Ukraine-Protokolle

Wann wird der Frieden kommen?

Von Daniel Hinz, Eva Schläfer
15.05.2022
, 20:04
In Charkiw sind die Angriffe in den vergangenen Tagen weniger geworden. Trotzdem bleiben die Menschen zum Schutz noch in den U-Bahnhöfen.
Müde, aber geeint: Seit Kriegsbeginn lassen wir uns von vier Ukrainern berichten, was ihnen widerfährt – und wie sich ihr Leben verändert hat.
ANZEIGE

Ich merke, wie müde ich bin

Meine beiden Söhne und ich sind an diesem Donnerstag gemeinsam mit anderen Ukrainern in zwei Bussen von Düsseldorf nach Remscheid gebracht worden. Auch hier sind wir in einem Hotel untergebracht, das fast schon im Wald liegt. Landschaftlich ist es sehr schön, grün und hügelig. In einem See habe ich Kaulquappen entdeckt.

Trotzdem bin ich erleichtert, dass wir in drei Wochen wieder zurück nach Düsseldorf kommen werden. So sagt man es uns zumindest. Ich mag die Stadt sehr gerne; wir fühlen uns wohl. Da ich dort ja auch schon einen Deutschkurs begonnen habe, werde ich nun drei Tage die Woche mit der Bahn zum Kurs fahren. Was an der Situation aber natürlich nicht so gut ist: Jetzt verzögert es sich mindestens um drei weitere Wochen, bis wir wissen, wo wir zukünftig wohnen können. Und bis ich die Jungs in der Schule anmelden kann.

So gut es uns auch in Deutschland geht – ich merke, wie müde und wie emotional angegriffen ich bin. Ich wollte nie weg aus meiner Heimat. Das Hotel in Remscheid ist der achte Ort, an dem wir leben, seit der Krieg begonnen hat, seit wir am 24. Februar unser Zuhause in Charkiw verlassen haben. Freunde, die noch dort sind, berichten, dass es seit ein paar Tagen viel ruhiger ist, weil die russische Armee aus der Umgebung der Stadt vertrieben worden ist. Mein Mann überlegt schon, nach Charkiw zurückzukehren, aber ich sage: Nein, mach das nicht, es ist noch zu gefährlich.
Elena, 43 Jahre, Remscheid

ANZEIGE

Geeinter denn je

Der „Tag des Sieges“ am 8. Mai verlief ohne besondere Vorkommnisse. Einige Leute legten Blumen an den Denkmälern nieder. Die Stadt Melitopol, wo meine Mutter lebt, ist bereits von mehr als der Hälfte der Bevölkerung verlassen worden. Unter der verbliebenen Bevölkerung haben die russischen Soldaten einige Menschen zusammengescheucht, damit sie mit roten Fahnen eine Parade veranstalten.

ANZEIGE

Seit den ersten Tagen des Krieges habe ich festgestellt, dass die ukrainische Gesellschaft geeinter denn je ist. Aber natürlich nicht ohne Ausnahmen. Leider stach Melitopol heraus. Meine Heimatstadt ist wahrscheinlich die einzige Stadt in der Ukraine, die in den ersten Tagen der Besatzung durch Massenplünderungen bekannt wurde.

In meinen Augen ist es ein sehr gutes Zeichen für die Ukraine, dass die Aggression, na ja, sagen wir mal, dass der Vormarsch der Truppen gestoppt wurde. Dass die Besatzer gezwungen wurden, sich aus dem Nordosten zurückzuziehen, dass sie zudem aus der Umgebung von Charkiw vertrieben werden. Die ukrainische Regierung hat sehr gut gearbeitet. Es ist ihr gelungen, den Westen davon zu überzeugen, dass er Waffen liefern muss, weil sich die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen dürfen. Es ist eine Tatsache, dass die Beschwichtigung des Aggressors diesen nur zu weiteren Aggressionen provoziert. Ich glaube wirklich, dass Russland sich die Zähne ausgebissen hat, und ich hoffe , dass die ukrainische Armee in naher Zukunft in der Lage sein wird, alles komplett umzukehren und eine Gegenoffensive zu starten.
Nikita, 25 Jahre, Kiew

ANZEIGE


Der simulierte Bunker

Ich habe in den letzten zehn Wochen das Gefühl gehabt, dass der Krieg in der Ukraine für viele Menschen im Westen wie Netflix ist. Folge 56: Was geschieht in der Ukraine? Folge 32: Der Sturm auf Asowstal. Oder: Das Leben in einem Bunker.

Freunde von mir haben den Spieß sozusagen umgedreht. In der Alten Münze in Berlin haben sie eine Ausstellung organisiert, die einen ukrainischen Bunker simuliert. Mit Geräuschen und Bildern. Die Deutschen, die dort hinkamen, sind den Ukrainerinnen weinend um den Hals gefallen. Dabei war das nur ein Bruchteil von dem, was wir die letzten zehn Wochen erleben mussten.

Blühender Ginster im  Bergischen Land.
Blühender Ginster im Bergischen Land. Bild: privat

Für die Ausstellung war auch ich vor einer Woche in Berlin. Am Tag des Sieges habe ich gehört, dass ukrainische Flaggen auf einigen Demonstrationen verboten wurden. Das kann nicht sein. Warum müssen unsere Flaggen eingerollt werden? Warum müssen wir als Opfer uns den Gefühlen der Russen anpassen? Ich verstehe das nicht. Nach zehn Wochen Krieg muss doch allen bewusst sein, dass wir angegriffen und vernichtet werden. Dass Russland schuld ist.

Ich hoffe, dass wir bald in Frieden leben können. Dass ich bald wieder zurück nach Hause kann. Bis dahin bleibe ich lieber in den Niederlanden als in Deutschland. Dort habe ich noch von keinem Flaggenverbot gehört.
Margareta, 23 Jahre, Enschede


Alles ist wie im Nebel

Seit einer Woche bin ich in Deutschland. Oder mehr als eine Woche, das kann ich nicht mehr genau sagen. Es fällt mir immer schwerer, Zeit und Raum genau zu benennen, als ob diese Kategorien für mich nicht mehr existieren würden. Alles ist wie im Nebel. Während der längsten Reise meines Lebens von Winnyzja nach Gießen war ich sehr fit und verhielt mich nahezu leichtsinnig. Wenn ich jetzt daran denke, frage ich mich, wie konnte ich überhaupt so abenteuerlustig und dumm sein… Im Nachtzug durch die Berge, dann wieder zurück nach Galizien. Meine Oma schrie ins Telefon, ich solle zurückkommen. Ich machte das Handy aus und ging in der Altstadt Lwiws spazieren. Marktplatz, phänomenaler Kaffee, Jugendstilgebäude – kulturüberschreitender Glanz und Pracht in der schönsten Stadt des alten Europas, die ich je gesehen habe.

Mein Körper hat auf die Reise mit Husten und Fieber reagiert, als wollte er zu mir sagen: Wlad, hier kannst du nicht stehenbleiben, es ist noch nicht genug, du musst weiterfahren! Je ferner ich von meinem Zuhause in Kiew war, desto schlimmer ging es mir – mental und physisch. Ein paar Tage war ich nicht imstande, Anrufe zu beantworten, so starken Druck habe ich gespürt.

ANZEIGE

Nun geht es wieder ein bisschen aufwärts. Ich bin in Gießen und möchte mich endlich immatrikulieren. Ich habe jetzt vieles vor mir, wovor ich Angst habe und das ich niemandem sagen kann. Vielleicht weil ich es mir selbst eingestehen müsste, wenn ich es ausspreche. In Gießen bin ich bei einem Freund untergekommen. Meine Mutter sucht immer noch nach einer Wohnung in Leipzig, und ich hoffe, sie und meine Schwester sehr bald besuchen zu können.
Wlad, 20 Jahre, Gießen

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Schläfer, Eva
Eva Schläfer
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
  Zur Startseite
Lesermeinungen
Alle Leser-Kommentare
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Baufinanzierung
Erhalten Sie Ihren Bauzins in 3 Minuten
Automarkt
Finden Sie Ihren Gebrauchtwagen
50Plus
Serviceportal für Best Ager, Senioren & Angehörige
Gutscheine
Finden Sie die besten Angebote
Kapitalanlage
Pflegeimmobilien als Kapitalanlage der Zukunft
ANZEIGE