Mein erstes Konzert

Play it again, Chris

Von Anke Schipp
09.10.2021
, 14:52
 Chris de Burgh 1987 in Berlin.
Das erste Konzert ist wie der erste Kuss. Für unsere Autorin war es 1983 Chris de Burgh. 38 Jahre später trifft sie ihr Idol wieder.
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Es war der 3. März 1983. Wir hatten auf mit Samt bezogenen Stühlen im ersten Rang Platz genommen und blickten auf eine leere Bühne. Es war die übliche Un­ruhe vor einem Konzert, die Leute setzten sich, standen wieder auf, blickten erwartungsvoll im Konzertsaal umher. Ich war 16 Jahre alt, trug Hosen in Karottenform, eine Dauerwelle, Sweatshirt und war ziemlich aufgeregt. Der erste Konzertbesuch ist so etwas wie der erste Kuss: Man vergisst ihn nicht. Bei mir war es Chris de Burgh, Alte Oper Frankfurt.

1983, das war das Jahr, in dem der Stern die gefälschten Hitler-Tagebücher präsentierte, die Friedensbewegung gegen den Nato-Doppelbeschluss demonstrierte und Nena ihren Hit „99 Luftballons“ veröffentlichte. In Amerika gab es die ersten Yuppies, aber an meiner Schule trug man noch Bundeswehr-Parka und Palästinensertücher.

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Ich war an jenem Abend im März mit meinen Freundinnen aus der Provinz angereist. Wir waren Chris-de-Burgh-Fans, wenn auch keine exzessiven, vielleicht weil der irische Pop-Poet, wie man ihn damals nannte, nicht so recht zum Posterboy taugte, auch wenn die Bravo regelmäßig über ihn berichtete. Wir schwärmten nicht wegen seines Aussehens für ihn, eher wegen der Gefühle, die er transportierte. Seine Melodien untermalten mein beschauliches Teenager-Leben auf dem Land. Ich hatte sie im Kopf, wenn ich mit dem Hund übers Feld lief oder zu Hause mit meinen Freundinnen aromatisierten Vanilletee trank. Seine Welt war heil, seine Melodien freundlich, seine Melancholie gerade noch so, dass man nicht in Schwermut verfiel. Wenn ich auf meinem scheppernden Kassettendeck Lieder wie „Don’t Pay the Ferryman“ hörte, hatte ich die Stereotypen Irlands vor Augen: saftige Wiesen, romantische Burgen und zerklüftete Küsten.

Wiederbegegnung in Fulda

Knapp vier Jahrzehnte später hetze ich durch die Fußgängerzone von Fulda. Ich bin auf dem Weg zu meinem Idol von damals, leicht verspätet, Oberleitungsschaden auf der ICE-Strecke. Vieles hat sich seit damals verändert, denke ich, während ich dem blauen Punkt auf Google Maps folge, um den Museumshof zu finden, wo das Interview und am Abend ein Konzert mit Chris de Burgh stattfinden sollen. Ich bin leicht nervös. Werde ich melancholisch nach 38 Jahren? Werde ich mich langweilen? Werde ich ihn doof finden?

Die Bravo nannte ihn 1983 den „Romantik-Rocker“ aus Dublin.
Die Bravo nannte ihn 1983 den „Romantik-Rocker“ aus Dublin. Bild: Repro F.A.S.

An den Moment, als er damals in der Alten Oper auf die Bühne kam, erinnere ich mich nur dunkel. Er war vom Rang aus gesehen ziemlich weit weg, aber er wird mich sicher beeindruckt haben, schon allein weil ich damals leicht zu beeindrucken war. Ich kannte alle Lieder, vermutlich sang ich sie mit. Trotzdem blieben meine Freundinnen und ich, das weiß ich noch, wie festgenagelt auf unseren Stühlen sitzen und applaudierten brav am Ende jeden Stücks. Chris de Burgh und Ekstase, das schloss sich irgendwie aus.

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Zum Interview in Fulda komme ich gerade rechtzeitig. Der Soundcheck ist beendet, und Chris de Burgh sitzt in einem kleinen Zelt hinter der Bühne an einem Biertisch, bereit zum Interview. Er steht auf, um mich zu begrüßen, und kurz frage ich mich, ob er damals auch schon so klein war: 1,68 Meter laut Wikipedia, 1,65 Meter laut Bravo. Auf der Bühne wirkte er größer, aber das ist kein Kunststück, auf der Bühne wirken alle Musiker groß, überlebensgroß. Phänotypisch gesehen hat er sich weniger verändert als ich. De Burgh war damals 34 Jahre alt, jetzt ist er 72, aber wirkt in seiner dunkelblauen Daunenjacke, die er auch später beim Konzert tragen wird, immer noch jungenhaft. Seine buschigen Augenbrauen sind mit grauen Fäden durchzogen, die Frisur mit dem fransigen, etwas zu kurzen Pony ist in den vergangenen vier Jahrzehnten etwas schütterer geworden.

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Wir kommen schnell ins Gespräch, er lächelt freundlich und aufmunternd. 590 Tage sei er während der Pandemie nicht aufgetreten, bevor er Anfang August wieder ein erstes Konzert in Köln gab, erzählt er mit sanfter Stimme. Es sei ihm schwergefallen, nicht auf der Bühne zu stehen. Ich erzähle ihm von meinem ersten Konzerterlebnis 1983 in Frankfurt. „War es nicht die Festhalle?“, fragt er. Nein, ganz sicher, Alte Oper, entgegne ich. In der Festhalle war er ein Jahr später, das Konzert, in dem der Kritiker der F.A.Z. „harmlose Besinnlichkeit“ und „kompositorische Langeweile“ konstatierte.

Er war mir immer etwas peinlich

Ich erzähle Chris de Burgh nicht, dass es damals in der Alten Oper mein erstes und auch mein letztes Konzert von ihm war. Es kam mir später, als ich studierte, irgendwie uncool vor, dass ausgerechnet Chris de Burgh mein erstes Mal war. Andere erzählten von „Rock am Ring“, von verrauchten Konzertkellern, ersten Joints, von Abenden, die aus dem Ruder liefen. Mein erstes Konzert war gediegen, aber ich war eben auch die Vanilletee-Fraktion, da muss ich mir nichts vormachen.

In den Jahren nach 1983 verlor ich Chris de Burgh aus den Augen. Für ihn ging es damals erst richtig los. „Natürlich hat sich viel verändert seitdem“, sagt er im Gespräch. „1983 hatte ich einen großen Hit mit ,Don’t Pay the Ferryman‘.“ Danach kamen „High on Emotion“ (1984) und „Lady in Red“ (1986). „Es ging immer bergauf“, sagt de Burgh, der eigentlich Chris Davison heißt und als Musiker den Mädchennamen seiner Mutter angenommen hat. Tatsächlich war er einer der kommerziell erfolgreichsten Künstler der achtziger Jahre. Man nannte ihn wahlweise „Pop-Poet“, „Balladen-Barde“ oder „Romantik-Rocker“. Die Bravo liebte ihn, die Feuilletons belächelten ihn. Aus den „ehemals folkloristischen Liedern“, schrieb unser Musikkritiker, seien „konventionelle Pop-Petitessen“ geworden, „in denen der Plattenumsatz Ton für Ton mitkomponiert scheint“.

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Vermutlich hätte sich der Ire auf den Lorbeeren der 80er und 90er Jahre ausruhen können, als es zum Millennium hin ruhiger um ihn wurde. Er blieb aber am Ball, brachte unerschütterlich im Schnitt alle zwei Jahre eine neue Platte heraus. „Die wichtigste Voraussetzung, warum ich immer noch Musik machen kann und auf der Bühne stehe, ist, dass ich gesund bin und immer noch eine Stimme habe. Das können Sie heute Nacht hören, dass sie sehr stark ist“, sagt er leise, wie um sie zu schonen. Sein jüngstes Projekt: ein Musical über Robin Hood, das im kommenden Jahr in Fulda Premiere haben wird. Das Album dazu, „The Legend of Robin Hood“, ist kurz nach der Veröffentlichung im September immerhin auf Platz sieben der offiziellen deutschen Album-Charts eingestiegen, auf große Tour dazu wird es im Herbst 2022 gehen. Niemals wolle er einfach nur eine Legende sein, die auf der Bühne ihre alten Hits runterspielt, sagt er. „Und das Wichtigste ist immer noch, dass die Menschen dich sehen wollen. Ich bin sehr glücklich, eine weltweite fanbase zu haben. Ohne das müsste ich zu Hause bleiben.“

Der irische Sänger im September in Bochum.
Der irische Sänger im September in Bochum. Bild: Getty

Dass die auch in Osthessen groß ist, lässt sich am Abend beim Konzert sehen. Es ist kalt im Museumshof, keine Samtsitze, sondern harte Plastikstühle. Der Auftritt war für August geplant, dann bekam de Burgh Corona, obwohl er, wie er später auf der Bühne erzählt, zweimal geimpft ist. Jetzt ist es Herbst. Vor mir in der Reihe sitzen zwei Frauen in Fleecedecken gepackt und giggeln. Mein Alter, Generation Lesebrille, gut möglich, dass sie damals auch Fans des irischen Sängers waren. Dann geht das Licht auf der Bühne an, plötzlich steht er da, ganz allein mit einer Gitarre, keine Band, nichts. Er wirkt ziemlich nah, es ist ein intimer Rahmen hier, ganz anders als damals in der Alten Oper. „Meine Damen und Herren, wie geht’s?“, fragt er auf Deutsch. Und dann schmettert er los, ja, seine Stimme ist noch voll da, aber ich kenne keines der Lieder, die er in der nächsten Stunde spielt. Ich merke, dass mir in der de-Burgh-Diskografie drei Dekaden fehlen. Den Damen vor mir übrigens nicht, denn sie singen jede Zeile mit. Doch es fühlt sich trotzdem alles vertraut an, der Sound ist der gleiche geblieben. „Gängige Rock-Muster, gelegentlich folkloristisch koloriert“, beschrieb ihn damals unser Kritiker.

Am Ende bin ich versöhnt

Um 21 Uhr kommt das erste Lied, das ich kenne, „Waiting for the Hurricane“, eine knappe halbe Stunde später „Bor­derline“, für das er sich an den Flügel setzt. Beim Refrain singt das ganze Pu­blikum mit. Die Freundinnen vor mir legen die Köpfe aneinander, es klingt eher nach einem Liebeslied. Vermutlich wusste ich 1983 nicht, dass es eigentlich um den Falklandkrieg ging, „einen der dümmsten Kriege der Geschichte“, wie er damals der Bravo erzählte.

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Chris de Burgh ist ein launiger Gastgeber auf der Bühne, er macht Witze, er trinkt Tee, wärmt sich an dem Heizstab hinter dem Flügel, und er liebt es, unvermittelt Deutsch zu sprechen und mit Zungenbrechern wie „Rhönsprudel“ für Lacher zu sorgen. Eine weitere halbe Stunde vergeht, indem er die Geschichte von Robin Hood erzählt und Lieder aus seinem Musical spielt. Das ist typisch Chris de Burgh: politische Botschaften in alten Geschichten verpackt. „Keiner wird als Held geboren“, sagt er, „auch Robin Hood wurde es erst, als er das Elend sah.“

Am Ende des Konzerts singt er doch noch „Don’t Pay the Ferryman“. Ich ertappe mich dabei, wie ich mitsinge und von meinem Platz aufstehe. Die beiden Frauen vor mir grölen und klatschen, das mittelalte Publikum ist begeistert, vermutlich denken viele kurz an damals, an ihre Jugend, an die Dauerwelle, die Karottenhosen, den Nato-Doppelbeschluss.

Als ich in die Nacht hinausgehe, bin ich zufrieden mit allem, nicht so beseelt wie vor 38 Jahren, als ich mit meinen Freundinnen im Bus nach Hause fuhr und jeder von uns aus dem Fenster blickend seinen Gedanken nachhing. Aber wenn man so will, habe ich meinen Frieden mit dem Pop-Poeten gemacht. Er ist mir nicht mehr peinlich. Seine Musik mag harmlos sein, aber er ist ein netter Mensch, der seine Fans in den Wohlfühlmodus versetzt. Ich denke noch einmal an unseren Kritiker von damals, der heute übrigens Vorstandsvorsitzender eines großen Medienkonzerns ist und 1984 am Ende des Konzerts in der Festhalle das Resümee zog: „ein Pop-Poet, der viele rührt, nur niemanden berührt“. Ich sehe es anders.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Schipp, Anke
Anke Schipp
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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