Meret Becker im Interview

„Normal ist bei mir immer anders“

Von Julia Schaaf
Aktualisiert am 17.10.2020
 - 12:19
„Leider bin ich kein Zirkus“, sagt Meret Becker, wenn sie darüber spricht, wie schlecht das System Schule und ein künstlerischer Beruf zusammenpassen.zur Bildergalerie
In „Babylon Berlin“ spielt sie eine eigensinnige Schauspielerin mit einem Hang zur Dekadenz. Im Interview spricht Schauspielerin Meret Becker über ihren Abschied vom „Tatort“, Geld, Telefonsex – und Otto Sander, den sie Vater nennt.

Können Sie wirklich Spagat?

Ja. In drei Richtungen.

Noch so beweglich – mit 51?

Nicht mehr ganz so beweglich. Früher hat man sich fünf Minuten warm gemacht, heute braucht man zwei Stunden. Das ist schon anders.

Erwachsen werden fanden Sie immer doof. Wie ist das jetzt mit dem Älterwerden?

Das finde ich nur doof, weil der Körper nachgibt. Jetzt geht’s noch. Aber beim Drehen nervt es mich schon. So wie ich denke, dass sich etwas anfühlt, sieht es nicht mehr aus. Man altert einfach. Was schön ist am Älterwerden, ist diese Großzügigkeit und Nachsicht. Das wächst: dass man menschliche Fehler genießen kann.

Jetzt läuft die dritte Staffel „Babylon Berlin“ im Ersten. Sie spielen eine eigensinnige, selbstbewusste Schauspielerin mit einem Hang zur Dekadenz, verheiratet mit Mišel Matičević als Unterweltboss, Ronald Zehrfeld ist Ihr Liebhaber. Hat man diese Rolle speziell für Sie geschrieben?

Nein, ich musste zum Casting.

Das mögen Sie nicht, oder?

Casting ist immer ein Test, man muss sich irgendwie beweisen. Das macht unsicher. Deshalb bin ich bei Castings oft nicht gut. Aber in diesem Fall hat es viel Spaß gemacht. Und die Rolle ist natürlich toll. So facettenreich und mit zwei der tollsten Kerle an meiner Seite.

Wie muss ich mir einen ganz normalen Tag im Leben von Meret Becker vorstellen?

Ganz normal ist bei mir immer anders. Zurzeit bereite ich verschiedene Musikauftritte vor, das heißt, ich muss musikalisch arbeiten, ich muss aber auch die Conférencen vorbereiten, die müssen ein gewisses Timing haben, die müssen das beinhalten, was ich gerne sagen möchte, was derzeit oft politisch ist, und ich möchte dabei trotzdem entertainen, also diese Grätsche.

Spagat?

Genau. Ich muss auch erstaunlich viel Büroarbeit machen, was man gar nicht so glaubt. Und mein Training aufrechterhalten.

Warum haben Sie beschlossen, 2022 beim „Tatort“ aufzuhören?

Es gibt ja Menschen, für die ist der „Tatort“ der Traum. Für mich war oder ist das Kino ein Traum. Musik machen. Platten. Der „Tatort“ ist eine Institution, die großen Respekt verdient, und ich bin dankbar, dass ich das machen durfte. Ich hab’ wahnsinnig viel gelernt. Finanziell ist es das erste Mal in meinem Leben, dass ich regelmäßig, gleichmäßig Geld hatte. Das bedeutet aber auch, dass man an die Leine genommen wird.

Das ist nichts für Sie?

Da tue ich mich schwer. Deshalb hat es mich eher gewundert, dass ich nicht früher weggelaufen bin. Wenn ich jetzt gehe, nach 15 Filmen, sieben Jahren, ist das doch anständig. Natürlich ist es auch dusselig in meinem Alter, ich könnte auch auf Sicherheit fahren. Aber das ist nicht mein Naturell. Und ich habe noch viel vor.

Nämlich?

Ich schreibe gerade an einem Skript, das zweite in meinem Leben, und ich möchte beide noch verfilmen. Eine Idee will ich verfilmen und vorher auf die Bühne bringen. Und ich möchte meine nächste Platte machen. So. Und ich möchte einen Lkw-Führerschein, einen Bootsführerschein...

Ich finde das ja schade mit dem „Tatort“. Am Anfang dachte ich, ich mag vor allem Mark Waschke und Berlin. Inzwischen guck’ ich vor allem wegen Ihnen: weil Ihre Kommissarin privat so angenehm unperfekt und überfordert ist. Und trotzdem im Job so professionell, selbstbewusst, klug.

Oh, danke schön. Das freut mich. Wir haben da alle dran gearbeitet. Aber gerade als Frau war das oft auch anstrengend. Ich finde es als Frau zum Beispiel viel anstrengender, Kritik zu üben, gerade Männern gegenüber. Wobei die MeToo-Debatte da sehr geholfen hat. Seitdem darf ich Sätze zu Ende sprechen. Mir wird zugehört. Und es wird nicht mehr so empfunden, als wäre ich eine eitle Zicke. Das tut gut.

Dass Sie das sagen! Sie haben ja immer das Image einer eigenwilligen, unabhängigen Person gehabt.

Das hat es aber oft nicht leichter gemacht. Viele Dinge habe ich deshalb vielleicht gar nicht machen dürfen. Und ich habe oft Leute getroffen, die gesagt haben: Komisch, du bist doch gar nicht so schwierig! Da weiß man dann schon, was vorher gesagt wurde. Ich werde halt ungehalten, wenn man über mich bestimmt.

Hat der Abschied vom „Tatort“ auch was mit der Lebensphase zu tun, damit, dass Ihre Tochter jetzt groß ist und Sie wieder flexibler werden?

Nö. Sie ist schon eine Weile groß, aber die bleiben einem ja erhalten, das ist auch schön so. Ansonsten ist sie sehr eigenständig, was uns beiden guttut. Da bin ich wirklich ein Aas.

Ein Aas?

Ich kann gut loslassen.

Sie genießen es, Ihre Freiheit zurückzuhaben?

Definitiv. Ich hatte meine Tochter lange überall dabei. Als das aufgrund von Schule nicht mehr ging, war das doof. Das System Schule – abgesehen davon, dass ich eh an dem System zweifele – funktioniert im Zusammenhang mit diesem Beruf nicht so gut. Ich hab ja Arbeitszeiten, die sind immer anders und mitunter von morgens früh um fünf bis abends um 23 Uhr. Das bringt Unruhe und ist ein Wahnsinnsaufwand. Leider bin ich kein Zirkus. In einer Zirkusschule hätte sie mitreisen können.

Warum reden Sie eigentlich von sich selbst so gern als Zirkuskind? Dabei sind Sie in einer der berühmtesten Theaterfamilien Ihrer Zeit groß geworden: die Mutter Monika Hansen, der Stiefvater Otto Sander, der leibliche Vater Rolf Becker, Ihr Bruder Ben – alles Schauspieler.

Es hatte ein bisschen was von Tingeltangel. Den haben wir gelebt, mit dem bin ich groß geworden. Bei uns war immer Besuch. Wenn ich aus der Schule kam, saßen meine Eltern noch am Frühstückstisch. Wir waren mit im Theater, wir sind mit Schauspieltruppen in die Ferien gefahren, da wurde dann geprobt oder mal ein Film gedreht. Und meine Mutter ist tatsächlich ein Zirkuskind. Ich behaupte, das scheint durch. Es ist diese seltene Mischung: auf der einen Seite verspielt, improvisationslustig, detailverliebt. Ich habe früher gedacht, meine Mutter wäre Italienerin, weil sie anders gekocht hat, es war alles immer schärfer gewürzt. Lebensbejahend. Und anders als bei anderen. Ich fand alle anderen anders.

Jetzt weiß ich, es war bei mir anders. Trotzdem waren wir sehr geerdet und bodenständig, nie abgehoben und mit wehendem Schal unterwegs. Eben wie im Zirkus, wo man erst im Glitzer auftritt und dann das Zelt mit auf- und abbaut.

Erzählen Sie mir doch mal eine prägende Kindheitserinnerung.

Ich war mal sehr krank, mit elf, meine Mutter hat in einer anderen Stadt gearbeitet, und ich lag im Krankenhaus und durfte mich nicht bewegen. Und Otto, also mein Vater, kam immer vor und nach den Proben...

Sie sagen „Vater“, nicht „Stiefvater“?

Ja. Früher habe ich das Wort „Ersatzvater“ erfunden für Otto, weil „Stief-“ in Grimms Märchen immer so böse belegt ist und mein leiblicher Vater mal gesagt hatte: Nee, du kannst nur einen Vater haben. Als Otto dann starb, habe ich gemerkt: Es ist so. Ich bin mit dem aufgewachsen. Das ist auch mein Vater.

Und er hat diese Rolle angenommen?

Ohne jemals daran zu zweifeln. Und wir haben wirklich daran gerüttelt und geguckt, ob’s hält. Er aber hat einfach wie ein Fels in der Brandung gesagt: Doch. Es hält. Als ich damals in Las Vegas geheiratet habe, habe ich ihn auf dem Standesamt als Vater eingetragen. Das habe ich mir selber geschenkt.

Zurück ins Krankenhaus...

Weil ich für die Schule „Die Brück’ am Tay“ auswendig lernen musste, fing Otto an, mir Balladen vorzulesen. Unter anderem eben „John Maynard“, das war seine Lieblingsballade. Und dann haben wir eigentlich keine Hausaufgaben gemacht, außer dass ich am Ende sämtliche Balladen auswendig konnte. Er hat mir beigebracht, wie Gedichte funktionieren. Mitten im Text hat er „Schnitt“ gerufen und mir erklärt: Das ist wie im Film, jetzt kommt ein anderes Bild. Seitdem liebe ich Gedichte.

Als er 2013 gestorben ist, haben Sie ihm auf dem Friedhof vorgelesen. Machen Sie das immer noch?

Manchmal. Aber wenn ich es schaffe, gehe ich einmal die Woche hin und unterhalte mich.

Warum haben Sie als Jugendliche eigentlich ausgerechnet mit Telefonsex Ihr Geld verdient?

Ich bin auch mal putzen gegangen, habe gebabysittet und als sogenannte Küchenfee in einer Kneipe gearbeitet. In war in Diskotheken an der Tür, ich war an der Bar. Und ich habe Telefonsex gemacht. Das waren so die Jobs, die mir einfielen. Dann wurde ich Playback-Schlampe.

Sie haben auf der Bühne so getan, als würden Sie ein Instrument spielen, zum Beispiel mal für Falco in der ZDF-„Hitparade“. Das klingt alles nach: Unabhängigkeit um jeden Preis.

Ja. Ich wollte weg. Ich bin ausgezogen, da war ich gerade 17 geworden, aber ich wollte das schon mit zwölf und habe mit 14 das erste Mal gefragt. Irgendwann hat es mich genervt. Die Romantik des Theaters war ein bisschen weg, dann legt man sich mit seinen Eltern an. In bestimmten Dingen war ich frühreif, in anderen total naiv.

Das bin ich bis heute. Und ich tue mich schwer damit, Hilfe anzunehmen. Ich bin gerne unabhängig und beweise mir gern, dass ich alles kann. Dann ging es relativ schnell los: Für meine erste große Rolle habe ich so viel Geld auf einen Schlag bekommen, dass ich zwei Monate nach New York gehen konnte. Kurz nach meinem 18. Geburtstag. War schon geil. Letztlich hat das mit dem Putzen angefangen.

Sie sehen noch beim Gedanken an New York sehr glücklich aus!

Ich hoffe, ich quatsche jetzt nicht zu viel, aber: Man brauchte für Amerika eine Bankkarte mit Foto. Dafür musste ich bei meiner deutschen Bank in den Keller zu den Schließfächern. Dort wurde das Foto gemacht. Und ich habe vorher am Kassenhäuschen mein ganzes Geld abgehoben, habe die D-Mark-Scheine gefächert, das Foto gemacht, und das Geld hinterher oben wieder abgegeben. Auf meiner Bankkarte war ich dann mit einem Fächer aus Geld.

Welche Erfahrung in Ihrem Leben hätten Sie sich gern erspart?

Einige. Aber wie man sich denken kann, sind das Dinge, über die man nicht redet. Was ich gerne sage, was man sich sparen kann, ist das Thema mit den Drogen. Ich bin kein Moralist, ein bisschen Gras statt Bier finde ich völlig okay. Aber man sollte nie Drogen nehmen, um eine Verbesserung im Leben herzustellen. Drogen sind absolute Zeitverschwendung.

Welche Erfahrung würden Sie gerne noch einmal erleben?

Sex. Musikmachen. Essen. Diese Dinge. Ansonsten bin ich nicht so ein Wiederholungsmensch. Ich mach eher was Neues. Das hat aber auch einen Haken. Andere Leute entwickeln sich in ihrem Beruf zu Spezialisten. Ich bleibe Autodidakt. Wenn ich die Uhr zurückdrehen könnte, würde ich gerne Spezialistin für etwas sein. Und vielleicht Mutter von vier Kindern.

Sie treten demnächst zusammen mit Ihrer Tochter und Ihrer Mutter auf, eine Lesung mit Musik. Drei Frauen, drei Generationen.

Meine Tochter singt, meine Mutter liest. Und ich bin eine Art Hybridwesen.

Spagat?

Genau.

Zu dritt aufzutreten heißt einiges, oder?

Ist auch nicht ganz einfach gewesen (lacht). Nicht die ganze Zeit scheint die Sonne bei uns! Wir gehen uns schon ordentlich auf den Keks. Aber solange man sich das noch sagen kann, ist es schön.

Über Meret Becker

Geboren 1969 in Bremen, aufgewachsen in Berlin.

Die Eltern Monika Hansen und Rolf Becker trennen sich, als die Tochter fünf Jahre alt ist. Stiefvater wird Schauspieler Otto Sander. Bruder Ben Becker ist vier Jahre älter.

Schulabbruch mit 16, Auszug von zu Hause mit 17, auch ohne Schauspielausbildung bekommt sie erste Fernseh-, Film- und Bühnenrollen.

Jungstar des neuen deutschen Kinos in den Neunzigern unter anderem mit „Happy Birthday, Türke!“, „Kleine Haie“, „Das Versprechen“. Es folgen Filme wie „Das Leben ist eine Baustelle“, „Rossini“, „Comedian Harmonists“ und „Feuchtgebiete“.

Als Kommissarin Nina Rubin ermittelt sie seit 2015 an der Seite von Mark Waschke im Berliner „Tatort“ – noch bis Frühjahr 2022.

Die Karriere als Sängerin und Musikerin ist ihr genauso wichtig wie die Schauspielerei. Eigene Shows, verschiedene Alben.

Mutter einer inzwischen erwachsenen Tochter.

Die dritte Staffel von „Babylon Berlin“ läuft aktuell im Ersten. Jeweils zwei Folgen sind noch am 21. und 22. Oktober zu sehen, immer um 20.15 Uhr. Die gesamte Staffel findet sich in der Mediathek.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Schaaf, Julia
Julia Schaaf
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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