Produzent Nico Hofmann

Die Formel seines Lebens

Von Julia Schaaf
01.10.2012
, 10:11
Ob „Der Turm“, „Der Tunnel“ oder „Dresden“: Produzent Nico Hofmann macht aus Zeitgeschichte Unterhaltung fürs Fernsehen. Damit ist er so erfolgreich wie umstritten. Begegnung mit einem Besessenen.

Eben noch hat Götz George mit drei russischen Soldaten am Kamin der Villa am Wannsee gesessen, in der er aufgewachsen ist. Auf einem runden Tisch stehen leere Flaschen und ein voller Aschenbecher; Dunstschwaden aus einem Blasebalg, die später, im Film, aussehen werden wie Zigarrenqualm, wabern durch den Raum. Jetzt wird die nächste Szene geprobt, der sowjetische Offizier zieht die Schubladen eines Schreibtisches auf, während George mit hängenden Schultern vor ihm steht: ein Koloss mit kastanienbraunem Haar und Zwirbelschnauzer. Götz George spielt seinen eigenen Vater. Der Offizier schnarrt: „Waren Sie in Partei?“

Der mächtigste Mann im Raum steht am Rand und schaut einfach zu. Nico Hofmann hat die Füße hüftbreit gespreizt, ein Hustenbonbon kreiselt zwischen seinen Fingern. Raubkatzen strahlen eine ähnliche Grundspannung aus. Hofmann schweigt. Nie würde er, der Produzent, sich während eines Besuchs in die Dreharbeiten einmischen. Die geschäftige Routine am Set jedoch wäre undenkbar, wenn er nicht zufrieden wäre. Die „Muster“, die Ergebnisse der ersten drei Drehtage, kennt er längst: „Dann wissen Sie, ob es ganz schlimm wird oder ob’s gelingt.“

Hofmann hat sich kurz mit Regisseur und Kameramann unterhalten. Er hat registriert, dass wirklich alle Details, die in den Blickwinkel der Kamera geraten könnten, originalgetreue Zeugnisse der Vergangenheit sind. Dann begrüßt er seinen Hauptdarsteller. Er kennt Götz George seit den Neunzigern, Hofmann war damals noch Regisseur, und weil er viel von der Urgewalt dieses Schauspielers gelernt hat, bezeichnet er ihn als Vaterfigur. Jetzt lobt er die aktuelle Arbeit: „Ich find’s irre; sehr, sehr souverän.“ George haut ihm die Pranke auf den Rücken und antwortet mit einer Frotzelei: Vertrautheiten unter Freunden.

Gleich wird der Produzent wieder in den Fonds einer silbernen Limousine steigen, in dem eine Banane als Proviant für die Fahrt nach Dresden wartet. Es ist der Auftakt zu einem fulminanten Hofmann-Herbst: Während das ZDF am Abend dieses Montags „Der Fall Jakob von Metzler“ zeigt, hat in der sächsischen Hauptstadt „Der Turm“ Premiere, die Verfilmung des Tellkamp-Romans, die das Erste zum Tag der Deutschen Einheit ausstrahlen wird. Anfang November läuft - schon im Vorfeld von öffentlicher Aufregung flankiert - „Rommel“. Hofmann hat Grippe, er ist vollgepumpt mit Antibiotika, um die Gala in Dresden zu überstehen. Aber er gibt auch zu, dass er nervös ist in diesen Wochen, die Folgen haben werden für seinen Ruf, seine Arbeit, seinen Weg.

Im Vorgarten der George-Villa am Wannsee nippt der Mann, der wahlweise als Deutschlands größter, erfolgreichster oder umstrittenster Fernsehproduzent bezeichnet wird, an einem Plastikbecher Kaffee und sagt: „Hier kommt alles zusammen, was mich interessiert.“

Je echter, desto Hofmann

Es ist der sechste Drehtag zu einem Dokudrama über Heinrich George, Sommer 1945: Der Großschauspieler, den die Nazis hofiert und zum Theaterintendanten gemacht haben, wird von den Russen verhaftet. Götz George ist damals knappe sechs Jahre alt, seinen Vater wird er vor dessen Tod nur einmal wiedersehen. Über die Nähe des alten George zum Dritten Reich, über seine Unabhängigkeit von der NS-Ideologie wird bis heute gestritten, in dem Film geht es deshalb auch um Schuld. Aber eben nicht nur. Wie immer interessiert sich Hofmann vor allem für Geschichte als Familienschicksal und die Auseinandersetzung eines Sohnes mit seinem Vater. Ideal, nicht nur an Originalschauplätzen, sondern mit Götz George selbst zu drehen: je echter, desto Hofmann.

“Der Tunnel“, „Stauffenberg“, „Die Luftbrücke“ oder „Mogadischu“: Hofmanns Produktionsschmiede „Teamworx“ hat sich unter dem Dach der Ufa in den vergangenen 14 Jahren systematisch an Schlüsselereignissen der deutschen Vergangenheit abgearbeitet und damit ein Millionenpublikum erreicht. Hofmann muss deshalb mit dem Vorwurf leben, er bediene den Massengeschmack und verkitsche Zeitgeschichte: der Guido Knopp der Unterhaltung. Aber nicht einmal seine Kritiker bestreiten, dass er mit dem historischen Event-Zweiteiler ein sehr erfolgreiches Genre erfunden und finanzierbar gemacht hat, das seither rezeptartig kopiert wird.

Darüber hinaus hat der Journalistensohn mit seinem Gespür für Themen und den richtigen Zeitpunkt deutsche Debatten angestoßen, die vorher unmöglich schienen. „Dresden“ und „Die Flucht“ sind die besten Beispiele. Selbst wenn aus heutiger Sicht kaum zu ertragen ist, wie plakativ die Liebesgeschichte zwischen einer Krankenschwester und einem verwundeten britischen Piloten der Dramaturgie des Bombenhagels folgt - 2006 saßen vor den Fernsehern der Nation rund 13 Millionen Menschen, die das Leid einer Generation nachempfinden konnten, ohne sich dabei schuldig zu fühlen. Denn bei allem Sinn für die Tragödien der Deutschen: Hofmann achtet penibel darauf, dass die Ambivalenz zwischen Tätern und Opfern nicht in Revanchismus abgleitet.

Er selbst nennt das Haltung, und wenn der Mann mit den teuren spitzen Schuhen und dem immerbraunen Teint seinen Studenten an der Filmakademie in Ludwigsburg erklärt, worauf es ankommt in einem Produzentendasein, predigt er: Haltung. Natürlich geht es zunächst ums Handwerk. Ein Produzent muss wissen, wie man ein Drehbuch schreibt, er braucht Kenntnisse im Schneideraum und eine Ahnung davon, wie Musik einen Film verändert. Wer nicht weiß, wie unterschiedlich Kameraleute ticken, kann kein Team zusammenstellen, das sich inspiriert. Vor allem aber, sagt Hofmann, brauche es eine „sehr klare Meinung, was man moralisch, ästhetisch mit einem Film will“.

Die Früchte dieser Nachwuchsförderung kann man bei der ersten Pressevorführung des „Turms“ besichtigen. Christian Schwochow steht auf der Bühne und sagt: „Ich habe diesen Film mit starken Partnern, aber in großer Freiheit machen können.“ Der Regisseur, Anfang dreißig, hat in Ludwigsburg studiert. Er weiß, wie es sich anfühlt, wenn Professor Hofmann vor Kommilitonen und Dozenten einem das Werk zerschießt mit Sätzen wie: „Man kann rausgehen und nach fünf Minuten wiederkommen, und der Film ist genauso schlecht wie vorher.“ Aber Schwochow hat damals auch erlebt, wie der Lehrer ihm anschließend im Schneideraum treffsicher die Fragen stellte, die dazu führten, dass der Film letztlich doch gelang. „Ich habe von ihm gelernt, mir zu vertrauen und das zu machen, was ich für richtig halte“, sagt Schwochow.

Mainstream-Fernsehen à la Teamworx

Wieder ist Krieg. Das Teamworx-Büro in Potsdam-Babelsberg verfügt über ein kleines Kino, in dem an einem sonnigen Juni-Freitag Soldaten zerfetzt werden. „Du sollst tot sein!“, brüllt eine junge Frau, die am Rande der Gefechte ihrem totgeglaubten Liebsten begegnet. Gegen die Verzweiflung dieses Schreis, in dem das Grauen des Krieges als fundamentale Verstörung nachhallt, bietet selbst das weiche Plüsch eines Kinosessels keinen Schutz. Wieder ist sie Krankenschwester und er Soldat. Aber Hofmann hat begriffen, dass sich das Melodram als Erzählstruktur für Historienfilme überholt hat: „Das wäre ja schlimm, wenn ich Filme genauso machen würde wie vor sechs Jahren.“ Er setzt jetzt auf Akkuratesse und einen eher journalistischen Zugang: Kaum ein Werk, das er nicht stolz von Zeitzeugen oder Historikern präsentieren lassen würde, die versichern, so sei es gewesen, genau so.

“Unsere Mütter, unsere Väter“ geht weiter. Seit fünf Jahren schon laboriert Hofmann an dieser fiktiven Geschichte um fünf Freunde herum, die sich 1941 in den Wirren des Krieges verlieren, ein Dreiteiler mit einem Budget von 14 Millionen Euro - und ein Wagnis. „Der Film ist ungeheuer radikal“, sagt Hofmann. Schnelle Schnitte, drastische Bilder, die Handlung: schonungslos. Die Dreharbeiten sind abgeschlossen, seit vergangenem Herbst feilen Produzenten und Regisseur an immer neuen Fassungen, die Marktforscher einem ausgewählten Publikum vorführen, um abzuschätzen, ob die Rentner, ob die Frauen bei der Stange bleiben. Wer einen Quotenerfolg will, darf keine Zielgruppe verprellen. „Ich will alle erreichen“, sagt Hofmann. „Aber je radikaler ein Film gemacht ist, um so weniger klappt es. Das ist das Problem.“ Besser lässt sich wohl kaum erklären, wie Mainstream-Fernsehen à la Teamworx entsteht.

Anderthalb Stunden sitzt Hofmann wie festgetackert im Kinosessel, um anschließend als Erster aufzuspringen. Im Abspann stehen drei Produzentennamen, aber intern ist klar, wem hier das erste und das letzte Wort gehören: „Mich berührt’s sehr. Mich hat’s total gekriegt diesmal.“ Wie immer hört man Hofmann an, dass er in Mannheim aufgewachsen ist. Und schon geht er in die Analyse. Ob die polnischen Partisanen Untertitel behalten oder Deutsch sprechen müssten, sei noch zu debattieren: „Wenn man über Quote redet, würde ich synchronisieren.“ Vor allem aber brauche es eine „gigantische Kampagne“, um die Zuschauer vor den Bildschirm zu holen, und damit das ZDF mitziehe, müsse die Abnahme unbedingt in einem richtigen Kino stattfinden. Es klingt, als wolle seine Partner vom Sender verführen: „Wir müssen alle in berührter Euphorie rausgehen.“

Ein Privatleben? „Nee, leider nicht.“

Nicht zuletzt sein Wissen über Zuschauerverhalten, Fernsehgeschmack und Marketingmechanismen haben Hofmann groß gemacht: Er lanciert seine Pläne für einen Riefenstahl-Film mit Maria Furtwängler so gezielt über die Medien wie die Filmidee zur Causa Wulff, auf dass ihm das Thema nicht die Pressekonferenz zum aktuellen Guttenberg-Dreh verhagelt. Diesen Sommer verfilmt er „Der Medicus“ fürs Kino.

Ein Fernsehproduzent dreht nie das eine große Rad, sondern viele Räder gleichzeitig, und Hofmann ist gut darin, ein Räderwerk in Bewegung zu halten, ohne das Finetuning aus den Augen zu verlieren. Wenn der Produzent bei einem Branchenfest über einen roten Teppich schlendert, kommt er zwischen Händeschütteln und Schulterklopfen, zwischen alten Bekannten und neuen Projekten nur schleppend voran.

Dabei ist der Mann mit den gestärkten, prinzipiell krawattenlosen Hemdkragen kein Charismatiker, der einen Raum oder eine Bühne nur betreten müsste, um Menschen in seinen Bann zu ziehen. Sein Charme entfaltet sich in der Begegnung, dann steckt seine Begeisterung schon nach wenigen Minuten an. Es ist eine Frage der Energie. Nico Hofmann brennt nicht für seine Projekte, er lodert. Immer gibt er alles. Ein Privatleben? „Nee, leider nicht.“

Seit einer Krise vor zwei Jahren, als Hofmann sich für Monate nach Indien flüchtete, weil der Flop seines Zukunftsdramas „Die Grenze“ mit einer Phase totaler Überarbeitung zusammenfiel, achtet er zwar diszipliniert auf Auszeiten. Er beginnt den Tag mit Yoga und verordnet sich vor Abendterminen zwei Stunden auf dem Laufband; er isst gesund und trinkt selten. Aber ihm ist klar, dass das ein Kunstgriff ist. „Ich habe Gott sei Dank sehr gute Freunde. Aber mir fehlt definitiv die Familie. Eine Art von Pufferzone, wo ich wirklich mal außerhalb von diesem täglichen Betrieb runterkomme.“

Fragt man Hofmann, wie Hofmann einen Film über Hofmann machen würde, herrscht elf Sekunden Stille. Der Produzent ist eitel genug, die Rolle der Hauptfigur nicht einfach von sich zu weisen. Aber für gewöhnlich sprudeln Besessenheit, Scharfsinn und die schiere Flut seiner Projekte nur so aus ihm heraus. Jetzt denkt er nach.

“Wenn ich mein Leben im Moment beschreiben würde, dann ist es sehr collagiert“, sagt Hofmann schließlich und benutzt Wörter wie „Umbruch“ und „Aufmischung“. Er meint den Fernsehmarkt, der sich verändert habe, weil selbst Dauerbrenner in der Zuschauergunst abstürzten und niemand mehr wisse, was eigentlich funktioniert. Er redet von der neuen Struktur der Ufa, in der Teamworx mit der internen Konkurrentin Ufa-Fernsehproduktion verschmelzen soll und mit Hofmann und dem ehemaligen Sat.1-Chef Joachim Kosack eine Doppelspitze erhält. Manchmal raube ihm das den Schlaf, sagt Hofmann. Er hat bewusst nach der Herausforderung gegriffen. Trotzdem fragt er sich ab und an, ob es einen wie ihn glücklich macht, wenn er mehr delegieren muss und nicht mehr an vorderster Front hinter den Filmen steht: „Ich glaube, dass sich mein Leben ernsthaft ändern wird.“

Wieder zwölf Sekunden Pause. Dann schlägt Hofmann vor, den Film über sich mit Szenen aus einem Epos einzuleiten, das er mit 18 Jahren über die Scheidung seiner Eltern gedreht hat, noch bevor er sich an der Münchner Filmhochschule bewarb. Was für ein Nico-Hofmann-Stoff: Da findet ein Pubertierender, der unter der Trennung seiner Eltern leidet, in der Nachttischschublade seines Vaters wie ein Vermächtnis dessen Kriegstagebücher, und während er liest, während er das Gespräch mit seinem Vater sucht, während sich ein geradezu manisches Interesse für die Hitlerzeit ausbildet, beginnt er zu begreifen, dass die Ehe der Eltern auch an gegensätzlichen Wegen im Dritten Reich und an der Todesnähe des Vaters während des Russlandfeldzugs zerbrochen ist. Die Auseinandersetzung mit seinem Vater und dessen Prägung durch den Krieg bezeichnet Hofmann bis heute als die große Klammer seines Lebens.

Erstaunlich ist daran nicht nur, wie freimütig der Produzent mit seiner Familiengeschichte umgeht. Er hat das Thema seines Lebens zum Thema seines Berufs gemacht. Die Formel für seine Filme, den Einbruch von Geschichte in Familien mit einem Beziehungsdrama als Wendepunkt, hat er persönlich erlebt. Die Triebfeder seines unermüdlichen Schaffens und die Verarbeitung von Biographie durch Film scheinen zwei Seiten derselben Medaille. Im Hofmann-Kosmos passt alles mit allem zusammen.

Und wie immer geht es ums Ganze. „Ich bin meganervös, ob ,Der Turm’ gelingt“, sagt Hofmann. Da preist er einerseits die Tellkamp-Verfilmung als „das Gelungenste, was wir überhaupt je produziert haben“. Andererseits - vielleicht gerade, weil „Der Turm“ sich abhebt von vielen bisherigen Produktionen - giert er mehr als sonst nach dem Lob der Kritiker. Und die Masse will er auch. „Es würde mich Monate“, der Getriebene dehnt die Silben, „Monate energetisch schachmatt setzen, wenn der Film nicht läuft.“ Aber selbst wenn die Quote stimmt: „Meine Zufriedenheit hält einen halben Tag. Das ist eher Erlösung“, sagt Hofmann. Dann wird er seiner Pressechefin Blumen schicken und mit dem Regisseur telefonieren. „Und dann mache ich weiter. Wie auch immer.“

“Der Turm“ läuft an diesem Mittwoch um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Schaaf, Julia
Julia Schaaf
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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