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Synchronsprecherin Buchholz

„Wenn Helen Mirren spricht, ist das wie Mozart für mich“

Von Maria Wiesner, Berlin
 - 17:38
„The Good Liar – Das alte Böse“
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„The Good Liar – Das alte Böse“

Als ihr Name im Fernsehen fiel, schnappte Karin Buchholz kurz nach Luft. Sie erinnert sich an jenen Abend im Februar 2016 noch genau. Sonst geht sie um 22Uhr ins Bett, doch an jenem Samstag blieb sie länger wach, um die Verleihung der „Goldenen Kamera“ an Helen Mirren abzuwarten. Sie hat der britischen Schauspielerin schon viele Stunden bei der Arbeit zugesehen und kennt jeden Wimpernschlag. Helen Mirren aber hat Karin Buchholz noch nie gesehen, und bis zu jenem Abend hätte Buchholz gedacht, dass die Schauspielerin nicht einmal wisse, wer sie überhaupt ist.

Doch Dame Helen Mirren, die ein rotes bodenlanges Glitzerkleid trug, überraschte sie. Auf der Bühne bedankte sie sich für den Preis, war mit ihrer Rede fertig und drehte sich nochmal um: „Eine wichtige Sache noch: Ich muss mich bei Karin Buchholz bedanken, die meine deutsche Stimme ist. Die Hälfte unseres Erfolgs in Deutschland verdanken wir unseren Stimmen.“ Mirren ging für diesen Nachtrag in die Knie: Das Mikrofon war schon halb nach unten gefahren, als sie sich weggedreht hatte.

Buchholz saß vor ihrem Fernseher: „Ich dachte, ich bekomm einen Herzschlag.“ Noch nie hatte ein fremdsprachiger Schauspieler vor einem Millionenpublikum die Arbeit eines Synchronsprechers gewürdigt. Für Buchholz war es „ein Ritterschlag“. Die zierliche Frau hat in ihr lichtdurchflutetes Arbeitszimmer gebeten. Sie räumt kurzerhand ein wenig um und zieht ein geblümtes Sofa heran. „Wie beim Theater, da geht der Umbau auch ganz schnell.“ Das Theater kennt sie gut, dort hat ihre Karriere begonnen. Schon mit fünf Jahren stand sie auf der Bühne. Fast wäre sie professionelle Balletttänzerin geworden, ihr Vater aber wollte, dass sie zunächst einen bürgerlichen Beruf erlernte. Sie begann eine Lehre als Drogistin und Fotolaborantin, machte ihren Abschluss und ging mit 20 Jahren nach England, um herauszufinden, was sie mit ihrem Leben anfangen wollte.

Die Stimme von Jamie Lee Curtis, Sigourney Weaver, Helen Mirren

In London zog es sie wieder ins Theater. Beim Besuch in Covent Garden unterhielt sie sich mit einem Pförtner und stellte fest, dass er auch aus Berlin war. Er ließ sie zu den Vorstellungen gehen. Einmal saß hinter ihr Herbert von Karajan, sie aber blickte auf die Bühne und wusste, dass sich ihr Leben dort oben abspielen würde. Nach zwei Jahren kehrte sie nach Deutschland zurück und studierte Schauspiel bei Else Bongers, die schon Hildegard Knef und Götz George ausgebildet hatte. Buchholz ging danach mit einer Theatergruppe auf Tournee, spielte in Berlin, Frankfurt, Köln. 1970 wurde ihre Schicksalsjahr: Ein Kollege schlug ihr vor, zu einem Synchroncasting zu gehen. Sie bekam die Hauptrolle in „Love Story“.

„Der Film war Galeere und Hölle in einem. Ich hatte noch nie synchronisiert, und es war mein erster Kinofilm.“ Doch sie lernte schnell. Bald kamen eine Serie, ein weiterer Kinofilm und feste Sprechrollen. Zunächst für Jamie Lee Curtis und Sigourney Weaver, später für Tilda Swinton und Helen Mirren. Das Theaterspielen gab sie auf, denn die Seriensprechrollen waren zu zeitintensiv. „Ich bin froh, dass ich dort gelandet bin, denn es macht mir sehr viel Spaß. Ich fühle mich da zu Hause.“ Mittlerweile hat sie mehr als 900 Rollen gesprochen.

Hat sie eine Person, die sie am liebsten synchronisiert? „Das ist schon die Mirren“, sagt Buchholz. „Sie ist Britin, das kommt mir entgegen. Wenn sie spricht, ist das wie Mozart für mich. So kultiviert.“ Die Arbeit an einem Film im Synchronstudio dauert gut eine Woche. Buchholz schaut den Film („Ich muss ja wissen, wo die Reise hingeht, welche Haltung die Figur hat“), geht ins Studio und bekommt ihren Text. Aufgenommen wird Szene für Szene. Manchmal bedeutet das, sich in die Figur hineinzuversetzen. „Der Mirren muss ich nur abnehmen, was sie spielt“, sagt Buchholz. Sie habe Mirrens Spiel über die Jahre verinnerlicht. „Ich kenne sie in- und auswendig.“ Wenn sie im Film „Hitchcock“ die Alma Reville spiele, dann sei das anders als bei ihrer Rolle als Witwe Betty McLeish im Thriller „The Good Liar – Das alte Böse“. „Die Emotionen gehen bei ihr in die Tiefe des Halses, sie hat dann so dunkle Wortfetzen, die rutschen in die Kehle“, sagt Buchholz und fasst sich dabei selbst an den Hals, um die Stelle zu zeigen, wo sie versucht, die Töne nachzuempfinden.

Wer geht zuerst?

Überhaupt ist es beim Gespräch manchmal schwierig, sich nicht einzubilden, gerade mit Helen Mirren Kaffee zu trinken, klingt die Frau mit den roten Haaren doch genau wie sie. Buchholz lacht. „Manchmal stehe ich im KaDeWe bei den Stoffen, und jemand spricht mich an, ob wir uns nicht kennen.“ Dann sagt sie: „Sie kennen nicht mich, sie kennen meine Stimme.“ Dass sie auch jetzt, in der „goldenen Mitte“ ihre siebziger Jahre, noch arbeiten kann, liegt auch daran, dass die Schauspielerinnen länger im Geschäft bleiben. „Je älter man wird, desto kostbarer werden die Frauen, die man spricht, weil man sich schon fragt: Wie lange haben wir uns noch, wer geht zuerst?“

Getroffen hat sie Helen Mirren bislang noch nicht. An diesem Donnerstag könnte sich das ändern, da bekommt die britische Schauspielerin den Ehrenbären der Berlinale – ihre deutsche Synchronstimme ist zur Gala eingeladen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiesner, Maria
Maria Wiesner
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
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