Olivia Colman im Interview

„Ich hasse es, ein Star zu sein“

Von Patrick Heidmann
03.01.2022
, 17:00
Steht eigentlich nicht gern im Blitzlicht: Olivia Colman
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Olivia Colman ist erst spät berühmt geworden. Im Interview spricht die Schauspielerin über das verklärte Mutterbild, die Schattenseiten des Ruhms und darüber, wie es ist, von Regisseurin Maggie Gyllenhaal angeleitet zu werden.
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Frau Colman, lassen Sie uns mit einer Frage beginnen, die nur am Rande mit Ihrem neuen Film „Frau im Dunkeln“ zu tun hat. Stimmt es, dass Ihnen Ihre Kollegin Dakota Johnson nach der Premiere in New York eigenhändig Ihr erstes Tattoo verpasst hat?

Das ist absolut korrekt. Aber nur ein ganz kleines. Ich hatte schon länger den Gedanken, dass ich eine kleine Tätowierung ganz lustig finden würde. Und wenn ich mir schon eine machen lasse, warum dann nicht von einer Freundin? Dakota und ich hatten darüber bereits während der Dreharbeiten in Griechenland gesprochen, doch da hatte man ihr das Stick-and-Poke-Set bei der Einreise abgenommen. Aber beim Filmfestival in New York führte auf der Party nach unserer Premiere kein Weg mehr daran vorbei.

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Die Kameradschaft im Ensemble war ja in diesem Fall ohnehin eine ganz besondere, wie man hört.

Es waren auch einfach sehr besondere Dreharbeiten, die wir da miteinander geteilt haben. Wir drehten im Spätsommer und beginnenden Herbst 2020 auf einer griechischen Insel. Abends saßen wir oft gemeinsam am Strand. Das war eine Art idyllisches Paradies, und uns war allen sehr bewusst, dass wir da etwas erlebten, was sich sehr unterschied von den Erfahrungen, die der Rest der Welt damals machte. Wir schätzen uns unglaublich glücklich und erachteten das als nicht selbstverständlich.

Alle Schauspielerinnen und Schauspieler waren mitsamt der Regisseurin Maggie Gyllenhaal und deren Team die gesamte Drehzeit über auf der Insel?

So ist es. Und wir folgten sehr strengen Regeln und Vorsichtsmaßnahmen. Zu Beginn waren wir erst einmal alle in Quarantäne – und danach kamen bis zum Ende des Drehs auch keine Leute mehr auf die Insel oder davon runter. Wes­wegen auch alle Inselbewohner wie etwa der Besitzer unseres Hotels als Statisten am Film mitwirkten. Die Stimmung war dadurch wirklich sehr familiär und ­fröhlich.

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© YouTube/Netflix

Wie wichtig sind eine solche Leichtigkeit und gute Laune eigentlich, wenn man an einer emotional und psychologisch durchaus schweren Geschichte arbeitet?

Es ist meiner Meinung nach jedenfalls kein Zufall, dass gerade bei besonders ernsten Geschichten die Stimmung am Set oft ausgelassen ist. Und ausgerechnet die Arbeit an Komödien kann ausgesprochen ernst sein. Wenn ich den ganzen Tag vor der Kamera geheult habe, empfinde ich es jedenfalls meist als sehr kathartisch, im Feierabend dann richtig albern sein zu können.

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Die Regisseurin von „Frau im Dunkeln“ ist die Schauspielerin Maggie Gyllenhaal, die hier ihren ersten eigenen Film gedreht hat. Macht es für Sie in der Arbeit einen Unterschied, wenn da plötzlich jemand hinter der Kamera sitzt, der eigentlich aus Ihrem Job kommt?

Zunächst einmal muss ich natürlich sagen, dass Maggie für mich der wichtigste Grund war, bei diesem Film zuzu­sagen. Ich war schon lange ein großer Fan von ihr – und sofort Feuer und Flamme, als ich ihr Drehbuch las. Und ich würde schon sagen, dass ihre Erfahrungen als Schauspielerin großen Einfluss darauf hatten, wie sie als Regisseurin gearbeitet hat. Sie verlangte nie etwas von uns, was sie selbst vor der Kamera nicht tun würde. Das macht einen großen Unterschied. Und sie wusste ganz genau, was zu tun ist, damit wir uns sicher und aufgehoben fühlen, was absolut entscheidend ist. Allerdings verdanken sich viele ihrer Qualitäten als Regisseurin ganz spezifisch ihrer Persönlichkeit und ihren Erfahrungen. Es gibt auch genug Schauspielerinnen und Schauspieler, die irgendwann Regie führen und das dann wirklich nicht auf dem Kasten haben.

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Sich sicher fühlen – ist das für Sie eine Bedingung, um gute Arbeit abzuliefern?

Jeder fühlt sich doch gerne sicher, oder? Und um aus mir herauskommen zu können, muss ich schon das Gefühl haben, dass ich den Menschen um mich herum vertrauen kann. Wenn das der Fall ist, darf gerne auch ein Gefühl von Unsicherheit mit ins Spiel kommen. Im Sinne von: Risiken eingehen, Neues ausprobieren und Grenzen ausloten.

Gut gelaunte Co-Stars: Olivia Colman, Maggie Gyllenhaal und Dakota Johnson
Gut gelaunte Co-Stars: Olivia Colman, Maggie Gyllenhaal und Dakota Johnson Bild: Reuters

Und wie gehen Sie mit Druck beim Drehen um? Der war, wie Sie in der Vergangenheit sagten, etwa bei der Arbeit an „The Crown“ besonders groß.

Druck kann einen durchaus auch befeuern oder sich in Adrenalin verwandeln lassen. Und man kann es auch schaffen, ihn von sich fernzuhalten. Zumindest wenn er bloß von außen an einen herangetragen wird. Bei „The Crown“ habe ja nicht ich mir den Druck gemacht, sondern er wurde extern aufgebaut, weil jeder weiß, wie die Queen aussieht, wie sie sich bewegt und all solche Sachen. Das geht mit Erwartungen einher, mit denen man umgehen muss. Bei einer Figur wie Leda in „Frau im Dunkeln“ sieht die Sache aber zum Glück anders aus, denn da gibt es zwar eine Romanvorlage, aber es gibt keine klare Vorgabe, wie sie auszusehen oder aufzutreten hat.

Das Besondere an dieser Leda ist ja, dass sie als Mutter nicht die Erwartungen erfüllt, die mit dieser Rolle gemeinhin einhergehen. Wird das Thema Mutterschaft zu oft verklärt?

Ich fand es zumindest auffällig, wie viele Eltern und in der Tat vor allem Frauen sich nach Ansicht unseres Films bedankt haben, weil wir ihnen gezeigt hätten, dass sie mit ihren Gefühlen nicht allein seien. Die das Gefühl hatten, sich selbst hassen zu müssen, wenn sie mal einen schlechten Tag als Eltern hatten. Also wird es wahrscheinlich wirklich nicht oft genug gezeigt, dass es nicht immer unproblematisch und eitel Sonnenschein ist, wenn man Kinder hat.

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Sie selbst haben allerdings auch betont, dass Sie die Gefühlslage von Leda, die als junge Frau auch mal aus ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter ausbricht, nicht aus eigener Erfahrung kennen.

Das stimmt, aber das heißt nicht, dass ich ihre Realität nicht nachvollziehen kann oder Frauen wie sie nicht wiederkenne. Ich selbst bin als Mutter, Ehefrau und Freundin zum Glück netter und entspannter. Aber ich führe eben auch in kreativer Hinsicht ein erfülltes Leben. Hätte ich – wie Leda – das Gefühl, dass man meinen Intellekt und mein Talent gering schätzt und dass mein Mann seine eigene Arbeit als sehr viel wichtiger empfindet als meine, dann wüsste ich nicht, wie ich damit klarkommen würde. Ich bin sehr glücklich und dankbar, dass ich meinen Job ausüben kann – und einen Mann habe, der mich genauso unterstützt wie ich ihn.

Seit einigen Jahren üben Sie nun nicht mehr bloß Ihren Job aus, sondern sind ein Star. Wie gehen Sie damit um?

Ganz ehrlich? Ich hasse es – und der Erfolg stellte sich in meinem Leben so spät ein, dass ich mich daran nie gewöhnt habe. Ich mag es nicht, von fremden Menschen erkannt zu werden, und finde nichts schlimmer, als wenn mir in meinem Alltag Fotografen folgen. Deswegen sind wir tatsächlich mit der Familie raus aus London und aufs Land gezogen, wo wir einigermaßen ungestört sind. Und trotzdem verlasse ich das Haus nicht viel. Wenn ich in einem Arbeitsumfeld bin, bei einer Premiere oder Preisverleihung, dann kann ich damit umgehen. Aber wenn ich nicht arbeite und irgendwo im Niemandsland mit meinem Hund spazieren gehe, dann hat das nichts mit meinem Job zu tun, und ich möchte in Ruhe gelassen werden. Ich kann wirklich nicht gut damit umgehen, wenn diese beiden Sphären überlappen.

Gibt’s denn auch gute Seiten daran, berühmt zu sein?

Hm, lassen Sie mich überlegen. Ich habe auf jeden Fall sehr viele tolle Menschen kennenlernen dürfen, denen ich sicher nie begegnet wäre, wenn ich eine un­bekannte Schauspielerin im britischen Fernsehen geblieben wäre. Und man bekommt ohne Frage sehr viele tolle Klamotten geliehen. Außerdem ist es ein gutes Gefühl, zu wissen, dass man die Aufmerksamkeit des Publikums auch mal auf wohltätige Zwecke lenken kann. Anderen Menschen helfen zu können ist eine schöne Entschädigung für die eher anstrengenden Nebeneffekte des Erfolgs.

„Frau im Dunkeln“ ist seit dem 31. Dezember auf Netflix zu sehen.

Quelle: F.A.Z.
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