Roberto Benigni in Venedig

Explosives Timing

Von Maria Wiesner, Venedig
03.09.2021
, 15:04
Der will nur spielen: Roberto Benigni und sein Ehrenlöwe in Venedig
Roberto Benigni hat beim Filmfest von Venedig den Ehrenlöwen für sein Lebenswerk erhalten. In einer „Masterclass“ schwärmte der Schauspieler besonders für ein Vorbild.
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Roberto Benigni wird bei Preisverleihungen gern emotional. Als guter Komiker nutzt er die Gefühle für waghalsige Stunts, etwa als er 1999 in Los Angeles vor Freude über Stuhllehnen lief, um den Oscar für die Holocaust-Tragikomödie „Das Leben ist schön“ entgegen zu nehmen. Beim Filmfestival in Venedig hat der 68 Jahre alte Schauspieler nun den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk bekommen – und in übersprudelnder Emotion testete er gleich die Flugfähigkeiten des neuen Trophäentierchens, indem er es vor den Kameras übermütig in die Luft warf.

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Einen Tag nach dem Galaabend zu seinen Ehren tritt Benigni für eine „Masterclass“ vor junge Filmemacher, um über seine Karriere zu plaudern und mit den angehenden Regisseurinnen und Schauspielern jene Lektionen zu teilen, die er in über 50 Jahren auf Bühnen und vor und hinter Kameras gelernt hat. Da Benigni nicht nur für die Italiener im Saal ein Vorbild ist, zielt die naheliegende erste Frage auf seine eigenen Vorbilder ab. „Chaplin“, sagt er prompt. „Er hat all die wichtigen Gesten und Szenarien der Komik erfunden. Ihm zuzusehen ist wie Don Quijote lesen, es ist poetisch, und man muss lachen, beides gleichzeitig.“ Zum ersten Mal habe er ihn mit 14 Jahren im Kino eines Bergdorfs im Apennin gesehen: „Wir hatten kein Geld, also haben wir uns am Kartenabreißer vorbeigeschummelt. Sie zeigten ‚Goldrausch‘. Nach dem Film war ich stumm; so wie die alten Griechen es beschreiben, wenn man etwas Heiliges gesehen hat. Diese Filme lassen einen nie wieder los, die bleiben ein Leben lang bei einem.“

„Fellini war der größte Regisseur des 20. Jahrhunderts“

Was er nicht fürs Leben behielt, war ein Ratschlag seiner Mutter: „Sie sagte immer, Lernen sei das Wichtigste im Leben. Das stimmt nicht. Eine Leidenschaft für etwas zu haben, das ist das Wichtigste.“ Seine eigene Leidenschaft fürs Kino reißt ihn an diesem Nachmittag im halbleeren Kinosaal (das Festival setzt aufs Abstandsgebot) dann auch sofort mit. Gestisch untermalt, springt er von den Komikervorbildern zu den Regisseuren, die er selbst verehrte: „Fellini war ein Naturwunder, der größte Regisseur des 20. Jahrhunderts.“ Über Bertolucci: „Er hat mich quasi adoptiert, als ich Anfang der Siebziger nach Rom kam.“ Über Jim Jarmusch: „Er hatte die Punk-Energie, mit der auch The Clash die Gitarre auf der Bühne zerhauen haben.“ Und er wirft mit Dante-Zitaten, Orson-Welles-Anekdoten und Haikus um sich. Der Moderator kommt jedenfalls kaum zu Wort.

Am Abend zuvor hatte Festivaldirektor Alberto Barbera die Interessen des Ehrengastes als „eklektisch“ beschrieben: „Wenige Künstler besitzen seine Fähigkeit, explosives komisches Timing mit Satire zu verbinden und obendrein ein bewundernswertes Talent als Schauspieler zu haben.“ Das Festival hob hervor, Benigni habe sich in den vergangenen Jahren zunehmend mit der italienischen Sprache und dem Werk Dante Alighieris auseinandergesetzt. Und es dauert in der „Masterclass“ auch nicht lange, bis Benigni seine Beobachtung zur Sprache auf sein Selbstverständnis als Schauspieler anwendet: „Im Italienischen spricht man nicht vom ,Spielen‘ wie im Englischen, Deutschen oder Französischen. Im Italienischen bezeichnet man es als Arbeit, das finde ich treffender, denn es ist ein verdammt ernster Job, die Leute zum Lachen zu bringen.“

Auf Profanes will er hingegen keine Antwort geben. Was macht Roberto Benigni an einem typischen Tag? Die Frage stößt auf wenig Begeisterung: „Ach, das interessiert doch niemanden.“ Er schwärmt lieber von Literatur: „Wenn ich Zeit habe, lese ich Dante. Denn wenn man Dante einmal gelesen hat, ist es schwer, etwas anderes zur Hand zu nehmen, mit Ausnahme vielleicht von Shakespeare. Die Phantasie, mit der Dante sein Bild vom Inferno ausschmückt, haben weder Kubrick noch Spielberg für irgendwelche Orte in ihren Filmen aufbringen können.“ Mal sehen, wie viele der jungen Filmemacher genau das in den nächsten Jahren versuchen werden.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiesner, Maria
Maria Wiesner
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
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