70 Jahre Bundesverdienstkreuz

Wenn der Staat Danke sagt

Von Thomas Jansen
19.09.2021
, 09:35

              19. September 1951: Bundespräsident Heuss ehrt Franz Brandl mit dem Bundesverdienstkreuz.
Am 19. September 1951 überreichte Bundespräsident Theodor Heuss das erste Bundesverdienstkreuz – an den Bergmann Franz Brandl. Der wurde danach zu einer Berühmtheit im Land.

Völlig ahnungslos soll er gewesen sein, der Bergmann Franz Brandl aus Nentershausen, als er über die Türschwelle der Villa Hammerschmidt trat. Nur so viel wusste der Heimatvertriebene aus dem Sudetenland, wenn man den Berichten glauben darf: Er sollte dem Bundes­präsidenten vorgestellt werden, Theodor Heuss. Eingefädelt hatte das sein Bundestagsabgeordneter, der SPD-Politiker Adolf Arndt, in dessen Wahlkreis Hersfeld Brandl wohnte. Im Amtssitz des Staatsoberhaupts kam es dann zum präsidialen Coup: Heuss überraschte Brandl mit dem Bundesverdienstkreuz.

Es war das erste Mal, dass ein Bürger mit dem neuen Verdienstorden der Bundesrepublik ausgezeichnet wurde. Und vermutlich das letzte Mal, dass jemand zum Bundespräsidenten kam, ohne ­vorher davon zu wissen. Man schrieb den 19. September 1951. Die junge deutsche Demokratie beging ihren zweiten Geburtstag.

Das erste der rot emaillierten Blechkreuze ging an einen Lebensretter: Am 25. November 1950 hatte Brandl in einem Schacht des Kupfererzbergwerks in Sontra sein eigenes Leben riskiert, um zwei Kumpel in 300 Metern Tiefe vor einbrechenden Wassermassen in Sicherheit zu bringen. Dabei hatte er einen völlig entkräfteten Kollegen durch das Wasser geschleppt, das ihm stellenweise bis zum Hals stand.

Beeindruckt zeigte sich der 25 Jahre alte Bergmann nach der Verleihung aber vor allem von der Aura des Staats­oberhaupts: „Ich konnte mit dem Herrn Bundespräsidenten sprechen wie mit meinem Vater“, zitierte ihn das Hamburger Abendblatt auf der Titelseite. „Das Lied des braven Mannes“ stand darüber. Der Bergmann Franz Brandl avancierte zu einer Berühmtheit im Land, der erste Held mit dem staatlichem Gütesiegel der jungen Demokratie.

Rund 261.000 Bundesverdienstkreuze

„Ein Staat muss Danke sagen können“: So hatte Theodor Heuss begründet, warum die Bundesrepublik einen Verdienstorden brauche. Das war sechs Jahre nach Kriegsende nicht selbstverständlich. Mit dem „Ehrenkreuz der Deutschen Mutter“, der „Germanischen Leistungsrune“ oder dem „Kriegsverdienstkreuz“ hatten die Nationalsozialisten manchem Deutschen die Lust auf Orden gründlich vergehen lassen. Heuss hielt einen Verzicht auf staatliche Auszeichnungen dennoch für unklug. Er wollte es anders machen als die Weimarer Republik es handhabte: Die erste deutsche Demokratie hatte ganz auf staatliche Verdienst­orden verzichtet, weil man Orden für ein Relikt des Kaiserreichs hielt.

Verliehen werden soll das Bundes­verdienstkreuz „für Leistungen, die im Bereich der politischen, der wirtschaftlich-sozialen und der geistigen Arbeit dem Wiederaufbau des Vaterlandes dienten, und soll eine Auszeichnung all derer bedeuten, deren Wirken zum friedlichen Aufstieg der Bundesrepublik Deutschland beiträgt“. So steht es im Erlass über die Stiftung des Verdienstordens für die Bundesrepublik Deutschland vom 7. September 1951. Heute können laut den Richtlinien überdies „alle besonderen Verdienste um die Bundesrepublik Deutschland“, gewürdigt werden.

Einsteigermodell: die Fußballer Gerd Müller (links) und Sepp Maier mit dem Verdienstkreuz am Bande
Einsteigermodell: die Fußballer Gerd Müller (links) und Sepp Maier mit dem Verdienstkreuz am Bande Bild: Imago

Rund 261.000 Bundesverdienstkreuze sind in den vergangenen 70 Jahren unter das Volk gebracht worden, in den verschiedenen Stufen von der Verdienstmedaille und dem Bundesverdienstkreuz am Bande, den Einsteigermodellen für alle, die zum ersten Mal ausgezeichnet werden, über das Große Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband bis hin zur Sonderstufe des Großkreuzes, die nur an ausländische Staatsoberhäupter und deren Ehepartner verliehen wird und den Bundespräsidenten als Amtsinsignie dient.

Dabei ist die Zahl der dekorierten Bürger stark zurückgegangen, im Jahr 1991 waren es noch 5000, im Jahr 2020 nur noch 1250. „Der Orden ist in den vergangenen Jahren exklusiver geworden“, sagt Heiko Holste, der Leiter der Ordens­kanzlei im Bundespräsidialamt in Berlin. Neun Mitarbeiter beschäftigen sich hier mit den Vorschlägen für das Bundesverdienstkreuz, die von den Staatskanzleien der Länder eingereicht werden. Sie achten darauf, dass die Staatskanzleien bei der Beurteilung der Verdienste bundesweit einheitliche Maßstäbe anlegen.

Wenn die Geschichte gerecht ist und lächelt

Das Bundesverdienstkreuz habe sich zu einem „Bürgerorden“ gewandelt, sagt Holste. „Früher bekamen bestimmte Funktionsträger wie Minister, Verbandsvorsitzende und viele Beamte automatisch einen Orden. Damit hat Roman Herzog in seiner Amtszeit Schluss gemacht.“ Seither stehe die Auszeichnung von ehrenamtlichem Engagement im Vordergrund. Das spiegelt sich auch in der Statistik wider: Im Jahr 2019 ent­fielen nach Angaben des Bundespräsidialamts 37 Prozent der Ordensverleihungen auf den sozialen Bereich, 13 Prozent auf den kulturellen Bereich, elf Prozent auf die Kommunalpolitik und acht Prozent auf den Sport.

Persönlich verleiht der Bundes­präsident jedes Jahr nur eine Handvoll Bundesverdienstkreuze. Die meisten werden von Bürgermeistern und Land­räten überreicht. Garniert wird die Ehrung gerne mit einem Zitat des ersten Bundeskanzlers: „Eine Ordensver­leihung, das ist, wenn die Geschichte gerecht ist und lächelt“, hatte Konrad Adenauer einmal gesagt.

Das Bundesverdienstkreuz hat sich zu einem „Bürgerorden“ gewandelt: Dem Schwalbenschützer Rudi Apel wurde in diesem Frühjahr eins verliehen.
Das Bundesverdienstkreuz hat sich zu einem „Bürgerorden“ gewandelt: Dem Schwalbenschützer Rudi Apel wurde in diesem Frühjahr eins verliehen. Bild: dpa

Gelächelt wird seit nunmehr 70 Jahren zuverlässig, wenn jemand das Bundesverdienstkreuz in die Kamera hält. Aber so ganz gerecht geht es dabei nicht zu, jedenfalls nicht geschlechtergerecht. Nähme man allein die Ordensverleihungen zum Maßstab, wäre die Bundesrepublik ein Staat, in dem Verdienstvolles vor allem von Männern geleistet wird. Von den 1250 Verdienstkreuzen, die 2020 verliehen wurden, ging nach Angaben des Bundespräsidialamts nur rund ein Drittel an Frauen (402). Noch in den neunziger Jahren hatte der Frauenanteil teils unter 20 Prozent gelegen.

Braucht also auch das Bundesverdienstkreuz eine Frauenquote? Bundespräsident Karl Carstens hatte 1983 ohne Erfolg festschreiben lassen, „Verdiensten bei Tätigkeiten, die nach der Lebenserfahrung vor allem von Frauen ausgeübt werden“, sei „besondere Beachtung zu schenken“. Johannes Rau sagte im Jahr 2001 mit Blick auf eine Erhöhung des Frauenanteils, man könne es sich nicht leisten, „ein großes Ordensdetektivbüro aufzubauen und mit Rasterfahndung alle Ordenswürdigen im Lande aufzuspüren“. Er appellierte an die Bürger, „die Augen offen zu halten“. Das war seinem Nachfolger Horst Köhler zu wenig. Er hielt die Staatskanzleien 2006 dazu an, fortan mindestens 30 Prozent Frauen vor­zuschlagen.

Frauenanteil von 35 Prozent im Jahr 2020

Seither ist das Bundesverdienstkreuz, das in einer Herren- und einer Damenversion existiert, zwar weiblicher geworden. Überschritten wird das Köhlersche Minimum bis heute allerdings nur geringfügig: Ein Frauenanteil von 35 Prozent im Jahr 2020 war der Höchstwert. „Noch immer wird sehr auf jahrzehntelanges Engagement in Vereinsvorständen und Gremien abgestellt, in denen Männer überwiegen“, sagt der Leiter der Ordenskanzlei. Bei Frauen sei das Engagement „oft stärker von der konkreten Lebens- und Familiensituation geprägt; sie leisten mehr ad hoc und sind weniger auf Posten und Funktionen ausgerichtet“.

Franz Brandl war zwar ein Mann, er gehörte aber dennoch einer Minderheit an: Er war gerade einmal 25 Jahre alt, als er das Bundesverdienstkreuz am Bande bekam. Eigentlich ist dafür ein Mindestalter von 40 Jahren vorgesehen. Damit blieb Brandl bis heute eine Ausnahme. Im Jahr 2019 waren nach Angaben des Bundespräsidialamts nur 14 Ausgezeichnete jünger als 40 Jahre alt, 83,5 Prozent hingegen älter als 60 Jahre.

Franz Josef Strauß verleiht Kultusminister Hans Maier 1983 das Bundesverdienstkreuz.
Franz Josef Strauß verleiht Kultusminister Hans Maier 1983 das Bundesverdienstkreuz. Bild: Werek

Wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, ein Bundesverdienstkreuz zu bekommen, hängt aber auch vom Wohnort ab. Das Gros der Kandidaten vorschlagen dürfen die Ministerpräsidenten der ­Länder. Die sind wiederum auf An­regungen von Bürgern angewiesen. Deren Erfolgsquote ist hoch: die nordrhein-westfälische Staatskanzlei etwa bekam im vergangenen Jahr 415 Anregungen und lehnte nur 46 ab.

Aber die Zahl der Anregungen ist in den Bundesländern sehr unterschiedlich. „Es gibt ein Süd-Nord und ein West-Ost-Gefälle“, sagt der Leiter der Ordenskanzlei. „Die norddeutschen Bundesländer schlagen proportional zur Bevölkerung deutlich weniger Bürger für ein Verdienstkreuz vor als die süddeutschen Bundesländer.“ Dabei spiele wohl auch die traditionelle hanseatische Reserviertheit gegenüber Orden eine Rolle. Das berühmteste Beispiel ist Helmut Schmidt, der das Bundesverdienstkreuz mehrmals ablehnte. Seine Begründung: Er habe nur seine Pflicht getan. Bremen etwa hat in den vergangenen zehn Jahren nach Angaben der dortigen Senatskanzlei nur 61 Personen vorgeschlagen. Der Grundsatz „Ein Bremer nimmt keinen Orden an“ gehöre heute allerdings „eher zum historischen Brauchtum“, heißt es dazu aus der Senatskanzlei. In den ostdeutschen Bundesländern könnte der Grund für die Zurückhaltung „die Ordensflut in der DDR sein“, sagt Heiko Holste.

Udo Lindenberg trägt im Schloss Bellevue das Bundesverdienstkreuz, das ihm zuvor vom Bundespräsidenten Steinmeier verliehen wurde.
Udo Lindenberg trägt im Schloss Bellevue das Bundesverdienstkreuz, das ihm zuvor vom Bundespräsidenten Steinmeier verliehen wurde. Bild: Picture Alliance

Brandl war Bergmann und gelernter Maschinenschlosser. Ein durchschnitt­licher Bundesverdienstkreuzträger ist er damit nicht. „Heute sind es vor allem Angehörige etablierter Kreise, die für ihr Engagement geehrt werden“, sagt der Politikwissenschaftler Knut Bergmann. „Viele, die sich basisnah, beispielsweise in der Selbsthilfe, engagieren, kommen nicht auf die Idee, jemanden vorzuschlagen“, so Bergmann, der sich mit dem Thema Staatsrepräsentation beschäftigt. Hinzu komme der sogenannte Matthäus-Effekt: Wer hat, dem wird gegeben. „Bei einem Nobelpreisträger ist es selbstverständlich, dass er ein Bundesverdienstkreuz bekommt. Bis das einem Drei-Sterne-Koch für seinen Beitrag zur Kultur zuteil wurde, hat es lange gedauert“, sagt Bergmann. Das ist aus seiner Sicht bedenklich. Wenn das Bundesverdienstkreuz überproportional oft an die „üb­lichen Verdächtigen“ verliehen werde, „besteht die Gefahr, dass sich der motivierende Effekt abnutzt“.

Die braune Vergangenheit

In jedem Fall bekommen viele, die es verdient hätten, kein Bundesverdienstkreuz. Allerdings bekamen es auch manche, die es nicht verdient haben. Die braune Vergangenheit holte auch den Verdienstorden der Bonner Republik bald ein. Seit 1964 lässt das Bundespräsidialamt alle Vorgeschlagenen daraufhin prüfen, was sie in der Zeit des Nationalsozialismus getan haben. Damals hatte Bundespräsident Heinrich Lübke dem Unternehmer Heinrich Bütefisch, der unter anderem im Aufsichtsrat der Ruhrchemie AG saß, mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Als bekannt wurde, dass Bütefisch 1948 in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen als Führungskraft der I. G. Farben wegen „Ausbeutung der Arbeit von KZ-Insassen“ zu sechs Jahren Haft verurteilt worden war, entzog Lübke Bütefisch das Bundesverdienstkreuz. Es war das erste, aber nicht das letzte Mal, dass der Verdienstorden wegen einer braunen Vergangenheit entzogen wurde.

Es ist eine Sache, das Bundesverdienstkreuz zu bekommen. Eine andere, es auch zu tragen. „In Frankreich ist es selbstverständlich, dass ein Mitglied der Ehrenlegion das Abzeichen am Revers trägt. Bei uns ist das die Ausnahme“, sagt der Politikwissenschaftler Bergmann.

Franz Brandl hielt es hier mit den Franzosen: Er trug die Miniatur seines Bundesverdienstkreuzes stets am Revers seines Sakkos. So berichtet es seine Tochter Ilona Schelhas. Viel Aufhebens um das Bundesverdienstkreuz habe er jedoch nicht gemacht. „Er wollte sich nicht großtun“, sagt Schelhas der F.A.Z. „Zu Hause war das genauso wie die Kriegsgefangenschaft ein Tabuthema. Mein Vater hat nie darüber gesprochen“, erinnert sich die 65 Jahre alte Rentnerin. Auf gutes Zureden ihrer Mutter habe er aber Einladungen ins Fernsehen und andere Termine angenommen. Einen Ehrenplatz hatte das Bundesverdienstkreuz im Hause Brandl nicht: Ihr Vater habe es in einer Schublade aufbewahrt, berichtet Schelhas. „Aber das ein oder andere Mal rausgeholt hat er es wohl doch.“ Schließlich habe er in späteren Jahren um ein Duplikat gebeten. „Sein Bundesverdienstkreuz sei schon so abgegriffen, hat er dem Präsidialamt geschrieben.“

Das Duplikat hütet die Tochter bis heute. Das Original hat sie dem Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn geschenkt. Dort fristete es zuletzt ein museales Schattendasein. Besucher der Dauerausstellung bekamen nur ein geschlossenes blaues Etui mit Bundesadler zu Gesicht, nicht das ­Bundesverdienstkreuz selbst. Präsentiert wurde in der Glasvitrine lediglich der Orden „Pour le mérite“ für Wissenschaft und Künste. Rechtzeitig zum 70. Jahrestag am Sonntag ist auch Franz Brandls Orden wieder zu sehen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Jansen, Thomas
Thomas Jansen
Redakteur in der Politik.
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