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Foto: dpa, Lutz Mükke; Bildkombo: FAZ.NET-Multimedia

Die alten Konzepte gehen nicht mehr auf

Von LUTZ MÜKKE
Direktorin Nanette Snoep in Dresden Foto: Lutz Mükke

S eit Jahren ist das Japanische Palais in Dresden Baustelle, Direktorin Nanette Snoep empfängt trotzdem hier. Der große Prunkbau aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts beherbergt heute einen Teil der Sächsischen Ethnographischen Sammlungen. Aufgrund der Baumaßnahmen sind nur ein paar Räume geöffnet Freundlich strahlend sitzt Snoep inmitten ihrer provisorischen Ausstellung. Die kleine Interim-Sonderschau zeigt auch drei der insgesamt 221 geraubten Benin-Kunstwerke, die heute in den sächsischen Sammlungen in Dresden und Leipzig lagern. Britische Elitetruppen plünderten 1897 etwa 3.500 bis 4.000 Bronzen, Terrakotten, Elfenbein- und Holzschnitzereien im Königreich Benin, die danach zur Refinanzierung des Krieges in London versteigert wurden. So landeten sie in dutzenden ethnografischen Museen und Sammlungen in Europa und Nordamerika; etwa im Britischen Museum in London, dem Metropolitan Museum of Art in New York oder im Ethnografischen Museum in Berlin. Überall gehören sie zum Kostbarsten und Spektakulärsten, was die Afrika-Sammlungen zu bieten haben.


Der Anteil an Beute- und Raubkunst in unseren drei Museen ist groß.
Direktorin Nanette Snoep in Dresden

Recherche: Maria Wiesner, F.A.Z.

Wie viele Direktorinnen ethnologischer Museen muss sich auch Snoep heute intensiver denn je mit einem schwierigen Erbe auseinandersetzen: „Der Anteil an Beute- und Raubkunst in unseren drei Museen ist groß“, sagt sie. Viele der Objekte seien unter „ungleichen Machtverhältnissen“ erworben worden, oft „in kolonialen Kontexten.“ Das bedeute zwar nicht, dass alles Kriegsbeute sei, so wie im klaren Fall der 221 Benin-Objekte. Aber es gebe für die Erforschung der 300.000 Museums-Objekte nur acht Mitarbeiter in drei Museen. Von vielen Objekten könne man deshalb lediglich eine alte Rechnung oder einen Kaufvertrag vorweisen. Unter welchen Umständen sie auf den internationalen Markt gelangten, wisse man oft nicht. Wie in Dresden und Leipzig lastet auf den meisten Völkerkunde-Museen Deutschlands großer Modernisierungsdruck. Snoep gehört zu einer Generation von Kulturmanagerinnen, die mit den traditionellen Konzepten, wie Völkerkunde-Museen sie seit dem 19. Jahrhundert anbieten, brechen müssen: Das ethnologische Narrativ vom Vordringen in die Seelen exotischer Völker und dunkler Kontinente ist verbraucht.

Eine figürliche Reliefplatte aus Nigeria (vor 1897) hängt im Japanischen Palais in Dresden. Foto: dpa

Die 1971 geborene Niederländerin Snoep arbeitete lange in Paris. Wenn sie über ihre zurückliegenden Jahre in Sachsen spricht, gestikuliert sie wild. Die waren bewegt. Etliches gestaltete sie um: holte Künstler, Migranten, Schauspieler, Studenten in ihre Häuser; konzipierte experimentelle Ausstellungen, die Historie und Gegenwart verbinden. Nach langem Vorlauf sind während ihrer Zeit auch menschliche Knochen („Human Remains“) nach Hawaii zurückgegeben worden. Ein Resultat: ein jüngeres, „völlig neues Besucherprofil“ und um 30 Prozent gestiegene Besucherzahlen. „Wir erzählen nicht nur schöne exotische Geschichten. Wir werfen jetzt auch politische und globale Fragen auf“, sagt Snoep.

Ihr Ansatz gefalle allerdings nicht jedem, sagt Snoep. In der Ausstellung hinter ihr sind beispielsweise zahlreiche große Holzkisten aufgestapelt. Der Besucher kann interpretieren. Sind das Transportkisten, die Raubkunst zurück in die Ursprungsgesellschaften bringen sollen? Der schwierige Fundus der Völkerkunde-Museen fordere zu einem Dialog mit der Welt heraus, über Weltoffenheit und den Umgang mit der Fremde, so Snoep. Gerade für Sachsen sei dies eine Chance. Auch die Diskussion über Rückgaben von Objekten wie den geraubten Benin-Bronzen scheut die Managerin nicht. In öffentlichen Veranstaltungsreihen sprechen selbst ihre Mitarbeiter bemerkenswert offen über teils heikle Restitutions- und Provenienzfragen.

Wissenschaftler Staffan Lundén Foto: Staffan Lundén

W ie ein riesiger Tempel steht das Britische Museum mitten in London. „Das Museum der Welt für die Welt“, so der Leitspruch. Es zieht jedes Jahr mehr als sechs Millionen Besucher an und besitzt mit rund 700 Objekten die größte Sammlung der geraubten Benin-Kunstschätze. Acht Jahre lang forschte der schwedische Wissenschaftler Staffan Lundén zum Thema „Raubgut Ausstellen. Die Benin-Objekte und das Britische Museum“. Seine Doktorarbeit erschien 2017 und fällt wenig schmeichelhaft aus. Insbesondere Neil MacGregor, einstiger Direktor des Britischen Museums in London und seit 2015 Intendant des Berliner Humboldt-Forums, kommt in der Dissertation nicht gut weg. Lundén kritisiert in seiner 500 Seiten starken Arbeit, MacGregor habe die künstlerischen Aspekte der Benin-Bronzen bewusst überbetont und dadurch die schwierige historische und politische Dimension der Plünderungen der Benin-Objekte auf das Allernötigste reduziert. Der studierte Kunstwissenschaftler MacGregor wehrt sich „kategorisch“ gegen diesen Vorwurf: Nie habe er versucht, „die Brutalität der kolonialen Strafexpedition zu verleugnen.“ Laut Lundén stehen MacGregor und das Britische Museum mit ihrem Tun jedoch in einer mehr als hundert Jahre langen, fragwürdigen Tradition: Viele europäische und amerikanische Museen überbetonen den historischen Verdienst ihrer Institutionen. Es sei den Museen zu verdanken, so ihre Argumentation, dass das westliche Publikum insbesondere anhand der Benin-Bronzen darüber aufgeklärt werden konnte, dass auch Afrikaner in der Lage gewesen seien, derartig faszinierende und kunstfertige Objekte herzustellen. Eines der finalen Ergebnisse von Lundéns Forschungen: Die Darstellungen im Britischen Museum seien vielfach so konstruiert, dass sie den „unbedingten Verbleib“ der Benin-Objekte im selbigen begründen. Aber Lundéns Fazit betrifft durchaus auch andere Museen. In anderen Ausstellungen wie dem Metropolitan Museum of Art in New York ist wenig bis nichts über die Kriegsverbrechen, Plünderungen oder gar über ökonomische Ziele der britischen Invasion von 1897 zu erfahren, ganz zu schweigen über Restitutionsbegehren aus Nigeria.

Direktorin Barbara Plankensteiner in Hamburg Foto: Lutz Mükke

Über Schiffslinien, Geschäftsleute, Diplomaten, Abenteurer, Auswanderer und Wissenschaftler hatte die alte Hansestadt Hamburg seit jeher beste Beziehungen in alle Welt und leistete sich selbstverständlich auch ein bedeutendes ethnologisches Museum, das seinen Besuchern fremde, wilde Völker exotisch präsentierte. Dort an der Rothenbaumchaussee strandeten auch zirka 150 der geplünderten Benin-Kunstschätze. Seit 2017 arbeitet Barbara Plankensteiner als neue Direktorin in den ehrwürdig und verstaubt wirkenden Museum, das derzeit lediglich drei Benin-Bronzen zeigt. Plankensteiner ist eine internationale Koryphäe für die Kunst aus dem Königreich Benin. „Wir sollten Gewaltgeschichte und koloniale Hintergründe stärker thematisieren, weil man diese Fragen ansprechen muss. Das ist Teil der Biographie der Objekte und Teil der Aufarbeitung der eigenen Geschichte, der Institution aber auch der Nation”, sagt Plankensteiner. Besucher hätten an diesen Hintergründen zum einen Interesse, zum anderen sei die Auseinandersetzung damit die ethische Voraussetzung, um mit Diasporagemeinschaften in einen Dialog zu treten und zusammen zu arbeiten.
Plankensteiner weiß, wie komplex die nationalen und internationalen Debatten um die Benin-Bronzen sind. Zusammen mit nigerianischen Kollegen initiierte sie die Benin-Dialog-Gruppe, die 2010 in Wien entstand. Ziel der Gruppe war, Benin-Objekte aus europäischen Beständen auch in Nigeria auszustellen. Politik oder Medien wurden über Jahre von diesen Gesprächen ferngehalten. Das hätte die Debatte womöglich polemisiert und nicht weiter gebracht, so Plankensteiner. Denn die Dialog-Gruppe sei ein „komplexer diplomatischer Prozess” gewesen. Jahrzehntelange Versäumnisse mussten aufgearbeitet werden. Plankensteiner: „Wir sind sehr weit gekommen: Früher hatte es kaum Kontakt mit nigerianischen Kollegen gegeben.“ Nicht zuletzt wegen der Restitutionsansprüche habe es Ängste auf beiden Seiten gegeben, Vorurteile, Vorsichtigkeiten. „Wir haben nun eine Gruppe etabliert, in der man offen sprechen kann, wo man sich austauscht, wo man sich anruft, sich kennt, sich gegenseitig respektiert.“

Bronzen und Reliefplastiken aus dem Königreich Benin stehen heute im Britischen Museum in London Foto: Lutz Mükke

Wir erzählen nicht nur schöne exotische Geschichten. Wir werfen jetzt auch politische und globale Fragen auf.
Direktorin Nanette Snoep in Dresden

M ittlerweile gehörten der Gruppe fast alle europäischen Museen mit Benin-Beständen an, Interesse sei auch von amerikanischen Museen bekundet worden und auf nigerianischer Seite seien die Ansprechpartner das Königshaus und die Museumsbehörde. Der Benin-Dialog-Gruppe gehe es um Dauerleihgaben, so Plankensteiner. Denn: “In unserem Kreis haben wir gar nicht die Befugnis über Eigentumsrechte zu sprechen oder gar zu entscheiden. Das wäre dann nochmal ein komplett anderer, politischer Prozess.” Und es sei auch nicht unbedingt die beste Lösung, alle Benin-Objekte zurück zu geben. Denn sie hätten “auch eine wichtige Aufgabe hier in unserer Gesellschaft.” - Ein Argument das übrigens auch in Nigeria geteilt wird. Die Rückgabe aller Objekte fordert dort niemand. Sehr wohl aber will man jene Stücke zurück, die außergewöhnlich hohe sakrale und historische Bedeutung haben.

Yusuf Maitama Tuggar Foto: Marie Staggat

In den Diskussionen darüber, ob Benin-Kunstwerke zurückgegeben werden sollten, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten eine Reihe von Gegenargumenten verfestigt. Zwei der Schwerwiegendsten: Nigeria sei zu korrupt, wahrscheinlich würden restituierte Kunstwerke bald wieder auf dem internationalen Kunstmarkt auftauchen. Und die Museen in Nigeria könnten nicht professionell mit den Objekten umgehen. Yusuf Maitama Tuggar, ehemaliger Industrie-Manager und seit September 2017 Botschafter der Republik Nigeria in Berlin, lächelt bitter über diese Diskussionen. Er fordert diese „Infantilisierung Afrikas und der Afrikaner endlich zu beenden.“ Solche Argumente seien nah am Rande des Rassismus. „Der Afrikaner“ werde als "Junge" behandelt, der in einem immerwährenden Zustand von Unreife das Wertvolle nicht erkenne. „Wissen Sie, wie viele Schätze es in nigerianischen Palästen und Museen gibt, die dort teilweise seit Jahrhunderten aufbewahrt und präserviert werden?“ Tuggar bestreitet nicht, dass einzelne Benin-Bronzen aus nigerianischen Museen gestohlen worden seien. In den düstersten Zeiten Nigerias bediente sich beispielsweise ein Militärdiktator ganz plump an einer Benin-Bronze. Jedoch liegen diese Einzelfälle lange zurück. Und, so kontert Tuggar, Kunstwerke würden selbst „aus den sichersten Museen der Welt gestohlen.“ Das könne kein Argument sein, um die Diskussion über die Rückgabe von Benin-Bronzen abzuwiegeln.

In deutschen Museen und Sammlungen befinden sich heute etwa tausend der von den Briten 1897 geplünderten Benin-Objekte. „Die Regierung Nigerias würde ihre Rückkehr mehr als begrüßen. Es wäre ein wichtiger Sieg, auf den viele sehnsuchtsvoll seit der Unabhängigkeit warten“, sagt der Botschafter. „Für die Rückkehr unseres Kulturerbes haben wir gekämpft.“ Die Benin-Bronzen seien heute symbolisch aufgeladen, auch „weil ihr Raub so überaus ruchlos war.“ Sie seien sowohl für Nigeria als Nation und noch mehr für das Volk und die Krone des Königreichs Benin integraler Bestandteil von Kultur und Geschichte, so der Botschafter. „In diesem Sinne kann ihre Bedeutung nicht überbewertet werden. Selbst die Patina solcher Kunstwerke ist von unschätzbarem Wert, ganz zu schweigen von den Werken selbst.“ Tuggar fährt fort: „Wenn der Kolonialismus wirklich vorbei ist, warum sollte man dann nicht das, was zu Nigeria und Benin gehört, dorthin zurückgeben?“

AUF DER SPUR DER RAUBKUNST

An der Recherchekooperation über den Benin-Kunstschatz arbeitete ein Team von nigerianischen und deutschen Journalisten in Europa, Afrika und den Vereinigten Staaten. In diesen Tagen erscheinen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und auf FAZ.NET weitere Beiträge zum globalen Handel mit afrikanischen Kunstgütern und den Wegen von Benin-Bronzen in westliche Museen. Die Recherchen, die monatelang dauerten, wurden unterstützt vom Journalistenverein „Fleiß und Mut“ und dessen „Kartographen-Mercator-Stipendienprogramm“. Weitere Projektpartner sind die panafrikanische Organisation Code for Africa sowie die Leipziger Volkszeitung.
Quelle: FAZ.NET