Vor Corona

Kampf gegen die Dämonen

Von Leonie Feuerbach
19.09.2018
, 22:39
Vor 22 Jahren erschien ihr Buch „Wüstenblume“. Seither reist Waris Dirie für Vorträge und Projekte um die Welt – und wirkt mal begeisternd, mal irritierend. Unsere Autorin hat sie 2018 in Frankfurt getroffen.

Sie will jetzt unbedingt ein Lachssandwich essen. Es gibt aber keines in dem Büroturm in Frankfurt, in den sie für einen Vortrag gekommen ist. Und eigentlich sollte ja auch das Interview mit der Journalistin losgehen. Es wird nervös getuschelt, dann zieht ein Tross los: Waris Dirie, mit Hut und Sonnenbrille, ihr untersetzter Manager mit lockigem weißem Haarkranz, die beiden Start-up-Gründer, die Dirie eingeladen haben, und die Journalistin.

Waris Dirie ist Mitte 50 und sieht aus wie Anfang 40. Sie hat schimmernde, glatte Haut und eine beeindruckend aufrechte Körperhaltung. Selbst in Jeans und Turnschuhen strahlt sie Glamour aus. Wenn sie lacht, lachen die Menschen um sie herum mit, wenn sie die Stirn runzelt, werden sie nervös. Und wenn sie ein Lachssandwich will, machen sie sich auf die Suche. Gefunden wird ein Restaurant am Frankfurter Opernplatz, das zumindest Nudeln mit Lachssauce anbietet.

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Im Jahr 1998 erschien Diries Buch „Wüstenblume“. 2008 wurde es verfilmt. Das Buch verkaufte sich mehr als elf Millionen Mal, der Film zog allein in Deutschland mehr als eine Million Menschen in die Kinos. Davor war Waris Dirie erst Nomadenkind und Verstümmelungsopfer, dann Haushaltshilfe und Putzfrau, später Topmodel und Schauspielerin. Danach wurde sie UN-Sonderbotschafterin und Menschenrechtsaktivistin. Und vor allem die Frau, die auf der ganzen Welt für den Kampf gegen die grausame Praxis der weiblichen Genitalverstümmelung steht, auf Englisch Female Genital Mutilation, kurz FGM.

Interviewfragen will sie schriftlich

Wie verändert es einen Menschen, immer und immer wieder, teils live im Fernsehen, über dieses Trauma zu sprechen? Von Menschen aus aller Welt gefragt zu werden, ob man „da unten“ überhaupt noch etwas spüre? Und von der eigenen Familie dafür angegriffen zu werden, die Traditionen zu verraten?

Das herauszufinden ist gar nicht so leicht. Dirie will nicht mehr darüber sprechen. Die Interviewfragen will sie vorab haben, beantwortet sie dann über ihren Manager schriftlich und sehr knapp. Beim eigentlichen Interviewtermin hat sie keine Lust, noch mehr zu sagen. Die Frage nach aktuellen Projekten mit ihrer Stiftung unterbricht sie mit einem Redeschwall: „Du siehst mein Herz, meine Seele und meine Leidenschaft, Darling. Ich kann es nicht ertragen, wenn irgendjemand auf diesem Planeten verletzt wird, vor allem nicht, wenn es sich um Kinder handelt oder Frauen. Ich verstehe nicht, warum die Menschen nur abwarten, die Welt nur wartet. Worauf wartet sie? Ich verstehe es nicht, und es liegt nicht an mir, diese Probleme allein zu lösen.“ Bis ihr Essen kommt, hat sie sich so in Rage geredet über die Übel der Welt, dass sie es am Ende kaum anrührt.

Andererseits ist es leicht herauszufinden, was in Waris Dirie vorgeht. Man kann es in ihren Büchern nachlesen. Dort steht, dass ihr das viele öffentliche Reden zwar geholfen, sie aber auch retraumatisiert hat. Sie schildert darin, wie entwurzelt und heimatlos sie sich oft gefühlt habe, wie wenig das Modeln sie erfüllte und wie sehr sie bis heute unter der Verstümmelung leidet. Sie habe jeden Tag Schmerzen, schreibt Dirie in „Brief an meine Mutter“, während ihrer Periode so sehr, dass sie es nicht mehr aus dem Bett schaffe. „Es ist, als ob dir jemand ein Messer in den Bauch rammen würde.“

Die Beschneiderin wartete schon

Auch ihr Martyrium im Alter von vier oder fünf Jahren hat Dirie oft geschildert: Es war noch früh, ihre Mutter weckte sie und ging mit ihr von der Hütte weg in die Wüste. Die Beschneiderin wartete schon. Sie spuckte auf ihre stumpfe Rasierklinge, die Mutter schob Waris eine Wurzel zwischen die Zähne, damit sie sich nicht vor Schmerz die Zunge abbeißen konnte. Sie hielt die Arme ihrer Tochter fest, umschlang ihren Körper mit ihren Beinen. Dann setzte die alte Frau die Klinge an. Die Tage danach, schreibt Dirie in „Brief an meine Mutter“, sei sie dem Tod näher gewesen als dem Leben.

Die Verstümmelung hinterließ tiefe seelische Spuren und trieb Dirie als Erwachsene in den Alkohol. Sie trank, wenn sie vor Fotoshootings nervös war, wenn sie ihre Familie vermisste, wenn sie mit den Härten des Modelbusiness klarkommen wollte, wenn ihre Menstruationsschmerzen unerträglich waren, wenn sie an ihr Beschneidungstrauma dachte, wenn sie nicht mehr als „die Genitalverstümmelte“ vor der Weltöffentlichkeit stehen wollte.

Nach einem Absturz ging sie in die Entzugsklinik. Danach ging es gleich weiter mit Modeljobs, und bald kam die Sucht zurück. Nach einem Shooting in der kalifornischen Wüste entschied sie spontan, einen Berg zu besteigen. Seither ist Sport für sie ein Heilmittel.

Bevor Waris Dirie 1997 in einem Interview in der Zeitschrift „Marie Claire“ von ihrem Schicksal erzählte, war FGM in der westlichen Welt kaum ein Thema. Dabei gibt es allein in Deutschland fast 65.000 genitalverstümmelte Frauen, die meisten kommen aus Indonesien, Somalia, Dschibuti, Ägypten und Äthiopien. In vielen dieser Länder ist die Verstümmelung allgemeine Praxis. In Somalia, Diries Herkunftsland, sind bis zu 98 Prozent der Frauen beschnitten. Eine grausame Tradition, die keinerlei medizinischen Vorteil hat und nur dazu dient, die Frau und ihre Sexualität dem Mann zu unterwerfen.

Ohne Betäubung und oft unter unhygienischen Bedingungen werden Kleinkindern, jungen Mädchen und Jugendlichen mit Rasierklingen oder Glasscherben die Klitorisvorhaut, die Klitoris und teils auch die inneren Schamlippen verletzt oder entfernt. Im Extremfall werden die inneren Schamlippen ganz weggeschnitten und die äußeren zusammengenäht, sodass ein Narbengewebe entsteht. Es bleibt ein winziges Loch für Urin und Menstruationsblut. Jeder Toilettengang und jede Periode werden zur Qual. In der Hochzeitsnacht öffnet der Mann die Narbe durch Penetration. Gelingt das nicht, schneidet er sie auf und dringt gewaltsam in die Wunde ein. In Somalia sind rund 80 Prozent aller Frauen auf diese brutale Weise verstümmelt, bei der viele Mädchen verbluten. Auch in Diries Familie überlebten Mädchen die Prozedur nicht, zum Beispiel eine ihrer Schwestern, oder sie starben später bei der Geburt ihres Kindes.

Sie gründete ihre eigene Stiftung

Weibliche Genitalverstümmelung ist Waris Diries Lebensthema. Die Vereinten Nationen gingen ihr nicht entschieden genug dagegen vor, also verließ sie ihren Posten als Sonderbotschafterin und gründete ihre eigene Stiftung: die Desert Flower Foundation. Die Vereinten Nationen vergeben den Posten eines Sonderbotschafters aber ohnehin immer nur für eine begrenzte Zeit.

In Sierra Leone arbeitet die Desert Flower Foundation mit einem Pater der Caritas zusammen, der Mädchen vor der Verstümmelung bewahrt, indem er ihren Eltern Geld bezahlt, damit sie ihre Töchter in die Schule schicken. So müssen die Mädchen nicht an Männer verkauft werden, und die Verstümmelung ist unnötig. Die Idee entstand, als Dirie das Mädchen retten wollte, das sie selbst in der Verstümmelungsszene im Film „Wüstenblume“ spielt. Es kommt aus Dschibuti, wo fast alle Mädchen beschnitten werden. Die Rettung gelang, Dirie schildert es im Buch „Safa – Die Rettung der kleinen Wüstenblume“.

In ihrem Buch „Schmerzenskinder“ hat sie mit einem Team gezeigt, dass Beschneidungen auch in Europa stattfinden. Nigerianische und somalische Frauen ließen sie zu Recherchezwecken in afrikanisch geprägte Stadtviertel fahren und eine Beschneiderin suchen. Die Frauen wurden schnell fündig. Mehrere ärztliche Zentren, die sich um genitalverstümmelte Frauen kümmern, wurden in Europa schon in Diries Namen gegründet, im kommenden Jahr will ihre Stiftung die erste Desert-Flower-Schule gründen. Im Kampf gegen FGM hat Dirie schon viel bewegt. In allen Ländern der Europäischen Union ist FGM heute strafbar, in Deutschland seit 2015 auch, wenn es im Ausland geschieht und die Täter danach nach Deutschland einreisen. In vielen afrikanischen Ländern sind ebenfalls die Gesetze geändert worden.

Manche Versuche Diries, sich anderen Themen und Problemen zu widmen, waren weniger erfolgreich. Im Buch „Schwarze Frau, weißes Land“ schreibt sie über ihr Leben im Westen, die Sehnsucht nach Afrika und den Wunsch, dem Kontinent zu helfen, sich von Armut und Abhängigkeit zu befreien. 2011 reiste Dirie zur Afrikapremiere von „Wüstenblume“ nach Äthiopien. Sie schaute sich rund 15 Unternehmen an, die sie unterstützen wollte. Doch aus den angekündigten Investitionen im Kampf gegen die Armut wurde nichts. Nur mit einer einzigen kleinen Fairtrade-Firma kam eine Zusammenarbeit zustande. Ihr Manager Walter Lutschinger sagt: Alle anderen Firmen erschienen ihr nicht unterstützenswert. Mal verdienten die Frauen zu wenig, mal waren die sanitären Anlagen zu unhygienisch. Wer ihr sein Unternehmen präsentierte und leer ausging, war natürlich enttäuscht.

Von Dirie enttäuscht ist auch Rüdiger Nehberg, den ihr Schicksal einst so bewegte, dass auch er sich dem Kampf gegen FGM verschrieb. Seine Frau Annette Nehberg-Weber filmte eine Verstümmelung in Äthiopien, den Film gab das Ehepaar Waris Dirie, die es damit ermöglichen sollte, bei der Afrikanischen Union vorzusprechen. Sie hörten aber nie wieder von Dirie, der Film tauchte irgendwann auf deren Internetseite auf, ohne Quellenangabe. „Nach einigen Bildern von Somalia und Waris, die, eine Träne abwischend, im Flugzeug zu sehen ist, folgt Werbung für ihr Parfüm und ihre Bücher“ – so schildern es die beiden in ihrem Buch „Karawane der Hoffnung“. Das Landgericht Hamburg beschloss, dass Dirie den Film unerlaubt verwendet und unter anderem für Werbung zweckentfremdet hatte und nicht mehr zeigen darf. Sie musste Geld an Nehbergs Organisation spenden.

Es war nicht der einzige Skandal um Waris Dirie. 2008 verschwand sie für drei Tage in Brüssel. Zu einer EU-Konferenz mit wichtigen Politikerinnen, unter anderen der damaligen amerikanischen Außenministerin Condoleezza Rice, erschien sie nicht. Angeblich war sie entführt worden. Die belgische Polizei fand dafür keine Anhaltspunkte. Viel spricht dafür, dass ihr der Trubel über den Kopf gewachsen war. So auch 2010, als sie ihr Buch „Schwarze Frau, weißes Land“ im Berliner Hotel Adlon vorstellte. Sie beschimpfte den Moderator und fiel dem Verlagsleiter ins Wort: Ob er nicht Deutsch reden könne, dann verstehe sie ihn wenigstens nicht.

Öffentlich den Dämonen gestellt

Später an dem Tag in Frankfurt hat Waris Dirie sich umgezogen, trägt statt Jeans und Shirt nun einen Jeansanzug. Sie hält eine Rede vor Karrierefrauen aus Wirtschaft und Politik, die das Start-up, das sie nach Frankfurt eingeladen hat, vernetzen will. „Ich arbeite nicht in einer Bank oder so etwas. Ich werde einfach von Herzen sprechen, wie ich es immer tue.“ Dann redet sie über Liebe und Respekt und wie sehr beides fehle in der Welt, davon, was Sport ihr bedeute und dass sie für einen Triathlon trainiere. Die Rede wirkt improvisiert, hat keinen roten Faden. Eine Zuhörerin, die kam, um Waris Dirie zu sehen, ist enttäuscht. „Eine minimale Info über ihre Stiftung wäre schon interessant gewesen.“

Waris Dirie ist kaum zu greifen und schweift gern ins Ungefähre. Mit Maximalforderungen steht sie sich selbst im Weg, großen Ankündigungen folgen teils nur kleine Schritte. Zugleich hat sie sich oft bewundernswert verhalten, Filmrollen und Modelaufträge abgelehnt, um sich dem Kampf gegen FGM zu widmen. Und sie hat sich immer wieder öffentlich ihren Dämonen gestellt. Es gibt zahlreiche Videos im Netz, in denen sichtbar wird, wie schmerzhaft es für sie ist, immer wieder über das Erlebte zu sprechen. Inzwischen spricht sie nur noch über das, worauf sie Lust hat. Das ist nur zu verständlich, führt aber auch zu Irritationen.

Womöglich ist es ein Zeichen dafür, dass Waris Dirie ihre Dämonen besiegt hat. Nach wie vor trinkt sie nicht, treibt Sport. Vor allem aber hat sie sich mit ihrer Mutter versöhnt. Jahrelang hatte die Mutter die Verstümmelung der Tochter gerechtfertigt: „Das ist seit Jahrhunderten unsere Tradition, die Mädchen werden dadurch zu Frauen, und ihre Familien sind stolz.“ Bei der afrikanischen Filmpremiere von „Wüstenblume“ dann trafen sich Mutter und Tochter nach längerer Zeit wieder. Danach bat Waris Diries Mutter sie, eine Nichte vor der Beschneidung zu retten.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
Autorenporträt / Feuerbach, Leonie
Leonie Feuerbach
Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.
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