Der Nachfahre des Pir Sultan

Mit der Laute für die Freiheit

Von Rainer Hermann, Haciliköy
24.06.2022
, 10:59
Im Zeichen von Pir Sultan: Nachfahre Mehmet Celebi
Pir Sultans Lyrik löste einst Aufstände im Osmanischen Reich aus. Noch heute identifizieren sich die Aleviten mit ihm. Zu Besuch beim Nachkommen des Barden in einem kleinen Bergdorf.
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Es ist einsam in der anatolischen Hochebene. Die Weiler sind auf keiner Karte mehr eingezeichnet. Die Schneeschmelze hat den Tälern ein sattes Grün beschert, ein Hirte führt eine Schafherde über die Weiden. Oben auf den Bergen liegt selbst im Frühsommer noch Schnee. Oberhalb des Wegs, der sich hinab zum Weiler Haciliköy windet, reichen die Berge bis in 2500 Meter Höhe, dahinter ragt ein Gipfel 3500 Meter hoch auf. Der Bach im Tal fließt weiter hinab in den Pülümür Cayi, der sich einen Weg durch ein Tal geformt hat, das zu den schönsten Landschaften Anatoliens zählt. Noch weiter abwärts mündet der Pülümür Cayi in den Keban-Stausee und somit in den Euphrat.

In Haciliköy wurden in den Siebzigerjahren knapp 100 Haushalte ge­zählt, heute sind es noch sechs. Das Haus des 90 Jahre alten Mehmet Celebi und seiner gleichaltrigen Frau ist – wie die anderen Häuser, ob bewohnt oder leerstehend – ein bescheidener flacher Bau. Der einzige Luxus: eine überdachte Veranda, vor der ihr anatolischer Schäferhund Kangal wacht.

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Nachfahre eines Volkshelden

Mehmet Celebi war ein paar Jahre alt, als die Beamten der jungen Republik Türkei ausströmten. Jedem Bürger verpassten sie einen Familiennamen – so etwas hatte es im Osmanischen Reich nicht gegeben. Von nun an hieß die Familie Celebi. Diesen Namen vergab die Republik an die Anführer der religiösen Orden, die der junge Staat jedoch zugleich verbot.

Celebi ist der direkte Nachkomme von Pir Sultan Abdal (1480 bis 1550), den viele Aleviten fast wie einen Heiligen verehren. Der hatte jedoch keinen religiösen Orden gegründet, wie ihn etwa die tanzenden Derwische bilden. Vielmehr setzte er sich für die Armen und Entrechteten ein, legendär ist sein Aufbegehren gegen die osmanische Obrigkeit. Als angeblicher Unruhestifter wurde er bei Sivas, wo er geboren worden war, hingerichtet.

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Sein Leben verbrachte Pir Sultan auf Wanderschaft. Sie führte ihn nach Ardabil im heutigen Iran, wo ihm ein Meister sagte, sein Platz sei in Anatolien, und so kehrte er in seine Heimat zurück. In dem kleinen Dorf, das heute Haciliköy heißt, baute er ein Haus und gründete eine Familie. In dem Haus wohnen seither seine Nachkommen, jedes Jahr findet dort ihm zu Ehren Ende Januar ein Festival statt. An das Haus schließt ein ebenfalls von Pir Sultan gebautes Cemevi an, in dem die Aleviten zu religiösen Zeremonien zusammenkommen.

Ein Kampf mit der Laute, nicht mit dem Gewehr

Mehmet Celebi sitzt gleich neben der Tür, wo auch Pir Sultan Platz genommen hatte. Die Stelle ist als Ehrenplatz dessen Nachkommen vorbehalten. Der dunkle Raum kann mehr als 100 Personen aufnehmen. Die Sitzbänke an den Wänden sind gemauert, auf dem Boden sind Teppiche ausgebreitet, an den Wänden hängen Darstellungen von Personen, die den Aleviten heilig sind – die mit Ali beginnenden zwölf schiitischen Imame, Ali als erster großer Märtyrer und Löwenbändiger, Haci Bektas als großer Denker des Alevitentums, natürlich Pir Sultan selbst.

Mehmet Celebi lebt ein einfaches Leben, doch gibt auch die Lehren seines Vorfahrens weiter.
Mehmet Celebi lebt ein einfaches Leben, doch gibt auch die Lehren seines Vorfahrens weiter. Bild: Rainer Hermann

Sein ikonographisches Bild fehlt in fast keinem alevitischen Haushalt. Es zeigt einen Barden, der die Langhalslaute Baglama mit seinen Händen als Zeichen des Triumphs für Freiheit und Gerechtigkeit nach oben reckt. Mit ihm, Pir Sultan, identifizieren sich die Aleviten, die ein Fünftel der türkischen Bevölkerung stellen, bis heute – und mit ihnen viele türkische Linke. Sie tragen viele Gedichte vor, die ihm zugeschrieben werden. Im Osmanischen Reich hatte seine Lyrik Aufstände aus­gelöst. Kurz und prägnant ist die Sprache seiner Gedichte. Die islamische Mystik hat viele seiner Metaphern über Gott, über die Natur und vor allem über die Liebe zu den Menschen geprägt.

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Eines seiner bekanntesten Gedichte heißt „Singe nicht, Nachtigall“. Es bringt seinen Kampf auf den Punkt, den er mit der Langhalslaute führte, nicht mit dem Ge­wehr. „Was sie mir angetan haben“, sang er, „du wirst es erfahren, leidvolle 40 Jahre der Einsamkeit.“ Gefolgt von: „Freund, dein Leid entflammt in mir.“ Und schließlich, mit Blick auf sein Ende: „Erhängt wurde ich, da ich mein Volk sehr liebte.“

Verfasst hat er seine Gedichte auf Türkisch. Denn die Vorfahren der Aleviten waren vor Jahrhunderten aus Zentralasien, der Heimat der Türken, über das iranische Hochland nach Anatolien eingewandert. Die einen sprachen weiter Türkisch, die anderen brachten aus Iran das Zaza mit, das zum nordwestlichen Zweig der iranischen Sprachen gehört und in den Dörfern um Haciliköy gesprochen wird.

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Auch Mehmet Celebi spricht ein sehr reines und klares Türkisch, frei von den arabisch-persischen Lehnwörtern der Osmanen und frei von modernen Redewendungen. Überhaupt die Osmanen. „Sie waren Sunniten und verboten uns, unseren Glauben zu praktizieren“, sagt Mehmet Celebi. Und so zogen sich die Aleviten in die entlegenen Berglandschaften Anatoliens zurück. „Sie verfolgten uns, denn immer standen wir an der Seite der Unterdrückten.“ Wie der Barde Pir Sultan, den sie hängten. „Denn nie ergriff er Partei für die Herrschenden.“

Solange man seine Lieder singt

Trotz seines bedeutenden Vorfahren und seiner gesellschaftlichen Stellung führte Mehmet Celebi ein einfaches Leben. In dem Dorf, in dem er geboren wurde, betrieb er Landwirtschaft, baute Getreide an, hielt Rinder. Er gab aber auch die Lehre des Meisters weiter, die den Kern des Alevitentums enthält. So fasst er sie zusammen: „Sei wahrhaftig und gerecht, tu nichts Schlechtes und stehle nicht, lüge nicht und halte dich von übler Nachrede fern, seid solidarisch und helft euch gegenseitig.“ Mehmet Celebi nennt das Lebensphilosophie. Es sei der Staat, der Unordnung in die Beziehungen zwischen den Menschen bringe, denn er diskriminiere, schließe Menschen aus. In der Republik werden die Aleviten nicht mehr verfolgt, aber noch immer diskriminiert. In höheren Ämtern des Staats und Funktionen der Armee sind sie weiterhin nicht vertreten. Der Staat behandelt sie als Muslime und erkennt sie nicht als eigenständige Religion an.

Zugesetzt hat ihm der Terror der PKK. Nachts seien sie gekommen, hätten sich mit Gewalt Essen und Kleidung genommen, sagt er. Dann trieb der Staat mit den Zwangsevakuierungen und der Zerstörung von Dörfern die allermeisten in die Migration. Das alte dörfliche Anatolien war nicht mehr. Aber auch wenn das Dorf zum Weiler schrumpfte – die Celebis gaben den für die Aleviten so wichtigen Ort nicht auf.

Ihre Kinder jedoch zogen nach Istanbul. Ob eine Tradition, wie sie Mehmet Celebi verkörpert, für die heutige Generation noch von Bedeutung ist und überhaupt eine Zukunft hat? Er bejaht. Die Menschen strebten immer nach Freiheit, sie kämpften immer für ihre Rechte und für Solidarität. Für solche Menschen sei Pir Sultan ein Vorbild, das lebendig bleibe, solange man seine Lieder singe.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hermann, Rainer
Rainer Hermann
Redakteur in der Politik.
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