Hollywood-Herzschmerz

Goodbye, Brangelina

Von Jörg Thomann
27.09.2016
, 08:25
Faszination Brangelina: Was steckt hinter Anziehungskraft der einstigen Hyper-Paars?
Es ist die Promi-Trennung des Jahres, ach was, des Jahrzehnts: Angelina Jolie und Brad Pitt lassen sich scheiden, und die Welt ist in heller Aufregung. Wer trägt die Schuld? Und wieso hat dieses Paar uns so fasziniert? Das Protokoll einer Konferenz.
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Als am Dienstag die Eilmeldung über den Ticker lief, dass Angelina Jolie und Brad Pitt sich trennen, hallte ein kollektiver Aufschrei durch die Redaktionen der Republik. Darin mischten sich Entsetzen, unverhohlene Schadenfreude und die Ahnung, dass die kommenden Wochen Festtage des Prominenten-Journalismus sein würden.

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Das Ende von Brangelina die „Promi-Trennung des Jahres“ zu nennen, wie „Bild“ es tut, scheint sträflich untertrieben: Es ist mindestens die Trennung des Jahrzehnts. Die Agenturen überschlagen sich mit Neuigkeiten, Blätter wie „Bunte“ und „OK!“ drucken Sonderausgaben, und wie überall draußen im Lande reden sich auch die Journalisten die Köpfe heiß – auf den Fluren, in der Kaffeeküche und natürlich in den Konferenzen. Warum geht uns das so nahe? Was fasziniert uns so an diesem Paar, das seit neuestem keines mehr ist? Wer ist schuld an der Trennung?

Diese ganz großen Fragen beschäftigen auch eine Redaktion, die derjenigen, die diesen Zeitungsteil erstellt, nicht völlig unähnlich ist. Zusammen sitzen vier Journalisten, die wir hier Ahrens, Bauer, Conrad und Dahl nennen möchten, zwei Frauen (Dahl und Bauer) und zwei Männer. Jungredakteurin Bauer verfolgt an ihrem Laptop den Nachrichtenticker.

A: Gibt’s was Neues?

B: Adele hat bei ihrem Konzert in New York die Trennung von Brangelina erwähnt. Es sei das Ende einer Ära, hat sie gesagt.

C: Das ist aus dem „Postillon“, oder?

B: Nee. „Spiegel online“.

C: Ist doch dasselbe.

D: Die Ären werden auch immer kürzer.

B: Aber es ist doch klar, was sie damit meint. Wenn das berühmteste Paar der Welt sich trennt, dann bedeutet das ja etwas.

A: Aber was? Was bedeutet die Trennung von Brangelina?

C: Sie sind jetzt wieder Brange und Lina. Haha!

(Stille)

C: Brange-Lina, versteht ihr? Brange und Lina. Haha!

(Keiner der anderen lacht.)

Das Paar hat alles

B: Also, mich berührt das Ganze schon. Ich meine, dieses Paar hatte alles: beide unglaublich gutaussehend, reich, erfolgreich, politisch und sozial engagiert, sechs Kinder... Ein bisschen war das wie im Märchen: Man durfte daran glauben, dass das gute Leben, die perfekte Daseinsform doch möglich ist.

Prominentes Familienglück: Pitt und Jolie mit ihren Kindern Maddox und Zahara.
Prominentes Familienglück: Pitt und Jolie mit ihren Kindern Maddox und Zahara. Bild: dpa

D: Das war aber auch gerade das Nervige an den beiden: Sie waren zu perfekt. Mit diesen beiden konnte sich von uns Sterblichen niemand mehr identifizieren. Ihre Familie war doch wie ein Mini-Staat, mit all den Kindern, dem Personal, der ganzen Entourage. Wir normalen Frauen kommen schon mit zwei Kindern, einem Mann und einem Job an unsere Grenzen. Brangelina waren wie in einer anderen Dimension, wie Menschen von einem anderen Planeten.

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A: Sie aber mehr als er. Brad Pitt könnte ich mir als Kumpel schon gut vorstellen.

C: Du kannst ihn ja mal anrufen. Der kann gute Kumpels gerade brauchen.

A: Ich denke schon, dass sie bei alledem die treibende Kraft war. Sie hat die ganzen Kinder gesammelt, er hat alles nur abgenickt. Und am Ende ist er den ganzen Zirkus leid gewesen. Der gute Brad wollte abends einfach mal ein Bierchen trinken gehen.

D: Mit dir. Ganz sicher.

B: Hallo? Sie hat doch die Scheidung eingereicht, nicht er. Und was ist das überhaupt für ein Frauenbild? Sie hat völlig autonom beschlossen, den Kerl zu verlassen, weil sie nicht damit einverstanden war, wie er mit den Kindern umgeht. Sie ist nicht das arme, schwache Opfer, als das man sie gern hinstellt.

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C: Niemand würde in Angelina Jolie ein armes, schwaches Opfer sehen.

B: Jedenfalls keiner, der sie als Lara Croft gesehen hat.

D: Ich glaube, sie hat vielen Männern einfach Angst gemacht.

C: Laut Sloterdijk weichen die Menschen heute der Beleidigung durch Außergewöhnlichkeit aus. Deshalb lieben die Leute Helene Fischer in ihrer durchschnittlichen Hübschheit – und fühlen sich von einer Angelina Jolie verunsichert.

Das Hyper Paar

D: Ich finde es jedenfalls irgendwie beruhigend, dass selbst so ein Hyper-Paar wie Brangelina an etwas ganz Banalem wie dem Ehe-Alltag scheitert.

C: Die hatten doch keinen Alltag! Oder kannst du dir vorstellen, dass Brad und Angelina bei ihren Kindern die Hausaufgaben kontrollieren?

A: Dafür haben sie doch die ganzen Nannys.

D: Okay, aber es muss schließlich auch jemand die Nannys kontrollieren.

B: Für ein Paar aus dem Show-Business sind sie eigentlich auch ziemlich lange zusammen gewesen.

Gemeinsam vor der Kamera: Brangelina im Liebesfilm „By The Sea“
Gemeinsam vor der Kamera: Brangelina im Liebesfilm „By The Sea“ Bild: dpa

C: Na ja. Marianne und Michael sind seit mehr als vierzig Jahren zusammen. Und die haben gerade noch mal kirchlich geheiratet.

B: Wer ist das?

C: Ähm, das sind die, äh, die von „Marianne und Michael“.

B: Aha.

D: Viele verlassene Frauen jedenfalls, die mit sich selbst hadern, finden es sicher tröstlich, dass so etwas sogar einer Angelina Jolie passiert.

A: Also, ich hätte es keine zwei Wochen mit der ausgehalten.

D: Glaubst du etwa, sie mit dir?

A: Ich meine, sie hat auf mich immer

so künstlich gewirkt. So manisch, so verbissen.

B: Komisch. Ebendas wirft man Frauen mit erfolgreichen Karrieren häufig vor.

A: Quatsch. Bei einem Mann würde mich das genauso stören.

B: Bei wem denn zum Beispiel?

A: Äh, na, also... Auf jeden Fall wirkte Brad immer viel lässiger.

Dank Alkohol und Drogen benebelt

B: Kein Wunder, wenn man dank Alkohol und Drogen ständig benebelt ist.

A: Das behauptet sie!

D: So richtig ansehnlich ist er zuletzt auch nicht mehr gewesen mit seinem Zottelbart. Da sah ja Guildo Horn gepflegter aus.

A: Die Filme von ihr haben mich auch nie vom Hocker gehauen. Nicht mal bei „Mr. & Mrs. Smith“ waren für mich Funken zu spüren, obwohl sie sich da ja angeblich verliebt haben sollen.

C: Ihn fand ich ja in „Gilbert Grape“ sehr gut.

D: Das war Johnny Depp.

A: Nee, Leonardo DiCaprio. Gibt’s eigentlich wieder ein paar neue Jennifer-Aniston-Gifs? All die süßen Filmchen mit Jennifer, wie sie jubelt oder in die Hände klatscht: Allein dafür hat sich die Trennung von Brangelina schon gelohnt.

Das waren noch Zeiten: Pitt und Jolie gemeinsam 2006 im Vietnam.
Das waren noch Zeiten: Pitt und Jolie gemeinsam 2006 im Vietnam. Bild: AP

B: Na toll. Zehn Jahre lang verliert Aniston kein Wort mehr über den Typen, ist beruflich erfolgreich, glücklich verheiratet – und wird mit einem Schlag auf die Rolle der verlassenen, schadenfrohen Ex reduziert. Erstaunlich übrigens, wie viele Leute offenbar glauben, sie hätten auch nur irgendetwas mit Jennifer Aniston gemein.

D: Na ja, verlassen worden bin ich auch schon mal.

B: Aber nicht von Brad Pitt.

A: Mit der Aniston würde ich zumindest schon ganz gern mal...

D: Pass jetzt auf, was du sagst.

A: ...ein Bier trinken. Ein Bier!

D: Ich dachte, du wärst schon mit Brad Pitt verabredet.

C: Stefan Mross hat sich übrigens auch gerade von seiner Frau getrennt.

Strategisch kluger Zeitpunkt

D: Strategisch kluger Zeitpunkt. Kein Schwein interessiert sich gerade für Stefan Mross.

A: Echt, ist der nicht mehr mit der Stefanie Hertel zusammen?

C: Seit fünf Jahren nicht mehr. Und mit der Frau danach jetzt auch nicht mehr.

A: Ach. Was sagt der Ticker?

B: Bei „Madame Tussaud’s“ hat man die Wachsfiguren der beiden auseinandergeschoben. Zwischen ihnen steht jetzt Robert Pattinson.

C: Was hat denn der damit zu tun? Ist das ihr Neuer?

B: Nö. Aber wahrscheinlich stand er noch neben Kristen Stewart, das ist ja auch nicht mehr aktuell.

A: Vielleicht ist die Ehe von Brangelina auch nur am banalsten Grund für Trennungen in Hollywood gescheitert: Sie ist ihm einfach zu alt geworden.

D: Sie ist 41.

A: Eben.

B: Und er ist 52.

A: Ja. Und?

D: Ich finde übrigens sie viel attraktiver als ihn. Obwohl ich nicht lesbisch bin. Aber was sagt das jetzt über den Trennungsgrund aus?

C: Nichts. Aber wie läuft’s eigentlich mit dir und deinem Mann?

Unangemessene Freude

B: Mir scheint es auf jeden Fall unangemessen, wenn man sich nun über die Trennung von Brangelina freut. Mit ihnen ist doch ein gewaltiges, mutiges Projekt gescheitert. Jeder wusste, dass der Andere kein einfacher Charakter ist, und trotzdem haben sie sich aufeinander eingelassen – und gemeinsam versucht, die Welt ein wenig besser zu machen: mit ihren Filmen, mit Angelinas Einsatz für Flüchtlinge, mit all den adoptierten Kindern...

C: Brangelina hat mal jemand als Adam und Eva der Neuzeit bezeichnet.

A: Sloterdijk?

C: Franz Josef Wagner.

A: Adoptiert sind aber nur drei. Die anderen sind selbstgemacht.

Die Ex: Brad Pitt im Jahr 2000 mit Jennifer Aniston.
Die Ex: Brad Pitt im Jahr 2000 mit Jennifer Aniston. Bild: AP

D: Sechs Kinder! Stell dir vor, du musst jeden Morgen sechs Kindern Strumpfhosen anziehen. Wer so etwas aushält, der ist geradezu ein Heiliger.

C: Die leben doch in Los Angeles. Da braucht man keine Strumpfhosen.

D: Aber man muss alle mit Sonnencreme einschmieren. Auch nicht schön.

A: Und was genau soll Brad Pitt jetzt mit den Kindern gemacht haben? Was ist der neueste Stand?

Der Vorwurf lautet Kindesmisshandlung

B: Der Vorwurf lautet Kindesmisshandlung. Er bestreitet aber, physisch gewalttätig geworden zu sein. Auf jeden Fall soll er im Privatjet der Familie eines der Kinder angebrüllt haben. Deswegen prüft jetzt das FBI, ob es ermittelt.

D: Angebrüllt? Dann hätte das FBI auch bei uns schon mal vor der Tür stehen müssen. Und nicht nur einmal.

A: Dem Mann vorzuwerfen, er könne sich nicht kontrollieren und drohe, den Kindern was anzutun, ist natürlich auch eine Superidee, wenn man das alleinige Sorgerecht haben möchte.

C: Ich habe hier das Interview aus dem „Spiegel“, der sie vergangenes Jahr anlässlich ihres jüngsten Films interviewt hat, da sagt Pitt, dass er „sehr, sehr gut trinken“ kann. Und dass er ein „ziemliches Temperament“ habe – „wenn ich platze, wird es hässlich“.

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A: Das wird sie nun alles gegen ihn verwenden.

D: Aber sie wollte mal das Blut von einem früheren Ex trinken und war zehn Jahre mit einer Frau zusammen. So eine richtig Heilige ist die auch nicht.

B: Mit einer Frau zusammen sein ist eine Sünde? (Schaut über die Schulter des Kollegen in den „Spiegel“.) Der

Typ vom „Spiegel“ hat sie ernsthaft gefragt, ob das, was in ihren Oben-ohne-Szenen zu sehen ist, „Rekonstruktionen“ sind?

C: Ähm, ja.

A: Sind es denn Rekonstruktionen?

C: Und in der „Welt“ stand gerade, sie habe sich durch ihre Brustamputation bewusster als bewusst ihrer weiblichen Aura beraubt.

„Die Hölle entfesselt“

B: Irre. Es sind alle irre geworden.

A: Es wird schlicht und einfach alles, was Brangelina machen, mit einer enormen Bedeutung aufgeladen.

D: Das kommt ja von ihnen selbst. Bei denen ist alles extrem. Selbst die Trennung ist extrem: Pitt soll gesagt haben, Jolie habe „die Hölle entfesselt“.

B: Wenigstens wird keiner von beiden eifersüchtig sein müssen, wenn der Andere sich neu verliebt. Sie sind der schönste Mann und die schönste Frau der Welt, da kann der neue Partner in Sachen Hotness nur verlieren.

D: Es sei denn, Angelina angelt sich George Clooney.

C: Georgelina klingt aber nicht gut.

A: Ich würde ja sagen, eher kommt Clooney mit Pitt zusammen. Noch

ein letzter Blick auf den Ticker,

und dann sollten wir mal langsam weiterarbeiten.

B: Brad Pitts letzte Filmpartnerin Marion Cotillard, die inzwischen schwanger ist, hat gesagt, dass ihr

Kind auf jeden Fall von ihrem Mann

sei und nicht von Pitt.

D: Brad Pitt würde doch niemals beim Dreh eine Affäre mit einer Kollegin beginnen!

(Alle lachen, außer C.)

C: Moment, er hat doch damals mit Angelina...

D: Das war ein Witz.

C: Ach.

Marion Cotillard über Gerüchte
Keine Affäre mit Brad Pitt
© reuters, reuters
Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Thomann, Jörg
Jörg Thomann
Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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