Melissa McCarthy im Gespräch

„Bei meinen Eltern steht eine Pappfigur von mir“

08.07.2014
, 14:54
Der Erfolg von McCarthy im künstlichen und figurbewussten Hollywood ist ein Stück Magie
Seit „Brautalarm“ ist sie eine Komödien-Allzweckwaffe. Im Interview spricht Melissa McCarthy über die große Liebe, Phantasie und ihre dunkle Seite.
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In Hollywood wird nichts dem Zufall überlassen, Karrieren konzipiert, Körper mit Hilfe von Diäten und der Schönheitsindustrie modelliert. Trotzdem ereignen sich alle paar Jahre diese mysteriösen Systemfehler, deren Resultat ein freies Radikal ist, das die Norm der Celebrity-Maschinerie als eine Art Antithese sabotiert. Als die 1,57 Meter große Melissa McCarthy aus Plainfield, Illinois, 2011 mit dem Überraschungserfolg „Brautalarm“ ein Star wird, ist sie beinahe vierzig Jahre alt, verheiratete Mutter zweier Kinder, zwanzig Jahre im Geschäft und hat nicht nur ein paar Pfunde zu viel auf den Hüften.

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Melissa McCarthy hat keine „Kurven“, ist nicht „vollschlank“, sondern eindeutig stark übergewichtig und gerade deswegen auf völlig unorthodoxe Weise in ihrer Welt besonders – als permanente Provokation des Body-Mass-Index. Und doch gehen nach „Brautalarm“ nicht nur die Karrieren von Hauptdarstellerin Kristen Wiig oder Kollegin Rose Byrne durch die Decke, sondern auch die von McCarthy. Seither wird sie in Filmen wie „Voll abgezockt“ oder „Hangover 3“ als Komödien-Allzweckwaffe besetzt; in „Taffe Mädels“ hoffte sogar Sandra Bullock an ihrer Seite durch Synergieeffekt die Popularität vergangener Zeiten zu reanimieren.

McCarthys Leinwand-Präsenz ist mit den Wundermitteln durchwirkt, die vielen Veteranen im Dauerrampenlicht abhandenkommen: Empathie und Authentizität. Da treten ihre überschüssigen Pfunde dann magisch in den Hintergrund, und es bleibt eine enorm einnehmende Persönlichkeit, wie sie auch im Interview wieder beweist.

Vor der Kamera beweisen Sie oft bewundernswerten Mut zur Unattraktivität. Wie haben Sie gelernt loszulassen?

Ich lasse mich von den Kollegen inspirieren, die ich am komischsten finde, Teri Garr zum Beispiel. Am witzigsten wird es für mich immer dann, wenn Figuren wirklich jede Form von künstlich aufrechterhaltener Würde verloren haben und der Arsch sind – am Ende, am Boden, hilflos und peinlich. Wenn dieser Moment des Fremdschämens einsetzt und ich trotzdem lachen muss, das finde ich phantastisch. Ich liebe dieses Gefühl. Und trotzdem hat es nichts mit Schadenfreude oder Gemeinheit zu tun. Das sind nämlich zwei Dinge, die ich überhaupt nicht mag.

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Sie spielen diese Frauen auch in ihren peinlichsten Momenten immer noch mit Zärtlichkeit.

Weil ich immer denke, ich kenne diese Person. Das könnte sogar ich sein. Ich habe immer Mitgefühl. Und ich finde es so spannend, mich dieser Situation auszusetzen. Schon als ich mit der Schauspielerei anfing, dachte ich immer: Keine falsche Eitelkeit, gib alles und zwar ohne Rücksicht auf Verluste.

Melissa McCarthy, hier im Film „Tammy“, ist sich für keinen Schabernack zu schade
Melissa McCarthy, hier im Film „Tammy“, ist sich für keinen Schabernack zu schade Bild: AP

Hat es einen Suchtfaktor, Menschen zum Lachen zu bringen?

Unbedingt. Denn es ist die pure Freude. Ich muss gestehen, ich versuche sogar in Bars oder Restaurants Menschen zum Lachen zu bringen. Wildes Gelächter auszulösen, das ist, als ob ich es schaffe, diese Menschen für ein paar Sekunden ihren Verstand verlieren zu lassen. Ich mag den Sound von Gelächter. Mein Mann Ben und ich beobachten manchmal andere, fürchterlich ernste Paare, die kaum miteinander reden oder eine Miene verziehen. Für uns ist das so undenkbar, dass wir davon regelrecht fasziniert sind. Wir machen ständig merkwürdige Dinge. Es ist nicht so, als ob wir ständig im Spaß-Modus sind. Aber Humor macht das Leben glücklicher.

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Wann haben Sie diese Freude zum ersten Mal bewusst gespürt?

Zu Hause am Esstisch. Wenn mein Vater von der Arbeit zurückkam, haben wir zusammen zu Abend gegessen, und zwar jeden Tag. Mein Vater ist komisch und meine Mutter auch. Eigentlich ging es immer um Dinge, die sie am Tag erlebt hatten und die sie dann lustig erzählten. Das war immer meine schönste Zeit des Tages. Ich liebte es, die Geschichten zu hören. Irgendwann habe ich versucht, meine Familie zum Lachen zu bringen. Und das fühlte sich so gut an. Davon wollte ich mehr.

Sie haben das Drehbuch für Ihren neuesten Film „Tammy“ gemeinsam mit Ihrem Mann Ben Falcone geschrieben, der auch Regie geführt hat. Wie funktioniert das?

Oft überhaupt nicht. Unsere Kinder sind ja noch klein, und zu Hause haben wir keine ruhige Minute. Wir sind dann immer ins Auto geflüchtet. Normalerweise fährt Ben, und ich habe das Laptop auf den Knien und schreibe. „Tammy“ haben wir fast ausschließlich auf Parkplätzen oder auf der Straße geschrieben.

Ist Ihr Mann oder Sie komischer?

Er ist komischer und smarter. Denn er bringt mich mehr zum Lachen als irgendeine andere Person. Auch in dieser Beziehung passen wir optimal zusammen. Wir haben denselben Humor und lachen über denselben Schwachsinn.

Ihr Mann spielt in all Ihren Filmen kleine Rollen, und seltsamerweise haben sie in der Regel sehr eigenartige Liebesszenen.

Es fing damit an, dass wir diese Szenen zusammen gelesen haben. Und irgendwann habe ich ihm gesagt, er muss diese Rollen unbedingt auch spielen. Es ist nicht besonders schmeichelhaft, wenn ich das sage, aber er kann unheimlich gut diese schmierigen, etwas unheimlichen Typen spielen. Also das genaue Gegenteil seiner eigentlichen Persönlichkeit. Ich bin mir nicht sicher, ob ich sein oder er mein Talisman ist. Aber wir bringen einander irgendwie Glück. Er ist mein Lieblingsmensch auf diesem Planeten. Wir haben uns bei der Theatergruppe „The Groundlings“ in L.A. kennengelernt und von Anfang an zusammen geschrieben und gespielt. Das war schon damals ein Riesenspaß, und so haben wir uns verliebt. Daran hat sich bis heute nichts verändert. Es gibt nichts Attraktiveres, als zusammen zu lachen.

Die Serie „Mike & Molly“: McCarthy und Kollege Billy Gardell
Die Serie „Mike & Molly“: McCarthy und Kollege Billy Gardell Bild: picture alliance / landov

Die meisten Ihrer männlichen Komiker-Kollegen sind ja jenseits der Kamera nicht besonders komisch. Im Gegenteil. In der Regel haben sie schlechte Laune...

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Ich weiß! Wir haben gerade heute Morgen wieder darüber gesprochen. Diese Stand-up-Comedians sind wirklich heftige Typen.

Die können einem in Interviews richtig Angst machen.

Sie haben dermaßen recht. Es ist wirklich ein seltsames Phänomen. Sie könnten beinahe ein Doppelleben als Sadisten führen.

Ich habe mit einem Regisseur gesprochen, der die Theorie hat, dass alle Komiker eine düstere Seele haben. Wie finster ist es in Ihnen?

Viel Düsternis habe ich ehrlich gesagt nicht zu bieten. Verstehen Sie mich nicht falsch, auch ich habe meine dunklen Tage. Aber ich kann nicht sagen, dass da eine dunkle Seite in mir existiert. Doch ich liebe es, solche finsteren Menschen zu spielen. Ich mag alles, was mich in eine völlig andere Welt katapultiert. Sie kennen mich als Komödiantin, und ich habe auch mit Stand-up-Comedy angefangen. Aber damit habe ich auch sehr schnell wieder aufgehört und beinahe sieben Jahre lang sehr dramatische und dunkle Rollen gespielt. In dieser Zeit habe ich keine einzige Komödie gemacht. Das fing erst in Los Angeles wieder an. Ich habe mich in der Welt des Dramas sehr wohl gefühlt. Und ich träume davon, in beiden Genres akzeptiert zu werden.

Als Teenagerin hatten Sie auch keine düstere Phase?

O doch! Ich war jahrelang ein „Hardcore Gothic“, so eine Mischung aus Robert Smith von „The Cure“ und „Siouxsie and the Banshees“. Heute sehe ich meine Outfits aus dieser Zeit als meine ersten Kostüme. Aber ich war kein wirklich guter Punk. Du musst grimmig sein und aussehen, als ob du jemanden umbringen willst. Ich war trotz der Aufmachung immer sehr mitteilsam und geschwätzig.

Ein Zeichen, dass sie es geschafft hat: McCarthy wird mittlerweile darum gebeten, ihre Hände in Zement zu drücken
Ein Zeichen, dass sie es geschafft hat: McCarthy wird mittlerweile darum gebeten, ihre Hände in Zement zu drücken Bild: AP

In Amerika waren Sie auf dem Cover des Modemagazins „Elle“ zu sehen und haben damit einen kleinen Skandal ausgelöst.

Wahrscheinlich bin ich so langweilig, dass man einen Skandal für mich erfinden musste. Es war eine Herbst-Ausgabe, und wir hatten verschiedene Fotos gemacht, unter anderem auch im Kleid. Schließlich entschied man sich für ein Cover-Foto in einem sehr schönen Mantel. Und sofort hieß es: Warum verhüllt man ihren Körper! Irgendeine Journalistin erfand dann den Begriff „Jacketgate“. So ist er nun in die Geschichte eingegangen. Ich fand das Cover schön und hatte kein Problem damit.

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Wie lange hat es gedauert, bis Sie sich in der durchkalkulierten Welt Hollywoods eingelebt hatten?

Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich dort heimisch war. Inzwischen habe ich viele Freunde, und ich habe meinen Mann dort kennengelernt. Aber es ist ein extrem schwieriger Ort. In New York geht es darum, die Welt mit deiner Persönlichkeit zu erobern. Nach Los Angeles kommen die Leute eher, um so zu tun, als seien sie ein anderer Mensch als der, der sie tatsächlich sind. Aber wir halten uns da raus. Ich habe meine Nischen gefunden. Sie finden mich in seltsamen kleinen Comedy-Clubs auf der Melrose Avenue. Wir leben in einem sehr normalen Teil der Stadt und sind überhaupt nicht „Hollywood“. Ich fürchte, wir sind sehr langweilig.

Sie sind auf einer Farm aufgewachsen. Wie weit entfernt fühlte sich Hollywood an?

Das war ein anderer Planet! Wir lebten auf dieser kleinen Farm in Illinois und bauten Getreide und Sojabohnen an. Die nächste Kleinstadt war etwas weiter entfernt, und zu unserem Haus führte eine Schotterpiste. Aber das hat mir irgendwie geholfen, eine blühende Phantasie zu entwickeln. So sehe ich es jedenfalls heute. Es gab zwar eine andere Farm am Ende der Straße, aber wir hatten noch nicht einmal richtige Nachbarn. Als Kind ist man ja normalerweise mit den anderen Kindern aus der Nachbarschaft unterwegs. Ich hatte keine Nachbarschaft. Also habe ich mir Freunde und Geschichten ausgedacht und rannte im Kornfeld herum. Vielleicht war ich auch einfach nur irre ... (lacht).

Haben Sie sich damals ein Leben als Schauspielerin vorgestellt?

Wie alle Kinder hatte ich ein natürliches Bedürfnis, etwas aufzuführen oder Lieder vorzusingen. Aber ich wollte nie einen Beruf daraus machen. Selbst als ich später zum College ging, habe ich meine Karriere in der Frauenbekleidungsbranche gesehen. Ich habe angefangen, Textilwirtschaft zu studieren, allerdings nie einen Abschluss gemacht, weil mir die Stand-up-Comedy dazwischen gekommen ist. Eines Tages stand ich in New York auf der Bühne eines Comedy-Clubs. Und da war ich für die Textilbranche verloren. Ich wusste plötzlich, jetzt habe ich meine eigentliche Berufung gefunden.

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Wie reagieren Ihre Eltern auf die Weltkarriere ihrer Tochter?

Es ist etwas krank, aber als „Brautalarm“ bei ihnen im örtlichen Kino lief, haben sie einen lebensgroßen Papp-Aufsteller von mir mit nach Hause genommen. Ich finde, das geht zu weit. Jetzt steht mein Papp-Ich bei ihnen im Wohnzimmer, direkt neben der Anrichte. Wenn ich sie besuche, muss ich es als Erstes in den Schrank stellen. Aber wenn ich wieder weg bin, holen sie es wieder raus. Das ist dermaßen gestört, es bringt mich schon wieder zum Lachen. Ich bin auf diese Weise immer zu Hause, obwohl ich nicht da bin. Nur dass mein Papp-Ich stiller ist und sich besser benimmt.

Als Sie mit „Brautalarm“ Ihren Durchbruch gefeiert haben, waren Sie beinahe 40. Sind Karrieren in diesem Alter in Hollywood nicht häufig bereits zu Ende?

Ich hatte einfach Glück. Ich war einundzwanzig, als ich mit der Schauspielerei anfing, und ich hatte sieben Jahre einen Job bei der Fernsehserie „Gilmore Girls“. Das war toll, aber nicht annähernd mit dem vergleichbar, was dann mit „Brautalarm“ passierte. Das hat mein Leben komplett verändert. Und ich glaube, es war gut, dass es mir etwas später im Leben passiert ist. Ich war bereits verheiratet und hatte Kinder. Ich war ziemlich wild und nicht wirklich gefestigt in meinen Zwanzigern. Und ich hasse die Vorstellung, den Erfolg in dieser Zeit erlebt zu haben, so eigenartig das klingt.

Als Gipfel des Surrealismus kam dann noch ihre Oscar-Nominierung als beste Nebendarstellerin in „Brautalarm“ dazu. Obwohl Komödianten da traditionell vernachlässigt werden.

Ich weiß nicht, was die Steigerung von „surreal“ ist, aber genau das war es. Es war so außerhalb meines Vorstellungsbereiches, dass ich es zunächst nicht als Realität akzeptieren konnte. Die Nominierungen werden immer um 5 Uhr morgens bekanntgegeben. Ich wollte gerade nach dem Baby sehen, und mein Mann hatte den Fernseher eingeschaltet, was schon einmal sehr seltsam war, denn normalerweise ist er kein Frühaufsteher. Als die Kategorie „Beste Nebendarstellerin“ kam, hatte ich das schreiende Baby auf dem Arm. Mein Name muss als zweiter gekommen sein, aber das hatte ich gar nicht registriert. Ich hörte nur: „Octavia Spencer für ,The Help‘“. Octavia ist seit über zehn Jahren eine gute Freundin von mir. Und ich habe mich so für sie gefreut, dass ich in Tränen ausbrach. Ich schluchzte: „Oh, mein Gott. Octavia hat eine Oscar-Nominierung.“ Mein Mann Ben sah mich an, als ob ich wahnsinnig geworden bin. Also sagte er ganz langsam: „Hast du gehört, welcher Name vorher genannt worden ist?“ Und ich brauchte mindestens eine Minute, bis ich das erfassen konnte. So etwas habe ich noch nie erlebt.

Die Fragen an Melissa McCarthy stellte Christian Aust. Der neue Film der Schauspielerin, „Tammy“, läuft seit Donnerstag in den Kinos.

Quelle: F.A.S.
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