Zum Tod von Karl Dall

Er liebte Kalauer und kostete Peinlichkeiten aus

Von Jörg Thomann
Aktualisiert am 24.11.2020
 - 17:13
Der Entertainer und Komiker Karl Dall posiert 1999 bei einem Pressetermin für seine neue „Karl Dall Show“.zur Bildergalerie
Hinter schläfriger Fassade verbarg sich ein hellwacher Geist. Am Montag starb Karl Dall im Alter von 79 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls. Ein Nachruf.

Die mitunter haarsträubend schlechten Filme, für die sich der Komiker Karl Dall hergab, haben nur selten ein großes Publikum gefunden, was sowohl fürs Publikum als auch für Dall selbst durchaus von Vorteil war. Als junger Mann aber war er in einem absoluten Blockbuster dabei, nämlich 1963 im ersten „Winnetou“-Film. Man muss freilich schon mit Adleraugen hinschauen, um in einer Saloon-Szene hinter dem Oberschurken Mario Adorf den Komparsen Karl Dall zu erkennen. Cowboy Karl hat man direkt am Tresen postiert, was für Dalls weitere Karriere ein hübsch passendes Sinnbild ergibt.

Dass er, wie in „Winnetou I“, nicht weiter auffiel, war für Dall eine seltene Erfahrung. Bis er 25 war, hat er mal gesagt, habe er unter seiner einprägsamen Erscheinung gelitten, danach habe er sie versilbert. Mit seinem frühzeitig lichten Haar, seiner Haltung, die wie bei vielen großgewachsenen Menschen oft leicht gebeugt war, seiner immer etwas müde klingenden Stimme und vor allem dem aufgrund einer Muskelschwäche hängenden rechten Augenlid war Dall einer jener Zeitgenossen, die kaum je richtig jung wirkten. Dass seine Physiognomie Schläfrigkeit wie auch eine gewisse Harmlosigkeit suggerierte, sollte sich Dall vor allem in seiner Talkshow „Dall-As“ zunutze machen, wo er manch arglosen Gast mit putzmunter plazierten Boshaftigkeiten zu überrumpeln wusste.

Dreistigkeit und Furchtlosigkeit

Geboren 1941 im ostfriesischen Emden, personifizierte Dall den Generationenkonflikt der sechziger Jahre, als er, der Sohn eines Schulleiters und einer Lehrerin, die Schule in der zehnten Klasse abbrach und eine Schriftsetzerlehre machte. Das Feld der Politik überließ er dem studentischen Teil seiner Generation, deren Lust an der Provokation er aber teilte. Zum ersten Mal auffällig und gern auch ausfällig wurde Dall 1967 als Mitglied der Nonsens-Kombo Insterburg & Co. Teil einer Band zu werden, ohne ein einziges Instrument zu beherrschen – das gelingt nur mit einer guten Portion Dreistigkeit und Furchtlosigkeit.

Von beidem, und von komödiantischem Talent, hatte Karl Dall mehr als genug. Spätestens in den Achtzigern zählte er zu den humoristischen Spitzenkräften des Landes. Weder so gefallsüchtig wie Otto Waalkes noch so demonstrativ nach Höherem strebend wie Dieter Hallervorden, betrieb er sein Geschäft stets lässig, bisweilen nachlässig, immer den schnellen Witz im Blick und nie die eigene Nachwirkung. Seinen situativen Humor in Buchform zu verewigen war ihm nie wichtig, es wäre diesem auch kaum bekommen. Schlecht gealtert wirkte manch platter und auch sexistischer Spruch im Grunde schon Sekunden, nachdem er seinen Mund verlassen hatte.

Entwaffnende Selbstironie

Erfrischend waren Karl Dalls Auftritte trotzdem, allen voran sein bierseliger „Dall-As“-Talk bei RTL plus, der die Branchenregel „Starpräsenz gegen Schmeicheleien“ mutwillig verletzte. Grob unfair ging es dort zu und dennoch immer sportlich: Am meisten freute sich der Moderator immer dann, wenn ihm selbst von einem gleichwertigen Gegner eins übergebraten wurde. Den Erstzugriff beim Gag auf Dalls Kosten sicherte sich allerdings fast immer dieser selbst. Vermutlich war es in dessen entwaffnender Selbstironie begründet, dass der „Dall-As“-Gast Harald Schmidt nicht ohne Neid feststellen konnte, Dall sei „der einzige von denen, die alles für Kohle machen, der immer gut wegkommt“.

Karl Dall liebte den Kalauer, eine Kunstform, die wie nach ihm selbst benannt schien, und kostete genussvoll jedwede Peinlichkeit aus. Nur selbstbestimmt musste sie sein: Im Dschungelcamp wäre er niemals abgestiegen.

Im Alter von 79 Jahren ist Dall am Montag an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben. Zu Ehren Verstorbener trank Dall, der im Privaten den Proleten lange abgelegt hatte, gern ein Glas Champagner, und wer will, der mag es ihm nun gleichtun. Ein Dosenbier aber dürfte genauso gut passen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Thomann, Jörg
Jörg Thomann
Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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