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Mangelhafte Inklusion

Weil das einfach nicht vorgesehen ist

Von Katrin Hummel
 - 14:10
Gebraucht werden ein aufopferungsbereite Mutter und ein starker Willen: Sabrina Vielmayer in den Weinbergen.

Sabrina Vielmayer, 25, ist eine schmale junge Frau mit hübschem Gesicht. Ihre Arme und Beine sind so dünn, dass man meinen könnte, sie sei schwer magersüchtig. Aber das ist sie nicht. Sabrina, die eigentlich anders heißt, leidet an spinaler Muskelatrophie. Einer Krankheit, bei der Impulse aus dem Rückenmark nicht an die Muskeln weitergeleitet werden. Die Folge ist, dass Sabrina kaum Muskeln hat und weder stehen noch laufen und ihre Arme zwar bewegen, aber fast nichts mit den Händen halten kann.

Auf dem Computer schreiben kann sie jedoch gut, und nicht nur das: Sie hat einen Master in Betriebswirtschaft, Note 2,5, Auslandssemester inklusive, und einen unbändigen Willen zu arbeiten. Was sie lange nicht hatte, war: ein Job. Sabrina kann eine unfassbare Geschichte darüber erzählen, wie schwer es ist, als körperlich behinderter Mensch in den ersten Arbeitsmarkt zu streben. Und wie viel Glück man braucht, bis am Ende doch noch alles gut wird.

Los geht die Geschichte schon nach dem Kindergarten, als sie sechs ist. Da weigert sich das Landratsamt, die Kosten zu übernehmen, die entstehen würden, wenn Sabrina auf eine normale Grundschule gehen würde. Sie bräuchte dazu einen Assistenten, der ihr die Trinkflasche anreichen, die Bücher und Hefte aus ihrer Schultasche holen und ihr das Pausenbrot geben müsste. Sabrina, so das Landratsamt, müsse deshalb auf eine Sonderschule gehen oder in ein Behinderteninternat.

Falsches Denken bei den Ämtern

Der Rektor der Regelgrundschule, auf die Sabrina gehen will, und ihre Erzieherin aus dem Kindergarten engagieren sich indes für das Mädchen. Sie tun sich zusammen und finden heraus, dass sie Anspruch auf einen Zivildienstleistenden hat. Ruth Vielmayer, Sabrinas Mutter, die von Hartz IV lebt, erklärt sich bereit, in den großen Pausen vorbeizukommen und ihre Tochter auf die Toilette zu begleiten. Der Rektor und die Erzieherin erklären dem Amt, dass dies alles viel billiger sei als das Behinderteninternat. Erst da lenkt die Behörde ein. „Vieles, was ich erreicht habe, war, weil mir die richtigen Menschen zur richtigen Zeit am richtigen Ort geholfen haben“, sagt Sabrina. „Die Mitarbeiter in den Ämtern dagegen denken nicht wirtschaftlich, sondern überlegen immer nur, ob ihnen was mehr Arbeit macht als normal.“

Am Ende der vierten Grundschulklasse erhält Sabrina eine Hauptschulempfehlung. Weil sie in den Wochen zuvor sehr oft krank gewesen ist. Gemeinsam mit ihrem Zivildienstleistenden geht sie ohne Wissen ihrer Mutter zum Grundschulrektor und sagt: „Ich will einen Test machen, um mich für das Gymnasium zu qualifizieren“ – ein in Baden-Württemberg, wo sie lebt, üblicher Weg, um die Empfehlung der Grundschule zu umgehen. Sie macht den Test, bekommt eine Gymnasialempfehlung, entscheidet sich aber für die Realschule, weil sie nicht weiß, ob ihr Körper ihr nicht wieder einen Strich durch die Rechnung machen wird.

Erst Stiftungen ermöglichen das Gymnasium

Doch alles geht gut, die mittlere Reife macht sie mit einem Durchschnitt von 2,2, danach will sie aufs Gymnasium wechseln. Doch gibt es kein barrierefreies in ihrer Nähe, außer einem privaten, das Schulgeld erhebt. Doch wovon soll sie das bezahlen? Vom Hartz IV der Mutter? Vom Pflegegeld? Vom Kindergeld?

Ruth Vielmayer schreibt 63 Stiftungen in ganz Deutschland an, sechzehn zahlen, zusammen so viel, dass sie das Schulgeld auftreiben können. Nach wie vor hat Sabrina einen Zivildienstleistenden, und weiterhin fährt die Mutter sie in die Schule und kommt in den Pausen, um ihr auf die Toilette zu helfen. „Wenn ich morgen sterben würde, würde das nicht mehr funktionieren“, sagt die Mutter damals. Denn Zivildienstleistende sind nicht für die Körperpflege zuständig und somit auch nicht für den Toilettengang. Dafür müsste jemand von einem Pflegedienst kommen. Kosten laut Pflegetarif: 1200 Euro im Monat.

Das Abitur macht Sabrina mit einem Schnitt von 2,4. Dann will sie studieren. Sie schreibt acht Bewerbungen und bekommt Zusagen von sieben Universitäten. So weit, so gut. Doch dann geht der Behördenkrieg wieder los. „Warum will Ihre Tochter überhaupt studieren?“, will die Sachbearbeiterin im Jobcenter wissen, bevor sie beschließt, Ruth Vielmayer das Wohngeld zu streichen. Denn unter der Woche ist Ruth Vielmayer nun in Studentenwohnheim bei Sabrina in Konstanz, etwa 200 Kilometer von ihrem Wohnort entfernt. „Aber wenn die Eltern von gesunden Studenten Hartz IV beziehen, nimmt man deren Eltern doch auch nicht das Wohngeld weg“, sagt Sabrina. „Und außerdem hätten wir dann ja auch unsere Möbel einlagern müssen – wer hätte das bezahlt?“

Ruth Vielmayer ruft in ihrer Verzweiflung den Behindertenbeauftragten des Landtags an. Der sagt: „Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, damit Sie Ihre Wohnung behalten können.“ Und er hat Erfolg. Fortan bewohnen Mutter und Tochter die beiden Zimmer im Studentenwohnheim in Konstanz, die sie von Sabrinas Bafög bezahlen. Zum Leben bleibt ihnen das Pflegegeld in Höhe von 430 Euro und das Hartz IV der Mutter. Mit dem Wohngeld, das nun doch nicht gestrichen wird, zahlen sie die Miete für ihre kleine Wohnung im Schwäbischen. Trotzdem sind Mutter und Tochter enttäuscht von den Behörden. „Ich habe noch nie von einer Behörde gehört: Wir sind für Sie da und tun, was uns möglich ist“, sagt Sabrina.

Die Tage an der Uni verbringt Sabrina nun mit Hilfe eines Stabs von fünf jungen Menschen, die ein Freiwilliges Soziales Jahr machen und sie abwechselnd unterstützen. Doch auch von anderer Seite erfährt sie viel Unterstützung, sie erlebt Professoren und Studenten als sehr offen. „Alle haben sich über eine Studentin im Rollstuhl gefreut. Und ich habe viel Bewunderung bekommen, auch von den Professoren“, erzählt sie.

Keine staatlichen Beiträge für die Mutter – trotz Pflege

Für Ruth Vielmayer bedeutet dies, dass sie Sabrina Stück für Stück loslassen muss, weil die immer selbständiger wird. Das ist schwer. „Als Sabrina klein war, habe ich alles entschieden. Und nun hatte ich Angst. Ich fürchtete, dass jemand ihr wehtut oder sonst irgendwas Schlimmes passiert. Aber ich musste es akzeptieren“, sagt sie rückblickend. Wenn Sabrina nicht an der Uni ist, hilft ihr die Mutter aber nach wie vor: Körperpflege, kochen, einkaufen, putzen.

Nach den Bachelor möchte Sabrina ein Auslandssemester im irischen Cork einlegen. Nun streicht das Jobcenter endgültig alle Leistungen für ihre Mutter, die natürlich wieder an Sabrinas Seite ist. Nicht mal die Beiträge für Krankenkasse und Pflegekasse übernimmt das Amt noch. Diesmal springt der Deutsche Akademische Auslandsdienst ein. „Denen war es wurscht, ob meine Mutter mich pflegt und unterstützt oder ein staatlicher Pflegedienst“, sagt Sabrina. Den Master-Abschluss mit Schwerpunkt Personalmanagement und Personalentwicklung macht sie schließlich in Bamberg, sie möchte als Personalreferentin arbeiten, aber auch Controlling oder Marketing kann sie sich vorstellen.

Schwierigkeiten bei der Jobsuche

Fast ein Jahr später hat sie mehr als hundert Bewerbungen geschrieben. „Die freie Wirtschaft sagt immer gleich ab, und der öffentliche Dienst lädt mich ein und sagt danach ab“, fasst Sabrina die Reaktionen zusammen. Die Absagen lauten immer gleich: Nach Beratung mit der Behindertenbeauftragten haben wir uns für einen anderen Bewerber entschieden. „Ich weiß halt nie, was der wirkliche Grund ist.“ Sie glaubt, dass die Personaler aus Unsicherheit keine Fragen zu ihrer Behinderung stellen.

Anfang dieses Jahres bekommt sie schließlich eine Zusage für ein Praktikum in der Nähe von Pforzheim, in der Personalabteilung eines großen amerikanischen Konzerns, in dem ihre Tante seit vielen Jahren arbeitet. Dort schreibt sie Stellenanzeigen und übersetzt sie ins Englische, sie erarbeitet Stellenprofile, wertet Mitarbeiterbefragungen aus, schreibt Einladungen zu Vorstellungsgesprächen und auch Absagen. Eine Stelle bietet man ihr nach den zweieinhalb Monaten nicht an, obwohl sie gern geblieben wäre, um Berufserfahrung zu sammeln. „Es war keine Stelle frei, und die Personalleiterin hat mir gesagt, ich sei überqualifiziert, weil die Abteilung sehr klein und sehr operativ war und man wenig konzeptuell arbeiten konnte“, sagt Sabrina.

Dass ihre Behinderung die Ursache für das ausbleibende Stellenangebot gewesen sein könnte, hält sie für ausgeschlossen. „Ich bin in dem Bereich genauso leistungsfähig wie jeder nichtbehinderte Mitarbeiter auch, und ich kann 38,5 Wochenstunden arbeiten und bin so gut wie nie krank.“ Und für Tätigkeiten, die sie anstrengen, gebe es Hilfsmittel, die sie bereits besitzt und mit zur Arbeit bringen kann: Headset, Spezialmaus, elektronischen Locher und Tacker, flache Tastatur.

Die Angst der Unternehmer vor Fragen nach der Krankheit

Sie glaubt, dass die Entscheider in den Unternehmen nicht genug über ihre Krankheit wissen und deswegen davor zurückschrecken, sie einzustellen. „Die sehen mich und machen dann mental zu“, vermutet sie. Nie werde sie in Vorstellungsgesprächen zu ihrer Behinderung befragt, es gehe nur um Stärken und Schwächen, so als sitze sie gar nicht im Rollstuhl. Und wenn sie dann von sich aus frage, ob nicht jemand noch was über ihre Behinderung wissen wolle, dann fühlten sich manche Personaler sogar ein bisschen angegriffen. „Aber die müssten doch eigentlich viele Fragen haben, und wenn sie die nicht stellen, bleibt eine Unsicherheit“, sagt Sabrina. Was vielleicht auch nicht alle wissen: Wenn sie Sabrina einstellen, bekommen sie hohe Zuschüsse von der Agentur für Arbeit.

Ansonsten kann die ihr aber auch nicht helfen. „Die schicken mir immer nur Stellenanzeigen, die bereits online sind, das ist keine Hilfe, die sehe ich selbst“, sagt Sabrina. Die Mutter hat die Sachbearbeiterin von der Agentur für Arbeit gefragt: „Wie viele behinderte Akademiker betreuen Sie?“ Ihre Tochter ist die einzige, wie immer. Und fällt so durch jedes Raster. Denn um im Rollstuhl und mit dieser Krankheit so weit zu kommen wie Sabrina, braucht man nicht nur eine festen Willen und einen scharfen Verstand, sondern auch eine Mutter wie Ruth Vielmayer, die voll hinter ihrer Tochter steht. Eine seltene Kombination, so exotisch, dass der Gesetzgeber darauf nicht reagiert hat.

„Das Problem“, sagt Sabrina, „ist, dass es keine Regel gibt, wie eine pflegerische Tätigkeit während der Arbeitszeit finanziert werden soll. Ob die Pflegekasse oder das Sozialamt oder die Agentur für Arbeit die bezahlen soll. Weil das einfach nicht vorgesehen ist, dass Menschen wie ich auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß fassen. Das gesamte Pflegegesetz gilt nur für Leute, die nicht berufstätig sind.“ Während sie das Praktikum gemacht hat, ist nach wie vor zweimal am Tag ihre Mutter vorbeigekommen, um ihr beim Toilettengang zu helfen. Doch Sabrina gibt die Hoffnung nicht auf, „dass jemand mal so mutig ist, mir eine Chance zu geben“.

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Und dann, nach dem 18. Vorstellungsgespräch und der 17. Absage, bekommt sie plötzlich eine Mail von einem Mann, der sie während ihrer Schulzeit als Zivildienstleistender unterstützt hat und mit dem sie immer noch in Kontakt ist. Er weiß von ihrer Jobsuche und hat einen Kontakt in eine Firma hergestellt, in der er jemanden kennt. Sabrina führt ein Gespräch mit diesem Mitarbeiter, „der war sehr ergriffen danach“, erzählt sie. Dann lädt der Geschäftsführer sie zu einem Vorstellungsgespräch ein und fragt direkt drauflos: Was ist das für eine Behinderung? Welche Einschränkungen hat Sabrina genau? Was traut sie sich zu, was nicht? Wie organisiert sie sich die nötige Hilfe?

Vier Tage später unterschreibt sie ihren ersten Arbeitsvertrag. Befristet auf ein Jahr. Ein riesiger Stein fällt ihr vom Herzen. Alles ist so aufregend. Sie muss umziehen, sucht ab 1. August eine Wohnung in Oberndorf am Neckar. Ruth Vielmayer kommt fürs erste wieder mit. Auf Dauer will Sabrina aber jemanden privat engagieren und bezahlen, der die Mutter entlasten wird. Damit die nicht immer bereitstehen muss.

Sie kann nun dem Staat endlich etwas zurückgeben in Form von Steuern und Sozialabgaben. Und muss ihm nicht mehr auf der Tasche liegen. Sie wird ein selbstbestimmtes Leben führen, ihre Mutter auch. Sie wird frei sein und ihre Behinderung nur noch eine Fußnote.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Hummel Katrin
Katrin Hummel
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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