Kein lautes Lachen mehr, kein Spatz mehr

Schriftstellerin Stefanie Sargnagel flieht mit Wiener Künstlerinnen nach Zypern. Sie suchen Ruhe, Alkohol, Drogen und Thomas Bernhard. Ein literarisches Tagebuch.

06.06.2019
Text: KATHARINA BLUM, LYDIA HAIDER, SOPHIE LINGG, MARIA MUHAR,
STEFANIE SARGNAGEL, MARINA WEITGASSER

Fotos: APOLLONIA T.BITZAN

Tag 1

STEFANIE SARGNAGEL: Mit einer Gruppe Künstlerinnen und einer exzentrischen Buchhalterin namens Excel Rose aus dem einschlägigen radikalfeministischen Wiener Umfeld beschließe ich, auf Arbeitsurlaub zu fahren. Da die Deadline für mein neues Buch schon überschritten ist, hoffe ich, dass ich mich mit Hilfe der anderen aus der Schreibblockade einer saisonalen Depression zerren kann. Eine konzentrierte Schreibklausur soll es sein, mit Sonne, Meer und Leistungsdruck. Wir sind digital nomads, losgelöst von räumlichen Zwängen können wir überall hin, wo es W-Lan gibt, und von überall liefern, jeder Moment unseres Lebens ist von Ökonomisierung durchdrungen. Dabei posten wir auf Instagram Fotos, die Reiseromantik, Entspannung oder Abenteuer vermitteln, wie so ein Yoga-Influencer: in der Hängematte mit dem Laptop am Schoß, ein Strohhalm, der den Mund mit einer Kokosnuss verbindet – der köstliche Hass der Angestellten ist uns sicher. Wir fliegen nach Zypern, aber das spielt keine Rolle, weil es niemanden von uns interessiert, wo wir eigentlich sind.

Eine Geschichte aus der aktuellen Ausgabe des Magazins der F.A.Z. „Frankfurter Allgemeine Quarterly“

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Unser kulturelles Interesse beschränkt sich darauf, dass wir hin und wieder Halloumi beim örtlichen Lidl kaufen. Die letzte romantische Idee, an die ich mich klammern könnte, wäre es, die elegante Strandvilla, die wir in zehn Minuten auf Airbnb ausgesucht haben, als Künstlerresidenz statt als Co-Working-Space zu bezeichnen. Wir wissen aber, eine wahre Künstlerresidenz wäre eine dunkle Dachwohnung in einem renovierungsbedürftigen Stadtverwaltungsgebäude in Rheinland-Pfalz, kein dreistöckiges verglastes Haus mit riesigem Plasmafernseher und Jacuzzi. Der Billigflug kostet um die 80 Euro, vor einem liegen die hippen Magazine der Fluggesellschaft. Die abgebildeten Menschen sehen haargenau so aus wie man selbst. Prekäre Kreative erzählen anderen prekären Kreativen, was man Cooles, Künstlerisches und Kostengünstiges in ihrer, von der Billigfluglinie anvisierten, Stadt machen kann. Abgesehen davon, dass ich mittlerweile Schwerverdienerin bin und mein Cash kaum zählen kann, stimmt jedes Klischee. Angekommen in der ausgestorbenen zypriotischen Touristenstadt, möchte ich gewohnheitsmäßig mein Mittagessen beim Lieferservice bestellen und einem unterbezahlten Pakistaner gegen mein schlechtes Gewissen ein besonders großzügiges Trinkgeld geben, aber Foodora liefert offenbar noch nicht von Meidling nach Paralimni. Eine mir unverständliche Marktlücke in einer globalisierten Welt.

Sargnagel, Haider, Weitgasser, mitreisender Diener des Matriarchats, Muhar: abends vorm Feuer

LYDIA HAIDER: Gott sei Dank war ich gestern nicht mit Steffi und Marina und anderen Genossinnen im „Schmauswaberl“ saufen. Das Flugzeug wartet schon fast eine Stunde auf der Startbahn, ich kann nur noch mit Mühe meine Blase zusammenhalten. Wäre ich mit saufen gewesen, käme jetzt das Fast-Anspeiben dazu. Oder mein dann dehydrierter Körper würde alle Flüssigkeit streng aufsaugen und somit die Blase entlasten. Saufen ist halt schon immer die bessere Variante. Um mich abzulenken, ziehe ich das Austria-Airlines- Magazin aus dem Halter, blättere darin, und siehe da: Philipp Hochmair, dieses ADHS-Kind, springt mir ins Gesicht. Und wie der wieder aufgeregt ist und sich hineinsteigert und herumtobt und zuckt, sich das manieristische Bubi fast verliert in seiner bildungsbürgerlich brunzwarmen Aufgesetztheit. Zumindest kann es gut Texte auswendig lernen. Aber das gleich so zu feiern, erschließt sich mir nicht. Immerhin ist es doch nur ein Schauspieler. Dann endlich der Start.

MARIA MUHAR: Der Soundtrack der Austrian Airlines: Donauwalzer vs. Grindcore in Dauerschleife – das Kleinkind vorne schreit wie von Satan durchdrungen. Eingekeilt zwischen zwei Lumbersexuals, die nach Mann stinken, blättere ich im abgegriffenen Bordmagazin und muss korrigieren: Nur der süßlich-modrige Geruch der gewichsten Vollbärte geht von den beiden Typen aus. Die indifferente Mischung aus Christian Dior „Sauvage“ und Jean Paul Gaultier „Ultra Male Intense“ verströmen meine Handgelenke. Ich brauche Hausverbot in allen Duty-free-Shops, weltweit.


„Das Rudel spaltet sich in die Aufmerksamen und die Saufschädel. An den restlichen Abend kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich glaube, ich habe Steffi meine Gebärmutter versprochen.“
MAX MUSTERMENSCH

KATHARINA BLUM: Auf der Treppe der Villa erblicke ich einen Mann im klassisch stabilen Hausmeisterstand. Unter Kollegen erkenne ich diese Fachkompetenz sofort. Nach einer zweistündigen Einweisung in das Haus, die das Vorführen jedes einzelnen Lichtschalters beinhaltet, habe ich ein unbändiges Bedürfnis nach Alkohol oder Suizid. Suizid wäre mir vor den anderen unangenehm, die Entscheidung fällt auf Alkohol.

Lingg und Blum: im Wasser

MARIA MUHAR: Während Airbnb-Host Menelaos über beliebte Volksliederabende, sensible Toilettenabflüsse und Halloumi spricht, verschwinden meine Mitreisenden nach und nach Richtung Terrasse. Durchs Fenster kann ich beobachten, wie sie sich draußen Zigaretten anstecken und den Begrüßungswein exen.

MARINA WEITGASSER: Als Menelaos den mitgebrachten Wein erwähnt, spaltet sich das Rudel in die Aufmerksamen und die Saufschädel. An den restlichen Abend kann ich mich nicht mehr erinnern, ich glaub, ich hab Steffi meine Gebärmutter versprochen.

Tag 2

LYDIA HAIDER: Es gibt eine riesige Dachterrasse. Hier sitzen wir zum Frühstück und bleiben auch gleich sitzen und schreiben und arbeiten. Steffi hat ihre neuen Heelys – Schuhe mit Rollen an der Sohle – mitgebracht, wir drehen zwischendurch ein paar Runden hier oben, die Marmorfliesen sind perfekt. Während die Schreiberinnen zum Schreiben im Haus bleiben, gehen die Jägerinnen zum Jagen in den Lidl. Wie liebe ich diese Arbeitsteilung! Darauf basiert alle Errungenschaft der Menschheit. Und abends dann essen und trinken die Schreiberinnen, während die Jägerinnen sich an den Texten erfreuen, ergötzen.

SOPHIE LINGG: Einkaufsliste: – Weißwein – Mineralwasser – Chips – Käse – Toastbrot

MARIA MUHAR: Lydia besteht darauf, dass wir beim Essen „Du riechst so gut“ hören, obwohl sie einräumt, dass in Oberösterreich der Leitspruch „Rammstein ist für Kinder, Laibach für Erwachsene“ gilt. Danach wird „Im Namen der Sau“ gespielt – ein Saufspiel, dessen Regeln sich mir nicht erschließen. Jedenfalls haben nach kurzer Zeit alle ihre linke Faust am Kopf und schreien im Vollrausch Verse, die auf Fötzle reimen (es sind Vorarlbergerinnen unter uns).

Tag 3

LYDIA HAIDER: Ich werde am Frühstückstisch von Apollonia begrüßt: Alles Gute zum 30. Todestag von Thomas Bernhard! Marina fragt: Möchtest du gern eine Torte haben? Wir phantasieren, ob es nicht interessant wäre, heute alle zu sterben – alle hätten den Todestag vom Thomas. Ich ziehe meinen Lodenmantel über und will Alkohol besorgen, um mit Schnaps am Strand meinen Tribut zu zollen. Doch das ganze Rudel hängt sich an. Und so feiern wir diesen Tag gemeinsam und singen dem Thomas das eine oder andere Lied (Thomas, du Oaschloch …). Erst am Abend gehe ich allein ins Bad, um Thomas Bernhard eine privatere Ehre zu erweisen. Mittlerweile halte ich ja nicht mehr so viel von ihm – er war doch auch nur eine arme Sau. Mehr noch: ein richtig mieser, reaktionärer und bemitleidenswerter Bauernschädel. Trotzdem vergesse ich seinen Texten das Animpfen nicht, das dann eine Reaktion ausgelöst hat. Darauf stoße ich jetzt an und schütte ihm ein paar Hochprozentige rüber in die Ursuppe aller Schreiberei.

Haider: mit zypriotischem Schnaps und Lodenmantel

MARIA MUHAR: Abends zieht sich Lydia in den Master Bathroom zurück, um den 30. Todestag von Thomas Bernhard zu begehen. Als ich später nach ihr sehen will, liegt sie mit einer leeren Flasche Ouzo im Whirlpool und zitiert Passagen aus „In Flammen aufgegangen“. Ihr Gesicht verbirgt sich hinter einer selbstangerührten Feuchtigkeitsmaske aus Fischrogencreme (Taramosalata) und an den Strand gespülten Algen. Nur ihre Augen glühen aus der dicken schwarz-rosa Schicht hervor, während sie „… katholische und nationalsozialistische Juden- und Ausländerhasser in ihrer schauerlichen Leder- und Lodentracht …“ vor sich hin raunt.

STEFANIE SARGNAGEL: Jeden Tag sitzt eine Katze vor unserem Küchenfenster und beobachtet uns beim Kochen. Es wurde mir verboten, sie zu füttern, da wir sonst noch mehr der Straßenkatzen anlocken würden, aber wenn niemand hinschaut, mache ich es trotzdem. Der Haushalt hier ist vegetarisch, aber ich habe mir heimlich Wurst gekauft und gebe der Katze immer wieder ein kleines Stückchen. Am nächsten Tag sind schon drei Katzen vor unserem Haus. Am übernächsten sieben. Als ich von unserem Vorgarten die 100 Meter zum Meer gehen will, schmiegen sich drei der Katzen um meine Beine. Ich muss kichern, denn ich fühle mich unerhört geliebt. Schritt für Schritt versuche ich weiterzugehen, aber es ist kaum möglich, da sich ständig eine der Katzen schnurrend auf meine Schuhe legt. Lachend hebe ich die Beine und versuche ungelenk, voranzukommen, doch es ist kaum möglich. Ich fange an, mich bedroht zu fühlen, die Tiere schlängeln und schmiegen sich unaufhörlich um meine Glieder. Ich versuche, sie zu vertreiben, schreie, stampfe auf, aber sie reiben sich weiter aufdringlich an mir. Ich klettere auf die Steine am Strand und hoffe, dass das Meerwasser, das an die Felsen schlägt, sie abschreckt, aber sie folgen mir. Aus Verzweiflung darüber, umzingelt zu sein und nicht mehr weiterzukönnen, aus Angst davor, zu stolpern und ins Wasser zu fallen, hole ich aus und trete zwei von ihnen mit voller Wucht in die Fluten. Ihre Schreie vermischen sich mit dem Rauschen des Ozeans, sie treiben langsam Richtung Horizont. Die dritte ist davongelaufen. Erschrocken über mich selbst, gehe ich langsam zurück zum Haus. Ich beschließe, den anderen nichts davon zu erzählen. Ich gehe früh schlafen und höre die anderen von unten besoffen Lieder singen: Wir singen dem Thomas ein Lied! Thomas du Oaschloch, Bauchal, Bauchal, Brust!

Eiskalter Whirlpool

MARIA MUHAR: Mein Blick fällt durch die verglaste Hausfront: Steffi steht, umgeben von ein paar struppigen Kätzchen, vorne am Strand. Sie streifen um ihre Beine, sehen zu ihr hoch, suchen offenbar ihre Nähe. Ich muss schmunzeln – wusste ich es doch: Steffi liebt sie genauso wie ich! Nach den zahlreichen Katzen verachtenden Aussagen meiner Mitreisenden tut es einfach gut zu sehen, wie letztlich niemand den süßen Samtpfötchen entkommen kann.

Tag 4

STEFANIE SARGNAGEL: Als ich aufwache, schwimmt an der Oberfläche des Pools ein toter Spatz. Wie das Ankündigungssymbol einer baldigen Rache der zypriotischen Katzenmafia.

KATHARINA BLUM: Offensichtlich hält sich mein psychotischer Schub stabil – an Tag zwei und drei kann ich mich kaum erinnern. Ich glaube, mich verliebt zu haben, weiß aber nicht, in welche. Erinnerungsfetzen daran, meine Gebärmutter für die Zucht zur Verfügung gestellt zu haben. Irgendwie romantisch. Kurz darauf fällt mir ein: Es ging nicht um meine Gebärmutter, sondern um die einer anderen. Das macht mich traurig, eifersüchtig. Und wütend. O.k., meine Gebärmutter ist also unerwünscht. Ich will mir von meiner Frustration nichts anmerken lassen und verhalte mich natürlich, also beginne ich gleich zu trinken.

SOPHIE LINGG: Einkaufsliste: – Weißwein – Mineralwasser – Chips – Käse

Blum: mit Gesichtsmaske

MARIA MUHAR: Der Ortskern von Paralimni ist eine Mischung aus Filmset, Vergnügungspark und Ferienanlage. Zur Hauptsaison herrscht hier vermutlich Krieg. Jetzt ist alles in milchige Plastikfolie gepackt: Schilder, Möbel – sogar Palmen. Gestern konnte ich einen dornigen Strohball beobachten, wie er am heruntergelassenen Rollbalken eines Eisgeschäfts vorbeitanzte, vom Wind über den Parkplatz des geschlossenen McDonald’s getragen wurde und sich in einer Lüftung verfing. Es gibt hier Leben. Aber welches?

Tag 5

SOPHIE LINGG: Menelaos, der Hausmeister, taucht mit Unmengen an Süßgebäck aus der 24h-Bäckerei auf. Vertraut er uns nicht? Bisher sind doch erst zwei Balkonsessel und eine Laterne kaputtgegangen (Windschäden), und der tote Vogel ist auch erst seit gestern im Pool.

MARINA WEITGASSER: Abgesehen von den 20 Flaschen Wein, 15 Käsetoasts und acht Packerl Chips am Tag, ernähren wir uns dann doch sehr gesund.

LYDIA HAIDER: Wir führen spannende Gespräche über Texte – was sie ausmacht, was sie sollen. Über Kunst allgemein. Denn wir haben auch bildende Frauen, Theoretikerinnen, Performancemeisterinnen und Fotografinnen hier. Alles, was das Herz begehrt. So sitzen wir abends beim offenen Feuer und reden dahin. Der Alkohol fließt. Zwei Männer sind dabei, die sich um das Häusliche kümmern und für Dienste, Schäferstündchen etc. bereitstehen. Was für eine gute Zeit, das Matriarchat. Seid zuversichtlich. Bald habt ihr es alle.

Tag 6

SOPHIE LINGG: Ich fake alle Urlaubsfotos. Dafür suche ich via Google Fotos von Zypern, in die ich mein Gesicht hineinmontiere. Bisher war ich schon an einem einsamen Kiesstrand mit zwei Delphinen, hab eine wunderbare Aussicht über die Dächer einer zypriotischen Stadt genossen und war in einer malerischen Bucht mit türkis schimmerndem Wasser und feinstem Sandstrand.

Blum, Lingg und mitreisender Diener des Matriarchats: Einkauf beim Lidly

OPHIE LINGG: Vorarlberger Dialekt ist der Hot Shit in der Gruppe. Spritzerle, Töastle, Zigarettle, Kaffeele, Filmle, Spatziergängle …

KATHARINA BLUM: Es ist früh morgens, und wir trinken noch immer. Verschwommene Bilder von Bier, Prosecco, Wodka, Wein und Ouzo und vom Verzehr tierischer Abfälle aneinandergeschmiegt in meinem Darm. Ich möchte meine Gebärmutter rausreißen, braucht eh niemand. Ein Unwetter zieht übers Meer. Die grellen Blitze schlagen direkt hinter meinen Augäpfeln ein.

Tag 7

LYDIA HAIDER: Wir gehen alle recht brav in den eiskalten Pool zum Aufwachen oder in das etwas wärmere, aber trotzdem kalte Meer. Da wird geschrieen, als wäre es eine kleine Austreibung. Zwischen diesen Wassersachen und Eskapaden machen wir unsere Texte. Ich schreibe meinen ersten „Tatort“ (kontaktiert mich, ihr Filmleute, so euch nach einem Drehbuch hehrer Qualität lüstet!). Mittlerweile brauche ich zum Schreiben etwas härtere Musik. Die ersten Tage sind begleitet von Arvo Pärt, Voodoo Jürgens und Lotte Lenya, jetzt sind es bereits Cradle of Filth, Death Grips und schircher Techno. Und je mehr Urlaub, desto mehr muss harte Musik her. Am besten schreibt es sich halt im „Weidinger“ und nicht in einer Villa mit feinem Wein und Kunstleuten in edler Eintracht. Wien fehlt mir schon, dieses Weltverneinende und Elende, die Luft fast nicht zum Derschnaufen, der Wein, dass es dich reckt, und überall Bosnigel und hinige Schädel und grausliche Politiker.

SOPHIE LINGG: Einkaufsliste: – Weißwein – Mineralwasser – Chips

MARINA WEITGASSER: Gestern haben wir Wein für die ganze Woche gekauft. Heute müssen wir Wein für die ganze Woche kaufen.

SOPHIE LINGG: Ich führe betrunken eine nette Unterhaltung mit dem Meer. Als Marina und Blumi kommen, wird es beleidigend. Ich habe ein schlechtes Gewissen und gehe heimlich zurück, um mich zu entschuldigen.

Tag 8

KATHARINA BLUM: Ich wache auf, alles ist anders. Nur ich und mein Kopf. Ich schaue cremig „Shopping Queen“, Barbara Karlich, dabei konsumiere ich, was ich in die Finger bekomme, und singe: „Esterreich, Esterreich, Rot- Weiß-Rot bis zum Tod“. Meine Mitreisenden erscheinen mir noch ab und an schemenhaft, sie machen mir Angst. Ich merke, dass Sachen plötzlich verschwinden und anderswo wieder auftauchen, vor allem Lebensmittel. So sehr mich das beunruhigt, gibt es mir doch das Gefühl, nicht völlig allein zu sein. Kleidung nicht mehr nötig. Wenn ich das Kätzchen vor dem Küchenfenster sehe, denke ich drüber nach, es zu einem leckeren Schmäuschen zu verarbeiten. Ähnlich geht es mir mit dem toten Vogel im Pool. Das ist neu, ich bin Vegetarierin.

MARIA MUHAR: Regen. Alle wollen den Sender Animal Planet sehen, es herrscht drastische Euphorie für Reportagen über veterinärmedizinische Eingriffe: Ein Tumor muss ins Labor, eine Stute eingeschläfert, ein Abszess ausgeschält werden. Am Abend endlich etwas anderes: In der Horror-Komödie „Teeth“ werden Männern von einer bezahnten Vagina die Penisse abgebissen. Nach einem Tag voll blutender Tiere und Schwänze gehe ich auf die Terrasse, um das Gesehene irgendwie zu verarbeiten. Im Pool treibt ein lebloser Spatz.


„Wenn ich das Kätzchen vor dem Küchenfenster sehe, denke ich darüber nach, es zu einem leckeren Schmäuschen zu verarbeiten. Ähnlich geht es mir mit dem toten Vogel im Pool. Das ist neu. Ich bin Vegetarierin.“
MAX MUSTERMENSCH

STEFANIE SARGNAGEL: Die Tage tröpfeln dahin zwischen schlechtem Gewissen, weil man zu wenig arbeitet, kochen, dem Leeren einer absurd hohen Anzahl von Weinflaschen und Netflix-Abenden. Dazwischen blicke ich melancholisch aufs Meer.

MARINA WEITGASSER: Steffi hat vor drei Tagen ein Arbeitsfoto von Lydia und mir als Beweis gepostet, und seitdem hab ich keinen Finger mehr gerührt.

Tag 9

MARIA MUHAR: Regen. Wir sehen „Die Barbara Karlich Show“ zum Thema verbotene Liebe. Beifallklatschen und Gejohle meiner Mitreisenden, als Schichtleiterin Bianca, 26, von ihrem Outing erzählt. Buhrufe, als sie schildert, wie sie letztlich doch mit Andreas zusammenkam.

MARINA WEITGASSER: Sophie hat das Meer angeschrien. Seither regnet es.

SOPHIE LINGG: Einkaufsliste: – Weißwein – Mineralwasser

Tag 10

MARIA MUHAR: Freitagabend, im einzig geöffneten Lokal im Umkreis von 20 Kilometern: ein verrauchter Pub, der abwechselnd mit Karaoke-Einlagen und Chart- Hits der letzten fünfzehn Jahre bespielt wird. Hinter dem DJ-Pult zwei Exil-Engländerinnen Ende fünfzig. Blumi fragt die eine gleich nach Koks und Gras. Die Suche nach Drogen hat sich bisher als zäh erwiesen. Die Frau meint, dass sie vielleicht etwas aufstellen kann, und erzählt mit entrücktem Blick von ihrer Dealer-Karriere im London der 1980er Jahre. Den ganzen Abend lege ich den beiden DJs Zettelchen mit meinen Musikwünschen aufs Mischpult. Kein einziger wird gespielt. Meine Freundinnen sind da hartnäckiger: Sie bedrängen die DJs und schreien ihre Musikwünsche. Um Mitternacht ertönt dann endlich „Im Rausch der Zeit“. Die DJ sagt: „This one is for our guests, who came all the way from bloody AUSTRIA!“ Steffi reißt ihr das Mikrofon aus der Hand: „No, we are not Austrians – we are feminazis.“


„Schon beim Betreten des Pubs scanne ich alles Testosteronhaltige wie eine läufige Hündin und erkläre bestimmt: ‚Finger weg vom Fetten! Der Fette gehört mir!‘“
MAX MUSTERMENSCH

STEFANIE SARGNAGEL: Vor einigen Monaten ist meine Libido nach zwei Jahren Antidepressiva-Konsum wieder zurückgekehrt. Es war ein seltsamer Tag in Wien: Die Wolken verdunkelten die Sonne, ein Sturm brach los, in der ganzen Stadt begannen Sirenen zu heulen, während die Libido wie ein Dämon über mich hereinbrach und ihr Schwert der Lust in meinen unteren Bauch stach. Seitdem laufe ich wie eine Triebtäterin durch die Straßen und versuche meine Lokalprominenz dafür zu nutzen, sexuelle Dienste von unverdorbenen jungen Männern zu erpressen. Dabei habe ich mäßigen Erfolg, die einen schreckt mein Fame ab, die anderen bewundern mich zu unterwürfig. Im Ausland erhoffe ich mir bessere Chancen. Schon beim Betreten des Pubs scanne ich alles Testosteronhaltige wie eine läufige Hündin und erkläre bestimmt: „Finger weg vom Fetten! Der Fette gehört mir!“ Zehn Cocktails später tanze ich Körper an Körper mit dem zypriotischen Koloss, der sich für sein Gewicht erstaunlich gut bewegen kann, viel zu gut für einen Hetero. Es handelt sich um eine Gruppe schwuler Animateure. Im Sommer unterhalten sie die britischen Touristen, im Winter erholen sie sich bei Drogen und Alkoholmissbrauch, erzählt uns ein besonders fertiger Typ am Klo. Wir fragen, wo wir Drogen bekommen könnten, er schreibt uns seine Nummer auf. Die Zahlen sind wirr auf dem Blatt verteilt, die Reihenfolge ist nicht entzifferbar. Das Zeug muss ziemlich arg sein, und so versuchen wir es weiterhin. Da wir alle links sind und racial profiling verachten, fragen wir selbstverständlich und ausschließlich nur die Weißen im Lokal, wo man etwas bekommen könnte. Abends irren wir volltrunken zurück in die Villa.

Haider, mitreisender Diener, Blum, Lingg und Muhar: nächtens am Heimweg

MARINA WEITGASSER: Alle gehen aus, ich nicht. Um fünf Uhr höre ich das Rudel heimkrachen, es ist apokalyptisch. Nach gemeinsamer Jause, inklusive lautstarker Fütterung der Katzen vorm Haus, tappst jemand leise ins Zimmer, schaltet die Lichter aus, legt sich sanft neben mich und beginnt sofort so laut zu schnarchen wie fünf Traktoren und drei Lkw. Besoffene Frauen werden das Patriarchat in Grund und Boden sägen.

Tag 11

MARIA MUHAR: Ich habe vergangene Nacht, unter anderem, meine Stimme verloren. Mein Hals brennt wie Sau, wenn es mir gelingt ein paar Worte rauszupressen, klinge ich wie ein Vierzehnjähriger. Als mir Lydia mittags ein Glas Honig und eine Flasche Schnaps ans Bett bringt, zerreißt mir die mütterliche Zuwendung fast das Herz. Mit feuchten Augen fiepe ich „anke L ya“.

LYDIA HAIDER: Immer wieder bin ich entzückt, wie viel ich trinken kann. Wir starten um zwölf Uhr mittags mit Prosecco, tschechern dahin auf hohem Niveau und arbeiten dabei an unseren Texten, dann gehen wir über zu Saufspielen, später ziehen wir in eine Bar, um Cocktails und Wodka zu vernichten, und ich spiele stundenlang Darts und treffe auch um drei Uhr früh noch immer ins Bulls Eye, während andere gerade noch die Scheibe finden. Ich sollte das beruflich machen: Sauftherapie mit Lydia Haider. Ich kann dich heilen, wovon auch immer.

Haider: Darts in der Bar

Tag 12

APOLLONIA T. BITZAN: 17:09 Uhr. Wenn man ganz lange am Strand auf dieselbe Stelle schaut beim Muschelsuchen, entdeckt man immer kleinere und kleinere. Irgendwann sieht man nur mehr die Atome, und alles ist eins.

LYDIA HAIDER: Noch einmal schauen wir uns den toten Vogel im Pool an, bevor’s nach Wien geht. So es dich erwischt, unerwartet, wie es alle erwischt, also auch dich, nun denn der Tod eintritt, hat’s das: mit Spannung und Geschwindigkeit, aber doch ruhig, wie eine unruhige Ruhe, unbesonders und ganz klar und transparent. Verstehst du das? So muss es sein, weil das Leben an sich nicht gemein ist – also auch der Tod mitnichten. Wehe könnte es schon tun, aber du merkst rasch, dass es Sinn macht, wie bei der Geburt. Wenn es dann also so weit ist und der Übertritt oder Austritt oder die Auflösung einsetzt und auch schon wieder vorbei ist, weil es rasch geht, dir aber langsam vorkommt, oder auch nicht, dann wird es dir auswendig, als öffnest du den Reißverschluss deiner Jacke, ziehst sie und alles andere aus, ab, so dein Letztes aus dem Körper geht und wie in einem stehenden Akkord ausläuft. Dann bist du beendet. Und dann weißt du endlich, wie es ist, wenn es aus ist. Jetzt ist es aus.

KATHARINA BLUM: 23:20 Uhr. Plötzlich in Wien. Wache im „Schmauswaberl“ auf. Offensichtlich hab ich getrunken. Ich taste meine Kleidung nach Drogenresten ab – nichts. Ich geh nach Hause, morgen is wieder Arbeit.


STEFANIE SARGNAGEL ist Cartoonistin und Autorin. Zuletzt erschienen: „Statusmeldungen“.
LYDIA HAIDER ist Schriftstellerin. Zuletzt erschienen: „Am Ball. Wider erbliche Schwachsinnigkeit“.
APOLLONIA T. BITZAN ist freischaffende Fotografin und Künstlerin.
MARIA MUHAR lebt und arbeitet als Köchin und Autorin in Wien.
KATHARINA BLUM ist Druckgrafikerin und Rädelsführerin der Wiener Untergrunddruckszene.
WEITGASSER Büro aus Wien.
SOPHIE LINGG ist Kunst- und Kulturvermittlerin, Künstlerin und kuratiert.

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06.06.2019
Quelle: F.A.Z. Quarterly