Trauerfeier für Prinz Philip

Eine Familie nimmt Abschied

Von Jochen Buchsteiner, London
18.04.2021
, 17:13
Ein schwerer Gang für Königin Elisabeth II.: Gemeinsam mit ihrer Familie hat sie in einer Trauerfeier Abschied von Prinz Philip genommen. Nur 30 Trauergäste waren erlaubt.

Er habe so lange gelebt, dass alle, die an seinen Plänen für die eigene Beerdigung beteiligt waren, inzwischen verstorben seien, hatte der Herzog von Edinburgh gelegentlich gescherzt. Am Ende wurde es ein Begräbnis, das ihm vollständig gerecht wurde, ein „passender Abschied“, wie die „Mail on Sunday“ der Königin auf der Titelseite versicherte. Die Monarchin war die zweite Hauptperson an diesem Samstag gewesen, und der „Sunday Exress“ sprach vermutlich für viele, als er titelte: „You’re not alone, Ma’am“.

Es gab viele bewegende Momente, aber das Bild, das haftenbleibt, war der Augenblick, als Elisabeth II. ihren Platz in der St George Chapel eingenommen hatte. Einsam und zerbrechlich wirkend saß die fast 95 Jahre alte Monarchin am äußersten Rand der Kirchenbank, Mund und Nase bedeckt von einer schwarzen Maske, darüber ein schwarzer Hut – im Schlitz dazwischen ein nicht zu entschlüsselnder Blick. Nach 73 Jahren Ehe war sie mit ihrem Mann zum letzten Mal in einem Raum zusammen. Niemand saß in ihrer Nähe, der ihr ein paar mitfühlende Worte hätte zuflüstern oder die Hand hätte halten können.

Berührend – und meisterhaft inszeniert

Es war ein berührendes und zugleich meisterhaft inszeniertes Staatsbegräbnis. All die Einschränkungen, die die Corona-Maßnahmen erforderten, schienen die Wirkung der Feier noch zu verstärken. BBC-Kommentator Huw Edwards sprach im Anschluss von der „Kraft der Schlichtheit“. Er hätte auch die Anmut der Leere würdigen können, denn das Verlorene, das dieser intimen Feier im weiträumigen Kirchensaal anhaftete, schärfte den Sinn für den Anlass. Die „Kapelle“, die den Umfang mancher Kathedralen hat und in guten Zeiten mehr als 800 Gläubige fasst, war nur von 30 Trauergästen besucht.

Die Kamera begleitete das Kammerspiel kunstvoll und behutsam. Der große Chor von Windsor Castle war auf drei Sänger und eine Sängerin reduziert worden. Sie hinterließen mehr Eindruck, als es Dutzende vermocht hätten; vor allem bei „The Jubilet“ von Benjamin Britten, einem Stück, das der britische Komponist im Auftrag des Herzogs selbst für den Windsor-Chor geschrieben hatte. Gegen Ende trat ein Dudelsackspieler auf, der, den Trauernden den Rücken zugewandt, langsam einen Gang hinabschritt und seine traurige Weise durch ein Holztor mit ins Freie nahm. Die Kamera fing die kleinen Momente ein, wählte ungewöhnliche Perspektiven und kam vor allem den Trauernden nie zu nahe. Nur gelegentlich huschte sie durch die Bänke, gerade lang genug, um die Stimmung einzufangen, aber zu kurz, um Regungen, gar Tränen zu erkennen.

Kein Familienmitglied sagte etwas, nur der Erzbischof von Canterbury und der Dean von Windsor trugen im Wechsel kurze Ansprachen und Bibelstellen vor, die sich der „Duke“ gewünscht hatte. Es fiel kaum ein persönliches Wort, wohl auch das im Sinne des Toten. Geehrt wurde Philip, der Diener, der sich um die Armee, die Kirche und die Nation verdient gemacht hatte. Als einige der unendlich vielen Orden aufgezählt wurden, die der Herzog im Laufe seines fast hundertjährigen Lebens angehäuft hatte, fiel einmal das Wort „husband“, Ehemann. Es blieb, neben einer kurzen Würdigung seiner Menschlichkeit und seines Humors, die einzige Reminiszenz an Philips Rolle als Privatmann.

Kränze, Blumen und Karten

Schon mehr als eine Stunde vor der Trauerfeier hatten zeremonielle Regimenter Aufstellung genommen und waren musizierend ins Schloss marschiert. Alle Waffengattungen und fast alle Regionen waren vertreten; das sollte die engen Verbindungen reflektieren, die der Herzog als Flottenadmiral, Feldmarschall und Marschall der Royal Air Force zu den verschiedenen Streitkräften unterhalten hatte. Es folgte seine zweispännige Lieblingskutsche, mit seiner Kappe und seinen Lederhandschuhen auf dem leeren Nebensitz – und schließlich der von ihm umgebaute militärgrüne Land Rover, auf dem der von weißen Rosen und Lilien geschmückte Sarg transportiert wurde.

An die 700 prachtvoll uniformierte Soldaten unterstützten die Zeremonie, die von der ersten bis zur letzten Minute unter Ausschluss der Öffentlichkeit abgehalten wurde. Die meisten Menschen waren der Bitte der Polizei und der Familie gefolgt, von öffentlichen Trauerzügen Abstand zu nehmen; allerdings fanden sich viele Kränze, Blumen und Karten in den Straßen Windsors, die Bürger dort vorab niedergelegt hatten. In den ursprünglichen Planungen war noch weit mehr Soldaten eine Rolle zugewiesen worden. Aber auch dies musste der Pandemie wegen geändert werden.

Keine Uniformkleidung

Nachdem die kleine Trauergemeinde, nach Alter gestaffelt, den ungewöhnlichen Leichenwagen auf seinem Weg in Richtung Kapelle begleitet hatte, schulterten ihn acht Soldaten mit roten Schärpen. Nach einer nationalen Schweigeminute, eingerahmt von Salutschüssen und Glockenschlägen, trugen die Männer ihn langsam die Stufen zur Kirche hinauf. Die Königin, die in einer Staatskarosse bis vor den Eingang gefahren wurde, betrat die Kapelle, begleitet vom Erzbischof und vom Dean, als Erstes. Nach einer knappen Stunde verließ sie den Ort des Geschehens auch vor allen anderen. Der Rest der Trauergemeinde machte sich zu Fuß auf den Weg.

Die meisten Familienmitglieder trugen militärische Orden an ihren „Morning Suits“ und schwarzen Trauerkleidern – ein Kompromiss. Die Queen hatte die Familie gebeten, von der für derartige Anlässe üblichen Uniformkleidung abzusehen, um diplomatische Verwicklungen zu vermeiden. Prinz Harry steht keine Uniform mehr zu, seit er den Dienst der Familie zugunsten eines Privatlebens in Kalifornien quittiert hat, und der Dienstgrad Prinz Andrews ist ungeklärt, seit er eine Beförderung zum Admiral wegen einer noch aufzuklärenden Missbrauchsaffäre hatte ruhen lassen.

Prinz Harry kam allein

Am Ende der Veranstaltung fing die Kameradrohne einen Augenblick der brüderlichen Annäherung ein, der am Sonntag in vielen Zeitungen kommentiert wurde. Hinter dem Sarg waren Prinz Harry und Prinz William noch getrennt gelaufen – die Königin hatte einen Cousin als Puffer (oder auch als Mediator) eingesetzt –, aber nach der Trauerfeier sah man die Brüder, neben der Herzogin von Cambridge, Schulter an Schulter durch den Schlosshof gehen. Als ein Gespräch der beiden begann, verlangsamte die Herzogin den Schritt und ließ die Brüder ungestört.

Harry war allein angereist, nachdem, so die offizielle Erklärung, seiner schwangeren Frau, der Herzogin von Sussex, ärztlich von einem Kontinentalflug abgeraten worden war. Das Ehepaar hatte einigen Staub aufgewirbelt, als es kürzlich der Königsfamilie, jedenfalls einem nicht benannten Mitglied, in einem Fernsehgespräch Rassismus vorgehalten hatte. William hatte sich scharf dagegen verwahrt und vermutlich im Namen der Familie gesprochen. Der Verstorbene, der das Interview im Krankenhaus verfolgt hatte, soll es kurz vor seinem Tod als „Idiotie“ bezeichnet haben.

Quelle: F.A.Z.
Jochen Buchsteiner - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jochen Buchsteiner
Politischer Korrespondent in London.
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