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Lindenberg-Darsteller Bülow

„Zum Casting hatte mich keiner eingeladen“

Von Christian Aust
 - 07:07
„Zu meinem Beruf gehört ein dauerhafter leichter Angstzustand“: Bülow als Udo in jungen Jahrenzur Bildergalerie

Die Location für das Interview könnte nicht besser passen. Jan Bülow sitzt in einer Suite des Hamburger Hotels „Atlantic“, wo sich auch Udo Lindenberg seit Jahrzehnten als Dauergast eingemietet hat. Bülows Abendgarderobe für die Premiere hängt frisch gesäubert in einer Reinigung, dummerweise in Wien, wo er sie vor seiner Abreise am 6. Januar abholen wollte. Was der Berliner und Neu-Wiener Bülow nicht bedacht hatte: Das ist in Österreich ein Feiertag. Jetzt trägt er einen rosa-weißen Designer-Trainingsanzug, dazu Smokingschuhe. Was bei anderen schräg wirken würde, passt bei ihm irgendwie zusammen – wie viele andere Kontraste in seiner Blitzkarriere.

Udo Lindenberg sagt, Sie seien beide schüchtern, ein bisschen verklemmt, mit Tendenz zum Durchdrehen und Mistbauen. Ist das tatsächlich die Schnittmenge aus Bülow und Lindenberg?

Das sollte witzig sein. Aber ich glaube, ich weiß, was er mit schüchtern meint. Eigentlich sind wir beide keine schüchternen Menschen. Aber ich habe durch meine Arbeit im Theater mittlerweile einige Größen kennengelernt. Und es ist faszinierend, wie bescheiden dann doch viele dieser Stars sind. Es gibt bei Menschen, die mich beeindrucken – und zu denen gehört auch Udo –, so eine gewisse Zurückhaltung. Udo weiß natürlich, wie er zappeln muss, wenn er mit dir über den roten Teppich geht. Aber mein erster Eindruck von ihm war vor allen Dingen der eines superhöflichen Gastgebers. Er hat sich extrem Mühe gegeben und nicht den Udo oder den Star raushängen lassen. Es geht vielen von uns so: Wir haben die größte Lust darauf, in die Öffentlichkeit zu treten, und trotzdem ist da dieses schlimme Lampenfieber. Bevor ich vor der Premiere auf den Teppich musste, haben mir vor Aufregung die Beine gezittert. Auf dem Teppich ging es dann plötzlich wieder. Aber sobald der erste Rummel vorbei ist, fangen die Beine wieder an zu zittern. Lampenfieber ist auch eine Form von Schüchternheit.

Wie wir im Film sehen, hat Udo Lindenberg sein Lampenfieber mit reichlich Alkohol medikamentiert.

Menschen, die erfolgreich sind, sind trotz allem stark von Selbstzweifeln geprägt. Die sind sich ihrer Sache nie wirklich sicher. Ich selbst war mir meiner Sache während der Dreharbeiten, während meines ersten Jahrs am Theater und auch jetzt nie sicher. Ich glaube sogar, dass mich eher die Angst davor, was ich alles falsch machen könnte, dazu getrieben hat, mich so diszipliniert auf diesen Film vorzubereiten. Zu meinem Beruf gehört ein dauerhafter leichter Angstzustand. Und an Premieretagen ist mir eigentlich den ganzen Tag übel. Aber komischerweise ist das Fluch und Segen. Denn man macht ja alles dafür, um nach der Vorstellung dieses Gefühl von Erleichterung zu empfinden, wenn die Leute dir sagen: Es war gut. Auch während der Dreharbeiten war ich dauerhaft aufgeregt.

Haben Sie Udo Lindenberg vor den Dreharbeiten getroffen oder das bewusst vermieden?

Ich habe gesagt, ich will ihn unbedingt kennenlernen. Für mich war das auch ein sehr entscheidender Punkt in meiner Vorbereitung. Ich wollte ihn erleben, auch in einem etwas privateren Kontext. Das ist doch viel besser, als sich diverse Videos und Dokumentationen anzusehen. Ich wollte verstehen, was ihn antreibt, warum er so eigentümlich und damit gleichzeitig so erfolgreich ist, woher das kommt.

Wie lief das dann genau ab?

Wir haben uns im Hotel „Atlantic“ auf ein Bierchen getroffen. Regisseurin Hermine Huntgeburth war auch dabei und einer unserer Produzenten. Irgendwann standen alle auf, um etwas zu besprechen. Ich habe mich dann aus Höflichkeit auch erhoben, und Udo meinte: „Was, du gehst schon?“ Ich habe dann schnell geantwortet: „Nö, du, ich bleib auch noch gerne.“ Eigentlich hatte ich viele Pläne, wollte ihn etwas über seine Kindheit fragen. Am Ende habe ich das dann aber gar nicht gemacht. Ich habe mit ihm ziemlich eine Ebene gefunden, auf der wir uns auf Augenhöhe unterhalten konnten. Irgendwann später am Abend kam mir dann plötzlich der Gedanke: Wahnsinn, ich habe noch nicht einmal bewusst darüber nachgedacht, wer hier eigentlich vor mir sitzt. Er hat es geschafft, ab der ersten Sekunde unserer Begegnung ein Kumpel zu sein, der mir sofort eine Tür geöffnet hat.

Wie spielt man Udo Lindenberg, ohne ihn zu kopieren und im schlimmsten Fall als Karikatur zu enden?

Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Das ist ganz schwierig zu erklären, und es gibt dafür keine Anleitung. Im Rückblick war es bestimmt gut, dass ich so naiv war. Weil ich keine Erfahrung damit hatte und ganz viel ausprobiert habe, auch wenn mich vieles davon nicht weitergebracht hat. Zuerst habe ich wirklich gedacht: Wenn ich ihn spiele, muss ich ihn auch nachmachen können. Aber irgendwann haben Hermine und ich dann beschlossen: Wenn wir jetzt anfangen, jede Geste zu kopieren, haben wir ein ähnliches Problem wie bei „Bohemian Rhapsody“.

Dem Freddy-Mercury-Biopic von 2018. Was war da das Problem?

Das ist technisch alles sehr versiert, und ich halte auch die Leistung von Rami Malek in allen Ehren, aber ich weiß nicht, wo da der Mehrwert ist, wenn man etwas so genau kopiert. Wir wollten etwas Neues erfinden und uns vom Alten frei machen. Und dann hat uns natürlich auch in die Karten gespielt, dass wir eine frühe Zeit in Udos Leben abbilden, von der es kein Beweismaterial in Form von Videos und dergleichen gibt. Es existieren einige Fotos und Udos Erzählungen. Und damit hatten wir eine kleine Form der Narrenfreiheit – zu behaupten, das war so. Ich habe zu Beginn der Dreharbeiten beschlossen, mich treiben zu lassen. Ich hatte aber auch große Angst, dass am Ende Fans, Wegbegleiter oder im schlimmsten Fall Udo selbst sagen: Das hat aber gar nichts mit Udo zu tun. Deswegen bin ich besonders froh über die positiven Reaktionen. Ich war voller Selbstzweifel.

Sie haben sich aktiv auf diese Rolle beworben. Warum wollten Sie Lindenberg spielen?

Ich bin generell von Musikfilmen begeistert und habe schon früher davon geträumt, irgendwann in Deutschland selbst in einem mitzumachen, der groß wirkt und so tut, als seien wir auch in den Vereinigten Staaten oder Großbritannien. Aber ich dachte immer, solche Filme machen wir in Deutschland nicht. Ich bin ein großer Fan von Filmen wie „Walk the Line“ und „Velvet Goldmine“; „The Commitments“ stand bei meinem Vater in der DVD-Sammlung. Ich bin mit den Songs von Bruce Springsteen aufgewachsen. Der war mein erster musikalischer Held. Ich war aber auch immer von den Rolling Stones und besonders von Mick Jagger fasziniert. Ich bin in Berlin immer viel in Konzerte gegangen, in alle Größenordnungen vom Olympiastadion bis zum „Festsaal Kreuzberg“, also ganz groß bis ganz klein. Und für mich sind Rockkonzerte und vielleicht noch Fußballspiele die reinste Form des Theaters.

Weil die Musik ohne Umwege ins Herz trifft?

Weil da die Emotionen, die man im Theater immer kreieren möchte, in so unfassbar reiner Form existieren. Es gibt von den Rolling Stones ein Konzert von 1981 in Arizona, das man sich auch auf Youtube ansehen kann. Der erste Song ist „Under My Thumb“. Und die hatten damals ja noch gar nicht diese riesigen LED-Leinwände. Der Vorhang geht auf, Mick Jagger kommt in so einem geilen Kostüm raus, und achttausend Zuschauer drehen völlig durch, obwohl Jagger nur eine besondere Bewegung macht. Das fasziniert mich sehr. Aber natürlich wollte ich auch gerne eine Hauptrolle spielen. Das steckt als Schauspieler einfach in mir drin. Du hast Bock darauf, so einen Film zu tragen. Da ist ja alles drin: Konzert-Szenen, Liebes-Szenen, Drogen-Trips, die Ästhetik der siebziger Jahre, die Mode, es wird noch ständig geraucht und getrunken. Es ist die reinste Augenweide. Ich war schon immer ein nostalgischer Mensch, auch in Zeiten zurück, in denen ich noch gar nicht gelebt habe.

Wie haben Sie Ihren Hut in den Ring geworfen?

Ein Kumpel hat mir bei Proben in der Schauspielschule erzählt, dass sie diesen Film casten. Der meinte: Zwei Jungs von uns waren da gestern wieder beim Casting; Mensch Jan, du gehst doch da bestimmt auch hin. Mich hatte aber niemand eingeladen. Ich habe dann fünfzehn Minuten später meinen damaligen Agenten angerufen und ihn gebeten, mich da ins Gespräch zu bringen. Der meinte, das könne ich ehrlich gesagt vergessen, weil die da gerade jeden Stein umdrehen und im ganz großen Stil suchen. Ich könne ihm aber gerne ein Video schicken. Und dann habe ich als elektronische Casting-Aufforderung einen Clip aufgenommen, in dem ich „Andrea Doria“ singe, mit Klavierbegleitung von einem Freund auf der Probebühne. Das funktioniert ja dann so ähnlich wie bei Tinder. Ich habe das zwar noch nie gemacht, weiß aber, wie es funktioniert. Die sehen sich tonnenweise Clips an und drücken dann immer „Ja“ oder „Nein“. Ich hab das dann einfach mal so abgeschickt. Eine Woche später hatte ich eine Einladung, sollte eine Szene aus dem Drehbuch spielen, und alle waren begeistert.

Wo wurzelt Ihre Liebe zu Nostalgie und Retro-Popkultur?

Dafür ist bestimmt auch mein Vater verantwortlich, der eine großartige Musiksammlung hatte und uns damit beeinflusst hat. Wir haben auch viele Filme zusammen gesehen, Klassiker wie „Der Clou“, aber auch „Blues Brothers“. Er hatte auch diese Live-Alben mit dazugehörigem DVD-Mitschnitt. Zum Beispiel von Bruce Springsteen, das habe ich geliebt. Wir haben als Kinder davor gesessen und Luft-Gitarre und Schlagzeug gespielt. Ich spiele ja heute auch Gitarre und mein Bruder Schlagzeug. Und ich fand das ganz toll, mein Vater hat uns damals gefragt, ob wir Musikunterricht haben wollen. Er würde das organisieren, wenn ich Lust dazu hätte. Und ich habe mich dann für Gitarre entschieden. Als ich später von ihm wissen wollte, warum er das gemacht hat, sagte er, ihm wurde das früher nie ermöglicht. Er hätte gerne selbst Musik gemacht, spielt aber kein Instrument. Deswegen wollte er uns das anbieten - weil es cool ist, ein Instrument zu beherrschen. Ich kenne mich übrigens auch bestens mit Buddy Holly, B.B. King, Chuck Berry und Konsorten aus. Ich habe eine Musik-Mediathek auf dem Laptop; um die durchzuhören, brauchte man vier Wochen.

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Kinotrailer
„Mach dein Ding“

Bestimmt hatten Sie eine eigene Band.

Ich bin schon sehr früh selbst auf Konzerte gegangen, zum Beispiel ins „Lido“ in Kreuzberg. Da war ich sechzehn und brauchte noch einen Mutti-Zettel, um überhaupt reinzukommen. Und natürlich wollte ich eine eigene Band gründen. Aber es war nicht so einfach. Ich stamme aus einer Generation, in der sich der Musikgeschmack plötzlich vollkommen geändert hat. Zunächst war noch fast meine gesamte Schule geschlossen beim Konzert der Arctic Monkeys. Es war auch total angesagt, zu Schülerband-Wettbewerben zu gehen, in der „Wabe“ oder der „Weißen Rose“ in Schöneberg. Indie-Musik war das Sprachrohr der Jugendkultur. Und auf einmal hat sich keiner mehr dafür interessiert. Plötzlich gingen alle nur noch zu Techno-Events ins „Berghain“ oder den „Kater“. Ich bin trotzdem weiter zu den Band-Wettbewerben gegangen, es gab aber nur noch wenig Leute auf meiner Wellenlänge. Die Band bestand dann im Grunde nur aus mir, meinem Bruder und ständig wechselnden Mitgliedern. Wir haben in einem Jugendzentrum geprobt. Wir sind dann nur ein einziges Mal mit einem einzigen Song aufgetreten. Denn ich fand alle unsere Songs scheiße. Ich hatte sie selbst geschrieben... (lacht).

In welchem Stil?

Das hat sich mit den Mitgliedern ständig geändert. Ich hatte auch so eine Jack-White-Phase, in der alles etwas bluesiger wurde. Im Grunde war es ja eher so, als ob man sich trifft, um gemeinsam zu töpfern oder Bilder zu malen. Wir mussten uns abreagieren und experimentieren. In meiner Folk-Phase habe ich viel Felice Brothers und Dylan gehört. Da hatten wir so einen verrückten Typen in der Band, der Geige gespielt hat, dann aber plötzlich verschwand. Wir haben den nie wiedergesehen.

Wie hieß die Band?

Auch das wechselte. Aber unser allererster Name war „Broken Bones“. Irgendwann bin ich dann ja zur Schauspielschule gegangen, und da war keine Zeit mehr für Bands. Aber ich mache immer noch Musik, einfach so. Und jetzt habe ich alle meine Instrumente und mein Zeug in Wien. Ich bin nicht unmusikalischer geworden.

Sie haben gleich nach der Schauspielschule in Zürich den Hamlet gespielt, sind jetzt festes Ensemblemitglied am Burgtheater in Wien. Gehört zur Realisierung großer Träume auch eine Portion Größenwahn?

Dazu gehört vor allen Dingen eine große Portion Glück. Mein Agent sagte mir damals: „Junge, nach der Schauspielschule kommt erst mal drei Jahre gar nichts“ Bei mir kam alles auf einmal. Aber mir sind ja auch immer Sachen angeboten worden. Und das ist auch der Unterschied zu Udo. Ich bin nach Zürich gezogen, weil mich da ein Vertragsverhältnis erwartete. Udo ist in völliger Ungewissheit nach Hamburg gegangen, fast wie eine Figur aus einem Roman von Balzac. Ich bin von null auf hundert gegen eine Wand geklatscht, im positiven Sinne. Ich saß ja noch im Mai 2018 auf der Probebühne in der Schauspielschule. Aber ich bin kein größenwahnsinniger Karrierist. Viele Leute haben mir blind vertraut. Auch Udo hat man mir anvertraut, obwohl ich keine Referenzen hatte.

Zur Person

Am 21. Juni 1996 in Berlin zur Welt gekommen.

Schon als Teenager ist er in kleineren Rollen in Filmen und Fernsehproduktionen zu sehen; seine Schauspielausbildung macht er an der Hochschule Ernst Busch in Berlin.

2017 spielt er in der Serie „Dogs of Berlin“, 2018 geht er als festes Ensemblemitglied ans Schauspielhaus Zürich und spielt den „Hamlet“; aktuell festes Ensemblemitglied am Wiener Burgtheater.

Ab 16. Januar ist er in „Lindenberg! Mach dein Ding!“ zu sehen.

Quelle: F.A.S.
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