<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Sängerin Zaz

„Du musst dich selbst an die Hand nehmen“

Von Katrin Hummel, Paris
 - 10:14

„Genau 14 Uhr“, sagt Zaz und strahlt, weil sie so pünktlich ist. Sie nimmt unter einem Heizpilz auf der ansonsten leeren Außenterrasse des „Mama Shelter“ Platz, einem von dem französischen Stardesigner Philippe Starck entworfenen Hotel in der Nähe der Pariser Place da la Bastille. Dann mustert sie ihr Gegenüber: „Kennen wir uns? Du erinnerst mich an jemanden.“ Müsste man die französische Sängerin Zaz, bürgerlich Isabelle Geffroy, 38, genannt Isa, mit wenigen Worten charakterisieren, so würden diese ersten Sekunden des Aufeinandertreffens mit ihr schon die Grundzüge ihres Charakters widerspiegeln: ungestüm, uneitel, fröhlich und sehr, sehr nahbar.

„Willst du was essen?“, fragt sie und greift gleichzeitig nach der Speisekarte. Sie trägt einen schwarzen Mantel, ein silbernes Piercing über dem linken Wangenknochen und einen länglichen silbernen Ohrring. Das braune Haar hat sie zu einem lässigen Pferdeschwanz gebunden; was Make-up angeht, so trägt sie nur Puder und Wimperntusche. Sie wirkt so entspannt, als würde sie sich mit einer Freundin zum Mittagessen treffen. Der Mann von Warner Music, der sie begleitet, macht nicht mal den Versuch, sich mit an den Tisch zu setzen. Und andere Journalisten wird Zaz heute auch nicht mehr treffen.

Sie ging dahin, wo sie Arbeit fand

Dabei steht die Presse bei ihr Schlange, hat sie doch gerade nach fünf Jahren Pause ihr viertes Album herausgebracht, „Effet Miroir“ (Spiegeleffekt). Seit 2010 ihre erste Single überhaupt, der Anti-Bling-Bling-Song „Je veux“, gleich zum Lieblingslied der Franzosen gewählt wurde und ihr erstes Album „Zaz“ in 54 Ländern auf den Markt kam, hat sie mehr als vier Millionen Alben verkauft. Und: ihren Platz als Pariser Straßenkünstlerin eingetauscht gegen den auf Hunderten Konzertbühnen rund um den Globus, von Japan bis Lateinamerika.

Dass es mal so kommen würde, war lange nicht absehbar. Mit 20 machte sie, aus Tours gebürtig, eine Live-Show-Ausbildung in Bordeaux, trat auf Dorffesten auf und sang gleichzeitig in einer Latin-Band, einer Jazz-Band und einer Blues-Gruppe. 2006 zog sie nach Paris, sang dort in einer Pianobar, dann in einem Kabarett, heiratete einen kubanischen Musiker, ließ sich vier Jahre später wieder von ihm scheiden, ist heute die Patentante seiner Tochter. Sie sang in einer weiteren Pianobar, langweilte sich schließlich und kündigte.

„Ich dachte“, erzählt sie über diese Zeit, „es wird schon irgendwie weitergehen, und es wird besser werden als jetzt. Und tatsächlich war da an meinem letzten Arbeitstag dann so ein Zuschauer, der kam zu mir an die Bühne und sagte: ‚Geld ist doch nur Papier.‘ Ich antwortete: ‚Dann gib mir Papier.‘ Da machte der so eine Box auf, da waren 500 Euro drin. Und die wollte er mir geben. Ich fragte: ‚Woher kommen die?‘ Er sagte: ‚Immobiliengeschäfte.‘ Also nahm ich sie. Mir passieren immer solche Sachen. Und für mich ist das ein Zeichen, dass ich öfter richtig abgebogen bin. Dass ich Vertrauen haben soll.“

Fortan ging sie also immer weiter dahin, wo sie Arbeit fand: Wladiwostok, Casablanca und schließlich, als sie keine Arbeit mehr fand, eben auf die Straße. Fast ein Jahr lang trat sie mit zwei anderen Musikern auf dem Montmartre auf und fühlte sich frei, obwohl sie extreme Geldsorgen hatte. „Weil Geld einen nämlich auch unfrei machen kann. Es bietet zwar Sicherheit, aber eine Sicherheit, die auch lähmen kann. Denn manchmal strengst du dich, wenn du kein Geld hast, mehr an, du wirst kreativer, und dann findest du vielleicht etwas, das besser zu dir passt“, erklärt sie.

Drei Jahre dauerte „Zaz“

So weit die Theorie. In ihrem Fall freilich reichten ihre Einnahmen damals gerade mal, um Essen zu kaufen. Mit ihren Mietzahlungen war sie acht Monate im Rückstand. „Ich steckte damals richtig in der Scheiße“, bekennt sie in ihrem atemlosen Sprechtempo, das dazu führt, dass sie ganze Silben verschluckt. „Aber ich kannte meinen Vermieter noch aus Bordeaux, er sagte immer nur: ‚Isa, Isa‘, und ich sagte: ‚Ich tu, was ich kann.‘“

Kurz bevor sie Straßenmusikerin geworden war, das war 2007, hatte sie noch auf eine Online-Annonce geantwortet: „Da suchte jemand eine rauhe, rockige Stimme. Ich dachte: Das bin ich, und schrieb: ‚Guck dir mal meine Sachen auf Myspace an.‘“ Kerredine Soltani, der französische Sänger, Songschreiber und Komponist, der die Anzeige aufgegeben hatte, „antwortete: ‚Willst du ein Album mit mir machen?‘ Ich hab’ gesagt: ‚Okay.‘“ Drei Jahre dauerte die Produktion von „Zaz“, und irgendwann zahlte ihr künftiges Label ihr einen Vorschuss von 10.000 Euro, damit sie ihre Mietrückstände ausgleichen konnte. „Und als das Album dann draußen war, war es eine Explosion.“

Als jetzt die Kellnerin kommt, bestellt Zaz chinesische Teigtaschen. „Mit Fleisch oder mit Gemüse?“, fragt die Kellnerin, die sich nicht anmerken lässt, ob sie Zaz erkennt. „Was würdest du nehmen?“, fragt Zaz zurück. Und dann folgt sie dem Rat der Kellnerin und bestellt die mit Gemüse. Dazu einen Bordeaux und eine Packung Marlboro Red, und das alles mit dieser irgendwie frechen Stimme, mit der sie bisher auch die meisten ihrer Songs rausgehauen hat und die sie in Frankreich gern mit der Stimme der Piaf vergleichen.

„Ich habe die Macht dazu“

Sie glaubt, dass ihre Stimme deswegen so abgerockt klingt, weil sie sie Zeit ihres Lebens stark beansprucht hat: Schon als Kind habe sie ständig gesungen, in der Schule und im Gesangsunterricht, den sie nebenbei erhalten habe. Doch eine Lehrerin habe ihr gesagt, Sängerin sei kein Beruf, von dem man leben könne.

Überhaupt die Schule: „Ich habe nicht ins System gepasst. Ich konnte nicht so sein, wie die Lehrer wollten. Einmal, in der fünften Klasse, habe ich einen vierseitigen Aufsatz geschrieben, und der Lehrer hat alles durchgestrichen: Thema verfehlt. Immer war irgendwas falsch. Irgendwann habe ich blockiert. Ich war entmutigt und wollte gar keine gute Schülerin mehr sein. Ich hatte kein Selbstbewusstsein mehr und fühlte mich als Opfer. Und dann habe ich einen Panzer um mich gebaut, der bestand aus Wut.“

Nach der Schule schlug ihr ein Berufsberater vor, ihre Leidenschaft zum Beruf zu machen. Weil kurz zuvor auch ein Freund von ihr gestorben war, hatte sie plötzlich das Bedürfnis, etwas aus ihrem Leben zu machen. Sich eben nicht mehr als Opfer zu sehen. „Und dann habe ich gemerkt: Ich habe die Macht dazu. Ich muss es nur wollen. Anstatt zu schimpfen, muss ich was ändern. Ich kann werden, was ich will. Ich muss mich selbst an die Hand nehmen und mich dahin führen, wo ich hinwill. Ich darf nicht drauf warten, dass jemand anders es für mich tut.“

Fortan schrieb sie nieder, was sie sich erträumte, und schminkte sich nicht mehr, wenn sie aus dem Haus ging, um sich ihren Ängsten zu stellen. „Ich habe mich gehäutet wie eine Zwiebel, und danach war ich sehr zerbrechlich. Das war nicht leicht. Aber ich dachte, es sei der einzige Weg, um glücklich und frei zu werden. Um mich lieben zu können, um weich zu werden und authentisch und um keine Angst mehr vor meinen negativen Seiten zu haben.“

Ein gesanglicher Walzer als Bekenntnis zur Selbstliebe

Ein halbes Jahr lang machte sie eine Psychotherapie; was ihr aber mehr geholfen habe, seien Körperarbeit, Meditation, Schamanismus und Familienaufstellungen gewesen. Durch die Aufstellungen erkannte sie, dass sich bei den Frauen in ihrer Familie über Generationen hinweg gewisse Verhaltensweisen immer wieder wiederholt hatten, „und ich habe mir dann gesagt: Stop, ich mache das nicht auch noch.“ Sich dieser Verhaltensweisen bewusst zu werden, das sei schon die Hälfte der Arbeit, glaubt sie. Das Gleiche gelte für die Erwartungen, die die Gesellschaft an einen habe. Auch derer müsse man sich bewusst sein. Allein schon, um sich nicht vereinnahmen zu lassen. Sie selbst, da ist sie sich sicher, passt in keine Schublade.

Die gehäutete Zaz trägt ihr Innerstes auch auf ihrem neuen Album nach außen, all ihre Gefühle, ohne Angst und ohne Scham. Zum Beispiel in dem ruhigen „Ma valse“ (Mein Walzer), wo sie, nur von einem Klavier begleitet, davon erzählt, wie es ist, sich selbst nicht zu lieben, schließlich aber den Mut zu finden, es doch zu tun. Text und Komposition stammen von ihr, und freimütig bekennt sie, dass sie da wirklich über sich selbst singt. Dann liefert sie die Interpretation des Stücks gleich mit: „Mein Walzer handelt von Heilung: von den dunklen Seiten, der Angst, und davon, wie man sie überwinden kann.“ Sie glaubt fest daran, dass die Menschen in ihren Konzerten spüren, dass sie über ihre eigenen Gefühle singt, und dass sie sich deswegen so stark von ihr berühren lassen.

Dann unterbricht sie sich: „Yeah, das Essen kommt, yeppa!“ Die Kellnerin stellt eine dampfende Platte Teigtaschen vor ihr ab. Ein lachender Blick zu ihrem Gegenüber: „Oh, das ist mir peinlich, vor dir zu essen.“ Sie geht dazu über, sich immer dann, wenn eine Frage gestellt wird, schnell eine Gabel voll in den Mund zu schieben und dann sehr charmant mit vollem Mund zu antworten. Zum Beispiel dass sie vermutet, dass die Menschen sich selbst in ihr sähen: „Die Werte, die ich ausdrücke, die Intensität, die ich ausstrahle, berührt sie emotional. Jeder sieht und fühlt was anderes und erkennt was anderes in mir, selbst wenn sie nicht verstehen, was ich singe. Ich sehe es in ihren Gesichtern.“

Zaz lernte, dass ihre Kräfte endlich sind

Ein Hörer aus Japan schrieb ihr, er habe alles verloren, sein Haus, seine Familie, seine Freunde, aber wenn er ihre Musik höre, dann gebe ihm das Energie, und dafür wolle er ihr danken. Eine Anwältin aus Brasilien, die mit Gefangenen arbeitet und deren Familie nicht versteht, dass sie diesen Verbrechern helfen will, kam nach einem Konzert zu ihr und sagte, ihre Musik habe ihr klargemacht, dass sie, selbst wenn niemand sie verstehen könne, ihr Äußerstes geben müsse. Und auf einem Festival in Frankreich erzählte ihr eine Frau, dass sie noch vor drei Jahren aufgrund eines Unfalls im Rollstuhl gesessen habe und nicht habe sprechen können, aber dann sei sie auf eins von Zazs Konzerten gegangen und habe verstanden, dass man sein Leben in die Hand nehmen müsse. „Wow“, sagt Zaz, „ich kann Dinge verändern, ich kann motivieren. Verdammt!“

Sieben Jahre lang, von 2010 bis 2017, gab sie ein Konzert nach dem anderen. Doch vor einem Jahr dann der Schnitt: Sie trat ganz bewusst nicht mehr auf. Denn sie hat gelernt, dass sie auch auf sich achten muss; dass ihre Kräfte endlich sind. „Ich musste lernen, nein zu sagen, um mich zu schützen.“ Im Zuge dieses Lernprozesses hat sie mal ein Konzert abgesagt, obwohl schon alle Zuschauer im Saal waren. „Ich hatte das Gefühl, nicht auf die Bühne gehen zu können, ohne zusammenzubrechen. Ein Arzt wollte mir Kortison spritzen, aber ich habe abgelehnt. Ich hatte einfach keine Kraft mehr. Man kann nicht allen zu Diensten sein.“

Seit sie keine Konzerte mehr gibt, hat sie ihr eigenes Album fertiggestellt und das Album ihres Gitarristen Guillaume Juhel produziert, und sie hat ganz oft auch einfach nur getan, wozu sie sonst so Lust hat. Sie begann zu zeichnen – „willst du was sehen?“ Sie zückt ihr Handy, zeigt ein halbes Dutzend Acryl-Bilder, sie sind abstrakt, manchmal bunt, manchmal eher monochrom, und sehr schön. Ihre Freizeit verbringt sie gern in der Natur, außerdem hat sie einen Boxlehrer, der zu ihr nach Hause kommt, sie geht dann in den Wald und boxt dort gegen ihn: „Das ist cool, giga!“

Man will ihre beste Freundin werden

Seit zwei Jahren lebt sie in einem eigenen Haus, 140 Quadratmeter Wohnfläche, etwas außerhalb von Paris. Es sei alt und etwas verwunschen, erzählt sie, mit kleinem Garten, „da ist Erde und ein Baum und Natur, das brauche ich“. Sie lebt allein, was also soll man davon halten, dass sie auf ihrem neuen Album in der wunderschönen, mit ganz zarter Stimme gesungenen Eröffnungsballade „Demain c’est toi“ (Morgen bist du es) gesteht, dass sie sich ein Kind wünscht? „Ja“, sagt sie, „das stimmt. Ich will ein Kind. Ich will schwanger werden. Oder eins adoptieren. Es gibt so viel Elend in der Welt.“

Plötzlich tritt ihr Manager Olivier auf die Terrasse, und sie begrüßt ihn. „Hast du schon die guten Neuigkeiten gehört?“, fragt er. „Nein, noch nicht. Ist es gut?“ Er stößt einen tiefen Seufzer aus: „Ja, extrem.“ „Gibt es auch schlechte Neuigkeiten?“, fragt sie. Und erklärt: „Er sagt immer: ‚Ich habe zwei gute Neuigkeiten und eine schlechte Neuigkeit.‘ Und wenn ich dann sage: ‚Leg los‘, dann sagt er: ‚Ich habe zwei schlechte Neuigkeiten und eine gute.‘“

FAZ.NET komplett

Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln und somit zur ganzen Vielfalt von FAZ.NET – für nur 2,95 Euro pro Woche

Mehr erfahren

Peinlich berührt von ihrer Offenheit, fragt er: „Willst du was essen?“ „Nein, ich habe schon.“ Er nickt und lässt uns wieder allein. Hat er von den neuen Verkaufszahlen geredet? „Keine Ahnung“, sagt sie. Und dann wischt sie unsere Bemerkung, dass die vereinbarte Interviewzeit abgelaufen sei und wir unser Gespräch nun leider beenden müssten, einfach beiseite: „Solange die anderen uns nicht unterbrechen, können wir noch weitermachen.“

Okay, nächste Frage: Stimmt es, dass sie in einem Film des französischen Regisseurs und Filmproduzenten Thomas Langmann für die Rolle der Edith Piaf vorgesehen ist? „Das ist ein laufendes Projekt. Aber noch ist nichts beschlossen. Bisher haben wir nur zwei Tage gedreht, und die Bilder sind verblüffend.“

Noch zwanzig Minuten erzählt sie weiter, über ihre geschiedenen Eltern – zum Vater hat sie nicht viel Kontakt, die Mutter ist sehr stolz auf sie und hat sie immer bestärkt. Über die Songs auf ihrem neuen Album: Sie hat einige von ihnen selbst komponiert. Und über ihre Organisation Zazimut, mit der sie ihre gesamten Merchandising-Gewinne für gesellschaftliche Projekte spendet. Dann treten der Mann von Warner Music und Olivier an den Tisch. „Bleiben Sie doch gern noch“, sagt Olivier. Aber man geht nun lieber, denn sonst will man am Ende noch Zaz’ beste Freundin werden. Bises rechts und links auf die Wange, und dann au revoir.

Quelle: F.A.S.
Katrin Hummel
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
FacebookTwitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenParisJapan