Sängerin Luna

Nachts schlafen alle, nur die Lieder nicht

Von Johanna Dürrholz
24.11.2021
, 09:20
Die Texte kommen einfach so aus ihr raus: Alina Striedl alias Luna
Aus dem Jugendzimmer ein Star: Luna, 18, schreibt ihre Lieder nachts und wurde so auf TikTok bekannt. Ein paar Monate später hat sie ihr Abitur gemacht – und in Berlin einen Plattenvertrag unterschrieben.
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Nachts kommen die Gedanken, die man tagsüber verdrängt. Nachts erscheinen Dinge mit einem Mal glasklar, die vorher ein einziges Gedankenknäuel waren, das sich einfach nicht entwirren ließ. Nachts kriecht die Kreativität aus den Schatten, die im Tageslicht nur träumt. Nachts kommt der Rausch. Am nächsten Tag: die Ernüchterung.

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Als Alina Striedl am Tag nach dem künstlerischen Rausch ihr TikTok-Profil aufruft, folgt aber nicht der Kater ­ – keine Ernüchterung darüber, was sie sich nachts zusammenfantasiert hat. Stattdessen: der nächste Rausch. Alina Striedls Werk ist über Nacht viral gegangen. Tausende Herzchen und Kommentare sind eingeflogen, und das sind nicht nur Klicks, da sind Menschen dahinter, die den Song teilen, wieder und wieder, ihn an Freunde schicken, über Whatsapp teilen, ihn im TikTok-Kosmos so hoch­pushen, dass er am Ende mehr als zwei Millionen Mal gespielt wird. Striedl, die sich selbst Luna nennt, ist zum Star ge­worden – und das, obwohl sie den Mond besingt, nicht die Sterne.

Luna heißt so, weil sie nachts ihre Songs schreibt. Sie ist 17 Jahre alt, als sie in ihrem Zimmer sitzt, zu später Stunde, und den Song „Verlierer“ schreibt. Es geht um Liebeskummer, um diese eine Person, die einen verarscht hat – und man selbst steht am Ende allein da. „Ich hätte gedacht, dass Du mich liebst, ja / Ich hätte gedacht, dass ich auch mal Glück verdient hab / Doch jetzt weiß ich, dass für Dich das nur ein Spiel war / Ich bin der Verlierer, ich bin der Verlierer“, so geht der Refrain. Luna begleitet sich im TikTok-Video dazu auf dem Klavier – das war’s. Kein großartiger Beat, kein Autotune, nur Luna, ihre Stimme, dieser Rhythmus, in dem sie manchmal fast zu rappen scheint, und natürlich die Nacht, die sie eng umschlungen hält, damit am Ende ihr Liebeslied erklingt. Sie sitzt da, im Adidas-Pulli, mit Kappe auf, und singt mit ihrer dunklen Stimme, dieser Stimme, die man schnell wiedererkennt. Sie sitzt in einem kleinen Dorf in Bayern, in dem alle sie und ihre Geschichte kennen. Und in dieser Nacht lernt die restliche Welt sie kennen.

Die Gegenbewegung zum Deutschrap

Heute ist Luna 18 Jahre alt, sie lebt jetzt in Berlin. Gut ein Dreivierteljahr ist vergangen, seit sie im Oktober 2020 die ersten Schnipsel von „Verlierer“ hochlud, und so viel ist passiert in dieser kurzen Zeit, wie es vielleicht nur im Leben einer 17-Jährigen passieren kann. „Ich bin morgens zur Schule gegangen und nachmittags habe ich mit Plattenfirmen telefoniert“, erzählt Luna. „Und dann hab ich natürlich auch noch Abi ge­macht.“ Sie sitzt an einem warmen Herbsttag auf einer Bank am Holzmarkt 25, Berlin. Der Holzmarkt 25 ist eine ty­pische Berliner Kultureinrichtung, es gibt Rhabarberschorle und veganen Ku­chen, überall stehen und hängen selbstgebaute Holztiere und Gedöns herum, der Clubkater Blau liegt gleich nebenan.

Für Luna gibt’s an diesem Tag große Cookies mit Schokostückchen (die sie zum Glück teilt), während sie von den Ver­handlungen mit den Plattenfirmen er­­zählt. Hatten ihre Eltern da nicht ein Wörtchen mitzureden? „Nein, meine El­tern kennen sich da nicht so aus und ha­ben mir sowieso vertraut. Sie wussten: Ich weiß schon genau, was ich da mache.“ Sie kam damals jeden Tag von der Schule heim, „meine Mama hat mir was ge­kocht, ich hab gegessen, und dann hatte ich bis spätabends Telefontermine mit Plattenfirmen“.

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Ein gutes Gefühl hatte sie bei ihrem jetzigen Label sofort. Die Künstlerin Lea, eine andere junge Sängerin, die auf Deutsch von den Gefühlen der Gene­ration Z singt, war auf Luna aufmerksam geworden, ihr Label „Treppenhaus Re­cords“, das eng mit Sony Music verbunden ist, nahm sie unter Vertrag. Gerade erst ist wieder ein gemeinsamer Song der beiden erschienen, „Küsse wie Gift“. Luna und Lea stehen für eine neue Ge­neration von Musikerinnen, eine Art weiblicher Gegenbewegung zum tou­ghen Deutschrap, der noch immer sehr männlich geprägt ist. Bei dem es oft um teure Autos und Drogenkonsum geht oder darum, es von ganz unten nach ganz oben geschafft zu haben. Sängerinnen wie Luna und Lea oder Elif singen auch auf Deutsch, aber ihre Lieder handeln von der Liebe, von dem Gefühl, lost zu sein, von toxischen Beziehungen, Eifersucht und davon, wie man einander auch verkatert am nächsten Tag kennt.

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Plötzlich Gesprächsthema

Luna jedenfalls brachte „Verlierer“, den TikTok-Hit, Ende 2020 als Single heraus, das war ein halbes Jahr vor ihrem Abitur. Wäre es nicht Weihnachtszeit ge­wesen und hätten „Last Christmas“ und „All I Want For Christmas Is You“ nicht wie in jedem Jahr die ersten beiden Plätze belegt, wäre Lunas Debütsingle vermutlich auf Platz 1 der Deutschen Single-Charts geschossen. So wurde es ein so­lider dritter Platz, auch ein ziemlicher Erfolg. Luna machte als Alina Striedl ihr Abitur in Bayern, „das war ziemlich stres­sig, weil wir so viel Promo für den Song gemacht haben“, sagt sie. Sie wirkt ein bisschen zurückhaltend, bodenständig – und unglaublich vernünftig. Ihr Abi­­­tur, sagt sie, „war furchtbar“, ihr Hauptprüfungsfach „natürlich Musik“; sie bestand mit guter Note – und ging dorthin, wo alle jungen Künstler hingehen: nach Berlin.

Kurz nach ihrem Abitur veröffentlichte sie noch einen Song, einen Coming-out-Song, wenn man so will: Blau. „Schon im Kindergarten hab ich blau getragen“, singt Luna, die auf Frauen steht, darin. „Hab’s vor mir selbst und vor der ganzen Welt geleugnet / Gott macht keine Fehler, ich weiß, dass er mich so gewollt hat“, heißt es weiter. Über sexuelle Orientierung hatte sie sich lange gar keine Gedanken gemacht, „ich dachte nicht, dass ich auf Frauen stehe, aber auch nicht, dass ich auf Männer stehe“.

Irgendwann dann hatte sie einen „Riesencrush“, sie war verknallt in ein älteres Mädchen. So etwas hatte sie zuvor noch nie gefühlt. Bestimmt ein halbes Jahr lang habe sie mit sich selbst gerungen. „Ich war mir einfach nicht sicher: Wie werden die Leute reagieren?“ Sie war 15, als sie es ihrer besten Freundin erzählen wollte – und brachte kein Wort heraus. „Kann es sein, dass du mir sagen willst, dass du auf Frauen stehst?“, fragte ihre Freundin. – „Nein.“ Sie konnte nicht, obwohl sie wollte. Am nächsten Tag er­zählte sie es dann doch. Und weil sie zum Christopher Street Day wollte, auch gleich ihren Eltern. „Eigentlich haben’s alle super aufgefasst – aber ich war eben plötzlich auch ein Gesprächsthema. Alles war hetero, nur ich nicht.“

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Mit dem Flow

Dabei hatte Luna etwas angestoßen. In den Monaten darauf outeten sich meh­rere Mitschüler. Heute stehen die Fans mit Regenbogenflaggen in ihrem Publikum, „das ist so krass“. Ihr Modus heute ist: Jeder soll so machen, wie er will. „Aber das kann nicht jeder. In dem Mo­ment fühlst du dich so krass anders. Du fühlst dich wie ein Außenseiter, als seist du nicht normal.“ Sie ist stolz da­rauf, dass sie „Blau“ veröffentlicht hat. Sie be­kommt Nachrichten von Fans, die an ihrem Coming-out verzweifeln. „De­nen versuche ich natürlich zu helfen.“

Wenn Luna nachts ihre Songtexte schreibt, dann kommt es einfach so aus ihr heraus, sagt sie. Darum singt sie auch nicht auf Englisch: „Das wäre dann viel zu verkopft.“ Ihr kreativer Prozess ist nicht: „sich hinsetzen und einen Popsong schreiben“. Sie bringt nachts ihre Gefühle in den Flow, sie dichtet und singt und lässt fließen. „Wenn du die erste Zeile geschrieben hast, dann flutscht es oft.“ Da kommt ihr nachts ein Gedanke, den sie festhalten muss, „das ist wie ein Tunnelblick – und hinterher weiß ich gar nicht mehr, was passiert ist“, sagt sie. „Als wäre ich high.“ So sitzt Luna nachts am Klavier, nicht mehr in ihrem kleinen baye­rischen Dorf, sondern im großen Berlin, in dem man sich genauso verlieren kann wie in der Nacht, dieser launischen Verführerin. Sie sitzt da und schreibt dabei im Mondenschein – wenn alle schlafen, nur die Lieder nicht – ein paar Hits.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Duerrholz, Johanna
Johanna Dürrholz
Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin
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