Wahl in Kolumbien

Wie ein Präsidentschaftskandidat Unterstützer auf Tiktok findet

Von Tjerk Brühwiller, São Paulo
08.06.2022
, 12:37
Der kolumbianische Präsidentschaftskandidat Rodolfo Hernández
Im Wahlkampf in Kolumbien setzt der Außenseiter Rodolfo Hernández, ein 77 Jahre alter Bauunternehmer, vor allem auf die sozialen Medien. Dort gewinnt er mehr neue Unterstützer als alle anderen Kandidaten – etwa dank Tiktok-Videos.
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Vor der Wahl war er der Außenseiter, nun steht er in der Stichwahl. Der 77 Jahre alte Bauunternehmer und frühere Bürgermeister Rodolfo Hernández hat ganz Kolumbien überrascht. Wesentlichen Anteil an seiner Aufholjagd in letzter Minute hatten die sozialen Medien: Debatten im Fernsehen blieb er fern, stattdessen machte er Live-Übertragungen auf Facebook; Kampagnen-Anlässen in der Öffentlichkeit ging er aus dem Weg, stattdessen postete er Videos auf Tiktok.

Von Beginn an hatte Hernández sich als „digitaler Kandidat“ präsentiert. Sinnbildlich war seine Ansprache am Wahlabend. Während sich die anderen Kandidaten von ihren Anhängern in Festsälen feiern oder trösten ließen, meldete sich Hernández über die sozialen Medien aus seiner Küche. Irgendwie normal nach zwei Jahren Pandemie, fanden wohl viele Kolumbianer, und doch so anders.

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Einige nennen Hernández den „kolumbianischen Trump“: Er ist ein reicher Unternehmer, politisch eher konservativ, marktfreundlich, doch lehnt er sich in seinem Diskurs gegen das politische Establishment auf, das in Kolumbien in Verruf geraten ist. Die Macht der sozialen Netzwerke weiß Hernández geschickt für sich zu nutzen. Sein junges Team von Multimedia-Spezialisten bespielt alle Kanäle – auch jene, die bisher nicht besonders für politische Inhalte bekannt waren. So sticht besonders sein Auftritt auf Tiktok hervor, der bei jungen Leuten beliebten Kurzvideo-Plattform. Dort verbreitet Hernández seine für jedermann verständlichen Botschaften. Er spricht allgemeine Themen und Hoffnungen an, bleibt kurz und klar. Das kommt an. Seine Videos haben zudem einen gewissen Unterhaltungswert. Einige wurden millionenfach angeklickt.

Oft online: Rodolfo Hernández wirbt auf Tiktok für sich.
Oft online: Rodolfo Hernández wirbt auf Tiktok für sich. Bild: Foto Tiktok / ingrodolfohernandez

Überraschender Erfolg

Kolumbien zählt zu den Ländern mit der weltweit höchsten Nutzungsdauer von sozialen Medien. Laut einer Studie von Global Web Index verbringen die Kolumbianer durchschnittlich drei Stunden und 46 Minuten pro Tag in den sozialen Netzwerken. Das ist unter 47 untersuchten Ländern Platz vier hinter Nigeria, den Philippinen und Ghana und eine Stunde über dem Durchschnitt. Die Pandemie hat die Nutzungsdauer weiter verlängert. Rund 80 Prozent der rund 50 Millionen Kolumbianer nutzen soziale Netzwerke. Am populärsten sind Youtube und Facebook, die von mehr als 90 Prozent genutzt werden. Tiktok erreicht 40 Prozent.

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Es waren folglich nicht die Tiktok-Videos allein, die Hernández vor dem ersten Wahlgang einen überraschenden Aufschwung verliehen haben, sondern der gesamte Mix seiner Kanäle. Sein Wachstum in den sozialen Medien in den letzten Wochen der Kampagne dürfte entscheidend gewesen sein, dass Hernández am Ende vier Prozentpunkte vor dem drittplatzierten konservativen Kandidaten Federico Gutiérrez lag, dessen Einzug lange unbestritten schien. Eine Erhebung zeigt, dass Hernández in den letzten vier Wochen vor dem ersten Wahlgang mehr neue Follower als alle anderen Kandidaten hinzugewonnen hat und seine Beiträge wesentlich öfter geteilt und geklickt wurden. Auf Facebook beispielsweise gewann Hernández in dieser Zeit 120.000 Anhänger hinzu, auf Instagram noch etwas mehr.

Hernández halfen die sozialen Medien, um sich als natürlicher Kandidat jenseits des politischen Establishments darzustellen. Er wurde so für viele eher mäßig politisch interessierte und mit der Politik unzufriedene Kolumbianer zu einer Identifikationsfigur. Er musste einfach nur er selbst sein: grob im Umgang, hemdsärmelig und einfach in der Sprache – authentisch eben.

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Nun zählt Hernández auf eine „digitale Fangemeinde“, die Lieder, Videos oder Memes kreiert und ihm in den Netzwerken weiteren Aufschub gibt. Seine Reichweite und sein Markenwert sind gestiegen. Während die anderen Kandidaten in den letzten Wochen vor der Wahl bereits ihren Zauber verloren hatten, weckte Hernández weiterhin Neugierde. In den letzten drei Wochen vor dem ersten Wahlgang war er bei Google der meistgesuchte aller Kandidaten.

Duell auf den Sozialen Medien

Nun steht Hernández im Duell dem Linkspopulisten Gustavo Petro gegenüber, der in den letzten Umfragen knapp vor ihm lag. Auch Petro versteht sich als Kandidat gegen das Establishment. Und auch Petro weiß, wie man den digitalen Raum nutzt. Rein zahlenmäßig ist er Hernández dort gar überlegen, selbst auf Tiktok.

Eine polarisierende Wahl war abzu­sehen. Petro, der als erster Linker in Kolumbien nach der Präsidentschaft greift, wird entweder verehrt oder verachtet. Für Hernández als seinen Gegenkandidaten gilt nun dasselbe. Diese Polarisierung tritt im Schutz der Anonymität des Internets noch deutlicher zutage. Die sozialen Medien folgen nicht den Regeln der klassischen politischen Kommunikation, sondern sind unberechenbar. Auch im kolumbianischen Wahlkampf haben sie jenen Vorschub geleistet, die am grellsten sind und am lautesten schreien. Zurück bleiben ein aufgeladenes Klima und gegenseitiger Hass – unabhängig vom Wahlausgang.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Brühwiller, Tjerk
Tjerk Brühwiller
Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.
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