Im Gespräch mit Daisy Ridley

„Ich bin in diese Sache hineingestolpert“

Von Patrick Heidmann
17.12.2019
, 09:40
Daisy Ridley war eine Unbekannte – bis sie als Heldin bei „Star Wars“ besetzt wurde. Hier spricht sie über ihre Unbedarftheit, Strategien für den roten Teppich und das nächste Kapitel ihres Lebens.

Vor fünf Jahren war Daisy Ridley noch ein vollkommen unbeschriebenes Blatt. In ihrem Lebenslauf standen ein abgebrochenes Studium, zwei Kellnerinnen-Jobs und erste kleine Fernsehauftritte. Heute ist die Londonerin 27 Jahre alt – und als Rey, Protagonistin der neuen „Star Wars“-Trilogie, eine der bekanntesten jungen Schauspielerinnen der Welt. Anlässlich des dritten und letzten Films „Star Wars – Der Aufstieg Skywalkers“, der Donnerstag startet, treffen wir Ridley, die zuletzt etwa auch in „Ophelia“ zu sehen war und mit „Star Wars“-Regisseur J.J. Abrams schon die nächsten Projekte plant, im Montage Hotel in Beverly Hills. Sie ist blendend gelaunt, trägt hohe schwarze Stiefeletten-Pumps zum kurzen, aber langärmligen Blumenkleid von Isabel Marant.

Ms Ridley, für Sie gehen mit „Star Wars – Der Aufstieg Skywalkers“, die Dreharbeiten mitgezählt, ungefähr sechs Jahre im „Star Wars“-Universum zu Ende. Wie fühlt sich das an?

So ganz kann ich es noch nicht glauben, zumindest nicht wirklich. Ich glaube, frühestens wenn der Film in den Kinos läuft und ich nach Weihnachten erst einmal frei habe, wird es bei mir langsam ankommen, dass dieses Kapitel für mich jetzt abgeschlossen ist. Und ich weiß natürlich, dass sechs Jahre nicht vergleichbar sind mit der Zeit, in der die Kinder in „Harry Potter“ erwachsen wurden, und auch nicht mit „Game of Thrones“. Aber auf jeden Fall war es schon eine irre Sache, den Großteil meiner Zwanziger damit verbracht zu haben. Das ist ja die Zeit, in der man entwicklungstechnisch irgendwie eh einen riesigen Sprung macht und unglaublich viel Lebenserfahrung dazugewinnt. Durch „Star Wars“ wurde das bei mir irgendwie noch überwältigender, größer und aufregender.

Wie hat die Rolle der Rey Ihr Leben verändert?

Ganz generell hat sie natürlich vor allem meine Karriere auf den Kopf gestellt. Wer weiß, ob ich irgendeine der Rollen, die ich in den letzten Jahren noch gespielt habe, ohne „Star Wars“ je bekommen hätte. Und man darf ja nicht vergessen: „Das Erwachen der Macht“ war meine erste wirkliche Spielfilm-Erfahrung. Gleich seinen Job-Einstand mit so einer Nummer zu machen, einer so durch und durch positiven Erfahrung, das ist schon ziemlich phantastisch. All die Leute, mit denen ich da zusammengearbeitet habe – und 75 Prozent von ihnen traf ich ja nun bei „Der Aufstieg Skywalkers“ wieder – haben mich mit so viel Respekt und Liebenswürdigkeit empfangen und behandelt, dass ich etwas anderes heute bei Dreharbeiten eigentlich gar nicht mehr hinnehmen kann.

Wie war es für Sie, erstmals den Schluss der Trilogie zu lesen?

Ich war auf jeden Fall sehr gerührt. Entsprechend ging es auch während der Dreharbeiten dieses Mal immer ein wenig emotionaler zu als sonst. Und das nicht nur bei mir. Ich erinnere mich noch an eine bestimmte Szene, an unserem letzten Drehtag in Jordanien in der Wüste. Eigentlich nichts Besonderes, und definitiv auch noch nicht der endgültige Abschluss oder so. Aber mich überwältigten die Emotionen, und es kullerten die Tränen. Und dann sah ich, dass es um mich herum dem halben Team so ging. Obwohl das fast alles Kerle waren, die ich noch nie hatte weinen sehen. Wenn wir da alle schon so angegriffen waren, möchte ich gar nicht wissen, wie es erst bei der Weltpremiere wird, wenn wir kurz vor Start alle zusammen auch den fertigen Film sehen werden.

Brachte dieser letzte Film jenseits der Abschiedsemotionen noch andere Herausforderungen mit sich?

Die größte war schlicht Kondition und Durchhaltevermögen, denn die Dreharbeiten dauerten über sieben Monate. Davon stand ich an fast allen Tagen vor der Kamera – und musste mir dieses Mal keinen einzigen Krankentag nehmen (lacht)! Ich war richtig stolz, auch dass ich es sogar schaffte, nebenbei noch immer weiter zu trainieren, um für die Stunts fit zu sein. Ansonsten gab es zwar an meiner Figur Rey noch neue Seiten zu entdecken, was immer aufregend ist. Aber mit einem Regisseur wie J.J. Abrams an der Seite ist so etwas keine Herausforderung, die wirklich schwierig zu meistern wäre.

Wie hat es sich denn ausgewirkt, dass „Star Wars“-Legende Carrie Fisher inzwischen verstorben war und nicht wie geplant mit Ihnen vor der Kamera stehen konnte?

Also, sie ist ja trotzdem auch im dritten Film zu sehen, weil es noch unverwendete Aufnahmen mit ihr gab, vor allem von „Das Erwachen der Macht“, die J.J. jetzt erstaunlich passend verwenden konnte. Aber es war für uns alle sehr traurig und merkwürdig, dass Carrie nicht mehr da war. Obwohl ich sagen muss, dass sie trotzdem die ganze Zeit unglaublich präsent war. Und unser Film ist ein wunderbarer Tribut an sie und Prinzessin Leia.

Mit Leia gab es schon in den alten Filmen eine starke Frauenfigur, aber Ihre Rey war in der neuen Trilogie doch noch einmal eine andere Hausnummer. Wie sehr haben Sie sich mit dieser Tatsache auseinandergesetzt?

Zunächst einmal interessierte mich natürlich nur, dass es da eine spannende Figur gab, die ich spielen durfte. Aber selbstverständlich war mir auch bewusst, dass es etwas Besonderes ist, dass in dieser riesigen, seit Jahrzehnten geliebten Filmreihe plötzlich eine junge Frau im Zentrum stand. Dass davon zunächst einige Fans nicht begeistert schienen, habe ich nicht weiter an mich herangelassen. Dass die überwältigende Mehrheit der Reaktionen nach dem ersten Film dann positiv auffielen, dann allerdings umso mehr. Denn ich war fast ein bisschen überrascht, wie gut Rey ankam und wie persönlich und emotional viele Zuschauer und vor allem Zuschauerinnen auf sie reagierten. Sich selbst beziehungsweise seinesgleichen plötzlich auf der Leinwand repräsentiert zu sehen ist eben doch eine beeindruckende Erfahrung, selbst wenn man sich vorher gar nicht an den männlichen Protagonisten gestört hat. Indem er Oscar Isaac, John Boyega und mich besetzt hat – und später dann auch Kelly Marie Tran oder nun Naomi Ackie dazukamen –, hat J.J. wirklich etwas bewirkt in Sachen Repräsentation menschlicher Vielfalt. Andere Leute in Hollywood reden davon immer nur, aber er die „Star Wars“-Welt wirklich geöffnet.

Dass Sie dadurch auch zu einem Vorbild für junge Leute weltweit wurden, setzt Sie nicht unter Druck?

Wenn ich mich selbst in diesem Licht betrachten würde, täte es das vielleicht. Aber das tue ich nicht. Ich bin einfach nur eine Schauspielerin, die eine Rolle verkörpern darf, die jemand anderes geschaffen hat. Es ist ja nicht so, dass ich selbst es bin, die da als Vorreiterin Türen eintritt und anderen den Weg freimacht. Diesen Verdienst kann ich mir selbst wirklich nicht zurechnen.

Hatten Sie selbst denn fiktionale Figuren, zu denen Sie früher aufgeblickt oder die Sie inspiriert haben?

Nicht unbedingt in Film und Fernsehen, was aber vor allem daran liegt, dass ich immer eher ein Bücherwurm war. Als Mädchen liebte ich eine Romanreihe namens „Sophie’s Adventures“ von Dick King-Smith. Diese junge Heldin, die ständig auf Pferden ritt, war genau mein Ding, was eigentlich ironisch ist, weil ich bis heute furchtbare Angst vor Pferden habe und mich weigere zu reiten (lacht). Aber wie gesagt, was Filme anging, war ich früher eher unbewandert. Viel mehr als „Der König der Löwen“ kannte ich gar nicht. Wobei meine Unbedarftheit da sicher auch ein Vorteil war, als es um diese ganze Thematik einer weiblichen „Star Wars“-Heldin ging. Weil mir der Mangel einer solchen Identifikationsfigur gar nicht richtig bewusst war, habe ich mich mit der Aufgabe auch nicht allzu sehr unter Druck gesetzt.

Aber bei aller Unbedarftheit müssen Sie bestimmte Erwartungen oder Hoffnungen gehabt haben, was Sie als „Star Wars“-Star so erwarten wird...

Vor allem habe ich mich anfangs gefragt, ob ich wohl hin und wieder Geschenke geschickt bekomme, also Klamotten oder so, die ich nicht wieder zurückschicken muss (lacht). Und ja, diese Hoffnung hat sich erfüllt (lacht). Außerdem freute ich mich darauf, mindestens für die Dreharbeiten faszinierende Orte wie Abu Dhabi kennenzulernen, zu denen mittlerweile durch meinen Job noch viele tolle andere Regionen dieser Welt hinzugekommen sind, die ich sonst womöglich nie kennengelernt hätte. Aber davon abgesehen bin ich wirklich eher blind in die Sache hineingestolpert, würde ich jetzt im Rückblick behaupten. Alle anderen haben immer gesagt: Oh, ,Star Wars‘ wird dein komplettes Leben auf den Kopf stellen.“ Doch so wirklich ist das nie eingetreten.

Aber Sie sind doch nun seit vier Jahren bekannt wie ein bunter Hund und stehen im Licht der Öffentlichkeit. Das kann doch nicht ernsthaft das gleiche Leben sein, das Sie vorher an der Uni geführt haben.

Na gut, das war vielleicht ein bisschen übertrieben. Was auch daran liegt, dass so viel auf einmal und so schnell passierte, dass ich erst aus heutiger Sicht erkenne, wie absurd manches ist. Aber bis dahin habe ich mich natürlich längst dran gewöhnt (lacht). Dass man zum Beispiel von einem Tag auf den anderen die Namen meiner Eltern genauso im Internet fand wie Angaben zu meiner Körpergröße oder meinem Lieblingsgericht, ist schon schräg. Zeit, mir darüber Gedanken zu machen, hatte ich aber nicht. Und bei manchen Dingen hatte ich auch das Glück, dass mir erfahrenere Kollegen ein paar gute Tipps gegeben haben.

Zum Beispiel?

Ich weiß noch, dass ich – nicht lange vor der großen Weltpremiere des ersten Films – fast eine Panikattacke bekam, weil mich die brüllenden Fotografenmassen vor dem Hotel, in dem wir damals waren, völlig aus der Fassung brachten. Bis dato hatte ich immer vollkommen entspannt aus einem Auto aussteigen können, plötzlich stand da diese Meute, wie zum Angriff. Gwendoline Christie gab mir dann den Tipp, dass ich solche Situationen vollkommen anders sehen muss. „Stell dir vor, die Scheinwerfer sind die Lichter einer Disco, du bewegst dich über die Tanzfläche, und alle wollen dein Foto machen.“ Das hat mir total dabei geholfen, mich an rote Teppiche und ähnliches zu gewöhnen.

Gewöhnt man sich auch daran, dass zu Werbezwecken das eigene Gesicht auf allen möglichen Plakaten und Produkten prangt?

Ich nicht. Mein Gesicht auf Taschentuch-Packungen, auf Wasserflaschen oder auf Schokolade. „Seltsam“ ist dafür gar kein Ausdruck (lacht). Gott sei Dank bin ich jemand, der sehr unaufmerksam durch Geschäfte läuft und die Hälfte der Produkte gar nicht wahrnimmt. Wobei das dann leider oft Freunde und Bekannte übernehmen, die mir aus der ganzen Welt Fotos schicken, weil sie mich wieder irgendwo entdeckt haben.

Vielleicht sollten Sie all diese Produkte aufheben. In ein paar Jahren hat vieles sicher Sammlerwert...

Ach nein, das muss nicht sein. Ich weiß noch, wie ich zum ersten Film mal eine große Kiste mit Actionfiguren und allem möglichen „Star Wars“-Merchandise von unseren Marketing-Leuten geschickt bekam. Aber damit wusste ich nichts anzufangen, das habe ich alles verschenkt. Mir reicht es, dass ich unglaublich viele Fotos von den Dreharbeiten und allen anderen Momenten der letzten Jahre habe. Die und natürlich meine Erinnerungen sind wirklich ausreichend.

Werden Sie „Star Wars“ denn nun vermissen?

Im Moment freue ich mich erst mal. Darüber, dass der Film ins Kino kommt und wir die Sache – wie ich glaube – auf eine wirklich tolle Weise zu Ende gebracht haben. Aber ich bin sicher, dass mich in ein paar Wochen die Realität einholt und mir klar wird, dass dieses Kapitel nun wirklich abgeschlossen ist. Gwendoline Christie, die mit „Game of Thrones“ das Gleiche kürzlich ja schon einmal durchgemacht hat, hat mich schon gewarnt vor dem Moment, wo einen die Erkenntnis dann doch mal kurz umhaut. Allerdings versicherte sie mir auch, dass das Leben ja immer gleich das nächste Kapitel aufschlägt. Ich mache mir also keine allzu großen Sorgen, dass ich in ein Loch fallen werde. Und dass ich all die mir lieb gewordenen Menschen auch in Zukunft sehen werde, weiß ich sowieso.

Zur Person

Geboren 1992 als Daisy Jazz Isobel Ridley in Westminster; die Mutter ist Bankerin, der Vater Fotograf; sie hat zwei (ältere) Schwestern.

Besuchte bis 18 eine Schule für darstellende Künste, lernte Singen, Tanzen, Schauspielern.

Nach kleinen Rollen in Fernsehen und Kino (aus ihrem allerersten Film wurde sie herausgeschnitten) erhielt sie 2014 den Zuschlag als Rey, eine der Hauptfiguren in „Star Wars: Das Erwachen der Macht“, Episode sieben der Reihe; es folgten (neben Auftritten etwa in Kenneth Branaghs neuem „Mord im Orient-Express“) „Die letzten Jedi“ sowie – ab Donnerstag im Kino – „Der Aufstieg Skywalkers“.

Quelle: F.A.S.
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