Zufriedene Alte

Sie haben noch viel vor

Von Stefanie Hense
19.07.2013
, 13:32
In Deutschland gibt es heute dreimal so viele Hundertjährige wie noch vor zwölf Jahren. Heidelberger Forscher haben sie befragt: Die meisten sind mit ihrem Leben zufrieden.

Das Bild in der Öffentlichkeit ist schwarz-weiß: Einerseits wird in der alternden Gesellschaft über den Pflegenotstand und eine Flut von Demenzerkrankungen berichtet. Andererseits gibt es immer wieder Geschichten über junggebliebene Alte, so wie Johannes Heesters, der bis kurz vor seinem Tod im Alter von 108 Jahren auf der Bühne und vor der Kamera stand.

Gerontologen der Universität Heidelberg wollen anstelle der Schwarz-Weiß-Malerei ein realistisches Bild in hellen und dunklen Grautönen entwerfen. Vor rund zehn Jahren berichteten sie zum ersten Mal über den Alltag der sehr Alten. Aktualisiert, ergänzt und verfeinert werden diese Erkenntnisse jetzt durch die „Zweite Heidelberger Hundertjährigen-Studie“, die am Freitag vorgestellt wurde.

Dreimal mehr Hundertjährige als vor zwölf Jahren

Seit dem Jahr 2001 hat sich nach Angaben der Landeseinwohnerämter die Zahl der im Raum Heidelberg lebenden Hundertjährigen verdreifacht. „Davon waren wir sehr überrascht“, sagt Daniela Jopp, die diese zweite Studie geleitet und schon an der ersten Studie mitgearbeitet hat. „Wir hatten mit einer Verdoppelung gerechnet. Der demographische Wandel geht offenbar schneller vonstatten als vermutet, und die Gesellschaft tut gut daran, sich darauf einzustellen.“ Doch obwohl es mehr Hundertjährige gibt, war es für die Forscher dieses Mal schwieriger, zu ihnen Kontakt aufzunehmen und sie zur Teilnahme an der Studie zu bewegen. „Die Hundertjährigen von heute sind aktiv und haben einiges vor“, erläutert Jopp. „Zugleich wissen sie, dass sie mit ihrer eingeschränkten Energie gut haushalten müssen. Sie sagen deutlich, was sie wollen und was ihnen zu viel wird.“

Dabei ist die nachlassende Energie nicht die einzige Einschränkung für die Hundertjährigen: Sie leiden durchschnittlich an vier chronischen Erkrankungen, Sehkraft und Gehör haben nachgelassen, und zwei Drittel berichten von Gleichgewichts- und Bewegungsproblemen bis hin zu Stürzen. Außerdem wird es einsamer um sie. Immer wieder hörten Daniela Jopp und ihre Forscherkollegen in den Interviews, dass die Hundertjährigen liebgewonnene Hobbys aufgegeben hätten, weil ihre Sozialpartner nicht mehr lebten. Ihr soziales Netz werde zunehmend löchrig, weil Freunde und Verwandte gestorben seien.

„Aber das schlägt sich nur bedingt auf die Lebensqualität nieder“, stellt Jopp klar. „Vier von fünf Hundertjährigen haben ausgesagt, dass sie mit ihrem Leben zufrieden sind. Das ist ein ähnlicher Anteil wie bei den Menschen mittleren Alters.“ Das bestätigt ein Ergebnis der ersten Studie, wonach die Hundertjährigen ebenso glücklich wie die Vierzigjährigen und sogar glücklicher als die Sechzigjährigen sind. „Nicht selten beobachten wir, dass körperliche und geistige Ressourcen deutlich abnehmen“, sagt Jopp. „Aber viele Hundertjährige berichten uns, dass sie den Augenblick genießen und dankbar auf das Leben blicken.“ Den Tod wünscht sich der Untersuchung zufolge jeder zehnte Hundertjährige.

In der zweiten Heidelberger Hundertjährigen-Studie haben die Gerontologen daher außerdem untersucht, von welchen psychischen Stärken die Hundertjährigen profitieren. Ausgeprägt waren eine optimistische Grundhaltung, der Lebenswille und die Fähigkeit, einen Sinn im Leben zu erkennen. Wichtig ist außerdem, dass die Hundertjährigen ihre Selbstwirksamkeit wahrnehmen. Sie sehen sich in der Lage, ihr eigenes Leben zu gestalten, sich also beispielsweise mit einer Freundin zu verabreden und diese dann zu besuchen oder das eigene Mittagessen zu kochen.

Am wichtigsten ist, das eigene Leben kontrollieren zu können

„Auch Hochaltrige müssen trotz ihrer Einschränkungen noch das Gefühl haben, ihr eigenes Leben zu kontrollieren“, folgert Jopp. „Das Konzept der Pflege mit seinem eng getakteten Zeitplan sollte daher revidiert werden. Es ist wichtig, dass das Bedürfnis nach Selbstständigkeit respektiert und eigenständiges Verhalten ermutigt wird.“

Dieses Bedürfnis zeigt sich auch darin, dass etwa ein Drittel der Hundertjährigen noch im eigenen Haushalt lebt, allein (31 Prozent) oder zusammen mit dem Ehepartner (fünf Prozent). Die Fähigkeiten, mit denen sie ihren Alltag bewältigen, sind seit der ersten Studie nicht nur gleich ausgeprägt geblieben, sondern haben sich in einigen Fällen merklich verbessert. Selbstständig essen können 83 Prozent - in der ersten Studie waren das nur 61 Prozent gewesen. Ihre eigenen Mahlzeiten bereiten sich 22 Prozent zu - dieser Anteil hat sich beinahe vervierfacht. Und ihre eigenen Geldangelegenheiten regeln immerhin 19 Prozent - das waren im Jahr 2001 nur neun Prozent gewesen.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot