Royale Nabelschau

Harry, es reicht!

Von Jörg Thomann
02.08.2021
, 06:29
Wenn Harry redet, geht es immer um ihn. Und das wird wohl leider auch so  bleiben, denn die Welt will es so.
Er offenbart sein Innerstes in Interviews und Filmen und schreibt nun auch noch seine Memoiren: Warum der Herzog von Sussex mal durchatmen sollte.
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Sehr geehrter – tja, hier fängt der Schlamassel schon an, denn wie soll man Sie jetzt eigentlich anreden? „Seine königliche Hoheit“ ist passé, Herzog von Sussex sind Sie noch, möchten aber, schließlich leben Sie jetzt in Amerika, angeblich einfach nur der Harry sein, unterzeichnen aber trotzdem noch als „Duke of Sussex“. Probieren wir es so:

Verehrter Herzog von Sussex,

lieber Harry,

dass Sie diese Zeilen hier lesen, ist sehr unwahrscheinlich – okay, es ist sehr, sehr, sehr, sehr unwahrscheinlich, aber ich habe da was auf dem Herzen. Wie – grob geschätzt – die halbe Welt verfolge auch ich Ihr Schicksal seit geraumer Zeit, und zwar, das dürfen Sie mir glauben, mit Sympathie. Sie scheinen ein netter Kerl zu sein, mit dem man beim Sport und in der Kneipe Spaß haben kann. Lang vorbei sind die Zeiten, in denen Sie beim Feiern etwas zu viel Spaß hatten und bald ohne Klamotten dastanden oder – da wäre nackt echt noch besser gewesen – in einer Uniform von General Rommels Afrikakorps samt Hakenkreuzarmbinde; Ausrutscher, die sich auf Ihre nicht ganz leichte Kindheit zurückführen lassen oder schlicht darauf, dass Sie Brite sind.

Als Sie nach Jahren unsteten Bachelor-Daseins als Partnerin Meghan Markle präsentierten, fand ich das ganz cool: Eine Amerikanerin, geschieden und mit schwarzer Mutter, das versprach Leben in den Palast zu bringen, und so ist es ja auch gekommen. Dass Sie beide sich via Megxit verabschiedeten, fand ich schade, doch verständlich. Ihre Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben, Ihre Verachtung der Boulevardmedien – wer wollte dies verurteilen? Dass Ihre Frau, wie Sie klagten, in Ihrer royalen Familie auf Rassismus stieß, konnte ich mir kaum vorstellen, andererseits wusste man zum Beispiel vom unbekümmerten Kolonialherrenhumor Ihres seligen Opas. Und um nichts in der Welt wollte ich einer Meinung sein mit dem reaktionären Hausgrafen der Bild-Zeitung, der Meghan eine „gefährliche Person“ nannte und über Sie schrieb, Sie seien „nicht der Hellste“.

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Abrechnung in Serie

Im März dieses Jahres dann kam Ihr Pärchen-Interview mit Oprah Winfrey, eine bittere Abrechnung mit den starren Regeln der Monarchie und mit Ihrer Familie. Im Mai folgte ein Podcast-Interview, in dem Sie abrechneten mit den starren Regeln der Monarchie und mit Ihrer Familie. Tage später startete auf Apple TV+ die von Ihnen und Oprah produzierte Doku-Serie „The Me You Can’t See“, zu Deutsch „Das Ich, das du nicht siehst“, in der Sie die Bedeutung der mentalen Gesundheit betonten und nebenbei abrechneten mit den starren Regeln der Monarchie und mit Ihrer Familie.

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Und nun haben Sie angekündigt, dass Sie Ende 2022 Ihre Memoiren veröffentlichen werden. Ich habe so eine Ahnung, womit Sie darin abrechnen könnten.

Pärchen-Gespräch: Harry und Meghan bei Oprah Winfrey
Pärchen-Gespräch: Harry und Meghan bei Oprah Winfrey Bild: Reuters

„Intim und von Herzen kommend“ werde das Buch sein, hat die Verlagsgruppe Penguin Random House mitgeteilt, und Sie selbst wollen sich äußern „nicht als der Prinz, als der ich geboren wurde, sondern als der Mann, zu dem ich geworden bin“. Hohe Millionensummen sollen dafür fließen, die Erlöse – ob sämtliche, ist nicht eindeutig formuliert – sind Charity-Projekten zugedacht.

Wie soll ich es sagen: Ich hätte dann allmählich genug. Und ich fürchte, ich stehe damit nicht allein.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Nie würde ich in Abrede stellen, dass Sie Entsetzliches erlebt haben. Sie waren keine 13, als Ihre Mutter starb, auf der Flucht vor den elenden Paparazzi. Und Sie haben vor allem von Ihrem Vater nicht die Liebe erfahren, die ein Kind sich wünscht. Das haben Sie so deutlich wie häufig zum Ausdruck gebracht. Über Ihr erlittenes Leid öffentlich zu sprechen, sagen Sie in „Das Ich, das du nicht siehst“, betrachten Sie als Verpflichtung, um all jenen, denen es ähnlich erging, zu zeigen: Ihr seid nicht allein.

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Offene Liebesbriefe

Da ist bestimmt was dran. Kennen Sie Walter Kohl? Der hat 2011 ein wirklich bewegendes Buch geschrieben darüber, wie er vom übermächtigen Vater und Bundeskanzler Helmut Kohl schier erdrückt wurde. „Leben oder gelebt werden: Schritte auf dem Weg zur Versöhnung“, heißt das Buch. Ein zweites namens „Leben, was du fühlst. Von der Freiheit, glücklich zu sein. Der Weg der Versöhnung“ erschien 2014, immer noch bewegend, doch ziemlich nah am ersten. Verstehen Sie, worauf ich hinauswill?

Angeblich haben Sie gleich vier Bücher vereinbart. Ich hoffe sehr, es sind nicht alles Autobiographien. Bei einem soll es sich um ein Buch Ihrer Frau zum Thema Wellness handeln, was uns gerade noch gefehlt hat, nachdem sie schon ein Kinderbuch vorgelegt hat: eine intime und von Herzen kommende Story, die laut Meghan begann als Liebesbrief an Sie und Ihren Sohn – und von der Kritik leider heftigst zerrissen wurde. Auch Liebesbriefe sollten nun mal nicht um jeden Preis öffentlich gemacht werden.

Das Ich, das du nicht siehst: Für Sie, verehrter Harry, scheint mir das nicht mehr zu passen. Was Sie auch tun, wir sehen stets nur Ihr Ich, und wir hören auch nichts anderes. Ihren Geschäftspartnern ist das nur recht: Nicht was Sie tun oder sagen, ist wichtig, sondern wer Sie sind. Harry, der traurige Prinz, berühmt aufgrund seiner Berühmtheit.

Aber wollen Sie zum One-Hit-Wonder werden? Müssen Sie es unbedingt gedruckt sehen, wie Sie sich als Knirps mal das Knie blutig schlugen und Charles Sie nicht umarmte, sondern Ihnen kühl die Hand gab? Ganz ehrlich: Ich fürchte, dass irgendwann ein Band erscheint mit dem Briefwechsel zwischen Ihnen und Ihrer Gattin. Oder ein Kochbuch mit von Ihnen zubereiteten, vom Vater jedoch verschmähten Gerichten: „Die Quiche, die du nicht isst“.

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Mein Wunsch wäre es, dass Sie sich, Ihr Publikum und Ihren Verlag überraschten. Im Vertrag steht doch sicher nicht, wie viele intime Enthüllungen pro Seite verlangt werden. Warum liefern Sie nicht ein Manuskript ab mit ganz vielen Fakten zur Hofmalerei des 19. Jahrhunderts? Sogar Ihrer Oma könnte das gefallen. Oder Sie versuchen es mit unverfänglichen Tiergeschichten, aber aufgepasst: Rotbepelzte Füchse oder Eichhörnchen sollten keine vorkommen, das wirkte schnell wieder zu selbstbezüglich.

Hochachtungsvoll, Jörg Thomann

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Thomann, Jörg
Jörg Thomann
Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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