Nach der Flut in Ahrweiler

Die Weihnachtskugeln holte das Wasser

Von Tobias Schrörs
24.12.2021
, 15:28
Mit ihrem Sohn: Annette und Josef Klees packen Geschenke ein und verschicken sie an Helfer.
Die junge Familie Klees feiert Weihnachten in der Übergangswohnung. Das Haus in Ahrweiler ist noch eine Baustelle. Es war ein schweres Jahr.
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Annette Klees musste nicht lange über­legen, als eine Helferin sie fragte, ob sie noch Weihnachtsdekoration brauche: „Die haben wir nicht mehr, die war im Keller und ist weg.“ Die Flut holte sich auch die Weihnachtskugeln. Die Helferin schenkte der Familie neue Deko. Jetzt schmücken Lichterketten, Rentier und Filzanhängerchen die Übergangswohnung, einen Satz rote Kugeln haben die Klees auch bekommen.

Der jungen Familie Klees steht das erste Weihnachtsfest nach der Flut im Ahrtal bevor. „Eigentlich fühlt man sich nicht nach Weihnachten“, sagt Annette Klees. Ihr Mann Josef sagt, er hätte Lust, auf eine Palmeninsel zu fahren, um den ganzen Stress des Jahres hinter sich zu lassen. Aber daran ist nicht zu denken. An Heiligabend essen sie mit der Schwester und der Mutter von Annette Klees an einem langen Tisch in der Nachbarwohnung. Die steht leer, weil die Nachbarn schon wieder in ihr Haus nach Ahrweiler zurückgekehrt sind. Familie Klees muss noch länger auf den Tag warten, an dem sie endlich wieder nach Hause kann. Trotzdem soll es ein schönes Fest für die beiden Kinder werden, die in diesem Jahr das Zuhause und den Opa verloren haben, der im November gestorben ist.

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Die Versicherung will nicht zahlen

„Es ist wieder mal ein weiterer Tiefschlag dieses Jahr, der dazu führt, dass du in diesen Ich-muss-jetzt-Funktionieren-Modus kommst“, sagt Josef Klees. Der Schwiegervater kümmerte sich viel um die Baustellen, diese Hilfe haben sie jetzt nicht mehr. Die Elternzeit von Josef Klees ist vorüber, er arbeitet wieder, und seine Frau kümmert sich um die beiden Kinder, die drei und eins sind. Der Jüngste ist vormittags für zweieinhalb Stunden zur Eingewöhnung im Kinder­garten. In dem kleinen Zeitfenster muss Annette Klees viel erledigen, sie fährt die Baustellen ab, macht die Heizung im eigenen Haus an und leert in den Häusern der Mutter und der Oma die Bautrockner. Dann schnell noch Einkäufe machen, Helfer koordinieren und den Schriftverkehr mit der Anwältin regeln.

Licht im Dunkel: Der Weihnachtsbaum der Familie Klees.
Licht im Dunkel: Der Weihnachtsbaum der Familie Klees. Bild: Michael Braunschädel

Das ist notwendig, weil Familie Klees sich mit der Versicherung uneins ist. Die will nicht zahlen, weil sie einen Baumangel am Fundament des flutgeschädigten Hauses vermutet. Eine Anwältin berät die Familie nun unentgeltlich. „Solange das Fundament nicht gemacht ist, kann auch sonst nichts an dem Haus gemacht werden“, sagt Annette Klees.

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„Das Hochzeitsbuch hat sich selbst gerettet“

Seit Kurzem arbeitet Josef Klees wieder voll als Flugleiter auf dem Flugplatz Bonn-Hangelar, er hält den Funkkontakt mit den Piloten und sieht auf dem Flughafen nach dem Rechten. Auf gewisse Weise hilft ihm die Rückkehr zum Arbeitsrhythmus. Vorher, sagt er, habe er oft Albträume gehabt nach der Flut. „Das hat sich durch die Arbeit etwas relativiert.“ Er wache jetzt nicht mehr so oft nachts auf mit dem Gefühl, dass da Wasser unter dem Bett sei und er die Kinder retten müsse. In der Flutnacht verlor Familie Klees sieben Nachbarn. Hilfeschreie waren zu hören. Josef Klees hatte Todesangst mit seiner Familie. Seine Frau beschreibt, wie ständig Sachen gegen das Haus krachten, Autos, Bäume, Gastanks. „Dong“ habe es gemacht, wenn sie gegen die Eisenschutzgitter an den Fenstern unten stießen. „Das hat sich jedes Mal angehört wie ein Glockenschlag.“

Als das Wasser kam, konnte Josef Klees noch ein paar Habseligkeiten retten. Eine Sache blieb ohne sein Zutun vom Wasser verschont. „Das Hochzeitsbuch hat sich selbst gerettet“, sagt seine Frau. Das Buch lag noch auf dem Küchentisch, weil sie es dort vergessen hatte. Die kleine Tochter habe am Abend, bevor das Wasser kam, darin blättern wollen. In der Nacht schwamm die Tischplatte hoch, das Buch blieb trocken.

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Wie in einer Telenovela

In diesem Jahr musste Familie Klees viel ertragen. Die Erlebnisse der Flutnacht, der mühselige Aufbau, die Sache mit der Versicherung, die Trauer um den Vater von Annette Klees. „Es ist ein bisschen wie in einer Telenovela, wo ich früher immer gedacht habe: Das ist so unlogisch, was denen alles passiert“, sagt Annette Klees. Aber nach diesem Jahr habe sie das Gefühl, selbst in einer Telenovela zu sein. „Es kommt immer noch ein Schippchen drauf.“

Der Vater fand auf dem Friedhof am Ahrtor in Ahrweiler die letzte Ruhe. Das ist ein kleiner Trost in der großen Trauer. Das Bild der Verheerung, das der Friedhof im Sommer bot, traf viele ins Mark. Autos lagen dort herum, umgestürzte, im Schlamm versunkene Grabsteine. Eine apokalyptische Szenerie. Nun ist der Friedhof so weit hergerichtet, dass die Beerdigung dort möglich war. Familie Klees kennt den Seelsorger gut, der den Großvater beerdigte. Es ist Jörg Meyrer, der Pfarrer von Bad Neuenahr-Ahrweiler.

Die Hoffnung, dass alles gut wird

Der Pfarrer musste auch viele Flutopfer beerdigen, Trauer liegt über dem Ahrtal. Meyrer macht sich Gedanken dar­über, was er an Silvester in der Kirche sagen soll. „Jahresrückblicke sind in diesem Jahr ja nur grauenhaft“, sagt er. Zu einem Jahresrückblick gehörten in gewöhnlichen Jahren der Dank, das Erinnern an Höhepunkte, das Gebet für die Verstorbenen. Im Gottesdienst versuche man in der Regel auch, die schwierigen Dinge zu benennen, sagt Meyrer. „Aber das ist halt in diesem Jahr ziemlich viel.“

Zumindest am Fenster kommt etwas Weihnachtsstimmung auf.
Zumindest am Fenster kommt etwas Weihnachtsstimmung auf. Bild: Michael Braunschädel

In der Pfarreiengemeinschaft von Meyrer, zu der sieben Pfarreien gehören, wurden drei Pfarrkirchen und zwei Kapellen geflutet. Eine davon ist die Kirche am Marktplatz von Ahrweiler, die Gemeinde muss in eine andere Kirche ausweichen. Wegen der Predigt in der Heiligen Nacht macht Meyrer sich weniger Sorgen. „Für mich wird der Silvestergottesdienst eine größere Herausforderung als Weihnachten“, sagt er. An Weihnachten gehe es schließlich um Licht im Dunkel. „Von Ahrweiler und den Baustellen geht es, glaube ich, auf relativ kurzem Weg nach Bethlehem und zur Krippe“, sagt der Geistliche. „Diese Wege sind nicht weit.“ Das erste Weihnachten in Bethlehem sei schon nicht rührselig gewesen. Es sei nicht alles gut gewesen. Es gehe um die Hoffnung, dass alles gut werde.

Die Hoffnung werden Annette und Josef Klees nicht aufgeben. „Das Einzige, was uns am Laufen hält, ist die Hoffnung, dass es irgendwann wieder besser ist, wir wieder zurückkönnen und zur Ruhe kommen“, sagt Annette Klees. Ihr Mann drückt es so aus: „2021 war ein sehr dunkles Kapitel, und wir hoffen, dass wir im neuen Jahr mehr Licht sehen.“

In regelmäßigen Abständen berichtet ­Familie Klees aus Ahrweiler hier darüber, wie sie die Flutkatastrophe bewältigt. In Folge zwei ging es um die Taufe des kleinen Sohns und in Folge eins um die Anfänge der Sanierung des Hauses.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schrörs, Tobias
Tobias Schrörs
Politikredakteur.
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