Prinz Harrys Autobiographie

Die nächste Spitze

Von Gina Thomas, London
23.07.2021
, 18:33
Unterschiedliche Sicht: Prinz Harry (links) und Prinz William am 1. Juli bei der Enthüllung eines Denkmals zu Ehren ihrer Mutter, Prinzessin Diana, in London
20 Millionen Dollar soll Prinz Harry für ein Buch angeboten bekommen haben. Die Ankündigung einer „intimen und tief gefühlten“ Autobiografie weckt Befürchtungen über neuen Zwist in der Königsfamilie.

Nicht schon wieder“ – das wäre eine treffende Beschreibung der Reaktion auf die Nachricht, dass Prinz Harry sein Herz ausschütten will in einer „intimen und tief gefühlten“ Autobiografie. Die von den sogenannten Wahrheitsbomben im Interview des Herzogs und der Herzogin von Sussex mit Oprah Winfrey verursachten Trümmer sind noch nicht geräumt, da steht schon die nächste Explosion ins Haus, noch dazu zum Platin-Thronjubiläum der Königin im kommenden Jahr.

Dass Prinz Harry den mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten amerikanischen Autor J.R. Moehringer für das Projekt engagiert hat, nährt die Sorge von Buckingham Palace vor weiteren Erschütterungen. Denn Moehringer hat sich einen Namen mit zwei Büchern gemacht, die mit Vätern abrechnen. Da ist seine Geschichte über den Vater, der sich davon gemacht hat, als der Sohn noch klein war, so dass dieser in der örtlichen Kneipe nach Ersatzvätern suchte. Diese Geschichte beschreibt Moehringer in dem Erinnerungsband „Tender Bar“, dessen Verfilmung der mit Harry und Meghan befreundete Schauspieler George Clooney gerade produziert hat. Und dann sind da die unverblümten Memoiren des Tennisspielers Andre Agassi. Sie erzählen von der Tyrannei seines Vaters und den psychischen Auswirkungen auf den Sohn. Moehringer soll sich bei der Arbeit an diesem Buch bei Freud und Jung über schwierige Vater-Sohn-Beziehungen kundig gemacht haben. Dank seiner Begabung als Ghostwriter erklomm das Werk „Open“ den ersten Platz auf der Bestsellerliste der New York Times. Die Zeitung befand, es handle sich nicht nur um einen erstklassigen Sport-Erinnerungsband, sondern um einen echten, zugleich beklommenen und gefühlvollen Bildungsroman mit düsterer Komik.

Vertrag über 20 Millionen Dollar

Der Verlag Penguin Random House verspricht sich offenbar Ähnliches von Moehringers Zusammenarbeit mit Prinz Harry an dessen „literarischen Erinnerungen“. Es ist von einem Vertrag über 20 Millionen Dollar für die Weltrechte die Rede. Der Gewinn werde wohltätigen Zwecken zugute kommen, behauptet Harry. Er bekundet, nicht als der Prinz zu schreiben, „als der ich geboren bin, sondern als der Mann, der ich geworden bin“. Nicht ohne Spott ist bemerkt worden, dass er die Erklärung mit „Prinz Harry, Herzog von Sussex“ unterzeichnet hat. Das hat ihm abermals den Vorwurf eingetragen, Kapital zu schlagen aus der königlichen Herkunft, von der er sich nach eigener Darstellung lösen will. Es ist freilich auch nicht unbemerkt geblieben, dass seine Frau sich auf der Titelseite ihres äußerst negativ aufgenommenen Kinderbuches „The Bench“ als Meghan, Herzogin von Sussex, bezeichnet, obwohl dies gegen die Etikette verstößt. Sie ist entweder Meghan oder Herzogin von Sussex. Die Bedeutung, die sie der Titulierung beimisst, kam in dem Oprah-Winfrey-Interview zum Vorschein, als sie in Verbindung mit den Rassismus-Vorwürfen gegen die königliche Familie Prinz Charles unterstellte, seinem Enkel Archie den Prinzentitel zu verweigern.

Als ähnlich unaufrichtig wird empfunden, dass Harry, der stets beteuert, sein Privatleben schützen zu wollen, weiter auspacken will. Nach Angaben des Verlags werde er zum „allerersten Mal“ die „maßgebliche Darstellung“ der ihn prägenden „Erfahrungen, Abenteuer, Verluste und Lebenserfahrungen“ liefern, um Lesern zu zeigen, dass allem, was sie glauben zu wissen, eine inspirierende, mutige und erhebende menschliche Geschichte zugrunde liege. Eine als ranghoch bezeichnete Figur wurde mit der Bemerkung zitiert, es bedürfe einer besonderen Form der Heuchelei, sich über die Verletzung der Privatsphäre zu beschweren und dann bei der Verfassung intimer Memoiren über jeden Aspekt seines Lebens zu kooperieren. Die Buchankündigung rief die sarkastische Schlagzeile über das Oprah-Winfrey-Interview in Erinnerung: „Öffentlichkeitsscheues Paar packt aus“.

Endgültiger Bruch?

In London wurde sogleich über die Auswirkungen auf Harrys Verhältnis zu seiner Familie spekuliert – zumal berichtet wird, dass sie erst unmittelbar vor der öffentlichen Ankündigung des schon länger in Arbeit befindlichen Buches unterrichtet worden sei. Dabei hätte Harry seinem Bruder davon erzählen können, als sie sich Anfang Juli zur Enthüllung des Denkmals ihrer Mutter im Garten von Kensington Palace trafen. Manche sehen die Erinnerungen als endgültigen Bruch und mutmaßen, dass den Sussexes keine Einladung zu den Thronjubiläumsfeierlichkeiten zuteil werden könnte. Wie seinerzeit beim Zwist zwischen ihren Eltern dringen aus dem Umkreis der Brüder unterschiedliche Darstellungen in die Öffentlichkeit. Dieser Tage behauptete der als Sprachrohr der Sussexes geltende Journalist Omid Scobie in einer Fernsehdokumentation über das Zerwürfnis, Prinz Williams Haushalt habe Geschichten in Umlauf gebracht, denen zufolge er über Harrys psychische Verfassung besorgt sei. Ob Prinz William dies veranlasst habe oder nicht, werde nie in Erfahrung zu bringen sein, bekannte Scobie, doch „kam es aus dem Haushalt, dem er vorsteht“. Dem wird entgegengesetzt, dass William verletzt und beunruhigt gewesen sei über seine anspruchsvolle und Unruhe stiftende Schwägerin Meghan, die sich als längst nicht so charmant herausgestellt habe, wie sie wirkte. Robert Lacey, der Bestsellerautor und Berater der Fernsehserie „The Crown“, der in seinem Buch „The Battle of the Brothers“ angebliche Interna über das Zerwürfnis ausbreitet, hat zu Protokoll gegeben, dass eine Versöhnung ausgeschlossen sei, solange Harry unter der Fuchtel von Meghan stehe.

Dennoch ließen sich die beiden Prinzen bei der Enthüllung des Diana-Denkmals nichts anmerken. Prinz William und Kate erfüllen ihre Aufgaben pflichtbewusst und engagiert, als wollten sie den sich in Kalifornien selbst verwirklichenden Sussexes vormachen, wie man sich als Mitglied des Königshauses benimmt. Und die Königin gibt sich bei ihren öffentlichen Auftritten mit strahlendem Lächeln so gelassen wie lange nicht mehr. Womöglich wird sie das Buch ihres Enkels mit dem selben zurückhaltenden Kommentar versehen wie das Oprah-Winfrey-Interview: „Manche Erinnerungen dürften unterschiedlich sein.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Thomas, Gina (G.T.)
Gina Thomas
Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.
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