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Straßenverkäufer in Rio

„Die WM ist eine fette Kuh“

Von David Klaubert, Rio de Janeiro
 - 17:16
Die günstigsten Bildchen kosten bei Ricardo 30 Centavos, für Cristiano Ronaldo muss man schon zwei Reais bezahlen, für Neymar gar fünf.zur Bildergalerie

Die Geschäftsstrasse Avenida Treze de Maio im Zentrum von Rio de Janeiro: Vor zwei Telefonzellen, die über und über mit Fotos und Nummern von Prostituierten beklebt sind, hat Ricardo, 54, seinen Laden aufgebaut: vier Holzkisten, drei Plastikstühle, ein blauer Sonnenschirm. Mit seinem Assistenten Alexandre verkauft er Figurinhas, so heißen in Brasilien die Panini-Aufkleber zur Fußball-Weltmeisterschaft. Die beiden verkaufen sie aber nicht wie üblich in verschlossenen Päckchen, sondern einzeln.

Wie viel kostet denn eine Figurinha?

Von 30 Centavos aufwärts. Ich verkaufe drei für einen Real (etwa 0,30 Euro). Aber es gibt auch teurere: Die glänzenden, die Stadien und die Mannschaftsfotos kosten 50 Centavos. Die Brasilianer kosten zwei Reais. Und dann gibt es noch Cristiano Ronaldo für zwei, Messi für drei und Neymar für fünf Reais. Neymar ist am schwierigsten zu bekommen.

Laut Panini sind von jedem Spieler genau gleich viele Aufkleber in den Päckchen verteilt.

Das sagen sie. Ich habe eine Kiste mit 5000 Figurinhas gekauft. Drin waren sechs Neymars und vier Messis. Von anderen Spielern waren es viel mehr. Ghana, Kroatien, Honduras und auch Spanien sind besonders einfach, nur die Nummern 115 und 116, das sind, glaube ich, Xabi Alonso und Jordi Alba, die sind schwierig. Und Holland ist absurd, das ist die schwierigste Mannschaft überhaupt.

Aber Brasilien ist die teuerste?

Da ist die Nachfrage am größten. Und teurer als Neymar – das kann nicht sein.

Und Deutschland?

Da gibt es viele. Nicht sehr, sehr, sehr viele. Aber ganz ordentlich.

Wo kaufen Sie die Aufkleber?

Im Kiosk. Da kostet ein Päckchen mit fünf Figurinhas einen Real. Weil ich so viele kaufe, bekomme ich 15 Prozent.

Und wer kauft bei Ihnen?

Das ist unterschiedlich, von jung bis alt. Viele kennen mich schon und kommen extra her. Andere kommen zufällig vorbei. Manche kaufen für ihre Kinder, Neffen, Enkel. Viele kaufen für sich selbst. Das ist ein Fieber. Viel mehr als bei anderen Weltmeisterschaften.

Auch an diesem wolkigen Vormittag ist der Andrang groß: Geschäftsmänner in Anzug und Krawatte, Angestellte in Supermarktleibchen, Rentner auf Ausflug, ab und zu eine Frau, der Ricardo dann ein „Danke, amor!“ hinterherruft. Fast alle haben Listen dabei, mit den Nummern der Bildchen, die ihnen noch fehlen, handgeschrieben von Kindern oder am Computer ausgedruckt. Studenten kontrollieren den Fortschritt ihrer Sammlung mit Smartphone-Apps. Ein legerer Mitvierziger kommt vorbei, um seine Bestellung abzuholen, die er am Tag zuvor auf zwei DIN-A4-Seiten abgegeben hatte: knapp 200 Aufkleber, für die er 100 Reais (gut 30 Euro) zahlt.

Geht da nicht der Spaß verloren, wenn man die Aufkleber kauft, statt zu sammeln und zu tauschen?

Das Aufregende ist es, die Päckchen zu öffnen, zu suchen. Aber weißt du, warum er sich entschieden hat, die Fehlenden zu kaufen? Ins Album kommen 640 Figurinhas. Er hat schon mehr als 400, und wenn man dann neue Päckchen kauft, bekommt man ständig Aufkleber, die man schon hat. Das wird zum Schneeballsystem, das Album nie fertig. Darum ist es irgendwann billiger, bei mir zu kaufen.

Und wie viel verdienen Sie daran?

Ich hab schon ziemlich gut verdient, da will ich lieber nicht drüber sprechen. Insgesamt habe ich 25000 Figurinhas gekauft. Und die Investition hat sich jetzt schon gelohnt.

Wie viele Bilder verkaufen Sie pro Tag?

Manchmal verkaufe ich für 200 Reais; an meinem besten Tag habe ich für 800 und ein paar Reais verkauft.

Tauschen Sie auch?

Ja. Um neue Kunden zu bekommen. Und um meine Ware zu vermehren. Ich nehme drei Figurinhas für eine. Und ich tausche nur in der gleichen Kategorie. Also Brasilianer gegen Brasilianer zum Beispiel.

Wie lange sitzen Sie hier jeden Tag?

Ich komme um acht, neun Uhr und bleibe so bis sechs. Dann bringe ich meinen Wagen mit dem Fahrrad in einen Unterstand. Meine Waren nehme ich mit heim. Da sortiere ich dann meine neuen Figurinhas, nach Nationalmannschaft und nach Nummern. Manchmal geht das schnell, manchmal bis um ein, zwei Uhr nachts.

Können Sie gut davon leben?

Der Gewinn ist gerade höher, klar. Bis zur WM hilft mir deshalb Alexandre, für 40 Reais am Tag. Er ist der beste Figurinhas-Sortierer, den ich je hatte. Aber das geht vorüber, zwei, drei Monate, dann ist es vorbei. Es gibt fette Kühe und es gibt magere Kühe. Die WM ist eine fette Kuh.

Auf der Kiste neben den WM-Aufklebern liegt ein Stapel Boulevardzeitungen. Ricardo verkauft sie billiger als der Kiosk nebenan. Dafür schneidet er Bonuspunkte und Gutscheine aus und holt sich die Sammelprämien: Modellautos, Gläser, Bälle, Rabattheftchen.

Wie viel verdienen Sie, wenn gerade keine WM ist?

Es reicht, um meine Rechnungen zu zahlen. Aber es gibt auch schlechte Wochen, in denen ich nicht mal 50 Reais verdiene. Da muss man eine Reserve haben.

Haben Sie Familie?

Zwei Töchter, Enkel. Von meiner Frau habe ich mich getrennt. Jetzt wohne ich allein in einer Wohnung, nicht weit von hier. Ein einziges Zimmer, Küche und Bad. Nur die Miete dafür kostet mich 677 Reais pro Monat, dazu Strom, Wasser.

Ist es eigentlich legal, hier auf der Straße zu verkaufen?

Es ist nicht richtig erlaubt, aber es wird toleriert. Ich verkaufe ja keine Piraterieprodukte aus Paraguay. Figurinhas und Zeitungen, das ist nichts Illegales. Seit 17 Jahren mache ich das hier schon. Gott sei Dank hatte ich nie Probleme. Wenn sie mich von hier vertreiben würden, wär’s vorbei. Das hier ist mein Leben.

Was machen Sie während der WM?

Arbeiten. Außer an den Spieltagen von Brasilien. Da treffe ich mich mit Freunden, wir schauen die Spiele zusammen und grillen.

Und wer wird Weltmeister?

Ich hoffe, dass Brasilien ins Finale kommt. Ich feuere Brasilien an, natürlich. Auch wegen der Arbeit. Als Brasilien bei der letzten WM ausgeschieden ist, brach mein Geschäft ziemlich ein.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Klaubert, David
David Klaubert
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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