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Krebsspezialist Sehouli

Unsere Medizin braucht mehr Gefühl

Von Julia Schaaf
 - 14:36

„Ich bin Marrakesch“, schreibt Jalid Sehouli in einem seiner beiden Bücher, die morgen erscheinen, und wenn man nach einem langen Tag bei Sehouli im Krankenhaus wissen will, was dieser merkwürdige Satz bedeuten soll, antwortet der Professor mit einem feinen, amüsierten Lachen.

Auf den taubenblauen Linoleumfußböden der Charité ist es still geworden. Erst in der Nacht ist der Leiter der Frauenklinik von einer Reise ins Ausland zurückgekommen, am nächsten Tag geht es nach Düsseldorf. Eine neue Studie hier, Beratungen über Arzneimittelzulassungen dort. Die Sekretärin klagt, die Zahl der Projekte ihres Professors steige seit Jahren an. Vormittags hat der Neunundvierzigjährige die entscheidenden drei Stunden einer langwierigen Bauchoperation übernommen. Nachmittags saßen nacheinander drei Patientinnen in seinem Büro. Krebs. Krebs. Krebs.

Zwischendrin hat Sehouli für Fotos posiert, erst am Operationstisch, dann bei seinem türkischen Friseur im Wedding, unweit der Klinik, wo er aufgewachsen ist. Jetzt noch ein Gespräch mit einer Frau, die landauf, landab Selbsthilfegruppen für Eierstockkrebspatientinnen gründet, weil sie aus eigener Erfahrung weiß, wie groß die Panik der Betroffenen angesichts dieser meist tödlichen Diagnose ist. Jalid Sehouli, sagt die Aktivistin, gehöre zu den wenigen Ärzten, die das verstünden. Und dass es mehr Aufklärung brauche, mehr Psychoonkologie, mehr Sterbebegleitung. „Da ist er supergut“, sagt sie. „Offen. Ein Querdenker.“

Draußen ist es längst dunkel, als der Chefarzt seinen weißen Kittel über eine Stuhllehne wirft. „Marrakesch ist ein Mysterium“, antwortet er dann.

Ein Mann, der alle Schubladen sprengt

Nun ist Jalid Sehouli kein Mysterium. Aber dieser Mann sprengt die Schubladen, in die man Chefärzte oder Bildungsaufsteiger mit Migrationshintergrund für gewöhnlich gern sortiert. Ein habilitierter Mediziner, der sich die Gastfreundschaft einer marokkanischen Stadt zum Vorbild nimmt und deshalb auch im Krankenhaus seine Patienten mit den Worten „Herzlich willkommen“ begrüßt. Einer, der nicht um seine Seriosität als Wissenschaftler fürchtet, wenn er sich in einem Buch „über mich und mein Herz und meine Seele“ auslässt. Zudem behauptet Sehouli, dass seine Arztbriefe besser geworden seien, seit er sich auch als Schriftsteller betrachte, weil es ihm beim Schreiben nicht mehr nur um Information und Absicherung gehe, sondern um Wertschätzung und Dialog: Warum, fragt Sehouli, lese man nie, „wir sind sehr traurig, dass unsere Patientin gestorben ist“? Warum formuliere niemand seine Freude darüber, dass eine komplizierte Operation erfolgreich verlaufen sei?

Sehouli plädiert für eine Medizin, in der Gefühle, Persönlichkeit, Beziehungen eine Rolle spielen. Als Professor und Klinikdirektor, als Leiter des Europäischen Kompetenzzentrums für Eierstockkrebs kann er sich das erlauben. Der gebürtige Berliner trägt das Selbstbewusstsein des erfolgreichen Arztes vor sich her, er redet viel und durchaus gerne von sich selbst, seine medizinische Qualifikation steht außer Frage. Interessant ist deshalb, wie sich sein Ruf nach mehr Empathie und Menschlichkeit im Krankenhaus begründet, und seine grundverschiedenen Bücher, die jetzt zufällig zeitgleich in den Handel kommen, geben darauf zwei Antworten: Zum einen liegt es am Fachgebiet. Zum anderen hat es mit seiner Herkunft und Biographie zu tun.

Eierstockkrebs ist eine harte Diagnose. „Das ist eine Sache, die ist unheilbar“ – solche Sätze sagt Sehouli gefühlte 20Mal am Tag. Weil der Tumor lange keine Symptome macht, wird er oft erst diagnostiziert, wenn er schon gestreut hat. Knapp 8000 Frauen im Jahr erkranken, drei von vier Patientinnen sterben. Trotzdem strahlt der Arzt Optimismus aus. „Ich sehe den Tod nicht als Niederlage“, sagt er. Und dass er trotz des Zeitdrucks im Krankenhausalltag immer versuche, etwas über das Leben seiner Patientinnen herauszufinden, über ihre große Liebe, ihre Leidenschaften, über das, was ihnen Kraft gebe. „Ich interessiere mich ja für Menschen, nicht nur für Krebs“, sagt er. Wenn dann eine Patientin sterbe, die er lange begleitet habe, wisse er, welche Erfüllung sie in ihrer letzten Lebenszeit gefunden habe: „Es war nicht alles umsonst“, ist Sehouli überzeugt.

Selbstvertrauen für die Gesundheitsstärkung

Sein erstes populärwissenschaftliches Buch „Von der Kunst, schlechte Nachrichten gut zu überbringen“ (Kösel Verlag, 20 Euro) kreist also gewissermaßen um eine Kernherausforderung seines Jobs. Er fordert darin mehr Kommunikationstrainings in der Aus- und Weiterbildung von Ärzten, wobei er davon ausgeht, dass die Beziehung zum Patienten „das maßgebliche Werkzeug jeglicher Intervention“ sei. Ärzte sollten öfter schweigen im Gespräch, um ihrem Gegenüber Raum zu geben, und auch gute Nachrichten, erfreuliche Befunde müssten zelebriert werden: „Für die Gesundheitsstärkung brauchen Sie Selbstvertrauen“, sagt Jalid Sehouli. „Das habe ich ja gelernt bei meinem Überfall.“

Dann erzählt er eine Geschichte, die für ihn typisch, seine Botschaft und Expertise mit persönlicher Erfahrung verknüpft. Der Arzt zeigt auf eine längliche Kerbe in der Bürotapete direkt neben der Tür. Ein Montag im Jahr 2011, Sehouli kommt nach einer achtstündigen Operation in sein Büro, als zwei Männer mit Baseballschlägern den Raum betreten und auf ihn eindreschen. Die Kollegen, die gerade bei der Übergabe sind, denken, sie hörten Schreie aus dem Kreißsaal. Kopfverletzungen, drei gebrochene Finger. Die Täter werden nie gefasst. Der Arzt vermutet, dass die Schläger ihn für den Tod einer Patientin bestrafen sollten, „manche Menschen scheinen falsche Erwartungen an die Medizin zu haben“, sagt er. Nach dem Überfall schließt er eine Zeitlang seine Bürotür ab und trägt Reizgasspray bei sich. Dann merkt er, wie er sich damit selbst um seine Freiheit bringt. Er rüstet ab und denkt über die Kunst des Vertrauens nach. Und er sagt, dass er viel geschrieben habe, für sich selbst, um das Geschehen zu verarbeiten.

Damit wäre man bei „Marrakesch“ (Be.bra Verlag, 20 Euro), dem zweiten Sehouli-Buch in diesen Tagen, das der Arzt zunächst vor allem verfasst hat, um die eigenen Gedanken zu sortieren. „Ein Selbstfindungsbuch“, sagt er, entstanden schon vor Jahren, als seine erste Ehe zerbrach. Aber es handelt sich keineswegs um den erwartbaren Bericht eines erwachsen gewordenen Kindes aus dem Wedding, das sich auf die Suche nach der Heimat seiner Eltern macht, nachdem es sich in den Jahren seines beruflichen Aufstiegs zunächst wenig um seine Herkunft geschert hatte. Sehouli schreibt zwar über Wurzeln, über Sehnsucht, über Fremdheit, über Gott. Die Migrationsthematik jedoch ist dabei nur eine Facette. Vielmehr ist dem Arzt nicht nur eine Liebeserklärung an Marrakesch, sondern ein berührendes kleines Buch über universale Fragen gelungen, eine Reise zu innerem Frieden, eine Art literarische Meditation.

Fußball als Wendepunkt im Leben

An einer Wand in Sehoulis Büro hängt neben einer Reihe medizinischer Auszeichnungen sein gerahmtes Siebte-Klasse-Zeugnis, mit dem er vom Gymnasium flog: Englisch und Latein 5, Mathe und Deutsch 4. Seine Mutter war Analphabetin und arbeitete als Hilfskraft in dem Krankenhaus, in dem der Sohn heute Professor ist. Natürlich prägt es das Leben, wenn man 1968 in Berlin-Wedding als Kind marokkanischer Einwanderer geboren wird. Schon der Vorname „Jalid“ zeugt von dem gescheiterten Versuch eines Standesbeamten, einen unbekannten Rachenlaut in die deutsche Sprache zu übertragen. Auf dem Siebte-Klasse-Zeugnis steht „Khalid“, was dem Arabischen näherkommt, aber vor allem verrät, wie wenig die Lehrer sich für ihren vermeintlich schlechten Schüler interessierten. Als Wendepunkt in seinem Leben, als Trainingslager für seinen späteren Erfolg betrachtet Sehouli den Fußball. Auf dem Platz habe er nicht nur Teamfähigkeit und Disziplin gelernt, sondern auch Niederlagen einzustecken und Kränkungen auszuhalten.

„Das geht nicht“, „das macht doch alles keinen Sinn“: Solche Ansagen, sagt Sehouli, forderten ihn förmlich heraus. Der Junge aus dem Wedding, der Arzt werden wollte, war damit einfach zu oft konfrontiert. Auch deshalb, glaubt er, habe er sich auf ein scheinbar so hoffnungsloses Gebiet wie Eierstockkrebs spezialisiert. Schon im Studium galt er als Überflieger.

„Mich nervt es total, diese Muster zu bedienen“

Heute sagt der Arzt: „Couscous oder Streuselschnecke – das ist kein Widerspruch.“ Allein das Umfeld, die Gesellschaft nagele ihn immer wieder auf die Herkunft seiner Eltern fest, wenn ihn die Medien als einen vermeintlichen Diskriminierungs-Experten oder ein Integrationsvorbild brauchen – „mich nervt es total, diese Muster zu bedienen“ –, wenn ein Kollege sich mit einem „Schöne Weihnachten“ in die Feiertage verabschiedet und ein gut gemeintes, aber völlig deplaziertes „Ach so, Sie feiern ja gar nicht!“ hinterherschiebt.

Was hat ein Geschichtenerzähler aus Marokko mit einem Universitätsprofessor aus Berlin gemeinsam?, heißt es an einer Stelle in „Marrakesch“. Zwölf Stunden nach Schichtbeginn, kurz bevor er noch einmal auf Station nach seinen Patientinnen sehen will, sitzt Jalid Sehouli in seinem Büro und sagt: „Die Liebe zur Geschichte. Die Liebe zur Beschreibung.“ Und weil der Universitätsprofessor selbst die Erfahrung gemacht hat, wie gut das Aufschreiben von Geschichten der eigenen Seele tun kann, gibt es an der Frauenklinik der Charité inzwischen Workshops für Creative Writing.

Quelle: F.A.S.
Julia Schaaf
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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