Freimaurer

Nicht ganz geschlossene Gesellschaft

Von Julian Dorn, Frankfurt am Main
19.10.2015
, 11:56
„Verschwörer“, „Okkultisten“, „Sektenmitglieder“: Freimaurer hatten über Jahrhunderte keinen guten Ruf. Heute öffnet sich der diskrete Bund der Öffentlichkeit.

Ganz in Blau ist der Saal gehalten, abgedunkelt mit Samtvorhängen. Deckenleuchten tauchen den Raum, der sonst von Kerzen erhellt wird, in warmes Licht. Am Ende des Saals, den die Brüder „Tempel“ nennen, führen drei Stufen zum „Tisch des Meisters“. Hinter ihm thront für gewöhnlich der „Meister vom Stuhl“, der Vorsitzende der Freimaurerloge. Während einer Zeremonie wird auf dem Parkettboden in der Mitte des Raums der blaue Arbeitsteppich ausgelegt, auf dem die Insignien und Symbole der Freimaurer abgebildet sind: Senkblei, Zirkel, Sonne, Mond und der salomonische Tempel.

Draußen vor der Tür verrät nur das Klingelschild, dass hinter der prunkvollen Sandsteinfassade einer wilhelminischen Stadtvilla im Frankfurter Bahnhofsviertel die Mitglieder der Freimaurerloge „Zur Einigkeit“ jeden Mittwoch zum Ritual und zur Diskussion zusammenkommen.

Die Freimaurerei ging im Mittelalter aus Steinmetzbruderschaften hervor, also den Vereinigungen der Kunsthandwerker (englisch „Freemasons“), die von dem Bau der Kathedralen lebten. Sie trafen sich in Logen, um ihr Brauchtum und ihr Fachwissen auszutauschen und zu konservieren. Um dieses Wissen vor der Konkurrenz zu schützen, verpflichteten sich die Handwerker zur Verschwiegenheit. Diskretion ist auch heute noch die Maxime der Freimaurer.

In der Frühzeit der bürgerlichen Gesellschaft zogen die Logen nach und nach auch Adelige und Bürgerliche an – unter ihnen Gelehrte, Kaufleute und Beamte. Offizielles Gründungsdatum der „modernen“ Freimaurerei ist der Zusammenschluss von vier englischen Logen zur „United Grand Lodge of England“ am 24. Juni 1717. Die Freimaurerei wird nun zu einer weltumspannenden Bruderkette, deren Mitglieder sich für die Abschaffung des Absolutismus, für Demokratie und die Anerkennung der Menschenrechte, das Ende der Sklaverei und moderne Nationalstaaten einsetzten. Berühmte Freimaurer waren etwa Friedrich der Große, sein Brieffreund Voltaire, George Washington und Kurt Tucholsky.

„Arbeit am rauhen Stein“

Noch heute verstehen sich die Brüder als Mitglieder eines humanistischen Bundes, der aufklärerische Grundwerte wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und Toleranz verficht. Seit vor rund 275 Jahren die erste Loge in Deutschland gegründet wurde, sind etliche hinzugekommen. Etwa 14.500 Freimaurer zählen die insgesamt 470 deutschen Logen heute. Alleine in Frankfurt gibt es sieben.

Lange handelten sie im Verborgenen, doch mittlerweile öffnen sie sich und machen ihr Wirken transparent. Diese Offenheit zeigt sich auch in der Loge „Zur Einigkeit“: Besucher sind willkommen, auch wenn man einem Ritual weiterhin nicht beiwohnen darf. Sind die Freimaurer unter sich, tragen sie schwarze Anzüge und weiße Handschuhe, um die Hüften haben sie den Maurerschurz gebunden. Der „Meister vom Stuhl“ trägt zusätzlich den „hohen Hut“, einen schwarzen Zylinder.

An diesem Abend aber empfängt Friedhold Andreas den Besucher in schwarzem Nadelstreifenanzug und weißem Hemd, mit roter Krawatte und passendem Einstecktuch. Der Vereinsvorsitzende mit dem gepflegten Vollbart und der schwarzen Brille ist seit vier Jahren Logenmitglied. „Wir haben die Öffentlichkeit nie gescheut“, sagt der Mittfünfziger, während er durch den Neo-Rokoko-Ballsaal mit gebohnertem Parkettboden und hoher Stuckdecke führt. Regelmäßig veranstalten die Brüder Gästeabende und öffnen ihre Räume bei den „Bahnhofsviertelnächten“ für Besichtigungstouren. „Dort kann jeder fragen, wer wir sind und was wir tun.“

Darauf hat der Wirtschaftsjurist auch gleich eine Antwort: „Wir verstehen uns als hierarchiefreier Gesprächszirkel, der über alle religiösen und politischen Vorstellungen und sozialen Grenzen hinweg in vertrauensvoller Atmosphäre über gesellschaftliche und moralische Fragen debattiert - im Lichte aufklärerischer Werte.“ Ziel sei es, durch diese Gespräche eine Charakterentwicklung bei jedem Mitglied anzustoßen. „Arbeit am rauhen Stein“ nennen die Brüder das. Wie ein Steinmetz aus einem unbehauenen Stein eine Figur formt, so soll jedes Logenmitglied an seinem Charakter feilen und Werte wie Solidarität, Humanität und Toleranz im Alltag leben. Trotz dieser hehren Absichten ist der Ruf der Freimaurer noch immer nicht allzu gut. Die Öffentlichkeitsarbeit soll vor allem Vorurteilen entgegenwirken.

Öffentliche Anfeindungen sind selten geworden

Nicht erst seit Dan Browns Romanen wird die Freimaurerei mit obskurem Okkultismus in Verbindung gebracht. Die Verschwiegenheit der Logen führte zu Verschwörungstheorien. Seit der Französischen Revolution, an der die Freimaurer nach Meinung mancher maßgeblich mitgewirkt haben, wird ihnen unterstellt, sie seien ein Geheimbund, der die Weltherrschaft anstrebe. Die Nationalsozialisten ließen die Freimaurerei verbieten, Mitglieder wurden verfolgt, verhaftet und verschleppt. Das Regime hat die Logen teilweise abgerissen und Stein für Stein abgetragen, auf der Suche nach dem sogenannten freimaurerischen Geheimnis. „Die Nazis waren davon regelrecht besessen“, sagt Andreas.

Die katholische Kirche lehnt die Freimaurerei noch heute strikt ab. Zwar werden seit 1983 Freimaurer nicht mehr exkommuniziert, dennoch schließen sich nach Ansicht des Vatikans der christliche Glaube und die Freimaurerei aus. Kardinal Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., sagte damals als Präfekt der Glaubenskongregation: „Freimaurerei bleibt Sünde.“ Friedhold Andreas hat dafür nur Kopfschütteln übrig. „Eigentlich unbegreiflich, denn wir haben mit Religion überhaupt nichts zu tun. Bei uns gibt es keine Glaubenssätze, kein Dogma, das man befolgen müsste.“ Die Loge befasse sich mit dem menschlichen Verhalten im Diesseits und überlasse die „letzten Fragen“ dem Urteil jedes Einzelnen.

Heute müssen sich Freimaurer nicht mehr verstecken, öffentliche Anfeindungen sind selten geworden. „Ich trage an jedem meiner Anzüge unser Abzeichen.“ Friedhold Andreas sitzt an einem Holztisch in dem Aufenthaltsraum der Loge und deutet auf sein Revers mit der goldenen Anstecknadel, auf der die Symbole der Freimaurer prangen, Winkelmaß und Zirkel. An den hohen holzgetäfelten Wänden hängen die Porträts früherer „Meister vom Stuhl“. Neben ihm sitzt ein weiteres Logenmitglied, Can Demiroglu. Seit zwei Jahren ist der 33 Jahre alte gebürtige Türke Freimaurer in Frankfurt, vorher war er schon in einer Loge in Istanbul aktiv. Mit der Freimaurerei ist er groß geworden, sie hat in seiner Familie Tradition.

„Männerbund ja, aber nicht elitär“

Demiroglu ist eines von insgesamt 140 Mitgliedern der Frankfurter Bruderschaft, die jedoch nicht aktiv umworben wurden. „Freimaurer sind keine Missionare“, sagt der Wirtschaftsingenieur. Jeder solle von sich aus als Suchender zu ihnen kommen. „Und wer uns sucht, der findet uns.“ Zum Beispiel auf der Internetseite, mit der das Vorurteil entkräftet werden soll, die Freimaurerloge sei ein Geheimbund. „Wir sind ein eingetragener Verein, einer der ältesten in Frankfurt“, sagt der Meister vom Stuhl, Friedhold Andreas. Alle Satzungen, die Geschichte, Ziele und die Namen des Logenvorstands sind auf der Internetseite zu finden.

Trotzdem verpflichten sich die Freimaurer zur Verschwiegenheit. Vertraulichkeit sei schließlich die Voraussetzung für ein offenes, vorbehaltloses Gespräch. „Das ist bei uns nicht anders als in jedem Freundeskreis.“ Jeder Bruder könne sich darauf verlassen, dass die Gesprächsinhalte nicht publik würden. Auch über die Rituale herrscht weiter Stillschweigen. „Sie sind Kern unserer Tradition, der nur erlebt, nicht aber mitgeteilt werden kann“, sagt der Vorsitzende der Loge. „Eine Partitur könnte auch kaum den Eindruck des aufgeführten Stücks vermitteln.“ Allerdings sind selbst diese Rituale mittlerweile nicht mehr geheim und kursieren in ähnlicher Form im Internet.

Zwar öffnen sich die Logen, doch offenbar nicht für jeden: Frauen sind dort nach wie vor nicht erwünscht. Verstößt das nicht gegen den Grundsatz der Gleichheit, den die Freimaurer so hochschätzen? Der „Meister vom Stuhl“ schüttelt den Kopf: „Wir haben nichts gegen weibliche Freimaurer, im Gegenteil.“ Es gibt bereits einige Frauenlogen, auch in Frankfurt soll bald eine Loge für Frauen entstehen. In der Männerloge wollten sie Frauen allerdings nicht, sagt Andreas. „Wir finden, dass es wegen des sehr engen, persönlichen und freundschaftlichen Charakters der Freimaurerei sinnvoller ist, nach Geschlechtern getrennt zu arbeiten.“ Sind sie also doch ein elitärer Männerbund? „Männerbund ja, elitär nein“, antwortet Andreas. Anwälte, Ärzte, aber auch Handwerker - die Mitglieder stammen aus allen Schichten.

Das Interesse an der Freimaurerei steigt

Jeder von ihnen soll zu einem besseren Menschen werden und damit auch die Welt verbessern: Das ist das ambitionierte und zugleich idealistische Ziel der Bruderschaft. Dass sie eigentlich viel zu wenige sind, um etwas zu bewirken, sehen die Brüder ein. Einen Wandel der Gesellschaft wollen sie auch gar nicht unbedingt. Zuvorderst geht es ihnen um den Wandel des Einzelnen. Wenn jedes Mitglied die freimaurerischen Werte in seinem Leben umsetze und damit vielleicht andere motiviere, auch brüderlicher zu handeln, ergänzt Demiroglu, sei schon viel gewonnen.

Außerdem steige das Interesse an der Freimaurerei zumindest in Frankfurt enorm, sagt der „Meister vom Stuhl“. „Wir haben andere Nachwuchssorgen, als man vielleicht denken könnte.“ Andreas lächelt, richtet sein rotes Einstecktuch und fährt fort: „Wir haben momentan so viele Interessenten, dass wir gar nicht mehr wissen, wie wir allen gerecht werden sollen.“

Wie ist das zu erklären? Andreas und Demiroglu schauen sich an - und schütteln den Kopf. Sie wissen es nicht. Hoffen die Interessenten, dass ihnen die Loge beruflich von Nutzen sein könnte? Schließlich sitzen dort auch einflussreiche Personen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Jetzt lachen beide. Das gängige Klischee, dass hinter den Kulissen Geschäfte gemacht werden oder ein Bruder den anderen einstellt, finden die Brüder absurd. Wer mit diesem Ziel der Loge beitrete, werde schnell enttäuscht, sagt Andreas. Die Freimaurer führen Auswahlgespräche, in denen sie die Interessenten nach ihren Motiven für einen Beitritt fragen. So versuche man, sogenannte Geschäftsmaurer von vornherein zu desillusionieren, sagt Can Demiroglu. „Wir sind ein Gesprächskreis zur Sinn-, nicht zur Karriere-Suche.“

Quelle: F.A.Z.
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