Richard Dreyfuss im Gespräch

„Wir haben angefangen, den Schwanz einzuziehen“

Von Patrick Heidmann
14.10.2020
, 18:47
Bekannt für sein Selbstbewusstsein und Filme wie „Der weiße Hai“: Richard Dreyfuss
Video
Hollywood-Legende Richard Dreyfuss meldet sich zurück – mit der Hauptrolle in dem Drama „Astronaut“. Im Interview spricht er über sein Ticket zum Mond, sein Selbstbewusstsein, die amerikanische Demokratie und Donald Trump.
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Man übertreibt nicht, wenn man Richard Dreyfuss als Hollywood-Legende bezeichnet. Der New Yorker, der am 29. Oktober 73 Jahre alt wird, stand schon als Teenager für Fernsehproduktionen vor der Kamera, versuchte sich am Theater und feierte 1973 mit „American Graffiti“ von George Lucas den Durchbruch. Es folgten die beiden Spielberg-Blockbuster „Der weiße Hai“ und „Unheimliche Begegnung der dritten Art“, ein Oscar für „Der Untermieter“ und in den Achtziger Jahren erst einmal der Drogenentzug. Ganz zurückgezogen hatte sich der Vater dreier erwachsener Kinder nie, auch wenn die Rollen in den letzten Jahren kleiner und seltener wurden. Nun meldet er sich mit der Hauptrolle in dem rührenden kanadischen Drama „Astronaut“ (ab 15. Oktober im Kino) zurück, das Anlass für ein Videotelefonat mit ihm ist.

Seine Ehefrau Svetlana, mit der er seit bald 15 Jahren verheiratet ist, stellt die Verbindung her. Dreyfuss sitzt – mit Kopfhörer und Cap – in seinem Arbeitszimmer, im Hintergrund steht neben dem Drucker das Hochzeitsfoto. Vor dem Fenster ist der Gärtner mit einem Laubbläser aktiv, doch davon lässt er sich nur anfangs ablenken. Ein konzentrierter Gesprächspartner ist er allerdings ohnehin nicht, eher der Typ gut gelaunte Plaudertasche, mit der man in Windeseile von einem Thema aufs nächste kommt.

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Mr. Dreyfuss, in Ihrem neuen Film „Astronaut“ träumen Sie vom Flug ins All, in Spielbergs „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ haben Sie es damals am Ende sogar ins Ufo geschafft. Aber auch in echt hatten Sie mal Weltraum-Ambitionen, nicht wahr?

Sagen wir es mal so: Ich hatte schon meine Reservierung für ein Ticket zum Mond!

Tatsächlich?

Aber ja doch. Noch am gleichen Tag als die NASA 1969 auf dem Mond landete, konnte man bei der Fluggesellschaft Pan Am Tickets zum Mond reservieren. Sie sicherten zu, dass die einlösbar wären sobald kommerzielle Flüge zum Mond möglich seien. So hatten sie es ja schon in den Dreißigern mit Transatlantik-Flügen gemacht: Da gab es auch bereits Jahre vorher Reservierungen, die dann später tatsächlich in Tickets umgewandelt wurden. Jedenfalls hatte ich für den Mondflug die Reservierungsnummer 86, und mein Freund Albert Brooks, der Komiker, sogar die 11. Steven Spielberg selbst wäre in den Achtziger Jahren vermutlich der erste Zivilist im All gewesen, wenn ich mich richtig erinnere. Dann allerdings ereignete sich die Challenger-Katastrophe und seine Pläne wurden natürlich auf Eis gelegt, genau wie wenig später die von Pan Am.

Aber war die Reservierung dieses Tickets für Sie ein Gag oder Ausdruck einer ehrlichen Faszination fürs Weltall?

Ich würde sagen, dass diese Faszination eigentlich untrennbar zur menschlichen Natur gehört. Die ist fest in uns verankert und immer schon Bestandteil unserer Geschichte. Wir haben in dieser Hinsicht stets versucht, den nächsten Schritt zu gehen und uns weiter ins Unbekannte vorzuwagen. Und das nicht nur mit Blick auf die Wissenschaft. Erst als es dann ein paar technische Probleme bei der bemannten Raumfahrt gab, machten wir etwas, was uns Menschen sonst eigentlich ganz unähnlich ist.

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Filmtrailer
„Astronaut“
Video: Youtube , Bild: Jets Filmverleih

Nämlich?

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Wir haben angefangen, den Schwanz einzuziehen. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte haben wir plötzlich versucht zu unterdrücken, was sonst immer selbstverständlich war, nämlich unsere Neugier und unseren Forscherdrang. Wir haben uns einfach von der Raumfahrt abgewandt und uns bemüht, die Leute mit anderen Dingen abzulenken. Was vermutlich die falsche Entscheidung war, wenn ich höre, wie viele NASA-Mitarbeiter danach in Therapie mussten, weil ihnen ihr Lebensinhalt weggebrochen war. Aber langsam kommt die Sache ja wieder zurück. Auch wenn natürlich Flüge zum Mars technisch so viel schwieriger sind als alles andere, was wir je unternommen haben. Das wird einige politische Revolutionen und einen Schritt nach vorne in der Menschheitsentwicklung brauchen, bevor das Wirklichkeit wird.

Ihr Kollege Tom Cruise will ja immerhin demnächst im All einen Film drehen.

Klar, der eifert ja auch seinem Scientology-Gründer L. Ron Hubbard nach! Apropos: Sagt Ihnen der Schriftsteller Robert Heinlein etwas? Von dem stammen „Fremder in einer fremden Welt“ und einige tolle Science Fiction-Geschichten. In den frühen Sechziger Jahren haben wir seine Zukunftsvisionen alle fürchterlich ernst genommen. Und tatsächlich hat er damals vorhergesagt, dass echte Weltraumreisen von privaten Unternehmern in Angriff genommen werden, so wie es ja tatsächlich der Fall ist. Außerdem glaubte er, dass die ersten Jahrzehnte dieses Jahrtausends als die „verrückten Jahre“ in Erinnerung bleiben würden. Das trifft die Sache doch ganz gut. Jedenfalls war er ein schräger Vogel, einerseits eher rechts und dem Individualismus huldigend, aber andererseits jemand, der Bücher darüber schrieb, eine Frau zu werden. Wie ich auf ihn komme? Er war L. Ron Hubbards Zimmergenosse in der Annapolis Air Force Academy. Dass „Fremder in einer fremden Welt“ unter anderem von einer falschen Religion handelt, ist also kein Zufall.

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Aber zurück zu Ihnen. Und weil es in „Astronaut“ um Lebensträume geht, die auf den letzten Metern noch erfüllt werden wollen, sei die Frage gestattet: Wie sieht es da bei Ihnen aus?

Schon allein aus Selbstschutz habe ich eigentlich immer nur von Dingen geträumt, die recht problemlos zu erreichen waren. Kleine, überschaubare Häppchen, die sich erfüllen lassen und niemanden überfordern.

Zum Beispiel?

Ich wollte eine erfolgreiche Karriere als Filmschauspieler – und die hatte ich. Außerdem war es stets mein Ziel, nur nach meinen eigenen Regeln zu leben, und auch das ist mir gelungen. Klar, ich habe auch eine Reihe Fehler und Pleiten erlebt, aber für die war immerhin niemand anders verantwortlich als ich selbst. Egal ob ich morgen sterbe oder in 20 Jahren, kann ich erhobenen Hauptes gehen und guten Gewissens behaupten, dass ich mich nie verbogen oder meine Grundsätze über Bord geschmissen habe. Ich habe meine Energie und Aufmerksamkeit immer nur Dingen gewidmet, für die ich mit Leidenschaft gebrannt habe. Von daher sind alle Träume erfüllt. Außer dem, dass ich gerne einige Zentimeter größer gewesen wäre.

Richard Dreyfuss in einer 2017 ausgestrahlten Episoden von „Hour 4: Truth“
Richard Dreyfuss in einer 2017 ausgestrahlten Episoden von „Hour 4: Truth“ Bild: Picture-Alliance

Apropos erfolgreiche Filmkarriere: Die Liste Ihrer Kinohits ist tatsächlich lang, von „American Graffiti“ und „Der weiße Hai“ über „Der Untermieter“ und „Stand By Me“ bis „Was ist mit Bob?“ oder „R.E.D.“ Macht es Ihnen Spaß, zurückzublicken und an die guten alten Zeiten zu denken?

Es gibt Schlimmeres. Aber tatsächlich finde ich es heutzutage oft ein wenig langweilig, wenn Journalisten in Interviews sich immer bloß auf die ollen Kamellen stürzen. Nichts gegen Sie und Ihre Kollegen, doch ich fühle mich dann manchmal so, als sollte ich die ganze Arbeit übernehmen. Früher wurden doch auch tolle Geschichten geschrieben, wenn ein neuer Film in die Kinos kam, aber weder musste Spencer Tracy da zu Protokoll geben, wie er sich an die eigene Arbeit erinnert, noch hat er je öffentlich darüber gesprochen, dass er ein gnadenloser Säufer war.

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Zu einem Interview gehört es aber nun natürlich, dass der Befragte auch etwas erzählt.

Klar, mache ich ja auch. Aber wenn es nach mir ginge, würde ich es viel spannender finden, wenn die Journalisten schreiben, was sie an mir und meinen Filmen interessant finden, als dass ich selbst aus dem Nähkästchen plaudere. Vor vielen Jahren habe ich mal vor tausenden Zuschauern, darunter ihm selbst und seiner Familie, auf einer Bühne gestanden und über den großen James Stewart gesprochen. Darüber, was er mir bedeutet und wie seine Arbeit vor der Kamera auf mich wirkt, sowohl die Filme vor als auch die nach dem Krieg. Seine Töchter waren vollkommen gerührt und er in Tränen aufgelöst. Mein Kollege Robert Loggia sagte danach zu mir, eine solche Besprechung seiner Karriere würde er sich auch einmal wünschen.

Unsere Leserinnen und Leser interessieren sich trotzdem sicherlich mehr dafür, was Sie zu sagen haben als ich, daher frage ich weiter. Zum Beispiel nach Ihrem in Hollywood legendären Selbstbewusstsein, mit dem Sie schon zu Beginn Ihrer Karriere auftraten. Woher nahmen Sie das?

Das war wirklich seltsam, aber es war einfach da. Ich hatte schlicht das unerschütterliche Bewusstsein, dass mir irgendwann der große Durchbruch gelingen wird. Ich wusste nicht wann und war mir immer bewusst, dass ich Lehrgeld würde bezahlen müssen. Aber echte Zweifel hatte ich nie. Und entsprechend bin ich aufgetreten. Freunde haben mich immer gewarnt: Richard, so kannst Du Dich doch nicht benehmen! Wenn Du weiter so viele Angebote ausschlägst und tust, als wärst Du ein Star, werden Dich alle hassen und auf ihre schwarze Liste setzen.

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Das hat Sie nicht verunsichert?

Ich war einfach störrisch. Und habe nicht eingesehen, warum man immer den Bückling machen soll, nur weil man noch am Anfang steht. Ich habe mich damals schon als Künstler empfunden, sofern dass der richtige Begriff für Schauspieler ist, und wusste, was ich wert bin. Deswegen habe ich es mir herausgenommen, Rollen abzulehnen, die einfach nicht gut waren. Und erstaunlicherweise habe ich mich damit nicht um Chancen gebracht, sondern tatsächlich bessere bekommen. Beinahe so, als hätten die Leute überprüfen wollen, ob ich denn auch halte, was ich verspreche. Jedenfalls habe ich sehr schnell Rollen gespielt, für die ich eigentlich viel zu unerfahren war.

Tatsächlich gab es dann auch schon 1978 den Oscar. Sie waren mit 29 Jahren lange Zeit der jüngste Gewinner überhaupt in der Hauptdarsteller-Kategorie. Aber rückblickend haben Sie oft gesagt, die Auszeichnung kam zu früh, richtig?

Ja, denn plötzlich fehlte mir die Karotte, der ich hinterher gehechelt bin. Außerdem waren die Erwartungen mit einem Mal andere und ich hatte das Gefühl, niemanden mehr überraschen zu können. Alle dachten, jetzt könne ich alles spielen, doch ich wusste es besser. Was mir nämlich wirklich Angst machte, waren erwachsene Rollen. Denn ich fühlte mich nicht wirklich erwachsen; ich wusste nicht genug über das Leben und das Menschsein. Damals habe ich es mir mit etlichen Regisseuren verdorben, weil ich aus Schiss Filme nicht gemacht habe, die mir angeboten wurden. Und dann waren da natürlich noch die Drogen, aber das ist ein anderes Thema.

Jahre später, vor ungefähr 15 Jahren, wandten Sie sich für ein paar Jahre tatsächlich fast komplett von der Schauspielerei ab und studierten stattdessen in Oxford Staatsbürgerkunde. Hatten Sie die Filmbranche doch über?

Eher würde ich sagen: Ich habe eine Liebesaffäre durch eine andere ersetzt. Politisch gesehen lag 2004 Verzweiflung in der Luft und ich machte mir wirklich Sorgen um mein Land, um die amerikanische Demokratie, die doch eigentlich so unerhört wichtig für die Menschheitsgeschichte gewesen ist. Damals habe ich gemerkt, dass unsere Verfassung und die als Bill of Rights bekannten zehn Zusatzartikel das große politische Thema meines Lebens sind. Beziehungsweise der Kampf um sie, denn von den Lehrplänen unserer Schulen war dieses Fundament unserer Demokratie unfassbarerweise seit langem verschwunden. Dagegen wollte ich etwas tun, und weil ich nicht einfach einer dieser Promis sein wollte, der ab und zu sein Anliegen in die Mikrofone diktiert, habe ich mich zum Studium in Oxford entschlossen, während dem ich dann auch die Dreyfuss Civics Initiative gegründet habe.

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Verglichen mit 2004 dürfte heute noch viel mehr Verzweiflung in der Luft liegen. Wie groß ist Ihre Sorge um die Vereinigten Staaten im Wahljahr 2020?

Ich wäre ein Lügner, wenn ich behaupte, dass ich hoffnungsvoll bin. Im Gegenteil fürchte ich mich zu Tode. Die ersten vier Jahre von Donald Trump als Präsident haben unsere politische Botschaft und unseren Stand in der Welt schon dramatisch verändert. Die nächsten vier wären allerdings nicht nochmal das gleiche, sondern exponentiell viel schlimmer. Sie könnten zum Endspiel für die Vereinigten Staaten werden.

Quelle: FAZ.NET
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