FAZ plus ArtikelUmgang mit Trauer

Wenn Papa stirbt

Von Ursula Kals
Aktualisiert am 12.11.2020
 - 09:35
Eine Mutter geht mit ihrem Kind über einen Feldweg spazieren.
Nives Sunara hat vor drei Jahren ihren Mann verloren. Sie erzählt, wie sie und ihr Sohn es geschafft haben, trotz der Trauer wieder ein normales Leben zu führen – und weshalb es nicht reicht, es nur überleben zu wollen.

Frau Sunara, Sie haben auf tragische Weise Ihren Mann verloren. Obgleich er immer einen gesunden Lebensstil führte, ist er an einem Herzinfarkt gestorben.

Von einem Augenblick auf den anderen hat sich vor dreieinhalb Jahren unser Leben verändert. Das war ein unfassbarer Schock, als der Anruf kam. Mein Sohn und ich konnten nicht Abschied nehmen. Mein Mann hat fünf Tage lang im Koma gelegen. Wir haben uns nicht mehr sprechen können.

Trauer in Worte zu fassen, das scheint ein Ding der Unmöglichkeit.

So empfinde ich das. Ich habe das als Weltuntergang erlebt. Als ich nach Achims Tod auf dem Parkplatz des Klinikums stand, haben die Vögel gesungen. Das zu hören war verstörend und schmerzhaft. Genauso wie viele andere gewohnte Alltagsgeräusche, das passt auf einmal alles nicht mehr zusammen. Die ersten Wochen waren wie unter einer Glasglocke. Ich konnte kein Fernsehen schauen, kein Buch lesen, hatte keine Konzentration. Es war unmöglich, mich abzulenken. Wenn ich in den Spiegel geschaut habe, habe ich mich nicht erkannt. Das hat mir Angst gemacht.

Aber Sie mussten funktionieren. Ihr Sohn war damals sieben Jahre alt.

Am Tag nach der Beerdigung ist er acht geworden. Als Mutter trauert man doppelt. Es zerreißt einem das Herz. Mein Sohn hatte so eine starke Sehnsucht. Als er einmal in einer Trampolinhalle war und ich ihn bat, vorsichtig zu sein, hat er gesagt: „Das ist mir egal, wenn ich sterbe, dann komme ich zu Papa.“

Sie sagen, dass Trauer unfassbar isoliert. Was meinen Sie damit?

Irgendwann nach der ersten großen Betroffenheit gehen die meisten wieder zur Tagesordnung über. Das verstehe ich natürlich. Aber es lässt einsam zurück. Ich habe nicht nur meinen Ehemann, sondern meinen besten Freund verloren. Wenn etwas Unangenehmes vorgefallen ist und ich nach Hause komme – da ist keiner, der das auffängt. Natürlich kann ich eine Freundin anrufen. Das ist aber nicht dasselbe. Ich muss jetzt alles mit mir selbst ausmachen.

Wie haben denn Ihre Mitmenschen kurz nach dem Tod reagiert?

Da war eine sehr große Anteilnahme. Es gab viele wohlwollende Aktionen: Uns wurde ständig Essen vorbeigebracht, Kuchen, Waffeln, Blumen wurden vor die Haustür gelegt. Mein Kind wurde ständig eingeladen, in den Zoo, ins Fußballstadion und so weiter. Andere Eltern, besonders die Väter seiner Freunde, haben vielfach angeboten, ihn mitzunehmen. Wir hatten fast ein Überangebot. Das hörte so etwa nach vier Monaten auf.

Das Verständnis für Ihren Schmerz schwand?

Ich spürte auf jeden Fall Druck. Die Erwartung, schnell zurückzukehren zu einem normalen Alltag. Sätze wie „Das hätte Achim doch gar nicht gewollt“, „Denk doch mal an deinen Sohn“, „Zieh doch mal etwas Helles an“ fielen. In den ersten Monaten wäre es mir so zuwider gewesen, eine gelbe Bluse anzuziehen. „Du bist noch jung, du bleibst ganz bestimmt nicht für immer allein“ – solche Äußerungen waren nicht selten und wurden bestimmt in bester Absicht ausgesprochen. Für Trauernde hören sie sich unerträglich an.

Haben alle Ihre Freundschaften von früher überlebt?

Nein, einige haben sich zurückgezogen. Wir sind uns zu fremd geworden. Aber es haben sich auch neue und unerwartete Freundschaften ergeben. In einer besonderen Tiefe.

Was hat Ihnen geholfen, die Trauer zu überwinden?

Überwinden ist vielleicht das falsche Wort. Mir haben grundsätzlich Gespräche mit Freunden und auch mit Fremden geholfen. Mit meiner Trauerbegleiterin Maria Pirch. Mit einer Krankenhauspfarrerin oder der Austausch mit einem älteren Herrn, Mitte 80. Er wollte sich das Leben nehmen nach dem Tod seiner Frau und hat mir einen Satz mitgegeben, der mich sehr berührt bis heute: „Irgendwann kommt der Punkt, an dem Sie sich entscheiden müssen, ob Sie untergehen wollen oder ob Sie weiterleben wollen. Sollten Sie sich fürs Weiterleben entscheiden, müssen Sie aber unbedingt darauf achten, dass es auch wirklich ein Leben ist und nicht nur ein Weiter.“ Bei einem Urlaub in Kroatien, wo meine Eltern herkommen, sagte eine Italienerin: „Du bist eine starke Frau. Das sehen wir alle. Ich weiß, du siehst das jetzt nicht.“ Diese Begegnungen haben mich nachdenklich gemacht, angeschubst.

Was haben solche Gespräche denn noch ausgelöst?

Sie haben dazu beigetragen, dass mein Sohn und ich beschlossen haben, das weltbeste Überlebensteam zu werden. Ich lebe, und ich werde gebraucht. Mein Kind braucht den Blick in das Gesicht einer Mutter, die Stärke, Zuversicht und das Gefühl vermittelt: Du kannst dich auf mich verlassen, ich bekomme unser neues Leben hin. Gerade Jungs wollen Verantwortung übernehmen, fragen zu oft: Mama, wie geht es dir? Und Kinder brauchen eine Mutter, die wieder lachen, sich übers Leben freuen kann.

Das klingt Mut machend. Aber den Mut mussten Sie sich selbst machen?

Schon jeden Morgen aufzustehen war ein Kraftakt. Ich hatte auch Angst, depressiv zu werden. Aus Gedanken werden Gefühle. Dagegen habe ich mich gewehrt. In den ersten Wochen habe ich oft hemmungslos geweint. Dann wollte ich die Traurigkeit kontrollieren und hatte mir immer wieder vorgenommen, abends zu weinen, wenn mein Sohn schlief. Ich wusste aber, ich muss eine andere Haltung einnehmen; man lernt irgendwann, die traurigen Momente auszuhalten. Es gibt ja auch keine Alternative für eine Mutter.

Ihr Mann war nicht nur Leiter einer Lokalredaktion, sondern ein begabter Amateurfußballer. Welche Rolle spielt der Sport für Sie?

Unmittelbar nach Achims Tod eine entscheidende. Bis zur Erschöpfung in die Pedale zu treten, mich abzuschuften am Berg, ins Grüne gucken, in strömendem Regen ein Beet umbuddeln hat mir gerade in den ersten Monaten geholfen, mich wieder zu spüren und zu beruhigen. Von älteren Witwen weiß ich, dass sie zweimal am Tag in die Stadt fahren. Hauptsache, man kommt raus. All das hilft.

Es hilft, weil es dem traurigen Tag Struktur gibt?

Struktur ist wichtig. Das ist ein Vorteil, wenn man noch ein vergleichsweise kleines Kind hat. Es muss zur Schule, zum Training, man muss einkaufen, kochen, organisieren. Und trotz allem sind da immer schmerzhafte Momente. So, wenn bei Fußballspielen begeisterte Väter am Rand stehen. Aber mein Kind erträgt das. Dann muss ich das auch ertragen. Das zu erkennen war ein Wendepunkt.

Was wünschten Sie sich von anderen?

Trauernde möchten erzählen. Sie brauchen Zuhörer, die einfach da sind, nicht unterbrechen oder Ratschläge geben, sondern sagen: „Du hast es auch schwer. Ja, es ist scheiße.“ Was gar nicht geht, ist der Satz: „Du meldest dich, wenn du etwas brauchst.“ Dafür fehlt Trauernden die Kraft. Sie leben in einer Parallelwelt.

Ihr Sohn hat eine Zeitlang eine Gruppe für trauernde Kinder besucht.

Für ihn war das befreiend und die Erkenntnis sehr wichtig, dass er nicht das einzige Kind ist, das seinen Papa verloren hat. Wenn Trauer geteilt werden kann, wirkt es erleichternd. Mein Sohn hat seine Trauer auch verarbeitet, indem er an unserer Straße einen kleinen Tierfriedhof angelegt hat, dort liegt zum Beispiel eine tote Amsel begraben.

Sie halten Kontakt zu verwitweten Menschen.

In den ersten schweren Monaten haben sie mir mit Rat und Tat zu Seite gestanden. Ich erlebte fröhliche Menschen, die wieder glücklich geworden sind: Schaut uns an, es wird besser. Sie strahlen Lebendigkeit aus und Lust aufs Leben. Resilienz ist für mich viel mehr als ein Schlagwort. Ich möchte mich in Zukunft ehrenamtlich in der Trauerarbeit engagieren und anderen im besten Fall Hoffnung geben.

Gibt es Tage, die Ihnen besonders schwerfallen?

Die wird es immer geben. Der Todestag, Geburtstage, Feiertage und zwischendurch Momente, in denen eine Erinnerung besonders weh tut, Achim fehlt. In den ersten zwei Jahren waren es besonders die bleiernen Tage am Wochenende. Wenn uns Familien begegneten im Kino oder im Schwimmbad, blieb das lange Zeit schwierig, weil es uns immer wieder unseren Verlust vorführte. Mittlerweile fühlen sich die Sonntage richtig gut an.

Plötzlich sind Sie alleinerziehend.

Es ist immer leichter, Hand in Hand durchs Leben zu gehen und nicht jede Entscheidung allein zu treffen, die komplette Verantwortung zu tragen. Eine Botschaft liegt mir am Herzen: Es ist wichtig für Frauen, abgesichert zu sein. Von anderen Witwen weiß ich, wie heftig die Existenzangst sein kann. Zum Glück habe ich immer schon gearbeitet. Das gibt Sicherheit.

Gestärkt durch die Krise, dieser Satz fällt in Corona-Zeiten häufig. Können Sie damit etwas anfangen?

Das sagt sich so leicht. Der Tod ist nicht nur Schmerz, sondern auch eine Riesenenttäuschung. Dass das Leben so völlig anders verläuft, als man sich das vorgestellt und gewünscht hat, damit muss man auch erst klarkommen. Das gilt nicht nur für Trauernde. Glück ist so zerbrechlich. Jeden Tag so fröhlich zu sein, wie es nur geht – das ist eine kostbare Erkenntnis. Noch eines hat sich verändert. Ich mache privat nichts mehr aus Höflichkeit und halte mich von Menschen fern, die mir nicht guttun. Ich erlebe neue Freiheiten, weil ich alles unter dem Aspekt der Lebenszeitverschwendung abwäge.

Sie lächeln, wenn Sie den Namen Ihres Mannes aussprechen.

Das ist die schönste Erkenntnis. Er hat viel Liebe hinterlassen bei uns. Das bleibt. Es ist ein neues Leben, und ich will, dass es das beste Leben ist, das wir jetzt führen können. Wir nennen uns übrigens schon lange nicht mehr weltbestes Überlebensteam, sondern weltbestes Spaßteam, weil Überleben auf Dauer nicht ausreicht.

Quelle: F.A.S.
Ursula Kals - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Ursula Kals
Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.
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