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Katholische Kirche

Drei Inder für Welver

Von Michaela Schwinn, Daniel Pilar (Fotos)
 - 12:08
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Es ist nur eine einfache Pappschachtel, die der Pastor öffnet. Und doch starren drei Augenpaare darauf, gespannt und ängstlich zugleich. Was wird das nun wieder sein? Pastor Aßheuer holt eine blonde Perücke heraus, mit rotem Pagenschnitt und einer Kappe mit Pfauenfeder. Jeder der drei Inder, die am Esstisch der Pfarrwohnung sitzen, soll eine davon tragen. Am Wochenende ist Karnevalssitzung. Dann werden sie mit den Perücken auf den Köpfen zwischen Piratinnen und Feuerwehrmännern stehen, ein Bier trinken oder zwei. In der ersten Strophe der Karnevalsrede wird es heißen:

„Vor vier Jahren hatte unser Pastor eine irre Idee, / keine einheimischen Priester – ne, ne. / Deutsche haben wir sowieso nicht mehr, / also müssen indische Priester her.“

Shijo, Nelson und Joby sind indische Priester und Teil eines Projekts, das Pastor André Aßheuer das „Welveraner Modell“ nennt. Welver, das sind 85 Quadratkilometer Wiesen, Felder, Windräder. „Der Mittelpunkt Westfalens“ steht in großen Lettern über dem Eingang des Bahnhofs. Hierher kommen jedes halbe Jahr drei Priester aus Indien. Genauer gesagt: aus „Gottes eigenem Land“, so nennen Einheimische den Bundesstaat Kerala: 38.000 Quadratkilometer, Kokosnusspalmen, Hausboote und Teeplantagen; fast jeder vierte Einwohner ist Christ.

Führerschein machen, Messen halten, zu Fußballspielen gehen

Deutschen Gemeinden gehen die Seelsorger aus. Die Zahl der Priesterweihen sinkt jedes Jahr. 2015 erreichte sie einen neuen Tiefpunkt: Nur 58 Männer wurden zum Priester geweiht. Ausländische Geistliche sollen das auffangen. Seit langem kommen jährlich Hunderte aus Osteuropa, Afrika oder Asien. Sie bleiben nur einen Sommer lang oder mehrere Jahre, im Schnitt sind es sieben bis zehn Jahre. Missionare aus Europa trugen ihren Glauben einst in die weite Welt, von dort soll er nun zurück in deutsche Pfarreien. Das kann schiefgehen, gerade in Dörfern mit eingeschworener Gemeinschaft und festen Traditionen. Wie in einem Dorf wie Welver.

Nur dass hier etwas anders ist: In der kleinen katholischen Pfarrei St.Maria will man Großes erreichen, ihr Modell soll Vorbild sein für andere Pfarreien, ja ganze Diözesen. So gewöhnlich Pastor Aßheuer daherkommt, mit Kurzhaarschnitt, roten Bäckchen, weißem Kragen, so unkonventionell war seine Idee. Es reichte ihm nicht, die Priester ins Land zu holen. Er wollte, dass sie Teil der Dorfgemeinschaft werden: Sie sollen den Führerschein machen, Messen halten, zu Fußballspielen gehen. Mittags Hirschbraten essen und abends im Finanzausschuss sitzen. Aber kann das funktionieren? Drei Inder in der deutschen Provinz?

„Deswegen bin ich hier.“

Heidi Gerdes sitzt Shijo gegenüber, in dem kleinen Klassenraum im Gemeindezentrum. Sie formen die Münder wie Schimpansen. „CH-H-Heidi“, sagt Shijo. Das „H“ macht ihm immer noch zu schaffen. Immer vormittags gibt Gerdes den Priestern Nachhilfe. Sie ist pensionierte Lehrerin, weiße Dauerwelle, Pünktchenbluse – und nicht getauft. Shijo ist der jüngste der drei Priester, 36 Jahre ist er alt, und könnte doch leicht als Anfang 20 durchgehen. Seine Statur ist schlaksig, der Haarschnitt bubenhaft. Lächelt er, dann so breit, dass man seine Zähne zählen kann. Von Heidi Gerdes, die hier alle wie die indischen Priester nur beim Vornamen nennen, weiß er, was ein Schneidersitz ist und das rollende „R“.

Gerdes umgekehrt weiß von ihm, wie schlecht es vielen Indern geht. Shijo war 29 Jahre alt und gerade erst zum Priester geweiht, als er Mutter Teresa in Kalkutta hörte. Ihre Worte berührten ihn so, dass er von Kerala in Südindien in eine Mission im Norden ging. Dort kam er täglich zum Bahnhof, brachte denen Essen, die keiner mehr wollte: den Leprakranken und Obdachlosen. „Mein ganzer Lohn geht dorthin“, sagt Shijo, „deswegen bin ich hier.“

Als er vor einem guten halben Jahr ankam, war es Sommer, die Felder waren gelb, die Kirschen rot. Er zog ein in die Wohnung neben dem Pfarrhaus, überall klebten bunte Zettel. „Mikrowelle“, stand darauf, oder „Rollos“. Gedächtnisstützen für unzählige neue Wörter für Dinge, die er vorher nicht einmal kannte.

„Anfangs“, so wird es in der Karnevalsrede heißen, „verstanden viele die Inder oft nicht, / doch nach den Kursen nahmen wir sie in die Pflicht. / Und heute – wie es auch viele so seh’n, / kann man sie wirklich gut verstehen.“

Noch ein paar Tage bis zur praktischen Führerscheinprüfung

Kommen ausländische Priester zum ersten Mal nach Deutschland, werden sie sofort in Sprachschulen geschickt, erklärt Aßheuer. Das ist auch in Welver nicht anders, zwei bis vier Monate besuchen sie einen Kurs außerhalb des Ortes. Danach geht es für andere Priester direkt in die Pfarreien. In Welver läuft es anders: Hier sind sie erst einmal nur Praktikanten, sie dürfen im Ort bleiben, werden integriert, sechs bis acht Monate, solange sie eben brauchen, um das Curriculum zu erfüllen, das Aßheuer entwickelt hat. Eine Sprachprüfung, Gottesdienste und der Führerschein gehören genauso dazu wie Dorffeste. Sie kicken mit den Messdienern, trinken Tee mit älteren Damen. Erst danach verlassen sie Welver und treten ihren Dienst im Bistum Paderborn an. „Überall sind sie dabei, bei uns können sie nicht einfach abflutschen wie an einem Backpapier.“

Was Aßheuer „Abflutschen“ nennt, stand 2011 in einer Studie über die Situation ausländischer Priester in Deutschland: Diejenigen, die die Gemeinschaft zusammenhalten sollten, waren oft selbst kein Teil davon. Für die Predigt reichte das Deutsch, für die Seelsorge kaum. Viele Bistümer reagierten, rüsteten nach: Plötzlich gab es Beerdigungskurse und Adventsseminare. Die Priester lernten, wie man pünktlich ist und sich richtig anzieht, um nicht zu frieren. Jetzt wollte man sie gut integrieren. Im Alltag waren sie dann oft doch wieder allein. So intensiv wie in Welver werden sie selten betreut. Was auch daran liegt, dass sich nicht jede Gemeinde das leisten kann, das gibt auch Aßheuer zu; er selbst ist für die Ausbildung halb freigestellt.

Grün-gelbe Ortsschilder ziehen an den Autofenstern vorbei: Einecke, Hattrop, Paradiese. Shijo ist nervös, sein Lächeln verschwunden. Ein paar Tage noch, dann ist praktische Führerscheinprüfung. Einmal ist er schon durchgefallen. Mit dem Bremsen will es noch nicht so recht klappen, auch die Spur hält er nicht. Einbahnstraße, Rechts vor Links. Das alles schwirrt in seinem Kopf. Fuhr er doch in Indien immer nach Gefühl. „Dort hatte jeder Vorfahrt“, sagt Shijo, bevor er hart bremst. Rote Ampel.

Unterricht beim Messdiener

Als Shijo seine erste Fahrstunde hatte, band er seine Schnürsenkel auf, streifte die Schuhe ab und legte sie hinter den Sitz. Erst als sein Fahrlehrer die Stirn runzelte, hinab auf seine Socken schaute, zog er sie beschämt wieder an.

„Oh, Welver – wie haste dir verändert! / Wir alle haben auch nur zwei Hände. / Aus einem Priester wurden 15 – es entwickelte sich eine Wende, / und es nimmt noch immer kein Ende.“

Später steht Shijo hinter dem Altar, neben den wuchtigen Kerzenständern, die ihn noch schmäler aussehen lassen. „Ich würde von Ihnen gerne das Evangelium hören“, sagt Marvin Reinhardt. Er lehnt sich in der leeren Kirchenbank zurück, eine Hand in der Hosentasche, in der anderen seine Mütze. Shijo hebt die Hände, stolpert durch die sperrige Liturgie: „Geschmack“, „stülpt“, „taugt“. „Lauter“, hallt Marvins Stimme durch den Raum. „Nicht nur ablesen, ins Volk schauen“, schiebt er nach. Er ist Messdiener, 16 Jahre alt. Zwei Stunden in der Woche übt er mit den indischen Praktikanten. „Nein, alles noch mal von vorne“, seufzt er. „Das geht noch besser.“

„Von Angeschiss zu Angeschiss“

In Momenten wie diesen zieht Shijo die Augenbrauen unglücklich zusammen. Er will ja die richtigen Worte finden, sie richtig aussprechen. Und doch fällt es ihm oft so schwer. Erst kürzlich hat Pastor Aßheuer von zwei anderen Priestern erzählt, denen das Praktikum irgendwann zu viel wurde: die Regeln, der straffe Zeitplan und dass sie nach der Messe noch mit zum Federballspielen sollten. Sie schafften weder den Führerschein noch die Sprachprüfung. Nach wenigen Monaten musste sie zurück in ihre Heimat. Wie sie zu scheitern, davor hat Shijo oft Angst.

Dabei soll Welver ein Schonraum sein, die Generalprobe sozusagen, bevor es richtig losgeht, bevor die Priester in ihre Gemeinden kommen. Hier dürfen Fehler passieren, auch unangenehme. Wie vor einigen Jahren bei Praktikant Pradeep Alex: Eine wohlhabende Witwe aus dem Ort war gestorben. Der Sarg aus edlem Holz stand vor ihm, als Pradeep mit der Leichenrede begann: „Sie war Putzfrau“, war sein erster Satz. Blicke, Schmunzeln. Hatte er das wirklich gesagt? Putzmacherin, das war sie in Wirklichkeit, eine Hutmacherin. „Woanders wäre das schlimm gewesen“, sagt Aßheuer. „Aber hier wissen die Leute Bescheid.“ Auch ein „von Angeschiss zu Angeschiss“ während der Messe bringe in Welver keinen mehr aus der Fassung.

Komme was wolle, sei nie unpünktlich!

Anfangs war das anders, es wurde getuschelt und getratscht. Was sollen die hier? Können die das überhaupt? Aßheuer kümmerte es wenig: „Ich wollte nicht allein in einer 300 Quadratmeter Bude wohnen.“ Seine Bude, das ist ein altes Klostergebäude aus dem 17. Jahrhundert. Grauer Schiefer außen, Holzbalken innen. Hier sitzen sie immer mittags zusammen, die Praktikanten und er. Oft kramt der Pastor dann die Zeitung heraus. Er erklärt ihnen den Mindestlohn, die Flüchtlingskrise oder was in anderen Bistümern passiert. So wie vor einigen Wochen, als elf Priester aus dem Erzbistum Köln einen offenen Brief veröffentlichten: Sie seien vereinsamt, resigniert und müde. Aßheuer ist keiner, der jammert, er packt Dinge an. So fing es ja auch vor vier Jahren an, als er den ersten indischen Priester einlud; 15 waren es bislang.

„Jetzt bleibt uns noch zu sagen, / nach all den vielen Lernestagen: / Ihr Schüler aus ner anderen Welt, / habt Dank für Euer Wissen, das ihr uns gebt.“

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Ein großer Hof, die Mauern rot verklinkert, wie es in Welver viele gibt. Hier sollen Shijo und Joby am Nachmittag die Krankenkommunion spenden. Das Zimmer wurde vor ein paar Monaten leergeräumt, nur noch ein großes Pflegebett steht darin. Die Frau unter der Federdecke atmet schwer. „Wie ist das Klima?“, fragt Shijo, lächelt schüchtern. Orchideen wippen in der Heizungsluft. „Ist der Pastor krank?“, antwortet die Frau. „Das sind auch Priester“, flüstert ihr Mann. Shijo nimmt ihre Hände. Als er das Gebet beginnt, schließt sie ihre Augen. Das „cheilig sei dein Namme“, all die falschen Laute bekommt sie nicht mehr mit. „Vielen Dank, dass ich Sie besuchen durfte“, sagt Shijo zum Abschied. Es dämmert bereits, als er und Joby über die schmalen Landstraßen zurückfahren. Sie haben es eilig, die Abendmesse beginnt bald. Und eines haben sie hier gelernt: Komme was wolle, sei nie unpünktlich!

Bevormundung durch die Gemeinde

Kalte Nasen, das Rascheln von Jacken, leises Hüsteln, vieles von dem, was zum deutschen Gottesdienst gehört, muss den Indern fremd sein. 30 Grad hat es durchschnittlich in Kerala, ihrer Heimat. Kirchenbänke sind dort nur für Alte und Kranke da. Die anderen stehen oder sitzen auf dem Boden. Hinter dem Altar haben sich die Inder in einer Reihe aufgestellt, sie beugen sich, machen das Kreuzzeichen, alle Bewegungen synchron. Sie predigen an gegen knarzende Bänke und die Wintermüdigkeit der Gemeinde.

Aus dem Kirchenraum drängen die Leute. Elf waren es an diesem Abend. „Gut gemacht“, sagt eine ältere Frau im Anorak. Dank und aufmunternde Worte schlagen den Priestern draußen mit der kalten Luft entgegen. Dort stehen sie wie Kinder nach der Schulaufführung. Schütteln Hände, werden umarmt. Hier in Welver erlebt das klassische Bild des Pfarrers einen Wandel. Der Geistliche, die Autorität im Ort, stellte früher Regeln auf und hielt die Gemeinde zusammen. Jetzt kümmert sich die Gemeinde um die Priester. „Hier bin ich wieder Kind“, sagt Shijo. Breites Grinsen.

Dass es nicht immer leicht ist, bevormundet zu werden mit 36 Jahren, das würde er nie zugeben. Er beschwert sich nicht, dass ihm ein 16-Jähriger Nachhilfe gibt. Oder darüber, dass alle Tage durchgeplant sind, dass er nichts davon selbst bestimmen darf. „Es ist eine Ausbildung“, sagt er immer dann, wenn ihm etwas unangenehm ist. Auch dazu, dass er sein Bett machen muss und die Wohnung sauber halten. Wie man putzt oder bügelt, musste er erst lernen. In Indien erledigten das Bedienstete.

Die verpatzte Fahrprüfung

Mit den ersten Frühlingstagen, der warmen Luft und den Krokussen kehrt Ruhe ein in Welver. Es ist Fastenzeit. Einige Wochen ist es nun schon her, dass Shijo an Karneval mit den Dorfbewohnern schunkelte, mit blonder Perücke und Umhang. Als Heidi Gerdes die letzte Strophe der Büttenrede vorlas, strahlte er und stimmte mit ein:

„Ein dreifaches Welver – Helau /

Indische Pastöre – Helau /

Cäcilia – Helau.“

Einige Wochen ist es auch her, dass Shijo in das Fahrschulauto stieg, mit Schuhen an den Füßen und dem Fahrprüfer auf der Rückbank. „Am Birnbaum“, „Im Hufeisen“, er steuerte durch die schalen Dorfstraßen, parkte ein. Kein abruptes Bremsen. Alles lief gut. Nur noch wenige Meter, er konnte ihn schon sehen, den Wegweiser Richtung TÜV, als es passierte: Beim zweispurigen Abbiegen lenkte er zu weit ein, kam auf die falsche Fahrbahn. Durchgefallen. Zum zweiten Mal.

Schlittschuhlaufen im Discolicht

Es ist ein Abend im März, Shijo sitzt auf einem Bänkchen in der Eishalle im Nachbarort. Messdienerausflug. Zwei Monate bleiben ihm noch in Welver. Dann ist Ostern, das Fest der Auferstehung, das Fest der Freude. Dann wird sich entscheiden, wie alles weitergeht. Ein drittes und letztes Mal wird er zur Fahrprüfung antreten, den Sprachtest ablegen. Schafft er beides, wird Shijo in eine andere Gemeinde gehen, er wird sich von Joby und Nelson verabschieden müssen und von Pastor Aßheuer, der ihm in Rom das Kolosseum zeigte. Neun Jahre könnten es dann werden, in denen er seine Familie und Geschwister nur für ein paar Wochen im Urlaub sieht. Was passieren wird, wenn er scheitert, daran will er heute nicht denken.

Er reißt an den Schnürsenkeln, schnürt und zieht, aber die Schlittschuhe wollen nicht passen. An der Ausgabe haben sie nach seiner Größe gefragt, 44? oder 45? „45!“, antwortete er einfach, obwohl er seine deutsche Größe nicht weiß. Jetzt wackelt er los, mit rudernden Armen und losen Schuhen. Zur Eisfläche, wo die Dorfjugend im Diskolicht kreist. „So schnell“, sagt Shijo, und schon schiebt ihm einer der Messdiener einen Plastikpinguin vor die Füße. Er versucht ein paar Schritte, die Kufe verhakt sich, er fällt. Zwei Jungen heben ihn nach oben. „Alles gut“, sagt Shijo, klopft die Hose ab. „Immer weitermachen.“

Quelle: F.A.S.
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