Mary J. Blige im Interview

„Ich habe mir den Schmerz von der Seele geschrieben“

Von Patrick Heidmann
27.07.2021
, 10:45
Mit neun Grammys ausgezeichnet: Mary J. Blige, 1971 in New York geboren, ist eine der erfolgreichsten R&B-Sängerinnen. Sie arbeitet auch als Songwriterin und Schauspielerin.
Millionen verkaufte Tonträger, zahlreiche Nummer-eins-Hits und jetzt ein Dokumentarfilm: Die R&B-Sängerin Mary J. Blige spricht im Interview über Traumata, Erfolg und ihre Karriere als Musikerin und Schauspielerin.

Frau Blige, Anfang des Jahres sind Sie 50 Jahre alt geworden. War das der Anlass für Sie, einen Teil Ihres Lebens- und Karrierewegs auch in Form eines Dokumentarfilms festzuhalten?

Nein, und die Idee für den Film war auch nicht meine. Aber als ich gefragt wurde, ob ich mich 2019 anlässlich meiner Royalty Tour, mit der ich das 25-Jahr-Jubiläum meines Albums „My Life“ feierte, von einer Kamera begleiten lassen würde, war ich nicht abgeneigt. Ich habe mehr als mein halbes Leben lang meine Geschichten und Gefühle mittels meiner Songs mit den Fans geteilt. Und nun gefiel mir der Gedanke, ihnen etwas noch Greifbareres zu geben.

Sie sagen in „Mary J. Blige’s My Life“, dass Erfolg nichts bedeute, solange man sich nicht auch in seinem Herzen erfolgreich fühle. Wann war das bei Ihnen erstmals der Fall?

Das ist noch nicht so lange her. Ungefähr 2016 war es, dass ich endlich anfing, das Gefühl zu haben, den Erfolg wirklich verdient zu haben und genießen zu können. Mich selbst und das, wofür ich so hart gearbeitet habe, tatsächlich zu lieben, war mir vorher nie gelungen. Immer wieder habe ich versucht herauszufinden, was Glück eigentlich bedeutet. Die Befriedigung von Eitelkeiten? Materielle Dinge? Das Betäuben von Schmerz? Aber im Grunde hat es mein gesamtes bisheriges Leben gedauert, zu lernen und zu verinnerlichen, was ich wert bin. Und dass ich wirklich erfolgreich eben auch erst bin, wenn ich genießen kann, was ich erreicht habe.

Millionen verkaufter Tonträger und zahlreiche Nummer-eins-Hits, Fans auf der ganzen Welt und Schränke voller Designer-Outfits helfen nicht dabei?

Mich haben diese Dinge eher noch einsamer gemacht, weil niemand wirklich verstehen oder nachvollziehen konnte, was ich durchmache. Niemand konnte meine Unsicherheiten oder meinen Schmerz wirklich nachvollziehen. Stattdessen gab es Unverständnis, warum jemand in meiner Position nicht der glücklichste Mensch überhaupt ist. Doch was bringt es, gesagt zu bekommen, dass man wunderschön ist, wenn man die eigene Schönheit nicht sieht? Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe meine Fans immer geliebt. Sie haben mich immer unterstützt. Aber erst in dem Moment, in dem ich mich selbst feiern konnte, hat sich wirklich etwas verändert.

Und was brachte den Wendepunkt?

Einerseits kulminierte 2016 einfach eine lange Entwicklung des Dazulernens. Aber vor allem ging in diesem Jahr endlich meine furchtbare Ehe zu Ende. Die Scheidung war eine Befreiung, doch sie stürzte mich auch in ein Loch. Und das war so tief, dass mir klar wurde, dass ich da ohne Selbstliebe nicht herauskomme.

Ihr Leben ist geprägt von schwierigen Zeiten und traumatischen Erfahrungen, die von Armut über Missbrauch bis hin zu Drogen reichen. Waren Ihre Songs für Sie ein Weg, das zu verarbeiten?

Ganz genau. Ich habe versucht, mir den Schmerz von der Seele zu schreiben, alle meine Gedanken und Gefühle in Songs zu verwandeln. Das hat den Umgang damit für mich nicht immer leichter gemacht, aber es war das Einzige, was ich konnte. Dass sich davon dann auch andere Menschen angesprochen fühlten, war tatsächlich nur ein Nebeneffekt, der nicht unbedingt eingeplant war. Bis heute bin ich immer erstaunt, wenn mir Fans davon berichten, wie ich ihnen mit meiner Musik geholfen und sie womöglich sogar gerettet habe.

Es ist also nicht bloß ein Klischee, dass das Songschreiben therapeutische Wirkung hat?

Auf keinen Fall. Mir hat es immer geholfen, gewisse Dinge zumindest ein bisschen zu verarbeiten. Oder Gefühle wenigstens so weit in eine neue Form zu gießen, dass ich meine Seele davon befreien und so schließlich heilen konnte. Das Album „My Life“, das nun im Zentrum des Films steht, war damals zum Beispiel so etwas wie ein Brief, den ich an mich selbst schrieb.

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Andere Menschen, die ähnliche Erfahrungen machen, verhärten oder stumpfen ab. Aber Sie mussten stets dicht dran bleiben an Ihren Emotionen, um darüber singen zu können, oder?

Das heißt aber nicht, dass ich nicht auch sehr hart wurde. Es gab eine Zeit, da war ich sehr kalt, traute kaum jemandem und wollte nicht über mich sprechen, schon gar nicht in Interviews. Kurz gesagt: Ich mochte andere Menschen nicht wirklich. Doch irgendwann wurde mir klar, dass ich einem Beruf nachgehe, in dem ich andere Menschen brauche. Ich kann weder schweigen noch meine Gefühle unterdrücken, wenn ich weiter Sängerin sein will. Trotzdem kann ich auch heute noch hart sein, nämlich wenn jemand meine Freiheit beschränken will.

Wie meinen Sie das?

Ich lasse mir nichts vorschreiben, von niemandem in meinem Leben. Ich setze klare Grenzen, sei es gegenüber den Menschen, mit denen ich arbeite, oder im Umgang mit den Medien. Nach all den Jahren, in denen ich mich fühlte, als sei ich eigentlich nur damit beschäftigt, um mein Überleben zu kämpfen, weiß ich heute endlich, wer die echte Mary ist. Ich weiß, was ich kann und was ich geleistet habe. Ich kenne jetzt meine Stärke und meinen Mut, deswegen lasse ich nicht mehr zu, dass daran irgendwer rüttelt. Weder irgendein Produzent im Plattenstudio noch eine Horde Paparazzi, die hinter mir her ist, kann mich noch verunsichern.

Musikalisch haben Sie eigentlich alles erreicht. Ist das der Grund dafür, dass Ihr letztes Album vier Jahre zurückliegt und Sie zuletzt verstärkt als Schauspielerin arbeiten?

So würde ich das nicht sagen, denn als Schauspielerin vor der Kamera stehe ich ja auch schon lange. Das hat sich recht früh ergeben, quasi als Erweiterung zu meiner Musikkarriere. Meine erste Rolle habe ich 1998 gespielt, in der „Jamie Foxx Show“. Und es folgten etliche weitere, von Serien wie „Ghost Whisperer“ oder „Strong Medicine“ bis hin zu Filmen wie „Prison Song“. Manchmal hatte ich mehr Zeit für solche Projekte, manchmal weniger. Und zuletzt gab es einfach so viele interessante Rollen, von „Mudbound“ bis „Power Book II: Ghost“, dass ausnahmsweise mal für die Musik weniger Raum blieb. Aber keine Sorge, neue Songs werden kommen.

Ist die Schauspielerei für Sie vielleicht auch deswegen reizvoll, weil Sie dabei nicht ganz so unmittelbar den eigenen Schmerz anzapfen müssen?

Das muss ich auch, wenn ich vor der Kamera stehe. Ich bin schließlich keine ausgebildete Schauspielerin, die irgendwelche Techniken beherrscht. Um glaubwürdig eine Figur verkörpern zu können, bleibt mir also nichts anderes übrig, als auf ganz reale Gefühle zurückzugreifen. Natürlich gibt es meistens ein wenig mehr Distanz zu meiner eigenen Biographie, aber im Grunde gehe ich für eine Rolle nicht viel anders vor, als wenn ich als Sängerin auf der Bühne stehe.

Quelle: F.A.Z.
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