Trauer bei Kindern

Fort für immer, aber wo genau?

Von Ursula Kals
11.07.2016
, 15:54
Wenn Kinder trauern, sollten wir das ernst nehmen und mit ihnen über den Verstorbenen reden. Denn gutgemeinte Vermeidung hilft nicht weiter. Über den richtigen Umgang mit dem Thema Tod.

Hamster Tipsi wuselte drei Jahre lang im geräumigen Käfig, überzeugte mit geballter Putzigkeit und zählte zutraulich zur Familie. Eines Tages lag er starr in der Streu. Tipsi wurde tränenreich erdbestattet, in gepolsterter Spanschachtel, mit Gänseblümchenbukett und Teelicht im Garteneck. Abends wurde er ins Gebet eingeschlossen: auf dass das den Aufstieg in den Hamsterhimmel beflügele. Saurer Kitsch einer sentimentalen Sechsjährigen? Nein, Trauerbewältigung. Für Kinder ist der Tod ein Thema. Das sollten Erwachsene ernst nehmen und weder belächeln noch verdrängen. Für die einen sind das ein paar Gramm toter Nager, für das Kind ist es eine Katastrophe. Tipsi-Geschichten kennt jeder aus seinem Umfeld. Auch wenn es pietätlos klingt: Sie bereiten darauf vor, dass irgendwann auch einmal die Oma nicht mehr ist.

Es liegt in der Natur der Sache, dass Kinder im Lauf ihres Großwerdens den Tod der Großeltern erleben. Das ist je nach Bindungsgrad ein tiefer Einschnitt. Noch als Erwachsene können sich die meisten Menschen detailgenau an gespenstische Friedhofsszenen mit schwarz gekleideten Menschen und bedrückenden Beileidsbekundungen erinnern. „Oft haben sie dann zum ersten Mal ihre eigenen Eltern verzweifelt und weinen sehen. Das ist ein einschneidendes Erlebnis“, sagt Maria Pirch, Gemeindereferentin der Pfarre St. Franziska zu Aachen, die mit einem Helferkreis trauernde Kinder begleitet.

Im Sarg? Im Himmel? Nirgendwo?

So ein Gesprächskreis hätte auch Nikolai, der 600 Kilometer entfernt im Oberbayrischen wohnt, gutgetan. Nikolai ist acht Jahre alt und hat im Münchener Vorort die vergangenen sieben Lebensjahre mit seiner Oma unter einem Dach gelebt. Im Gegensatz zu seinen Eltern, die mal mehr, mal weniger angestrengt in Medienberufen stecken, hatte Oma immer Zeit für ihn, verwöhnte ihn mit Pfannkuchen und deutete mit ihm Dinosaurier in Wolkenbildern. Der Junge erlebte etwas, was sich mit dem altmodischen, unterschätzten Wort „Güte“ am besten beschreiben lässt. Diese bedingungslose Zuneigung versiegte nicht, als die alte Dame immer abständiger wurde. Waren die Großen manchmal von der fortschreitenden Demenz genervt, fing die Zärtlichkeit des Kindes Omas Vergesslichkeit auf.

Allmählich tauschten sich die Rollen: Jetzt half der Enkel, bot Apfelschorle an und las der Oma vor. Als die 92-Jährige gestorben war, streichelte er die kühle Hand, die die seine so oft gehalten hatte und betrachtete das friedvolle Gesicht. Er durfte Abschied nehmen, die Oma noch einmal sehen, um das Unbegreifliche ein wenig begreifen zu können. Das fand der Arzt, ein lebenserfahrener Mediziner, der den Totenschein ausstellte, gut. Es hat ja Gründe, dass Totenwachen ganze Nachbarschaften trösten.

Obwohl mancher Abschied vorhersehbar ist, ist der Tag X ein Schock. Kinder können wenig mit der abstrakten Der-Tod-war-eine-Erlösung-Floskel anfangen. Denn Oma ist fort für immer. An einem unbekannten Ort. Im Sarg? Im Himmel? Nirgendwo? Der Tod ändert das Leben der anderen auf einen Schlag. Nichts ist mehr, wie es war. Kinder brauchen Antworten und vor allem Ehrlichkeit, hat der Freiburger Palliativmediziner Christoph Student als einer der Ersten gefordert.

Rituale helfen Trauernden, das gilt auch für Kinder

Nikolai malte ein Herzbild als Grabbeilage und überlegte Fürbitten. Mit den anderen Enkeln trug er sie beim Trauergottesdienst in der rheinländischen Heimatgemeinde vor. Vom Pfarrer einfühlsam begleitet, wünschte er am Altar „der Oma im Himmel viele Pfannkuchen und Dinosaurier, denn die weiden da oben friedlich“. Ein Gänsehautmoment für die Trauergemeinde. „Wie tröstlich, wenn Jugendliche beispielsweise ein selbstgeschriebenes Gedicht vortragen. Kippt ihnen die Stimme, kann ein anderer beistehen und den Text verlesen“, sagt Trauerbegleiterin Pirch.

Rituale helfen Trauernden, das gilt für alle Menschen. Werden Kinder nicht eingebunden, dann funktionieren sie zwar weiter, aber irgendwann bricht sich ihre Trauer Bahn. So wie bei der zehn Jahre alten Anne, die ihren geliebten Großvater verloren hat. Er starb im Krankenhaus. Das Kind sah später nur noch die Urne. Daheim im Kölner Doppelverdienerhaushalt ging man schnell zur Tagesordnung über, bis Anne mit chronischen Kopfschmerzen und aufgescheuchten Eltern beim Kinderneurologen landete: Die Hirnstrommessung erbrachte keinen auffallenden Befund. Die richtige Diagnose traf die befreundete Apothekerin: Euer Kind trauert. „Geholfen haben letztlich viele Gespräche und selbstgepflückte Blumen für Opas Grab. Ich habe das völlig unterschätzt“, macht sich Annes Mutter Vorwürfe. „Wir schauen uns jetzt Bilder mit ihm und Anne an und haben ein Foto aufgestellt. Das lindert den Verlust ein bisschen.“

Mit ihrer gutgemeinten Vermeidungshaltung scheint die reflektierte Frau nicht allein zu sein. Viele Erwachsene handeln nach dem Motto: Wir schweigen vor den Kindern die Toten tot, dann erledigt sich das Thema und findet nicht statt. „Es ist genau umgekehrt“, sagt Maria Pirch, „man muss mit den Kindern reden und im Gespräch bleiben. Sonst entstehen komische Bilder in deren Köpfen.“ Pirch hat einen Vierjährigen erlebt, der glaubte, er sei der Einzige, dessen Vater gestorben ist. „Mit einfühlsam geschilderten Tatsachen können Kinder besser umgehen.“

Notfallseelsorgerin Maria Pirch über Gefühle, Symbole und Erinnerung

Frau Pirch, wie trauern Kinder?

Kinder haben einen ganz anderen Zugang zum Tod als Erwachsene. Wir sind oft unter einer Glocke, Kinder geben sich Trauerpausen, sind pragmatischer, sie hüpfen von Pfütze zu Pfütze, fragen, ob sie das Zimmer des verstorbenen Bruders haben können. Dann wieder sind sie todtraurig und verzweifelt.

Woran liegt das zum Teil befremdliche Verhalten?

Kinder kennen die Dimension nicht, dass Mama nie wiederkommt. Aber Stimmungen kriegen selbst Babys mit.

Und Jugendliche?

Da ist das ganz anders. Während bei Jüngeren in bestimmten Altersphasen jedes Insekt beerdigt wird, verschließen sich Jugendliche eher. Sie wollen auf keinen Fall etwas Besonderes sein und finden schwer Zugang zu Gefühlen.

Das heißt, Kinder brauchen einen einfühlsamen Ansprechpartner?

Unbedingt. Sie müssen jemanden außerhalb der Familie haben, an den sie sich wenden können. Das sind oft Lehrer, Freunde der Familie oder auch die Paten. Ein Stück fester Boden und Alltäglichkeit helfen.

Und wenn ein Elternteil stirbt?

Oft ist es leider so, dass die Kinder die Rolle des verstorbenen Partners übernehmen. Das überfordert natürlich völlig. Gut ist es zu sagen: Ich höre gleich wieder auf zu weinen. Es ist etwas Schlimmes passiert, es ist traurig, aber wir kommen damit klar.

Wie helfen Sie trauernden Familien?

Wir sind bei „diesseits“ in Aachen 13 ehrenamtliche Leute, darunter leider nur ein Mann, und bieten zum Beispiel eine Gruppe für trauernde Kinder an; nach Einzelgesprächen treffen sich die Kinder achtmal über einen Zeitraum von einem halben Jahr für je eineinhalb Stunden.

Und tun was?

Wir setzen uns um eine große Kerze in einen Kreis, jeder hat ein Teelicht und sagt den Namen des Verstorbenen. Dann halten wir ein Bergsteigerseil, jedes Kind klinkt sich mit einem Karabinerhaken ein: Wir sind eine Seilschaft, ein verschwiegener Geheimbund. Was gesagt wird, bleibt im Kreis. Wir tun viel, was Symbolkraft hat, es gibt eine Pflanzaktion. Wir gestalten Erinnerungskisten mit Andenken der Verstorbenen.

Sie setzen auf tröstende Rituale?

Ja, die müssen sein, die geben ein Stück Sicherheit. Fast bin ich geneigt, unseren alten Rosenkranz wieder zu würdigen, um sich aus der Situation zu beamen.

Und direkt nach dem Tod?

Es ist wichtig, dass Kinder sich verabschieden dürfen; sie sollten zur Beerdigung mitgenommen werden. Da muss jemand auf Standby sein, der sich kümmert. Auch wenn jemand dramatisch zu Tode gekommen ist, ist es gut, wenn die Kinder den Toten berühren können, selbst wenn er mit einer Decke verhüllt ist: Du darfst die Hand berühren und fühlen, wie steif der Körper geworden ist.

Die Fragen stellte Ursula Kals.

Maria Pirch hat eine Liste empfehlenswerter Literatur unter www.diesseits-aachen.de zusammengestellt.

Quelle: F.A.S.
Ursula Kals - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Ursula Kals
Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.
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