Heilsame Freundschaften

„Mit den Treffen verfällt die Traurigkeit“

Von Katrin Hummel
28.12.2016
, 19:31
In Beziehung leben: Margarete Pohl (l.) und Paula Vickus während eines ihrer Treffen im Dezember im Aachener Seniorenpflegeheim Marienheim.
Wer gesund bleiben will im nächsten Jahr, sollte seine Freundschaften pflegen. Paula Vickus und Margarete Pohl machen das und erzählen davon, wie gut ihnen das tut.

Jetzt an Weihnachten steht wieder die Familie im Mittelpunkt. Weihnachten ist das Fest der Beziehungen. Über die Feiertage werden Tanten und Onkel, gute Freunde und alte Nachbarn besucht. Ging es nach der eigenen Gesundheit, sollte man das viel häufiger im Jahr tun, denn soziale Kontakte, gemeinsames Lachen und Feiern, tragen dazu bei, dass der Mensch gesund bleibt.

Paula Vickus, 15, und Margarete Pohl, 88, treffen sich regelmäßig. Die Schülerin und die alte Dame haben sich über die „Generationsbrücke Deutschland“ kennengelernt, ein intergeneratives Konzept, das im ganzen Bundesgebiet regelmäßige Begegnungen zwischen Jung und Alt ermöglicht; Kindergärten und Schulen besuchen Altenheime. Vickus und Pohl kommen seit inzwischen mehr als vier Jahren einmal im Monat zusammen, stets in einer Gruppe mit anderen Tandems aus alten und jungen Menschen. Dieses Mal haben wir uns bei den beiden dazusetzen dürfen und miterlebt, wie gut ihnen ihre Treffen ganz offenbar tun.

F.A.S.: Frau Pohl, Paula, warum machen Sie beide bei der Generationsbrücke mit?

Paula: Ich mach’ das schon seit der dritten Klasse, also seit sechs Jahren, weil ich es schön finde, mit den alten Leuten zu sprechen und zu basteln...

Frau Pohl: Die Blätter da oben haben wir zusammen gemacht (deutet auf ein Blatt Papier an der Wand ihres Zimmers, auf dem getrocknetes Herbstlaub klebt). Und die kleinen Käfer haben wir auch gemacht (deutet auf ein anderes Bastelblatt). Das ist so schön, da kann ich mich nicht davon trennen. Paula hat geklebt, und ich musste festhalten. Ich kann nur mit einer Hand arbeiten, weil ich halbseitig gelähmt bin nach einem Schlaganfall vor acht Jahren. Und alles andere macht Paula.

Paula: Wir unterhalten uns auch beim Basteln. Wir reden oft darüber, was früher bei Frau Pohl so los war und was heute bei mir los ist. Zum Beispiel haben wir an Nikolaus da- rüber geredet, was der früher mitgebracht hat und was der heute bringt. Früher hatte er mehr Nüsse dabei, heute mehr Geschenke. Und im Sommer haben wir über das Thema Ferien geredet: dass ich in den Ferien immer weg- fahre und Frau Pohl früher nie weggefahren ist. Das hat mich schon überrascht. Man kann sich das nicht so vorstellen.

Hast du keine Oma, mit der du über so was sprichst?

Paula: Keine leibliche mehr. Aber ich habe eine Ersatzoma, die hat früher mit Mama in einem Haus gelebt.

Frau Pohl: Vergleichen kann man die Ferien früher und heute aber nicht miteinander, denn ich war ja im Krieg in der Schule. Da gab es nichts zu reisen, nur Luftschutzkeller. Einmal sind wir evakuiert worden, nach Wittenberg an der Elbe.

Paula, hast du früher schon andere alte Menschen hier im Heim besucht, wo du doch schon so lange bei der Generationsbrücke dabei bist?

Paula: Ich hatte vor Frau Pohl eine andere Dame, die ich besucht habe. Wäre Frau Pohl nicht mehr hier, wäre ich aber nicht so sicher, ob ich jetzt immer noch kommen würde.

Frau Pohl: Ich hatte schon acht Kinder, in fünf Jahren. Weil ich teilweise Geschwisterkinder hatte, die mich zusammen besucht haben. Außer Paula besuchen mich zurzeit auch noch Jonathan, 5, und Nele, 10. Das ist gut, so verliert man den Anschluss an die Jugend nicht. Und wer bastelt sonst schon mit uns? Und die Gespräche mit Paula machen mir auch Freude. Sie ist meine Paula, wie ein eigenes Kind ist sie für mich.

Und wie war das, als Sie einander das erste Mal begegnet sind?

Frau Pohl: Es war schwierig. (Sie beginnt zu weinen. Paula streichelt ihren Arm.) Wenn alle so im Kreis sitzen und miteinander singen, zum Beispiel „Große und Kleine sind füreinander da“, und dann sitzt so ein liebes Kind wie die Paula neben einem und gibt einem die Hand. Ich kann es nicht richtig erklären.

Sind Sie gerührt?

Frau Pohl: Ja. Dass die Kinder so mit einem umgehen und einen in den Arm nehmen.

Paula: Aber heute freuen wir uns, wenn wir einander sehen. Obwohl ich dann samstags immer sehr früh aufstehen muss, weil die Treffen schon um 10 Uhr sind. Aber trotzdem. Frau Pohl und ich, wir sind so ein eingespieltes Team beim Basteln, ich weiß schon genau, was Frau Pohl alles machen kann: Halten, Pickeln und ein bisschen Falten.

Frau Pohl: Die Paula tröstet mich auch, die weiß, wie schnell ich weinen muss. Sie ist ein ganz liebes Mädchen, das heißt, die anderen Kinder natürlich auch, aber die Paula kenne ich halt schon so lange, weil sie nicht aufgehört hat zu kommen, als sie auf die weiterführende Schule gewechselt ist. Das ist selten. Ich guck samstags schon immer zum Fenster raus, wann sie endlich kommt.

Paula, sind die Treffen mit Frau Pohl denn so, als würdest du deine Ersatzoma besuchen?

Paula: Nein, das ist anders. Wir treffen uns hier, um zu basteln und dabei zu reden, und mit meiner Oma treffe ich mich, um mich einfach nur zu unterhalten. Ich erzähle Frau Pohl aber alles, was ich auch meiner Ersatzoma erzähle.

Frau Pohl, ist Paula wie eine Enkelin für Sie?

Frau Pohl: Nein, sie ist eine Freundin.

Haben Sie denn Enkel?

Frau Pohl: Ja, zwei. Mein Enkel ist in der ganzen Welt unterwegs, zurzeit studiert er in Oxford. Aber meine Tochter kommt jede Woche, und meine Enkelin besucht mich auch manchmal.

Reden Sie beide auch über Krankheit und Tod miteinander?

Frau Pohl: Nein.

Paula: Aber nicht, weil wir es vermeiden, sondern es hat sich einfach noch nicht ergeben.

Frau Pohl: Außer, wenn einer gestorben ist aus dem Haus, dann wird das Kind informiert. Weil das eben zum Leben dazugehört.

Man sagt ja, dass es Einfluss aufs Wohlbefinden hat, wenn man soziale Kontakte hat. Frau Pohl, merken Sie davon was, wenn Paula kommt?

Frau Pohl: Es geht mir besser, wenn Paula kommt. Man spricht dann mehr. Ich rede sonst nicht so viel. Und wenn die Kinder dann wieder gehen, ist es komisch.

Komisch?

Frau Pohl: Anders kann ich es nicht beschreiben. Es gibt dann Mittagessen.

Bekommen Sie denn sonst nicht so viel Besuch?

Frau Pohl: Also, es kommt eine Dame, eine Gesellschafterin. Aber die will ich nicht treffen.

Und Paula, was mögen Sie an der?

Frau Pohl: An der mag ich einfach alles.

Haben Sie auch Freundinnen?

Frau Pohl: Ja, hier im Hause habe ich eine Schulfreundin, die ist noch gut dabei, im Moment hat sie’s aber mit den Knien. Aber mit der rede ich über andere Dinge als mit Paula. Immer nur: Weißt du, wer noch lebt und wer gestorben ist? Mit Paula rede ich darüber, wie es früher war. Das macht Spaß, da sind so viele Erinnerungen.

Was wünschen Sie sich gegenseitig für das neue Jahr?

Paula: Gesundheit. Und dass wir uns regelmäßig sehen.

Frau Pohl: Dass es noch eine Weile so bleibt, wie es jetzt ist.

Frau Pohl, was würde Ihnen fehlen, wenn Sie bei der Generationsbrücke nicht dabei wären?

Frau Pohl: Die Treffen mit Paula sind gut für mich, damit die Traurigkeit verfällt. Wenn Sie wegen eines Schlaganfalls von heute auf morgen von zu Hause wegmüssen und voll auf Fremde angewiesen sind - an manchen Tagen komme ich nicht darüber hinweg. Paula lenkt mich dann ab.

Die Fragen stellte Katrin Hummel.

Die heilsame Kraft von sozialen Beziehungen

In der Wissenschaft finden sich zahlreiche Studien, die zeigen: Gemeinsam lebt es sich gesünder als allein. Eine Auswahl der Ergebnisse.

Wer viele Freunde um sich hat, lebt länger. Einsamkeit soll genauso schädlich für die Gesundheit sein wie der Konsum von 15 Zigaretten am Tag.

Für Frauen, die kein Kind haben, sinkt die Lebenserwartung um 1,20 Jahre.

Wer sich bei guten Freunden aufgehoben fühlt, stärkt seine Immunabwehr und ist damit weniger anfällig für Krankheiten. Mediziner vermuten, Einsamkeit sei Stress für den Körper und damit eine ständige Belastung.

Wer regelmäßig, am besten mehrmals die Woche oder täglich, Kontakt zur eigenen Familie hat, senkt sein Risiko, an einer Depression zu erkranken.

Wer sich viel mit Freunden trifft und lebendige Beziehungen lebt, erhöht seine Lebenserwartung um bis zu 22 Prozent.

Die Hirnregionen, die für Gefahr und Angst zuständig sind, können positiv, sprich beruhigend, beeinflusst werden, wenn der eigene Partner einem in „gefährlichen“ Momenten die Hand hält.

Wer verheiratet ist, lebt länger und gesünder. Das gilt vor allem für den Mann. Aber Obacht: nur dann, wenn die Ehe glücklich ist. Eine Ehe mit schlechter Stimmung und viel Streit kann auf Dauer das Herz und andere Organe angreifen. Gerade mit zunehmendem Alter nehmen die negativen Folgen einer unbefriedigenden Ehe auf den Körper zu.

Nicht nur gesünder, sondern auch glücklicher sind Menschen, die viel unter Freunden sind. Wer von zufriedenen Menschen umgeben ist, wird auch selbst zufriedener. Angeblich ist es um 34 Prozent wahrscheinlicher, dass Nachbarn zufriedener werden, wenn sie neben glücklichen Menschen wohnen. (luci.)

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Hummel Katrin
Katrin Hummel
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
FacebookTwitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot