaktion im Internet unter der Adresse www.faz-leser-helfen.de.
Quelle: F.A.Z.
Marie Lisa Kehler
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenKindheitKiew