Judith Holofernes im Porträt

Heldin des Eigensinns

Von Johanna Dürrholz, Elena Witzeck
29.04.2020
, 11:10
Judith Holofernes war nie weg. Sie macht nur vieles anders. Wie ein einstiger Popstar in der Corona-Zeit sein Künstlertum neu definiert.

Corona war es nicht, obwohl sie sich hat testen lassen, als Asthmatikerin wollte sie da lieber kein Risiko eingehen, und krank ist krank – jedenfalls ist Judith Holofernes noch ein bisschen blass. Aber das kann auch am merkwürdig pulsierenden Bildschirmlicht liegen, in das sie schaut. So sehen Interviews in dieser Zeit aus. „Ich hab euch in meine Zimmerpflanze gesteckt“, sagt sie und lacht. Halb von einem Blatt des Grüns verdeckt, sitzt sie in einem übergroßen lila Pullover in einem Arbeitszimmer unter dem Dach. Genauer hinsehen, es gibt ja doch einiges, was diese Gespräche über die Laptop-Kamera interessant macht: Da stehen Platten in Regalreihen, „Wir sind Helden“-Sachen natürlich. Dinge aus dem ersten Leben, dem Rockstar-Leben.

Schwierig ist die Präsenz des Virus auch auf anderen Ebenen, nicht nur bei Interviews: beim kreativen Arbeiten daheim, überhaupt: beim konzentrierten Arbeiten. „Es ist ganz schön besetzt“, sagt Holofernes und stützt den Kopf in die Hand. Es treibt einen um. Alltag kostet Energie. Wenn sie Glück hat, sind es zwei bis vier Stunden am Tag, die sie „vor sich hin künsten“ darf, so nennt sie das heute.

Dabei hat Judith Holofernes schon vor der Krise einiges anders gemacht. Im November hat sie ihren Rücktritt verkündet: nicht vom Musikmachen, sondern vom „Karriereaspekt des Holofernes-Seins“. Keine Aufnahme, kein Statement, keinen Post mehr, um es irgendjemandem recht zu machen. Den kreativen Impulsen folgen, nicht mehr den Ansagen irgendeines Managements. Das ist das Ideal vieler Künstler, ein Ideal, dem sie dank ihrer Vergangenheit des öffentlichen Holofernes-Seins, in dem sie gut verdient hat, näher kommt als viele andere.

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Judith Holofernes, wie überlebt die Popmusik die Quarantäne?

Auf der Plattform Patreon kann man die 43-Jährige jetzt abonnieren, für drei bis zehn Euro im Monat, je nach Engagement, eine Art Mini-Mäzenatentum für Musiker und andere Kreative, und der Zeitpunkt könnte nicht besser sein: sitzen ja eh alle daheim vor ihren Rechnern.

Jetzt schreibt die Mutter zweier Kinder zum Beispiel Meditationen, die Leute davon abhalten sollen, Jugendliche zu beschimpfen, die auf einer Parkbank unter vollständiger Missachtung des Sicherheitsabstands trinken. Oder sie gibt eine Video-Yogastunde für ihre Abonnenten, die Patrons. Oder sie plant ihre nächste Podcast-Folge, „Salon Holofernes“ heißt der, sie spricht darin mit Leuten wie der Choreographin Sasha Waltz. Oder sie organisiert einen Buchclub, in dem über Horror- und Fantasy-Literatur diskutiert wird: Nichts zum Wohlfühlen, aber „voll starker Reize“. Um wirklich zu fesseln, um uns aus unseren rauschenden Köpfen zu holen, findet Holofernes, müssen die Dinge gerade gnadenlos unterhaltsam sein. Die Ideen kommen beim Spazierengehen oder Aus-dem-Fenster-Schauen. Dann fühlt sie sich der Welt da draußen verbunden. Der Welt, die gleichsam stillsteht und sich weiterdreht, drehen muss.

Vor knapp zwanzig Jahren stand sie auf Bühnen und sang Gedanken, die bis dahin wenig Platz in der deutschen Popmusik hatten. „Wir sind Helden“ hieß die Band, und Judith Holofernes war ihr Gesicht und ihre Seele. Dafür wollte sie – zum Glück – nicht irgendeinem Duktus schöner Pop-Sängerinnen entsprechen, sie wollte sich weder irgendwie kleiden noch zurechtmachen, noch tanzen. Immerhin war es die Zeit, in der Bands wie die Sportfreunde Stiller oder Madsen in den Charts ganz oben standen, mit ihren Kapuzenpullis und kaputten Turnschuhen, die Zeit, in der ganze Abiturklassen zu Festivals wie „Rock am Ring“ oder dem „Hurricane“ fuhren, eine Zeit, in der ein Geschwader deutschsprachiger Gitarrenmusik-Bands die Konzerthallen füllte und Jugendliche zum Hüpfen brachte: ein Nachhall der von Tocotronic beschworenen Jugendbewegung, an der gar nicht so viele junge Menschen teilnahmen, weil sie in den nuller Jahren herzlich wenig hatten, wogegen sie hätten rebellieren müssen als Teil einer solchen Bewegung.

Was die „Helden“ dann anders machte als alle anderen, war die Protagonistenwahl. Judith Holofernes war eigentlich kein Popstar, sondern ein hell blinkender Stern in einer Boyband-Szene, in der es viel Buddy-Getue gab und noch mehr schlechte Songtexte, sei es die Reim-dich-oder-ich-fress-dich-Musik der Sportfreunde oder das angestrengte „Irgendwie hab ich Gefühle für ein Mädchen, aber ich kann es nicht richtig aussprechen, das wäre unmännlich. Aber dass ich nun überhaupt darüber singe, macht mich zu einem irre tief fühlenden Typen“ all der mittelmäßigen Indiebands.

Musikalisch passten Wir sind Helden da gut rein, hatten aber ihre Sängerin, die nicht hart sein wollte oder schrie, sondern eine weiche Stimme hatte und ausnehmend kluge Lyrics schrieb, die trotz ihrer Komplexität, trotz ihrer Kantigkeit und der vielen Referenzen nahbar war, für alle. Zwischen den Songs sprach sie ruhig, nie aufgekratzt, von dem, was sie beschäftigte: Freundschaft, Abhängigkeit, Selbstbestimmung, Leere. Darüber, was man besser oder wenigstens anders machen konnte in dieser Welt. Songs wie „Müssen nur wollen“ spielten mit der Fortschritt-durch-Leistung-Prämisse, alles wäre erreichbar, wenn man sich nur ausgiebig dafür anstrengte. „Aber wenn ich könnte, wie ich wollte, würd‘ ich gar nichts wollen, / Ich weiß aber, dass alle etwas wollen sollen“, sang Holofernes perlend leicht. Im Video stand die Band in einem Spielautomaten, und man konnte sie mit Kleingeld und per Knopfdruck zum Leben erwecken, zum Spielen aktivieren. Wer bei den „Helden“ vor der Bühne stand, und war es auch unter Tausenden schwitzenden Festivalbesuchern bei Rock im Park, fühlte sich, als vertraute sie einem in diesem Moment etwas ganz Intimes an. Das war der Holofernes-Zauber.

Dass sie den immer noch in sich trägt, bewies sie 2018 in der Vox-Serie „Sing meinen Song“. Einen Revolverheld-Song besser zu machen ist wahrlich keine Herkulestat, doch aus einem plumpen Wohlfühllied eine Liebeserklärung an Berlin zu schreiben, das ist eben etwas, das Holofernes sich aus dem Ärmel schüttelt, so wirkt es zumindest, mit leisem Witz und einem Feinsinn, der all ihren Texten eigen ist.

Ihre Gedanken können auch lauter, aggressiver sein. 2011 fragte die Werbeagentur Jung von Matt bei Holofernes und den „Helden“ an, ob sie nicht bei einer Kampagne für die „Bild“ mitmachen wollten. Querköpfe und Künstler Deutschlands sollten sagen dürfen, was sie wollten über die „Bild“. Thomas Gottschalk war dabei, Mario Barth machte mit, Richard von Weizsäcker, Veronica Ferres. Holofernes veröffentlichte ihre Absage an die Agentur und die „Bild“ in einem offenen Brief in der „taz“, in dem sie die „Bild“-Zeitung ein „gefährliches politisches Instrument“ nannte und der mit „Ich glaub, es hackt“ begann und schloss.

„Werde Mitglied meiner Müßiggang“

Die eigenwillige „Helden“-Denkart, der Holofernes-Humor, er ist noch da, auch heute, auf Patreon zum Beispiel. Ihre Beobachtungen. Ihr Spiel mit den Worten. Auf ihrer Patreon-Profilseite steht: „Werde Mitglied meiner Müßiggang.“ Wer die kluge Eigenartigkeit ihrer frühen Songs mochte, wird Holofernes auch jetzt, in ihrem Arbeitszimmer mit den Erinnerungen an ein Rockstar-Leben, der Zimmerpflanze und dem flauschigen lila Oversize-Pulli, gern beim öffentlichen Nachdenken zuhören.

Denn das ist es, was sie hier tut: laut denken. Ihre Gedanken mit ihren Anhängern teilen. Und, ganz wichtig: gemeinsam verhandeln. Die Idee, in eine Schutzzone, so nennt sie es, zu treten, in der sie die Menschen ganz nah an sich heranlassen kann, die hat ihr zugesagt und passte auch zu ihrem Abschied vom Popstar-Dasein: nicht mehr allen gefallen zu müssen. Keine Trolle, keine Hysterie. Welcher Troll würde schon monatlich Geld dafür hinblättern? Eben.

Im Herbst vergangenen Jahres kam die amerikanische Musikerin Amanda Palmer auf ihrer Europatournee durch Deutschland. Palmer, die keiner Konfrontation aus dem Weg geht, war früh offensiv auf Facebook, Twitter und Instagram unterwegs, hat dort selbst die Kommunikation geführt. Sie hat inzwischen ein ganzes Volk von Anhängern auf Patreon, die ihren Alltag begleiten und mit denen sie in engem Austausch steht. Ihre Konzerte bestehen nur noch zu einem kleinen Anteil aus Musik, der Rest ist gnadenlose Selbstoffenbarung. Am Ende heult im Schnitt der halbe Saal. Vor ihrem Auftritt in Berlin jedenfalls postete Palmer auf Facebook, sie sei noch auf der Suche nach einem Sofa, auf dem sie übernachten könne. So landete sie bei Judith Holofernes. Und die Idee vom bis in die letzte Faser unverfälschten Künstler festigte sich auch in deren Kopf.

Die grenzenlose Offenbarung des Künstlers

Palmer gehört zu einer Gruppe internationaler Künstler, die konsequent Ansprüche an ihre Makellosigkeit unterlaufen. Sie spricht offen über ihre Abtreibungen. Auch der australische Musiker Nick Cave setzt auf Interaktion mit den Fans: Er macht auf Veranstaltungen kollektive Trauerarbeit, er hat selbst einen Sohn verloren. Viele, die Ähnliches erlebt haben, berichten nach seinen Konzerten, wie es sie befreit hat, sich verstanden zu wissen. An so einem Abend liefern Musik und Inhalt die Zutaten der Verschmelzung zwischen Künstler und Fan.

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Cave hat eine Plattform gegründet, „The Red Hand Files“, auf der er Fragen seiner Fans beantwortet, auch zu Songtexten. Dass dort, wo die grenzenlose Offenbarung des Künstlers beginnt, auch seine Entmystifizierung ihren Lauf nimmt, wird verschmerzt: Wer seine Texte erklärt, wer beschreibt, welche Gedanken zu Metaphern geführt haben und in letzter Instanz zu Kunst, nimmt den Zuhörern einen Teil der Vorstellung vom Genialischen. Er raubt der Musik einen Teil ihres Raums. Macht den Künstler menschlicher. Angreifbar, fehlerbehaftet. Aber er bringt ihn nah.

Judith Holofernes vertraut darauf: „Meine Hoffnung ist, dass nach der Welle der Oberflächlichkeit und Selbstdarstellung die Welle der Authentizität kommen wird“, sagt sie. Noch ist ihr Netzwerk klein. Die Anzahl ihrer Patrons will sie nicht nennen. Es soll ja nicht mehr um Zahlen gehen. Aber die Verunsicherung, sagt Holofernes, treffe sie emotional nicht so sehr wie andere. Viele Künstler wollen jetzt wissen, was sie da tut. Die Krise zeigt ja auch, wie prekär das Musikerdasein schon ohne Krise sein kann. Es braucht kein Corona, um einmal krank zu werden, seine Tour absagen zu müssen – und die eigene Existenzgrundlage zu gefährden. „Vieles, was wir tun“, sagt Holofernes, „geschieht unter großem finanziellen Risiko.“ Vor allem, wenn keine Plattenfirma hinter einem steht. Ihr erstes Ziel war es, ihre Ausgaben zu decken, die Arbeit der Assistentin zu bezahlen: Sie hat ja kein normales Management mehr. Als Nächstes soll es darum gehen, mit ihrem Budget professionell Songs aufnehmen zu können. Und irgendwann dann soll auch was übrig bleiben.

Sind Crowdfunding-Plattformen die Zukunft?

Judith Holofernes lebt wohl vermutlich auch noch von ihren Tantiemen aus Helden-Zeiten. Sie kann es sich also leisten zu experimentieren. Künstler, die keine 20-jährige Popstarkarriere hinter sich haben, die ganz am Anfang stehen, haben diese Freiheit nicht.

Dennoch: Eine Künstlerplattform wie ihre, glaubt Judith Holofernes, die feinsinnige Optimistin, könne die Zukunft sein. Eine Rückbesinnung auf eine Handvoll Stars, die einem wirklich wichtig sind. Geht es dann noch um die Kunst als solche? Oder ging es eigentlich, Selbstdarstellerei hin oder her, immer genau darum: den Künstler als vielschichtiges Werk? Es wäre ein Experiment ganz nach „Helden“-Geschmack, wenn das Land sich seinen Künstlern mal wieder ganz verschreiben würde. Und es wäre kein schlechter Zeitpunkt. Die Arbeitszimmer standen noch nie so offen.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Duerrholz, Johanna
Johanna Dürrholz
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET
Autorenporträt / Witzeck, Elena
Elena Witzeck
Redakteurin im Feuilleton.
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