Zum Tod von Prinz Philip

„Meine Stärke und Stütze“

Von Johannes Leithäuser
09.04.2021
, 13:40
Am Freitagmorgen ist Prinz Philip im Alter von 99 Jahren gestorben. Mit Elisabeth II. trauert das Vereinigte Königreich um den Mann der Königin. Was soll aus dieser Monarchie nur ohne ihn werden? Ein Nachruf.

Nicht nur Trinity House, die gemeinnützige Gesellschaft, die alle Leuchttürme an den englischen Küsten betreibt, hat ihren einstigen „Master“ verloren – es war einer von zeitweise Hunderten Ehrenvorsitzen, den Prinz Philip innehatte. Seine Tochter, Prinzessin Anne, hatte ihn 2011 beerbt, der Herzog von Edinburgh fungierte seither nur noch als einer der Altbrüder („Elder Brethren“) der Leuchtfeuerverwaltung, so wie es einst auch Sir Winston Churchill ehrenhalber tat.

Nein, ganz Großbritannien fehlt mit dem Tod des zuletzt eher zurückgezogen lebenden Prinzgemahls nun ein Orientierungspunkt. Sieben Jahrzehnte lang ist Philip den Untertanen des Vereinigten Königreichs vertraut gewesen. Häufig hat er die spontanere, unkonventionellere, ja mitunter modernere Seite der Monarchie verkörpert. Er hat die zivile und fehlbare Hälfte des königlichen Paars vorgestellt, war nie komplett umgeben von royaler Aura. Zu Beginn seiner Verbindung mit der Königin empfand er das sicher als Fluch, später jedoch kam es ihm manchmal zupass.

Jeder biographische Bericht über den Herzog von Edinburgh beginnt seit Jahrzehnten mit der Feststellung, er sei 1921 auf dem Küchentisch einer Villa auf der griechischen Insel Korfu zur Welt gekommen. Das klingt bezeichnend genug als Auftaktfanfare für eine Kindheit und Jugend, die mindestens ebenso unstet und prekär verlief wie die Zeiten, in denen sie stattfand. Philip wurde als fünftes Kind und einziger Sohn des Prinzen Andreas von Griechenland geboren – der wiederum der vierte Sohn des 1913 ermordeten griechischen Königs Georg I. und dessen Ehefrau, der Großfürstin Olga Konstantinowna Romanowa war. Eine geborgene Kindheit erfuhr Philip kaum. Im Alter von zehn Jahren war er praktisch verwaist: Die Ehe der Eltern lag in Trümmern, der Vater verlebte die Zeit bei einer reichen Erbin in Monte Carlo, die Mutter, Prinzessin Alice von Battenberg, wurde als Geisteskranke in England behandelt.

Eine wechselhafte Erziehung

Zu Philips bunter Abkunft aus deutschem, dänischem, niederländischem und russischem Hochadel gesellte sich eine wechselhafte Erziehung, die zunächst in England, dann (unter Aufsicht seines Schwagers, des Markgrafen von Baden) im deutschen Salem und schließlich im schottischen Gordonstoun stattfand. Während der letzten Station hatte schon ein anderer älterer Verwandter, Onkel Louis, die Aufsicht über den heranwachsenden Philip übernommen – ein Bruder seiner Mutter, der seit 1917 den anglisierten Familiennamen Mountbatten trug.

Und während der Reformpädagoge Kurt Hahn, der vor den Nationalsozialisten aus Salem nach Gordonstoun geflohene Erzieher Philips, den sportlichen, naturverbundenen, pragmatischen Charakter des Prinzen prägte, bestimmte Louis Mountbatten sein Schicksal. Er lenkte Philip zur Karriere als Marineoffizier hin, die er kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs auf dem Navy-College in Dartmouth begann und die er als ausgezeichneter Seeoffizier ein Jahrzehnt lang bis in den Rang eines Korvettenkapitäns verfolgte. Vor allem aber hatte Mountbatten Anteil daran, dass der lehrgangsbeste Fähnrich Philip bei einem Besuch der Königsfamilie in Dartmouth die damals 13 Jahre alte Prinzessin Elisabeth kennenlernte und mit ihr fortan über die gesamte Kriegszeit hinweg in Verbindung blieb.

Ein Leben voller offizieller Termine

Als wieder Frieden war, hielt Philip bei König Georg VI. um die Hand seiner Tochter an. Die Heirat setzte den jungen Prinzen Transformationszwängen aus, die sein Leben verformten: Er war ja ohnehin mehr durch seine Erziehung als durch die Herkunft bestimmt, doch das verbliebene Erbe hatte er jetzt der Räson der britischen Monarchie zu opfern. Er tauschte die Zugehörigkeit zur griechischen Orthodoxie gegen die Mitgliedschaft in der Kirche Englands, und er gab den dynastischen Herkunftsnamen Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg zugunsten des adoptierten mütterlichen Namens Mountbatten auf. Aus der Perspektive der Windsor-Familienetikette genügte auch das nicht ganz: Weder wurde Philip zur Königlichen Hoheit erhoben (das geschah erst 1956, nach fast zehn Ehejahren und einer Ehekrise), noch konnte er der Dynastie, dem Königshaus und seinen Kindern den eigenen (adoptierten) Nachnamen vererben. Er habe die unbestimmte „Funktion einer Amöbe“ im königlichen Haus, soll der frustrierte Prinzgemahl damals geseufzt haben.

Dennoch: Dass die königliche Familie ihre Repräsentationspflichten im Arbeitsethos einer „Firma“ auszuüben habe, ist mehr noch Philips Prägung, als die der Königin. Er hat bis vor wenigen Jahren mehr offizielle Termine in seinem Kalender gehabt, als das Jahr Tage zählt; hat sich aber manche seiner Verpflichtungen erst zäh erstreiten müssen. Der Duke-of-Edinburgh-Award, ein groß angelegter Jugendwettstreit zur klassenüberwindenden Förderung jugendlichen Ehrgeizes, wurde in Funktionärskreisen des königlichen Hauses als „Hitlerjugend“ diskreditiert, als Philip die Sache in den fünfziger Jahren ins Leben rief. Und es hat seine Autorität im monarchischen Familienbetrieb auch nicht befördert, dass die Königinmutter Elisabeth in selbstgewissem Standesbewusstsein ihren Schwiegersohn lange als „Hunne“ zu kennzeichnen pflegte.

Das ehrenamtliche Engagement des Prinzen

Aber auch wenn die beiden anhaltenden Wohltätigkeits-Widmungen Philips, die Jugenderziehung und der Naturschutz (er führte jahrzehntelang den World Wide Fund für Nature – WWF), seiner Umgebung zunächst als teutonisch erschienen sein mögen, so haben sich immerhin doch beide auf die ehrenamtliche Arbeit seines ältesten Sohns übertragen, des Thronfolgers Charles. Die offenkundigen Charaktergegensätze zwischen Vater und Sohn, zwischen schulterzuckendem Pragmatismus und melancholischer Schwärmerei, überdecken die gemeinsamen Interessen, die vom einen auf den anderen übergegangen sind.

Es ist nicht mehr sehr gegenwärtig, dass die Hochzeit von Elisabeth und Philip, die im November 1947 Großbritannien für jubelnde Tage aus dem Nachkriegsgrau löste, die erste moderne Medien-Traumhochzeit der britischen Monarchie gewesen ist, eine lange Generation bevor zu Beginn der achtziger Jahre Kronprinz Charles unter Anteilnahme der ganzen Welt Diana Spencer heiratete. Philip kannte aus eigenem Erleben die Rolle des Eingeheirateten, in die Diana hineinrutschte. Für seinen Sohn, vor allem für dessen Zögerlichkeit vor der Verehelichung, brachte er offenkundig wenig Verständnis auf. Ausweislich seiner Korrespondenz mit der Schwiegertochter hatte er dagegen viel Verständnis für ihre exponierte Lage. Die private Rolle, die Philip als Familienvater ausfüllte, blieb dem öffentlichen Urteil weitgehend entzogen.

Legendäre Bemerkungen

Das war im protokollarischen Gepränge des Königshauses freilich anders, wo Philip statt größeren Funktionen allenfalls kleine Fluchten übrig blieben; wo er der Angewohnheit folgte, mit auf dem Rücken verschränkten Händen seitlich hinter seiner Gattin her zu schreiten, den Kopf vorgestreckt, wie wenn er dem protokollarisch vorgeschriebenen Abstand zur Monarchin den Anschein des Zufalls geben wollte: Als gehe er entspannt in der zweiten Reihe, weil ihm gerade ein wichtiger Gedanke gekommen sei.

Zu den Fluchten aus dem Repräsentations-Korsett zählten auch die legendären „unpassenden“ Bemerkungen Philips, die er immer wieder auf Staatsbesuchen und bei anderen hochwichtigen Gelegenheiten vernehmen ließ. Es waren Frotzeleien im Stil bejahrter Internatsscherze, wenn er etwa nach einer Aufführung australischer Aborigines fragte, ob sie sich denn heutzutage auch noch mit Speeren bekämpften, oder wenn er sich bei einem schwarzafrikanischen Würdenträger in bunter Diensttracht erkundigte, ob er auf dem Weg ins Bett sei.

Infografik Die britische Königsfamilie
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In zunehmendem Maße lernte die britische Öffentlichkeit, solche Ausrutscher des Gatten der Königin mit kopfschüttelndem Kichern zu genießen, statt sich ernsthaft über sie zu erregen. Seinen Status gefährdeten sie schon längst nicht mehr. Für Philips Bedeutung gilt, was Königin Elisabeth II. anlässlich der Goldenen Hochzeit – vor fast einem Vierteljahrhundert! – im Jahr 1997 über ihren Mann sagte: „Er ist, ganz einfach, meine Stärke und Stütze in all den Jahren gewesen, und ich, die ganze Familie und dieses Land und viele andere Länder stehen ihm gegenüber in größerer Schuld, als er es jemals einfordern oder als es uns jemals bewusst sein wird“. Am heutigen Freitagmorgen ist Prinz Philip im Alter von 99 Jahren gestorben. Was soll aus dieser Monarchie nur ohne ihn werden?

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Leithäuser, Johannes (Lt.)
Johannes Leithäuser
Politischer Korrespondent in Berlin.
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