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Rammstein im Interview

„Wir wollen Ärger“

 - 08:06

Seit 15 Jahren setzten Rammstein Ideen um, die die Allgemeinheit widerlich findet. Laut Gitarrist Paul Landers und Keyboarder Christian Lorenz sind die Leute mittlerweile so abgestumpft, dass nur noch Gewalt hilft. Sie wollen provozieren und haben Spaß daran.

Das neue Rammstein-Video ist ein richtiger Porno. War es schwer, noch ein Tabu zu finden?

Christian „Flake“ Lorenz: Eigentlich wollten wir den schon vor Jahren drehen. Man wird sonst zu alt dafür.

Paul Landers: Alle denken immer, wir würden uns zusammensetzen und überlegen: Wie könnte man provozieren? Was für ein Tabu hatten wir noch nicht? Aber so ist das nicht. Was wir machen, ist das Gegenteil von kommerziell.

Damit verdienen Sie erstaunlich viel Geld.

Landers: Komischerweise. Wir haben uns vor 15 Jahren zusammengetan, weil wir monotone, stumpfe Musik machen wollten. Wir haben in einem Keller gestanden und Krach gemacht. Wir haben nie versucht, Erfolg zu haben. Wir machen, was wir gut finden. Immer. Und wenn wir zu sechst zusammen sind, kommen Ideen heraus, die die Allgemeinheit widerlich findet. Wir sind einfach so.

Aber provozieren wollen Sie schon, oder?

Lorenz: Auf jeden Fall. Alles ist so zugeflutet, dass man normalerweise gar nicht mehr zu den Menschen vordringt. Früher im Osten haben die Leute noch zugehört, da haben Feinheiten zwischen den Zeilen gereicht. Jetzt sind die Leute so abgestumpft, da hilft nur noch Gewalt.

Wie finden Ihre Partnerinnen das Pussy-Video?

Lorenz: Meine Frau ist begeistert. Sie findet das logisch: Porno und Rock'n'Roll ist eins.

Und wie war der Dreh?

Landers: Erstmal ein bisschen wie Zahnarzt. Wir saßen in diesem Bordell in Charlottenburg und mussten nacheinander ran. Ich hatte Schiss und habe mir Mut angetrunken. Aber ich hätte nicht gedacht, wie sachlich so etwas abläuft. Rein mechanisch.

Und die Botschaft vom Ganzen?

Landers: So denken wir nicht. Sie müssen sich das so vorstellen: Ein paar Jugendliche schmeißen an der Bushaltestelle die Scheibe ein. Finden sich toll, pushen sich hoch, sind ein bisschen kicherig, und die Erwachsenen schütteln den Kopf. Die Jugendlichen aber denken nicht drüber nach.

Und das machen Sie jetzt immer noch - mit mehr als vierzig Jahren?

Landers: Vielleicht sind wir stehengeblieben.

Lorenz: Uns gefiel auch die Vorstellung, dass das Video nicht bei MTV gezeigt wird.

Landers: Wir sind Musiker. Wir sind nicht schlau. Aber instinktiv spüre ich: Dieses Video, dieser Porno ist ein Meilenstein. Das ist der Abschied vom Video. Wir haben ein Video gemacht, dass man nicht gucken kann. Das Lied ist nämlich auch ohne Video genial: Blitzkrieg mit dem Fleischgewehr. Steck Bratwurst in dein Sauerkraut. Da könnte ich mich beömmeln.

Lorenz: Das Lied ist international. Das sind Worte, die sie überall auf der Welt kennen.

Ist Rammstein eine besonders deutsche Band?

Landers: Wir wollten immer eine deutsche Band sein. Wir haben uns gefragt: Was ist eigentlich deutsch? Das Land ist da ja ziemlich verklemmt, der Westen noch mehr als der Osten. Dabei finden alle anderen Länder die Deutschen süß. Unsere Botschaft an die Deutschen lautet: Alles nicht so schlimm. Wir sind ja da.

Gilt das auch für das Lied auf Ihrem neuen Album über das Verbrechen von Amstetten?

Lorenz: Wenn so etwas passiert auf der Welt, sagen wir etwas dazu. Wir sind gewissermaßen dazu beauftragt. Weil nur wir dabei authentisch wirken. Das kann niemand sonst.

Man könnte auch sagen, Sie berauschen sich an der Brutalität und Perversion der Tat.

Landers: Das können Sie sagen, das ist politisch korrekt. Aber Sie fragen ja auch nicht Quentin Tarantino: Warum muss in Kill Bill 2 so viel Blut fließen? Wir sind keine politisch korrekte Band. Das wollten wir nie sein. Wir wollen provozieren, wir wollen Ärger, und wir haben Spaß daran. Wir singen über die dunklen Seiten der Menschheit. Aber man darf auch über uns lachen.

Rammstein gilt als finster, martialisch und brutal. Sind Sie auch privat so harte Kerle?

Lorenz: Es gibt kein Privat. Rammstein ist Rammstein.

Landers: Die harten Bands sind meistens die netten. Je härter die Band, umso freundlicher sind die Kandidaten.

Lorenz: Schwedische Death-Metal-Typen tragen im Probenraum Pantoffeln, rauchen draußen und sind höflich, leise und still.

Landers: Und die Schlagertypen sind die Kinderficker.

Lorenz: Wie Kurt Demmler.

Verändert das die Persönlichkeit, wenn man 15 Jahre lang ständig von Blut und Grauen singt?

Landers: Dadurch werden wir noch netter. Als Rammstein können wir Sachen machen, die Sie sich als Otto Normalverbraucher nicht trauen. Wir dürfen sogar einen Porno drehen, wovon viele Männer träumen. Und bei uns im Konzert darf auch der Bankangestellte mal mit tiefer Stimme „Rammstein“ rufen und die Faust schütteln, und am nächsten Morgen muss er dann wieder ordentlich um acht im Anzug zum Dienst. Das ist unsere Funktion. Wir sind ein Ventil.

Aber irgendwann schlägt das um: Auch die Geiselnehmer von Beslan und die Amokläufer von Littleton haben Rammstein gehört.

Lorenz: Die haben auch weiße Brötchen gefrühstückt.

Soll heißen?

Lorenz: Die haben viele Sachen gemacht, die nichts mit ihrer Tat zu tun hatten. Ich denke, dass harte Musik Aggressionen löst. Vielleicht haben die zu wenig Rammstein gehört.

Wie muss ich mir das eigentlich vorstellen, wenn sechs halbwegs reife Männer seit 15 Jahren zusammen Musik machen?

Lorenz: Das ist wie in dem Märchen „Sechse kommen durch die ganze Welt“. Der eine kann dies, der andere das, und das wissen die anderen auch zu schätzen.

Was sind Ihre Spezialitäten?

Landers: Ich sage, was Flake kann, und Flake sagt, was ich kann. Dann ist das nicht so peinlich.

Lorenz: Okay.

Landers: Flake hat einen auserlesenen Geschmack, der sehr wichtig ist, wenn es darum geht, was für eine coole Band peinlich wäre. Einen Auftritt bei „Wetten, dass . . .“ zum Beispiel würde Flake ablehnen. Er passt auch auf, dass es nicht zu flach oder beliebig wird, nicht glatt gebügelt oder süßlich. Er hasst Geigen und zuckrige Akkorde, er hasst, wenn es zu schön wird.

Lorenz: Paul ist eigentlich unser Haupt-Ärger-Verantwortlicher. Wenn wir zögern, sagt er: aber gerade. Und Paul ist wie ein guter Kutscher. Wenn der Schlendrian einzieht, wenn die Zügel zu schleifen beginnen, kann Paul strikt nachziehen und die Truppe zusammenhalten.

Gab es Zeiten, in denen Sie eine Gruppentherapie oder wenigstens Supervision gebraucht hätten?

Lorenz: Nie. Das ist ja Gruppentherapie, was wir machen. Mir ist wichtig, dass ich jemanden habe, den ich jeden Tag sehe, der sagt: Die Schuhe zieh mal lieber nicht an. Eine Gruppe von Menschen, die mich reflektiert.

Treffen Sie sich wirklich jeden Tag?

Lorenz: Selbstverständlich.

Landers: Wir sehen uns mehr als unsere Familien.

Sie haben beide in der DDR-Punkband Feeling B gespielt. Jetzt ist der Fall der Mauer zwanzig Jahre her. Wehmut?

Landers: Flake schon. Der ist so eine Ostpocke.

Lorenz: Ich habe keine Ostalgie. Ich finde nur den Westen scheiße.

Was wünschen Sie sich zurück?

Lorenz: So gesehen, alles. Ich spreche allerdings nur für mich.

Landers: Wir sind nicht typisch. Anders als die meisten fanden wir den Osten lustig. Der Sänger von Feeling B betrachtete die DDR mit der Weisheit des Weitgereisten und hat es geschafft, uns diesen Blick zu vermitteln.

Lorenz: Die DDR war wie ein Spielzeugland. Es gab eine Stones-Nachspielband, die wurde behandelt wie die echten Stones im Westen. Das hatte mit der echten Welt nichts zu tun.

Landers: Verstehen Sie uns nicht falsch. Viele haben gelitten oder wurden ins Gefängnis gesteckt. Aber wir wurden nicht verfolgt, wir tanzten auf einer Welle. Wir haben vom Osten das Beste abgeschöpft. Ich erzähle mal ein Beispiel: Wir steigen in einen Zug, weil wir an die Ostsee wollen, haben aber keinen Pfennig Geld dabei. Dafür eine kleine, mit Samt ausgelegte Kiste, ein ehemaliges Schachspiel. Versilberten Kupferdraht, eine Zange und buntgefärbte Blättchen. Daraus haben wir im Zug Ohrringe gebastelt, und bevor der Schaffner auch nur bei uns war, hatten wir schon mehr Geld verdient, als die Fahrkarte kostete. Die Leute standen Schlange. Das war für uns der Osten.

Ist das nicht heute noch ähnlich?

Lorenz: Ich hatte auch ein Grundverständnis für den Osten. Wenn auf einem Schild stand „volkseigenes Korn“ bin ich nicht über das Feld gelaufen. Das habe ich akzeptiert, das fand ich gut. Ich habe mich für die große Sache mitverantwortlich gefühlt. Sogar als Punk. Wir haben alten Frauen einen Sitz in der Straßenbahn angeboten und Kinderwagen getragen. Das war ein sinnvolles Dasein.

Dieser Sinn fehlt Ihnen heute?

Lorenz: Ja. Jetzt wird einem das Geld wie ein neuer Gott verkauft.

Aber davon haben Sie doch mehr als genug.

Lorenz: So bekämpfe ich das System. Ich nehme denen das Geld weg.

Landers: Stimmt doch gar nicht.

Lorenz: Klingt aber gut.

War Rammstein die logische Konsequenz der Wende und dieser Sinnkrise?

Lorenz: Wir mussten ein neues Mittel finden, um unsere Ideale zu vertreten. Feeling B hat nicht mehr gereicht.

Wieso?

Landers: Feeling B war in der DDR am Rande des Erlaubten. Wir haben in einer Grauzone getestet, was man darf und was nicht. Als dann die Grenze aufging, waren wir plötzlich in der Mitte. Und unser Gegner war weg: die da oben. Das war im Osten ja so einfach. Aber irgendwann wussten wir auch im Westen wieder, was sich schickt und was nicht. Das ist unsere Bestimmung: An den Grenzen des guten Geschmacks herumfummeln und die Leute nerven.

Wogegen ist Rammstein denn jetzt?

Lorenz: Ich finde Menschen generell nicht gut. Ich rege mich auf über diese Leute im Prenzlauer Berg, die mit Kopfhörer ihren „Kaffee Togo“ bestellen. Wenn die nicht einmal die Höflichkeit haben, den Stöpsel rauszuziehen, wenn sie mit der Kellnerin sprechen, werde ich aggressiv.

Landers: Ich kriege wegen dieser Feigheit einen Hals. Die Deutschen ducken sich aus Angst, den Job zu verlieren oder den Chef zu verärgern. Das ist vorauseilende Selbstzensur, die viele gute Sachen verhindert. Die Leute schlängeln sich durch und wollen so wenig wie möglich anecken. Das nervt mich kolossal. Wir versuchen genau das Gegenteil.

Schock-Rock aus Ost-Berlin

Ein Band-Name, der auf eine Flugzeugkatastophe zurückgeht, Texte über Inzest, Vergewaltigung, Sadomaso-Sex und Kannibalismus, dazu brachialer Metal-Rock, Deutschtümelei und bisweilen gefährlich viel Feuer auf der Bühne: Damit ist Rammstein die im Ausland erfolgreichste deutsche Band der Gegenwart. In der Heimat jedoch sind die bösen Buben so beliebt wie umstritten, obwohl ihnen inzwischen keine rechtsextremistischen Tendenzen mehr unterstellt werden. Erwartungsgemäß ist auch ihr sechstes Studioalbum „Liebe ist für alle da“ (Universal), das von Freitag an im Handel ist, eine düstere Orgie über Sex und Gewalt. Ende November geht die Band auf Tour.

Und dann das: ein Treffen im „Pratergarten“, wo Touristen und Prenzlberger einträchtig die Sommernächte unter Kastanien verbringen und im Winter Klöße essen. Das „Rammstein“Universum, die Dachetage über dem Knaack-Club mit Management, Merchandising und Studio, liegt nicht weit von hier. Christian „Flake“ Lorenz, 1966 im Bezirk geboren, Keyboard, kommt mit dem Fahrrad. Paul Landers, Ost-Berliner, Jahrgang 1964, Gitarre, zu Fuß. Beide tragen Schwarz. Landers (Silberketten und Totenkopfring) lacht viel und ist bezaubernd freundlich. Lorenz (knittriges Jackett) hört seit einer Mumpserkrankung schlechter und sagt, er brauche immer Zeit zum Warmwerden. Deshalb bestellt er eine Menge Bier. Keiner der Gäste erkennt sie. Nur selten, so Lorenz, müsse er sich auf dem Bauernmarkt wegducken.

Beide Musiker haben in der DDR in der Punkband „Feeling B“ gespielt, lange Zeit in besetzten Wohnungen zusammengelebt und 1994 mit Till Lindemann (Gesang), Richard Kruspe (Gitarre), Oliver Riedel (Bass) und Christoph Schneider (Schlagzeug) die Band gegründet, die sie reich gemacht hat. Schulkarriere? Irgendwo vorm Abitur zu Ende. Ausbildung? Nicht wichtig. Beide haben Familie. Landers' Achtjährige fragt gelegentlich, warum Flake etwa auf der Bühne im Kochtopf steckt. Dann sagt Papa, sie fänden das halt gut. sha.

Die Fragen stellte Julia Schaaf.

Quelle: F.A.S.
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