Seine Söhne gingen zum IS

Vater aus Kassel sucht in Syrien nach seinen Kindern

Von Sebastian Eder, Kassel
22.09.2016
, 12:33
Foto von Gerhard mit seinen Söhnen: Sind sie noch am Leben?
Er will nicht glauben, dass seine beiden Söhne im Kampf für den „Islamischen Staat“ umgekommen sind. Obwohl er schon mehrmals die Nachricht bekommen hat, dass seine Kinder tot sind, sucht Joachim Gerhard weiter.
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Die erste Todesnachricht bekam Joachim Gerhard am 25. März 2015, um 12.09 Uhr. Er stand gerade auf einer Baustelle in seiner Heimatstadt Kassel, als sein Handy vibrierte und der Name seines ältesten Sohnes aufleuchtete. Gerhard freute sich zunächst, er hatte von seinen Söhnen keine Nachricht mehr bekommen, seit sie sich wenige Wochen zuvor in einer Videobotschaft von ihm losgesagt hatten.

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Mit Maschinenpistolen in der Hand hatten sie damals erklärt, dass sie mit ihm nichts mehr zu tun haben wollten, wenn er nicht bezeuge, „dass es keinen anbetungswürdigen Gott gibt außer Allah“. Die Botschaft war aus Syrien gekommen, wo sich seine Söhne Ende 2014 im Alter von 23 und 19 Jahren dem selbsternannten „Islamischen Staat“ (IS) angeschlossen hatten.

Auf der Baustelle in Kassel öffnete Gerhard die neue Nachricht: „Es gibt keine Gottheit außer Allah.“ Solche Sätze kannte Gerhard von seinen Söhnen, er merkte aber schnell, dass die Nachricht gar nicht von ihnen kam. Seine „ehrenwerten Söhne“, las er, seien „der absoluten Pflicht nachgekommen, das Kalifat unter dem ehrenwerten Kalifen Abu Bakr Al-Bagdadi zu unterstützen. Bei der Verteidigung ihrer Brüder und Schwestern wurden sie am selben Tag niedergeschossen“.

Über einen Freund fanden die Söhne zum Islam

Joachim Gerhard wurde 1963 in dem Darmstädter Vorort Arheilgen geboren. Nach der Schule machte er eine Lehre zum Bauschlosser, heiratete und bekam zwei Söhne. Mit seiner Familie zog er nach Kassel, wo er eine erfolgreiche Immobilienfirma aufbaute. Seine Söhne spielten Fußball, gingen feiern, wollten Schauspieler und Fotograf werden, bevor sie sich 2014 plötzlich veränderten. Über einen Freund fanden sie zum Islam, fingen an, mehrmals am Tag zu beten, tranken keinen Alkohol mehr und mieden Partys. Im Oktober 2014 verschwanden sie.

Türkisch-syrische Grenzgebiet
Ein Vater sucht seine IS-Söhne
© F.A.Z., F.A.Z.

Mit dem Auto ihres Vaters fuhren sie in die Türkei und ließen sich von Schleusern nach Syrien bringen. Wochenlang hörte Joachim Gerhard nichts von ihnen, dann meldeten sie sich plötzlich, schickten Bilder vom Grillen, erzählten, dass sie nur in Syrien ihren Glauben ausleben könnten, luden ihren Vater zu einem Besuch ein.

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Gerhard wollte das Angebot annehmen, reiste im Februar 2015 in die Türkei, an der Grenze kam er nicht weiter. Er schaffte es aber immerhin, einen Freund seiner Söhne, der mit ihnen nach Syrien gereist war, jetzt aber wieder nach Hause wollte, an der syrischen Grenze einzusammeln. Weil er damit „gegen den Islamischen Staat“ gearbeitet habe, wie seine Söhne meinten, sagten sie sich von ihm los.

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„Rufen Sie mich an, wenn Sie ihre Leichen haben“

Für Gerhard begann eine nicht enden wollende Suche. Von deutschen Behörden bekam er kaum Hilfe, also setzte er auf die Zusammenarbeit mit Schleusern, die versprachen, ihm zu helfen, die ihm aber nur das Geld aus der Tasche zogen. Einer von Gerhards ersten Helfern war der „Opa“, den er in einem Teehaus in dem türkischen Grenzort Elbeyli in der Nähe von Gaziantep kennenlernte, als er zum ersten Mal versuchte, über die Grenze zu kommen. Für 400 Euro half der Opa, den Freund von Gerhards Söhnen aus Syrien herauszuholen. Weil es tatsächlich klappte, hoffte Gerhard, dass der Mann auch seine Söhne finden würde.

Immer wieder reiste er nach Elbeyli, der Opa erzählte ihm von einem Trupp, der in Syrien auf der Suche nach seinen Söhnen sei. Das koste natürlich. „Jetzt haben wir sie fast“, erklärte er wieder und wieder. „Es gab es einen Punkt, da war klar, er wollte nur noch mein Geld“, sagt Gerhard. Als der Opa ihm eine Fotomontage als Beweis präsentierte, dass er seinen Söhnen auf der Spur sei, brach Gerhard den Kontakt ab. Mehr als 20 000 Euro hatte er dem Türken da schon gezahlt.

Fotograf und Schauspieler wollten sie werden: Zeichnung von Gerhards Söhnen.
Fotograf und Schauspieler wollten sie werden: Zeichnung von Gerhards Söhnen. Bild: Michael Kretzer

Zu diesem Zeitpunkt hatte Gerhard im Grenzgebiet schon einen neuen Kontaktmann kennengelernt, den „Alten“. Der soll selbst mal für den IS gearbeitet haben und behauptete ebenfalls, die Söhne gegen Geld aus Syrien herausholen zu können. „Da habe ich aber nur noch bezahlt, wenn ich Beweise gesehen habe“, sagt Gerhard. Im September 2015 meldete sich der Alte mit der Nachricht: „Wir haben sie.“ Als Gerhard in die Türkei flog, bekam er nur ein verpixeltes Foto zu sehen. Wie viel er für die etwa 20 Reisen in die Türkei und an die Menschenschmuggler insgesamt bezahlt hat? „Etwa 150 000 Euro“, sagt er. „Ich kaufe Hoffnung für Geld.“

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In Deutschland wurde dem Vater immer weniger Hoffnung gemacht, die Polizei meldete sich im Februar 2016 zum ersten Mal seit langer Zeit wieder und bestellte ihn aufs Revier. „Der Verfassungsschutz hat Hinweise, dass ihre beiden Söhne bei Kobane ums Leben gekommen sind“, sagte der Polizist. Von Hinweisen hatte Gerhard genug. „Rufen Sie mich an, wenn Sie ihre Leichen haben“, sagte er und ging.

Im Sommer 2016 reiste Gerhard ins Kriegsgebiet

Statt aufzugeben, plante er die nächste Reise. Der Alte hatte ihm ein Dokument präsentiert, das beweisen sollte, dass seine Söhne seit Ende 2015 in Kobane in Gefangenschaft sind. Im Sommer 2016 reiste Gerhard mit einer Kurdin aus Bochum in die syrische Grenzstadt. „Ich wollte schauen, ob meine Söhne dort im Gefängnis sind.“ Seine Kinder fand er nicht, stattdessen lief er zwischen Ruinen durch die Straßen, sah auf einem Platz einen Käfig stehen, in dem der IS Gefangene gequält hatte, bevor die Kurden die Stadt zurückeroberten. „Es ist schon Wahnsinn“, sagt er, „was sich Menschen gegenseitig antun.“

Schilder als Andenken an eine New York-Reise mit seinen Söhnen.
Schilder als Andenken an eine New York-Reise mit seinen Söhnen. Bild: Michael Kretzer

In Deutschland arbeitete er mit einer Autorin an einem Buch über sein Schicksal. Es ist am Donnerstag erschienen. Im letzten Kapitel heißt es unter der Überschrift „Das ist kein Ende“: „Und jetzt? Bin ich gescheitert? Sind meine Söhne tatsächlich tot? Bin ich ein alter Narr, der sich etwas vormacht, sich nicht mit dem abfinden kann, was ganz offensichtlich vor seiner Nase hängt?“ Gerhard weiß, dass dieser Eindruck entstehen kann, wenn man von außen auf die Geschichte blickt. „Aber ich muss weiter machen, bis ich einen Beweis habe“, sagt er. „Ich glaube, dass bei allen Informationen von den Leuten, die mir geholfen haben, immer ein bisschen Wahrheit dabei war. Nur als sie selbst nicht mehr weiterkamen, haben sie versucht, Geld rauszuholen. Das Gefühl ist einfach nicht da, dass meine Söhne tot sind. Es ist, als würde mir eine innere Stimme immer wieder sagen: Sie sind nicht tot.“

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Die Zimmer seiner Söhne sind unberührt

Er wird weitersuchen. Er ist ruhiger geworden, als er es vor anderthalb Jahren noch war. Damals brach er regelmäßig in Tränen aus, wenn er seine Geschichte erzählte. Heute kann er über Teile der Geschichte schon lachen. Zum Beispiel über den Abend, an dem er den König von Jordanien und dessen Frau in einem Restaurant in Neu-Isenburg traf. Gerhard hatte einen jordanischen Geheimdienstmitarbeiter kennengelernt, der dem König Bilder von den Jungs gezeigt hatte. „Seine Frau war entsetzt, dass zwei so hübsche Jungs in den Krieg gezogen sind“, sagt Gerhard. „Sie wollte mich treffen und helfen.“ Wie der Abend mit dem Königspaar war? „Ich war noch nie so schüchtern.“

Er sitzt in seinem Garten in einem idyllischen Vorort von Kassel, die Sonne scheint, die Blumen blühen, es ist einer der letzten Sommertage, seine beiden Hunde liegen zu seinen Füßen. In einer kleinen Halle schimmert das Wasser eines Swimmingpools, im Nebenraum steht ein Billardtisch, in einem Zimmer stapeln sich edle Weine. „Der Männerraum“, sagt Gerhard. „Hier saß ich oft mit meinen Söhnen.“ Was das Verschwinden seiner Kinder mit ihm gemacht hat? „Das Härteste für mich ist, dass meine Söhne vom IS so manipuliert wurden, dass sie mich als Feind ansehen. Dabei haben wir uns doch immer geliebt.“

Lange konnte er nicht mal für ein paar Tage in den Urlaub fahren, weil er ein schlechtes Gewissen gegenüber seinen Söhnen hatte, dass sie im Kriegsgebiet festsaßen, während er es sich gut gehen ließ. Auch seine Beziehung überstand die ständige Verzweiflung nicht. Mittlerweile hat Gerhard eine neue Freundin, vor Kurzem war er mit ihr auch mal wieder ein paar Tage im Urlaub. „Irgendwie muss es weitergehen“, sagt er. Die Zimmer seiner Söhne im zweiten Stock seines Hauses sind unberührt, dort hängen auch noch die Plakate, die sein ältester Sohn aufgehängt hat. „Die bleiben da auch“, sagt Gerhard. Auf einem ist John Lennon zu sehen. „Give Peace A Chance“, steht darunter. Gerhard blickt auf sein Handy. Er wartet auf Nachrichten aus Syrien.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Eder, Sebastian
Sebastian Eder
Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
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