Gagarins Flug vor 60 Jahren

In 108 Minuten um die Erde

Von Sibylle Anderl
12.04.2021
, 06:17
Mit seinen 1,57 Metern Körpergröße passte er gut in die beengte Kapsel: Juri Gagarin am 12. April 1961, kurz vor dem Start zum ersten bemannten Weltraumflug
Vor 60 Jahren umrundete der Kosmonaut Juri Gagarin als erster Mann im Weltraum unseren Planeten. Seine Körpergröße war damals einer seiner Vorteile.
ANZEIGE

John F. Kennedy übte sich am 12. April bei seiner regulären Pressekonferenz in Washington in Beschwichtigung: „Wir haben erwartet, dass die Sowjets aufgrund ihrer Fortschritte in der Triebwerkentwicklung, wo sie uns voraus waren, die ersten sein würden, einen Mann in den Weltraum zu bringen“, antwortete er, gefragt nach seiner Einordnung der Neuigkeiten aus Moskau, die die Welt an diesem Tag in Erstaunen und Begeisterung versetzt hatten. Die Vereinigten Staaten würden lieber die Führung in anderen wissenschaftlichen Bereichen anstreben, die der Menschheit auf Dauer größeren Nutzen bringen würden.

Unter strenger Geheimhaltung, wie sie für das russische Raumfahrtprogramm üblich war, hatten es die Sowjets am Morgen geschafft, den 27 Jahre alten Juri Alexejewitsch Gagarin auf einer elliptischen Umlaufbahn in 108 Minuten einmal um die Erde zu schicken und ihn wohlbehalten landen zu lassen. Während des Flugs hatte Gagarin per Funkverbindung vom Blick auf die Erde und seiner Erfahrung der Schwerelosigkeit berichtet – und damit nicht nur die eigenen Landsleute in Ekstase versetzt, die, per nationaler Radioübertragung und öffentlichen Lautsprechern vom historischen Ereignis informiert, angehalten worden waren, alles stehen und liegen zu lassen, um die Errungenschaft auf den Straßen zu feiern. Auf der ganzen Welt wurde der Flug als Meilenstein in der Menschheitsgeschichte bejubelt und bewundert, wenngleich das Ereignis auf Seiten der kommunistischen Länder sogleich auch Anlass zu politischer Propaganda bot. So bemerkte etwa Walter Ulbricht in seiner Glückwunschnachricht an den russischen Premier Nikita Chruschtschow, der Flug zeige der ganzen Welt, dass der Sozialismus über die gestrigen und zerfallenden Systeme triumphieren müsse. Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sowjetunion selbst stellte in seiner offiziellen Stellungnahme fest, diese historische Leistung verkörpere das Genie des sowjetischen Volks und die kraftvolle Stärke des Sozialismus. Chruschtschow hatte außerdem für Gagarin eigens eine neue Bezeichnung eingeführt: Anders als die amerikanischen Astronauten wurde er in der russischen Öffentlichkeit als Kosmonaut bezeichnet.

Die Rakete mit der Gagarin ins All geschossen wurde.
Die Rakete mit der Gagarin ins All geschossen wurde. Bild: DPA

Der Schock über den Erfolg der Russen war auf Seiten der Amerikaner zwar geringer als dreieinhalb Jahre zuvor, als am 4.Oktober 1957 mit Sputnik 1 der erste Satellit in die Erdumlaufbahn befördert worden war. Die Enttäuschung war dennoch groß. Die Redstone-Rakete, die wenig später im Rahmen des Mercury-Programms mit Alan Shepard den ersten Amerikaner in den Weltraum schicken sollte, hatte am Cape Canaveral schon bereitgestanden. Sowohl die beteiligten Techniker und Ingenieure als auch die Mercury-Astronauten hatten gehofft, die Russen diesmal ausstechen zu können. Die transparente amerikanische Informationsstrategie, Zeitpläne und Fortschritte mit der Öffentlichkeit zu teilen, hatte sich aber gegenüber den im Geheimen arbeitenden Russen als Nachteil erwiesen, die ihre Pläne entsprechend anpassen konnten.

ANZEIGE

Bereits 1959 begann die Suche nach einem geeigneten Kandidaten

Die Idee, einen Mann mithilfe einer mehrstufigen Rakete ins All zu senden, war in der Sowjetunion offiziell seit Ende 1958 unter Führung des Raumfahrtingenieurs Sergei Pawlowitsch Koroljow verfolgt worden. Genutzt werden sollte dafür die erste russische Interkontinentalrakete R-7, die 1957 bereits die Sputnik-Satelliten befördert hatte und noch heute mit nur geringen Veränderungen als Sojus-Rakete im Einsatz ist. Bereits 1959 hatte die Suche nach geeigneten Kandidaten aus den Reihen der Kampfpiloten der russischen Luftstreitkräfte begonnen: Zunächst auf der Grundlage medizinischer Daten, wobei geeignete Kandidaten nicht älter als 30 Jahre und nicht größer als 170 Zentimeter sein sollten. Dann in einer weiteren Runde geprüft durch das GMVK einer Regierungskommission, deren Auswahl politische und charakterliche Aspekte berücksichtigte. Daraus resultierte Ende 1959 eine Gruppe von zwanzig Kandidaten, deren Training im März 1960 in einem im Aufbau begriffenen Trainingszentrum nordöstlich von Moskau begann, das heute bekannt als „Sternenstädtchen“ noch immer zur Raumfahrtausbildung dient. Der Standort war unter anderem aufgrund seiner versteckten Lage in dichtem Wald gewählt worden. Bald wurden aus diesen Zwanzig sechs Männer ausgewählt, die bevorzugt trainiert wurden. Ende Januar 1961 wurde diese Gruppe unter Berücksichtigung strenger Tests weiter auf drei reduziert: Juri Gagarin, German Titov und Grigori Neljubow.

108 Minuten dauerte Gagarins Flug um die Erde.
108 Minuten dauerte Gagarins Flug um die Erde. Bild: DPA

Das Raumschiff Wostok, das parallel für den ersten bemannten Flug entwickelt worden war, hatten die drei unter strengster Geheimhaltung bereits einige Monate zuvor besichtigen dürfen. Ein erster Prototyp der Kapsel war mit der Mission Sputnik 4 bereits im Mai 1960 getestet worden, Sputnik 5 hatte daraufhin zwei Hunde und zahlreiche Mäuse und Ratten einmal um die Erde und zurück gebracht. Am 9. März 1961 war schließlich zum ersten Mal mit Sputnik 9 ein Kosmonauten-Dummy, genannt Iwan Iwanowitsch, zusammen mit dem Hund Tschernuschka in den Orbit gebracht und per Fallschirm sicher gelandet worden. Sputnik 10 sollte am 25. März in ähnlicher Konstellation die Generalprobe für den ersten bemannten Flug werden. Kurz vor dem Start kam es allerdings noch zu einem tragischen Vorfall, den die Russen bis in die Achtziger Jahre geheim halten konnten: In einem druckregulierten Isolationsraum, dessen Luft mit Sauerstoff angereichert worden war, verbrannte der junge Kosmonautenanwärter Walentin Bondarenko im Zuge eines tragischen Unfalls – sechs Jahre später sollten die Vereinigten Staaten bei einem ähnlichen Unglück die Apollo-1-Crew verlieren.

ANZEIGE

Seine Körpergröße war von Vorteil

Nach dem erfolgreichen Flug von Sputnik 10 wurde am 8. April schließlich die Entscheidung für Juri Gagarin als ersten Piloten bekannt gegeben. Der 1934 geborene Gagarin stammte aus einer Bauernfamilie. Mit einer Größe von 157 Zentimetern war er außergewöhnlich klein – was ihn angeblich fast die Flugausbildung gekostet hätte, da er aus dem Flugzeug heraus bei der Landung schlecht sehen konnte. Als Passagier der beengten Wostok-Kapsel stellte sich dies nun als Vorteil heraus. Am 12. April um 9.07 Uhr Ortszeit wurde er vom Kosmodrom Baikonur aus von der R-7 in den kasachischen Himmel getragen. Seine Verantwortlichkeiten während des Fluges waren allerdings minimal, der Flug wurde vollständig von der Erde aus kontrolliert. In der Wostok gab es nur vier Schalter, in der amerikanischen Mercury Kapsel waren es im Vergleich 56. Da der Einfluss längerer Schwerelosigkeit auf die menschliche Psyche nicht bekannt war, hatten die Missions-Psychologen Sorge, dass Gagarin zu Fehlentscheidungen neigen könnte. Im Falle eines Notfalls hätte er die Kontrolle erst mithilfe eines geheimen Codes erlangen können. Seine Aufgaben waren neben regelmäßiger Berichterstattung lediglich einfache Experimente wie das Schreiben in der Schwerelosigkeit, Essen und Trinken.

Die Sowjetunion gedachte dem Flug des Kosmonauten mit einem Flachrelief in Moskau. Vor dem 60. Jahrestag putzen Reinigungskräfte Anfang April die Figur Gagarins.
Die Sowjetunion gedachte dem Flug des Kosmonauten mit einem Flachrelief in Moskau. Vor dem 60. Jahrestag putzen Reinigungskräfte Anfang April die Figur Gagarins. Bild: dpa

79 Minuten nach dem Start begann der Wiedereintritt des Gefährts, das schnell auch von amerikanischen Beobachtungsstationen entdeckt worden war. Erst Anfang der neunziger Jahre wurde bekannt, dass es dabei zu einem gefährlichen Vorfall kam, der gerade noch glimpflich ausging: Bei der Abtrennung des Instrumentenmoduls vom Abstiegsmodul hatte sich ein Kabel nicht gelöst, und Gagarins Kapsel hatte unkontrolliert zu trudeln begonnen. Nachdem das Kabel aber in der Bremshitze verbrannt war, stabilisierte sich die Kapsel wieder. In einer Höhe von sieben Kilometern wurde Gagarin dann ins Freie katapultiert, um daraufhin per Fallschirm zu landen. Angesichts der übereilten Entwicklung der Wostok hatte die Zeit nicht gereicht, ein geeignetes Landesystem zu entwickeln. Für den historischen Erfolg war dies ein nicht unwesentliches Detail: Gemäß der internationalen Flugregularien war vorgeschrieben, dass Piloten zur Erreichung von Rekorden in ihren Fluggefährten auch wieder landen mussten. Die Russen taten daher so, als sei dies bei Gagarin der Fall gewesen. In ihrem öffentlichen Statement hieß es unverfänglich, die Wostok sei mit einem Mann an Bord in den Weltraum gestartet und dann nach einer Erdumrundung wieder auf sowjetischem Boden gelandet.

ANZEIGE

Zwei Tage nach dem historischen Flug wurde Gagarin in Moskau unter frenetischem Jubel der Massen empfangen und zum „Held der Sowjetunion“ ernannt. Im Folgenden wurde er zu einem durch die Welt reisenden Botschafter des Kommunismus. Drei Wochen nach dem russischen Triumph, am 5. Mai, startete Alan Shepard ins All, allerdings nur zu einem rund 15 Minuten dauernden suborbitalen Flug. Wiederum knapp drei Wochen später kündigte Kennedy an, vor Ablauf des Jahrzehnts einen Mann auf dem Mond zu landen – mittlerweile fest entschlossen, den Vorsprung der Russen im Wettlauf ins All so schnell wie möglich aufzuholen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenbild/ Sybille Anderl
Sibylle Anderl
Redakteurin im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
Twitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Baufinanzierung
Erhalten Sie Ihren Bauzins in 3 Minuten
Automarkt
Finden Sie Ihren Gebrauchtwagen
50Plus
Serviceportal für Best Ager, Senioren & Angehörige
ANZEIGE