Familie in Zeiten der Pandemie

Dieses neue Vatergefühl

Von Katja Gelinsky
02.12.2021
, 14:45
Väter, die gewachsen sind:  Mann mit  Kind im Buggy im Oktober im Berliner Regierungsviertel
Corona ist für Familien eine Belastung. Manche Männer aber bringt die Pandemie auch dazu, eine aktivere Rolle zu suchen. Macht die neue Lebenssituation aus Männern vielleicht sogar bessere Väter?
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Marco hat in der Corona-Pandemie seine Stelle als Fahrer verloren – und seine Stellung als Ernährer der Familie. Die übernahm seine Frau; sie ist Bürokauffrau. Marco kümmerte sich den ganzen Tag um den zweijährigen Sohn; das Kind erhält in normalen Zeiten Frühförderung. Seine Frau sei nach ihrem anstrengenden Arbeitstag kaputt gewesen, erzählt Marco in einem Interview. „Bis spätabends war ich mit dem Kind beschäftigt.“

Klingt nach einer weiteren der vielen Corona-Stress-Geschichten. Doch dann die Überraschung: „In einer ruhigen Minute, wenn mich keiner sieht, springe ich manchmal noch vor Freude in die Luft“, berichtet Marco. Der Mann mit eckiger Brille im grauen Sweatshirt lächelt vorsichtig, dann ein bisschen mehr: „Dass ich das geschafft habe, was ich immer wollte – ein besserer Vater zu werden, als mein Vater es gewesen ist!“

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Andere Väter, deren Corona-Erfahrungen ebenfalls unlängst auf einer Tagung der „Landesarbeitsgemeinschaft Väterarbeit in NRW“ in Video-Einspielern vorgestellt wurden, äußern sich nicht ganz so enthusiastisch. Aber im Ergebnis stimmten die Männer – Krankenpfleger, Beamte, Handwerker und Architekten – Marco zu: Die Pandemie habe sie zu engagierteren, sensibleren Vätern gemacht. Es ist die Art Erfahrung, wie die Landesarbeitsgemeinschaft Väterarbeit sie fördern will; die LAG ist ein Zusammenschluss von etwa einem Dutzend Organisationen und Vereinen, der sich, unterstützt vom Land, dafür einsetzt, dass Väterpolitik stärker als gesellschaftliche Querschnittsaufgabe wahrgenommen wird.

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„Ich bin als Vater richtig gewachsen“, fasst beispielsweise Heiko, ein angestellter IT-Fachmann und Vater von zwei Kindern im Alter von zwei und fünf Jahren, im Video-Interview seine Corona-Erlebnisse zusammen. Nicole, Mutter eines elf Jahre alten Sohnes mit Down-syndrom, die mit einem Hochschulprofessor verheiratet ist, bestätigt: „Für meinen Mann hat sich das Elternsein verändert.“ Er habe im Lockdown „viel mehr gemerkt“, wie es seinem Sohn und ihr bei der Betreuung des Jungen gehe.

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Fachleute für gesellschaftliche Trends wie Jan Braukmann, Projektleiter beim Analyse- und Beratungsunternehmen Prognos, sprechen von einem „Perspektivwechsel auf Kinder und Familie“, den Männer erlebt hätten. Auch wenn die Pandemiezeit mit ihren Restriktionen und Ungewissheiten als sehr belastend empfunden worden sei, hätten sich damit zugleich Chancen für eine aktivere Vaterrolle ergeben, so Braukmann in seiner Tagungspräsentation. Corona habe Männern, die im Lockdown mit der Familie oder allein mit den Kids zu Hause ausharren mussten, die Augen geöffnet, wie anstrengend und zeitraubend Kinderbetreuung und Haushalt sind.

Auch für vermeintlich moderne Väter war diese Erkenntnis nicht selbstverständlich: „Die Männer in meinem Freundeskreis haben sich zum Teil ganz schön umgucken müssen, wenn ihre Partnerinnen während des Lockdowns sagten, dass sie sich nicht um die Kinder kümmern könnten, weil sie selbst schon die nächste Videokonferenz hätten“, berichtet Julia, Syndikusanwältin und Mutter von zwei Kindern im Alter von drei und fünf Jahren.

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Debatte über eine neue Vätergeneration

Ihr Mann, David, der eine Webagentur leitet, spricht von „sehr grenzwertigen Erfahrungen“. Seine Frau habe montags, dienstags und donnerstags jeweils zehn Stunden gearbeitet, er selbst mittwochs, freitags und sonntags. „Und samstags haben wir den Haushalt gemacht.“ Trotzdem war da immer wieder das ungute Gefühl: „Man wird niemandem, auch sich selbst nicht gerecht.“ Damit es möglichst fair zugeht, haben David und Julia zwischenzeitlich sogar Buch geführt, wer was in welcher Zeit macht. „Das mag vielleicht komisch klingen“, sagt der Agenturleiter, „aber nur so bekommt man ein Gefühl dafür, wie aufwendig Familienarbeit ist. Das läuft eben nicht einfach so nebenbei.“

Sind Männer wie David und Marco beispielhaft für eine neue Vätergeneration? Für Männer, die in der Corona-Krise gelernt haben oder jedenfalls darin bestärkt wurden, aktive Vaterschaft zu praktizieren und Familien- und Berufsleben partnerschaftlich zu organisieren? Waren die Schlagzeilen zur „Retraditionalisierung“ der Rollenverteilung also blinder Alarm? Von den meisten bisherigen Untersuchungen wird die Hypothese der Soziologin Jutta Allmendinger, Corona habe mühsam errungene Fortschritte bei der fairen Verteilung von Familienarbeit zunichtegemacht, nicht gestützt. Aber es wird weiter heftig debattiert. Vermutlich ist es schon wegen der immer neuen Corona-Wellen noch zu früh für gesicherte Aussagen.

Das Ein-Verdiener-Modell verliert an Bedeutung

Zudem ergeben die bisherigen Erhebungen zum Engagement von Vätern häufig kein eindeutiges, zum Teil sogar ein widersprüchliches Bild, wie Braukmann auf der Tagung zusammenfasste. Einerseits ist die Aufgabenteilung während der Pandemie in 20 Prozent der Familien ungleicher geworden. Genauso groß ist aber der Anteil jener Paare, die Kinderbetreuung und Haushalt partnerschaftlicher organisiert haben. Gerade Väter mit geringer Bildung und niedrigem Einkommen haben sich stärker beteiligt. 47 Prozent der Eltern, die Kinderbetreuung und Haushalt gemeinsam stemmten, bewerten den Wandel weg von den traditionellen Elternrollen als positiv. Und 55 Prozent der Väter versichern, dass sie etwa die Hälfte der Kinderbetreuung übernehmen möchten. Nur: Wieso tun sie es dann nicht? „Wunsch und Wirklichkeit bei Männern, die angeben, aktivere Väter sein zu wollen, stimmen oft nicht überein“, konstatiert der Prognos-Analyst.

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Außerdem sind da noch die Männer – immerhin 45 Prozent –, die offenbar zufrieden damit sind, dass sich ihre Frauen und Partnerinnen größtenteils um die Kinder kümmern. Über diese „Traditionalisten“ weiß man bislang wenig. Auch Umfragen brachten kaum Erkenntnisse, welchen Milieus Väter mit traditionellen Familienvorstellungen zugeordnet werden können, berichtet Braukmann. Ermutigend findet er, dass Unternehmen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf mittlerweile sehr wichtig nähmen: „In mehr als jedem zweiten Unternehmen haben familienbewusste Maßnahmen nun einen höheren Stellenwert als vor der Corona-Krise.“

Jedoch: Dass das Ein-Verdiener-Modell an Bedeutung verliert, liegt bislang hauptsächlich an den Müttern, die mehr als früher arbeiten. Väter dagegen halten nach wie vor überwiegend an ihrer traditionellen Vollzeitbeschäftigung fest. Die Frage, wo man hinwill bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, wird von Müttern und Vätern in der Praxis also noch sehr unterschiedlich beantwortet.

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Aber Fachleute für Väterförderung und -bildung wie Hans-Georg Nelles sind optimistisch, dass die Erfahrungen in der Corona-Pandemie dazu beitragen werden, dass der Wunsch nach aktiverer Vaterschaft sich irgendwann auch im Erwerbsleben niederschlägt. Nelles ist Vorsitzender der LAG Väterarbeit, Sozialwissenschaftler und Vater von drei erwachsenen Kindern, der unter anderem Unternehmen zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie berät. Erhebungen, wonach Väter während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 durchschnittlich zweieinhalb Stunden mehr Zeit am Tag mit ihren Kindern verbracht haben – was einer Steigerung von fast 90 Prozent entspricht –, machen ihn zuversichtlich: „Die Männer spüren, dass sich durch gemeinsame Zeit die Beziehung zu ihren Kindern ändert.“ Allerdings war das Niveau aktiver Vaterschaft vor Corona mit nicht einmal drei Stunden Betreuungszeit täglich kläglich niedrig. Außerdem haben die Mütter, die sich ohnehin schon deutlich mehr um die Kinder kümmerten, ihren Anteil an der Betreuung im Lockdown gegenüber den Vätern noch einmal erhöht.

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Immerhin, die Väter haben in der Pandemie aufgeholt. Aber wird sich dieser Trend fortsetzen? Anna Buschmeyer, zuständig für Genderfragen am Deutschen Jugendinstitut München, ist skeptisch: „Alle sind froh, wenn Corona endlich vorbei ist. Das Gefühl, es sei schön, mehr Zeit mit der Familie zu verbringen, hat mit zunehmender Dauer der Pandemie abgenommen.“ Prognos-Experte Braukmann hält dagegen, Corona habe geholfen, Wünsche nach besserer Vereinbarkeit zu verwirklichen, vor allem dank Homeoffice. Wirklich? Schaut man sich die Statistik an, haben vor allem Männer mit gut bezahlten Bürojobs das Homeoffice nutzen können. Aber auch das hatte seinen Preis: „Es passiert eben doch, dass man schnell mal einen Videocall einschiebt und die Kids vor dem digitalen Babysitter parkt“, sagt Agenturchef. „Homeoffice und zugleich Kinderbetreuung geht einfach nicht.“ Genderexpertin Buschmeyer wird sogar „richtig wütend“, weil manche immer noch nicht verstanden hätten, dass sich Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht durchs Homeoffice erreichen lasse.

Nicht alle Väter sprechen offen über die neue Rollen

Welche Weichenstellung für mehr väterliches Engagement sind also nötig? Ein ganz wichtiger Hebel, um Väter zur Betreuung ihrer Kinder zu bewegen, sei die Einführung des Elterngeldes gewesen, sagt Braukmann. Angesichts der wachsenden Zahl von Männern, die zum Windelnwechseln eine berufliche Pause einlegen, spricht der Prognos-Analyst gar von einer „Kulturrevolution“. Schaut man sich jedoch die Dauer der Elternzeit an, hält sich das Engagement der Väter in engen Grenzen. Noch immer absolviert kaum ein Viertel der Männer mehr als das obligatorische Minimum von zwei Monaten, das erforderlich ist, um das Elterngeld in vollem Umfang zu bekommen. Wie sich die Elternzeit zeitlich ausgeglichener arrangieren lässt, darüber wird seit Langem gestritten. Viele, die in der Väterarbeit engagiert sind, fordern neben einer Reform des Elterngeldes weitere staatliche Hilfe. Früh müsse der Grundstein gelegt werden; deswegen werben Väternetzwerke in einer Petition an den Bundestag für eine zehntägige Freistellung aller Väter nach der Geburt bei voller Lohnfortzahlung. Und siehe da: Im gerade fertiggestellten Koalitionsvertrag der Ampel ist die Rede von einer Elterngeld-Reform und zwei Wochen „vergüteter Frei­stellung“.

Die schwierigste Aufgabe besteht aber wohl darin, Väter überhaupt zu erreichen. Schon die Suche nach gleichstellungsbewussten Männern, die als Vorbilder wirken könnten, ist mühsam. Wenn sich nur die „Cremeschnitten der Männer“ (so ein Tagungsteilnehmer) angesprochen fühlen, denen man ohnehin nichts über partnerschaftliche Familienarbeit erzählen muss, gerät man in eine Sackgasse.

Sobald es um das eigene familiäre Zusammenleben geht, sind natürlich auch Gefühle im Spiel. Aber viele Männer, so die Erfahrung der Väterberater, neigten traditionell dazu, wegzudrücken, was sie bewegt. Doch womöglich hat die Pandemie hier etwas bewirkt. Wie sagt Agenturchef: „Damit die Corona-Krise nicht zur familiären Krise wird, hilft nur eines: reden, reden, reden.“

Quelle: F.A.S.
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Katja Gelinsky
Wirtschaftskorrespondentin in Berlin
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